23. Januar 2023

Lehre aus der Geschichte Eine vergessene Ursache für den Fall der Berliner Mauer

Der Börsenabsturz von 1987 zwang Banken, den maroden Zustand der Ostblockstaaten realistisch einzuschätzen

von Robert Grözinger

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Bildquelle: Shutterstock Der wahre Grund des Ostblock-Niedergangs: Bankrott

Was war der Auslöser des Niedergangs des kommunistischen Sowjetreichs? Irgendwann würde die Planwirtschaft scheitern müssen, so viel war fast von Anfang an klar – wenn auch nur einer kleinen Gruppe von Menschen, die es sich trotz vieler Anfeindungen und Ausgrenzungen nicht nehmen ließ, logisch zu denken. Das war die damals sehr kleine Schar jener, die die Denkweise der Österreichischen Schule der Ökonomie entdeckt und sich angeeignet hatten. Ihr großes Vorbild, Ludwig von Mises (1881–1973), hatte mit glasklarer und unwiderlegbarer Logik schon 1920, also nur drei Jahre nach der Russischen Revolution, die Unvermeidbarkeit des Untergangs des von den Umstürzlern etablierten Systems vorhergesagt. Aber selbst Mises konnte nicht vorhersagen, wann und woran genau der Sozialismus scheitern würde. Nur dass die systemimmanente Realitätsverweigerung – eine Kurzbeschreibung des Kommunismus – mit absoluter Sicherheit zum Totalschaden des Systems führen muss.

Es gab nicht den einen, alles überragenden Auslöser des endgültigen Scheiterns, sondern eine ganze Anzahl kleinerer und größerer Ursachen. Da war zum einen der polnische Papst als Katalysator und moralische Stütze der „Solidaritäts“-Bewegung in seinem Heimatland, das innerlich als erstes – nach der brutalen Niederwerfung der Aufstände in der DDR und Ungarn in den 1950er Jahren – in großen Massen dem Kommunismus kündigte. Da war der auf typische planwirtschaftliche Schlamperei und Fehlallokation zurückzuführende Unfall des Kernkraftwerks von Tschernobyl.

Auf einen weiteren möglichen Auslöser wies vor einigen Jahren der amerikanische Historiker Gary North hin: Die Olympischen Spiele in Moskau 1980. Durch den vorübergehenden Aufenthalt großer Menschenmassen aus dem Westen im Zentrum des Sowjetreichs wurde den Parteikadern unmissverständlich vor Augen geführt, dass die vom Kapitalismus „ausgebeuteten Proletarier“ viel wohlhabender waren – nicht nur als ihre eigenen Arbeiter, sondern sogar als sie selbst. Sie trugen Kleidung, Schuhe, Uhren und Schmuck, von denen selbst einflussreiche und mächtige Leute im Osten nur träumen konnten. Auch das einfache Volk in Moskau sah das – und zog seine Schlüsse. Was den Kadern nicht entgangen sein kann. Es wird ein heftiger moralischer Tiefschlag gewesen sein.  

Die Demonstrationen von 1989, der Zaunabbau an der ungarisch-österreichischen Grenze im gleichen Jahr, das zum reißenden Flüchtlingsstrom anschwellende Ausbluten der DDR, Günter Schabowskis unbeabsichtigte Nichtigerklärung der Mauer – all das waren Ereignisse, die auch anders, aber mit gleichem oder sehr ähnlichem Endergebnis hätten ablaufen können.

Aber ein wesentlicher Auslöser ist heute weitgehend vergessen. Er fand ziemlich genau zwei Jahre vor dem Fall der Berliner Mauer statt. Dass er, als solcher, in Vergessenheit geraten ist, ist genauso bemerkenswert wie das Ereignis selbst. Ich spreche vom Börsencrash von 1987. Aufmerksam gemacht auf den Zusammenhang zwischen jenem Absturz an den Finanzmärkten und dem wenig später beginnenden endgültigen Zusammenbruch der kommunistischen Tyrannei wurde ich durch das Buch „Modern Times“ des britischen Historikers Paul Johnson.

Bevor ich zu Johnsons Interpretation komme, erst ein paar Rohdaten zum Crash. Wikipedia schreibt:

„Der Schwarze Montag am 19. Oktober 1987 war der erste Börsenkrach nach dem Zweiten Weltkrieg. Er begann an der Hong Kong Stock Exchange und nach Öffnung der Börsen in Westeuropa einige Stunden später auch dort, wieder einige Stunden später an den Börsen in den USA und Kanada und dann auch in Australien und in Neuseeland.

