28. Juli 2022 14:00

„Cancel Culture“ Sind Kunst- und Meinungsfreiheit in Deutschland wirklich bedroht?

Es regt sich immer mehr Widerstand

von Sascha Koll

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Diese Woche scheint mir das Thema „Cancel Culture“ wieder omnipräsent zu sein. Der CDU-Chef Friedrich Merz äußerte sich in einem Interview in der „Welt“ zu einem Vorfall an der Humboldt-Universität in Berlin. Nach einer Drohung einiger Studenten musste der Vortrag einer Biologin über die Zweigeschlechtlichkeit in der Biologie abgesagt werden. Der Vortrag sei als „transphob“ wahrgenommen worden und musste zu einem späteren Zeitpunkt unter hohen Sicherheitsvorkehrungen nachgeholt werden. In diesem Fall konnte der wissenschaftsfeindliche Mob nur einen Teilerfolg für sich verbuchen, am Ende wurde nicht „gecancelt“. In der Wissenschaft scheint ein Austausch noch immer möglich, wobei die Gefahr wächst, dass das erfolgreichere Canceln aus dem Kunst- und Unterhaltungssektor auch irgendwann in den Universitäten gelingt.

Erst kürzlich wurde ein Konzert einer Reggae-Band in der Schweizer Hauptstadt Bern abgebrochen. Der Grund war aber nicht wie üblich ein technischer oder ein Tumult, sondern es ging darum, dass einige Konzertbesucher kein gutes Gefühl im Bäuchlein hatten, weil es sich bei den Bandmitgliedern um Weiße handelt, die sich durch Rastafrisuren, ihre Kleidung und die von ihnen gepielte Musik der „kulturellen Aneignung“ schuldig gemacht haben sollen. Die Rassenpolizei hatte Erfolg bei dem Veranstalter. Er brach das Konzert nach einem Gespräch mit der Band ab.

Vor wenigen Tagen veröffentlichte der Stand-up-Comedian Nikolai Binner ein Video, in dem er bekannt gab, dass die Staatsanwaltschaft wegen seiner Witze gegen ihn ermittelt. Binners Humor ist, sich über alles lustig zu machen, was sich auf zwei Beinen bewegt: Frauen, Männer, Schwule, Transen, Schwarze, Weiße, Braune, Behinderte und nicht zu knapp über sich selbst. Er schließt niemanden aus und das scheint für den „woken“ Mainstream ein Problem darzustellen. Er flog bereits bei „NightWash“ raus und findet nur noch schwer eine Bühne. Doch wenn ein Inhaber eines Veranstaltungsorts seine Türen für Binner öffnet, darf er Frauen, Männer, Schwule, Transen, Schwarze, Weiße, Braune und Behinderte begrüßen, die im Gegensatz zu denen, die sich immer wieder als ihre Repräsentanten „schützend“ vor sie stellen, keinen Stock im Arsch haben und über Binners Programm vorzüglich lachen können.

Auch die Sängerin Nena sorgte diese Woche wieder für einen Sturm der Entrüstung. Dabei hat sie außer auf der Bühne der Show „Das große Schlagercomeback“ zu singen nichts angestellt. Die am Samstagabend in der ARD ausgestrahlte Sendung sorgte bei einigen Zuschauern mal wieder für ein ungutes Gefühl im Bauch. Auslöser ist Nenas Haltung zur Maßnahmen-Pandemie. Sie setzte auf Eigenverantwortung statt Zwang, was dem autoritären Teil unserer Gesellschaft gar nicht passte. Bereits kurz nach der Ankündigung der Show, melden sich Anti-Fans beim MDR, der die Show produzierte, um Nena zu canceln. Doch der Sender verteidigte seine Gästewahl. Die Pressesprecherin Bianca Hopp äußerte sich wie folgt: „Nena hat sich kritisch zu den Corona-Maßnahmen geäußert. Meinungsvielfalt und Meinungsfreiheit sind elementare Bestandteile einer pluralistischen Gesellschaft.“ Aber da eine andere Meinung für einige Zuschauer einfach nur der pure Hass ist, ergossen sie nach der Ausstrahlung ihren eigenen Hass über Nena und den MDR, hielten es für einen absoluten Skandal, Nena eine Bühne für ihre musikalischen Darbietungen zu geben. Trotz allem kann man hier erst mal einen Erfolg für die Kunst- und Meinungsfreiheit verbuchen. Fraglich bleibt, ob künftige Veranstalter nicht lieber in vorrauseilendem Gehorsam auf eine Einladung Nenas verzichten.

