25. August 2022 14:00

Festnahme auf den Philippinen Heftige Äußerungen

Oliver Janich erweist dem Libertarismus einen Bärendienst

von Sascha Koll

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Oliver Janich ist zweifelsfrei eine streitbare Person. In der letzten Woche sorgte seine Verhaftung auf den Philippinen bei Libertären und vielen Akteuren in der alternativen Medienszene für Aufregung. Mein Kollege und ich wurden in unserem wöchentlichen Podcast „Jung Brutal Marktradikal“ von einem Zuhörer gefragt, wie wir zu Oliver Janich stehen. Auch wenn ich mich hier möglicherweise unbeliebt mache, möchte ich gerne in Textform antworten und das ganze Geschehen etwas differenzierter betrachten, als ich es bisher in den Medien wahrgenommen habe.

Die Verhaftung

Janich ist laut einem Augenzeugenbericht am 17. August 2022 in seinem Resort auf den Philippinen von etwa 50 schwerbewaffneten Polizisten überfallen und festgenommen worden. Er soll sich kooperativ verhalten haben. Ein Video zeigt, dass er sich beim Zutritt in seine Wohnung mit erhobenen Händen im Flurbereich befand. Die Polizisten warfen ihn zu Boden und fesselten ihn, während seine Verlobte ohrenbetäubend schrie. Er soll daraufhin in die philippinische Hauptstadt Manila in ein Bundesgefängnis verbracht worden sein. Die Staatsanwaltschaft München bestätigte dem Magazin „Spiegel“, dass sie Ermittlungen gegen Janich führt. „Es besteht der Tatverdacht, dass der Beschuldigte im Jahr 2020 beziehungsweise 2021 – jeweils öffentlich über Telegram – eine andere Person beleidigte, dazu aufrief, die Exekution einer prominenten Person durchzuführen und die Tötung damaliger Regierungsmitglieder von Bund und Ländern in der Bundesrepublik Deutschland forderte.“ In einem philippinischen TV-Bericht ist die Rede von „hate crimes“ und Janich bestätigt, dass die ihm vorgeworfenen Zitate korrekt, jedoch aus dem Kontext gerissen worden seien und er durch seine Meinungsäußerung nicht gegen das deutsche Grundgesetz verstoßen habe. Ein Gerücht, dass Oliver Janich trotz fehlenden Auslieferungsabkommens nach Deutschland verbracht werden soll, wollte laut „Tagesspiegel“ sowohl das Bundeskriminalamt wie auch die Münchner Staatsanwaltschaft aus „ermittlungstaktischen Gründen“ nicht kommentieren. Ob die Festnahme rein auf Verlangen der deutschen Behörden vorgenommen wurde, ist laut „Tagesspiegel“ ebenfalls noch unklar. Sie berufen sich auf Informationen über ein gegen Janich geführtes Verfahren wegen Steuerhinterziehung auf den Philippinen. Doch die Aussage des TV-Berichts scheint auf eine Beteiligung deutscher Behörden hinzudeuten.

Aus etatistischer Sicht könnte man jetzt schon einwenden, dass sich die deutschen Behörden aus den Angelegenheiten anderer Staaten heraushalten sollten. Janich lebt seit Jahren in seinem Resort auf den Philippinen und muss sich nicht mehr an deutsche Gesetze halten, wenn er keinen deutschen Boden mehr betritt. Wenn er nicht gegen philippinisches Recht verstoßen haben sollte, ist die Festnahme ein absoluter Skandal und eine Empörung darüber auch angebracht. Aus freiheitlicher Sicht wäre es schon ein Eklat, dass jemand für eine Meinungsäußerung überfallen und verschleppt wird. Aber waren es nur Meinungsäußerungen oder tatsächlich Aufrufe zu physischer Gewalt bis hin zu Mord?

Janichs Äußerungen

In einer Sprachnachricht auf Telegram äußerte sich Janich wie folgt: „Viele der Leute, die da heute an der Macht sind, gehören eigentlich aufgehängt.“ Als wichtige Ergänzung sieht er Folgendes an: „Es ist sehr wichtig, dass die Hinrichtungen auch schnell vollzogen werden, weil ja in Amerika der Präsident die Macht hat, jeden zu begnadigen.“ Weiter: „Klingt alles brutal, aber es geht hier um die Rettung des gesamten Planeten.“ Der Kontext ist hier die Austrocknung des tiefen Staates. Die Hinrichtungen müssten schnell stattfinden, da irgendwann ein demokratischer Präsident an die Macht kommen könnte, der die Verbrecher begnadigte und das Spiel weitergespielt werden könnte.

In Textnachrichten schrieb er „Das kann doch nicht wahr sein! Sie verhöhnen uns! Ich will sie hängen sehen!“, „Glatt gelogen. An die Wand“ oder „Einfach an die Wand stellen. Anders ist das Problem nicht mehr lösbar. An die Wand stellen“. Das sind Reaktionen auf Artikel über Politiker, die sich für Corona-Maßnahmen aussprechen und zudem Vollzitate. Ich habe hier nichts weggelassen. Viele weitere Nachrichten fordern Hinrichtungen mit dem Hinweis auf vorangegangene „rechtsstaatliche Tribunale“ oder nach dem „Kriegsrecht und Militärtribunalen“.