Bei wem ich mich nicht wundern würde, wenn seine Sponsoren mittlerweile eigene Abteilungen für die Bearbeitung von Hassbotschaften eröffnen müssten, ist Fritz Meinecke. Meinecke ist den meisten wohl durch sein Erfolgsformat #7vswild bekannt geworden. #7vswild ist eine im letzten Jahr veröffentliche Abenteuersendung, in der sieben Männer mit sieben Gegenständen über sieben Tage in der Wildnis von Schweden ausgesetzt wurden und ihren Aufenthalt dort selbst dokumentierten. Mit dem Erfolg erreichte Meinecke auch neue Zuschauer, die sich immer häufiger über seine „toxische Männlichkeit“ echauffieren. Ihm selbst geht diese „völlig verweichlichte Gutmensche-Gesellschaft so auf die Eier“, dass er auf Instagram ein längeres Statement auf die Frage „Warum immer so toxic?“ abgab: „Glaubt mir, ich halte mich so oft extrem zurück und wenn ich das jedes Mal aussprechen würde, was ich wirklich denke, wäre ich vermutlich überall gebannt, hätte keine Kooperationspartner mehr und das Wort Shitstorm würde ein neues Level erreichen. Mir geht diese völlig verweichlichte Gutmenschen-Gesellschaft so auf die Eier. Ja nicht anecken, niemandem auf den Schlips treten und für alles rechtfertigen. Triggerwarnungen hier und da. Immer politisch korrekt. Er/Sie/Divers *innen, Umbenennung von Begriffen, das darfste nicht mehr sagen, der fühlt sich dadurch angegriffen … Ich möchte die manchmal schütteln. Vor lauter Liebe natürlich.“

Damit spricht Meinecke sicher vielen aus der Seele. Er nimmt sich in der Kommunikation schon so weit zurück, dass er nicht ständig aneckt und trotzdem reicht es den Woken nicht. Er fürchtet sogar, gecancelt zu werden, wenn er offen und ehrlich seine Meinung sagt. Selbstverständlich hat auch dieses Statement für einen Shitstorm gesorgt. Ihm wird sogar „rechtes Denken“ unterstellt. Ob das zur Kündigung von Sponsorenverträgen führt, ist noch nicht abzusehen, überrascht wäre ich nicht.

Ein letztes positives Beispiel, wohin der Versuch der Unterdrückung führen kann, ist das Lied „Layla“. Ich denke, dass Sie die Geschichte dahinter kennen und ich sie nicht weit ausbreiten muss. Mein Lichtblick, den ich in dieser Geschichte sehe, ist, dass die Menschen sich ihren Party-Hit nicht verbieten lassen haben. Wenn der DJ „Layla“ nicht spielen darf, wird einfach selbst gesungen und gegrölt. Ohne die Verbotsdebatte hätte das Stück nie so viel Aufmerksamkeit und Bekanntheit erlangt, wie es nun der Fall ist. Den Befürwortern des Verbots musste mal wieder klar werden, dass der Streisand-Effekt für das Gegenteil dessen sorgt, was sie eigentlich erreichen wollten.

Ist die Kunst- und Meinungsfreiheit nun in Gefahr oder nicht? Ich stelle fest, dass es einen breiten Widerstand gibt, nicht immer in den Medien, aber umso mehr in der Gesellschaft. Viele sind es leid, sich immerwährend alles Mögliche verbieten zu lassen. Irgendwann werden auch die Medien, die häufig Treiber von Shitstorms sind, ihre Quittung dafür bekommen. Problematisch sehe ich, dass aber auch viele Veranstalter und Sponsoren das Spiel der Verbotswahnsinnigen mitspielen. Es kann jedoch langfristig nicht in deren Sinne sein, auf jeden Sturm der Entrüstung mit dem Kniefall zu reagieren. Wir wissen, dass man nie „woke“ genug sein kann, dass die Szene sich stellenweise schon selbst bekriegt und es immer lächerlichere Ausmaße annehmen wird. Irgendwann gehen den Veranstaltern die Künstler aus, die noch nie kritisiert wurden, und dann muss ein Umdenken stattfinden. Kurzfristig könnte es also noch schlimmer kommen, aber irgendwann werden die Leute einsehen müssen, dass diese „Cancel Culture“ dem Zusammenleben schadet, spätestens wenn sie fortwährend selbst davon betroffen sind. Bis dahin bleibt uns, neben der Gegenökonomie auch eine Gegenkultur zu schaffen. Besuchen wir doch mal einen gecancelten Künstler oder Wissenschaftler und unterstützen damit die Veranstalter, die sich noch trauen, dem Mainstream unliebsam gewordene Menschen einzuladen.


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