Mir stellt sich die Frage, wie rechtsstaatlich diese Tribunale sein sollen, wenn Janich die Angeklagten und sogar das Urteil in seiner Forderung mitliefert. Aussagen wie „Hängt Biden. Hängt Soros. Hängt sie alle, verdammt noch mal“ sind meiner Meinung nach auch mit der stärksten freiheitlichen Einstellung und unter Annahme, dass er tatsächlich faire Verfahren fordert, nicht hinnehmbar und erst recht der Sache nicht dienlich. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass sich angesichts solcher Aussagen viele Politiker persönlich angesprochen fühlen und so etwas als Aufruf zu ihrer Ermordung sehen. Während sich alle mir persönlich bekannten Libertären für friedliche Lösungen einsetzen, diese skizzieren und sogar vorleben, ruft Janich nach einem gewalttätigen Umsturz. Ob ihn das jetzt von Menschen unterscheidet, die zum Beispiel Putin am Galgen hängen sehen wollen, und ob man diese dann nicht auch festnehmen müsste, ist eine Frage, die man zur Relativierung einwerfen kann.

Janichs Bärendienst am Libertarismus

Meiner Meinung nach hat Janich mit seinen Büchern „Das Kapitalismuskomplott“, „Sicher ohne Staat“ und „Die Vereinigten Staaten von Europa“ großartige Arbeit geleistet. Für viele waren seine Werke der Einstieg in den Libertarismus und für einige auch das letzte Puzzlestück, das noch zum Anarchismus fehlte. Für mich muss ich aber seine Texte und seinen Online-Auftritt klar voneinander trennen. Ich habe mir in den letzten drei Jahren jedes Video von Janich und auch ältere Debatten und Beiträge angesehen. Manche sind wirklich klasse, wie das Streitgespräch mit Marcus Staiger. Andere Videobeiträge hatten einen guten Einstieg, bis Janich dann wieder hochemotional wurde oder mal wieder auf die finsteren Mächte zu sprechen kam. Wenn er mal wieder wie ein vollkommen wahnsinnig Gewordener wirkt, kann man das nicht seinen Freunden und Verwandten zeigen. Auch wenn er einiges für „Normies“ gut erklären kann, machen sein Auftreten und die Verknüpfung des politischen Geschehens mit kabbalistischen Netzwerken alles wieder kaputt. Mittlerweile hat er unter den Libertären, mit denen ich für gewöhnlich spreche, einen so schlechten Ruf, dass man schon einiges an Überredungskunst benötigt um jemanden zum Lesen von „Sicher ohne Staat“ zu bewegen. Es macht mich traurig, dass ein Werk, das so viele Fragen beantwortet, nicht gelesen wird, weil sich Janich wie ein Irrer aufführt. Ich glaube, dass er der libertären Szene keinen Gefallen damit tut und auch nicht damit, dass er immer wieder zur Wahl der AfD aufruft. Er bezeichnet sich selbst als Anarchisten, müsste verstanden haben, dass der parlamentarische politische Weg nicht funktionieren kann, und trotzdem sorgt er dafür, dass seine Gefolgschaft den Glauben an den Staat nicht verliert, sondern Hoffnung in einer Partei sucht. Da kann ich nur Janich selbst zitieren: „Geisteskranke! Balla-Balla-Typen!“

Meiner Meinung nach erweist Janich dem Libertarismus einen Bärendienst. Wer Militärtribunale fordert, die verhassteste Partei Deutschlands zur Wahl empfiehlt – und das auch noch als libertärer Anarchist –, wirklich fragwürdige Theorien verbreitet und sich in seinen Videos wie ein Wahnsinniger aufführt, wird sicher niemanden aus dem Mainstream davon überzeugen, dass Libertarismus eine friedvolle und erstrebenswerte Alternative zum aktuellen System ist.

Berichterstattung in den alternativen Medien

Kurz nach der Meldung, dass Oliver Janich festgenommen worden sei, musste Oliver Flesch auf der Twitter-Alternativplattform gettr unbedingt eine Sondersendung mit ein paar seiner Kumpels ausstrahlen, die praktisch keinen Inhalt hatte außer den bereits bekannten Aussagen von Stefan Magnet von AUF1.TV. Immerhin konnte er diese Peinlichkeit mit dem Interview eines Bekannten Janichs, der im gleichen Resort lebt, einige Stunden später retten. Was ich nachträglich immer wieder hörte, war, dass Janichs Aussagen ja nur Satire gewesen seien. Ich denke, dass ich dies hier mit Zitaten widerlegen konnte. Er meint diese Aufrufe durchaus ernst. Auch wenn man Janich für seine Bücher und teilweise auch für geführte Interviews und Debatten feiern kann, muss man seine Eskapaden keinesfalls als Satire herunterspielen. Ich denke, dass sich auch die libertäre und alternative Medienszene mal selbst reflektieren und sich die Frage stellen sollte, ob ein Krawallbruder wie Janich wirklich das ist, was sie in allen Belangen verteidigen will.

Letzte Worte

Ich persönlich bin für die sofortige Freilassung Janichs. Ob er nun Steuern hinterzogen oder den Hass gesprochen hat, spielt für mich keine Rolle. Für keine der beiden „Delikte“ sollte ein Mensch entführt und eingesperrt werden. Sollte jedoch jemand nachweislich seine Aufforderungen ernst nehmen und zum Vollstrecker seiner Urteile werden, muss das auch für Janich Konsequenzen haben. Ich denke wir sind uns alle darin einig, dass selbst in einer staatenlosen Welt der geglückte Aufruf zur Tötung von Menschen ein Verfahren nach sich ziehen würde. Da wird mir sicher auch Janich selbst zustimmen müssen. Die Befehlsgeber, die er an die Wand stellen will, sind schließlich auch nicht die Ausführenden, sondern lediglich die, die öffentlich zu Gräueltaten aufrufen.


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