Der Dow Jones fiel innerhalb eines Tages um 22,6 Prozent (508 Punkte); dies ist bis heute der größte prozentuale Rückgang innerhalb eines Tages in dessen Geschichte. Bis Ende Oktober fielen die Börsenkurse in Australien um 41,8, in Kanada um 22,5, in Hongkong um 45,8 und in Großbritannien um 26,4 Prozent.“

Dieser Krach führte zwar nicht zu einer Wiederholung der Ereignisse nach dem Börsenabsturz von 1929, aber, so Johnson, er markierte den Anfang vom Ende eines langen Wirtschaftsaufschwungs im Westen und führte „zu gegebener Zeit zu der Rezession von 1990-91“. In Deutschland kam diese Rezession ein Jahr später an, weil die fiskalische und geldpolitische Finanzspritze im Rahmen der Wiedervereinigung die Konjunktur noch ein wenig länger am Laufen hielt.

Vorher aber passierte etwas ganz anderes. Der Börseneinbruch von 1987, so Johnson weiter, „war für viele Banken eine Warnung, dass sie ihre Kreditlinien überzogen hatten.“ Banken, die an osteuropäische Regierungen und ihre Behörden umfangreiche Kredite vergeben hatten, „machten sich ohnehin schon Sorgen um deren Kreditwürdigkeit“. Nach Oktober 1987 wurden den Staaten des  Ostblocks keine Kredite mehr zur Verfügung gestellt. „Das wiederum führte zu innenpolitischen Maßnahmen in osteuropäischen Regierungen, die die Verfügbarkeit von Gütern in den Läden reduzierte und deren Preise erhöhte.“

Es entbehrt nicht der Ironie, dass „aller Wahrscheinlichkeit nach“ ausgerechnet eine „Funktionsstörung in der kapitalistischen Welt“ (Johnson) die kommunistische Welt zu Fall brachte. Johnson hat seine Worte hier gut gewählt: Nicht „der Kapitalismus“ hat eine Funktionsstörung erlebt, sondern irgendetwas „in der kapitalistischen Welt“. In einem anderen Kapitel des selben Buches wird er deutlicher. Im Zusammenhang mit dem Börsenkrach von 1929 zitiert er sogar den brillanten Mises-Schüler Murray Rothbard und weist darauf hin, dass die politische Führung der USA die Welt damals durch „absichtliche Inflationierung der Geldmenge“ wohlhabend zu halten versuchte. Die mit dem überschüssigen Geld ermöglichte Phantasiespekulation musste irgendwann zusammenbrechen.

Etwas Ähnliches passierte in den 80er Jahren. Warum der Krach diesmal weniger heftig war als sechs Jahrzehnte zuvor – eine etwas vorsichtigere Geldpolitik und ein durch damals durchgeführte Privatisierungen an breiter Front ausgelöster Produktivitätsfortschritt mögen eine Rolle gespielt haben – ist unwesentlich. Der Punkt ist, dass gänzlich „unkapitalistische“ Interventionen von staatlicher Seite und von den staatlich geschützten Geldmonopolisten – den Zentralbanken – eine „Funktionsstörung“ auslösten, die einen „Realitätsschock“ erzwangen. Ab da war erstmal Sense mit riskanten Krediten – und dieser monetäre Liebesentzug brach den schwächelnden kommunistischen Staaten das Herz. Der Kreislaufkollaps dauerte zwei Jahre. Im Fall der Sowietunion eineinhalb Jahre länger.

Doch warum ist der sehr wahrscheinliche Zusammenhang zwischen Börsenabsturz und Fall der Berliner Mauer nicht bekannter? Ich vermute, weil er ein schmutziges Geheimnis der Geschichte des 20. Jahrhunderts entlarvt. Die langjährige Kreditvergabe westlicher Banken – eine Praxis, die nur mit Wissen und Genehmigung ihrer Regierungen vonstatten gegangen sein kann – hielt ein System am Leben, das hunderte Millionen Menschen tagtäglich tyrannisierte und quälte.

Der Grund für dieses langjährige zynische Gebaren ist nicht schwer zu erraten: Die Kredite hielten den Osten – und damit den Ost-West-Konflikt – am laufen. Der Kalte Krieg befeuerte die Aufrüstung auf beiden Seiten, die, da naturgemäß nicht produktiv, nicht langfristig allein durch Steuergelder finanziert werden konnte, sondern durch Staatsanleihen. Der Schuldner gilt als immun gegen Zahlungsunfähigkeit. Er hat die Waffen, um nötigenfalls doch noch die Steuern zu erhöhen. Für die Banken sind Staatskredite also ein Bombengeschäft. Und heute, im Rückblick auf die Kreditvergabe an verbrecherische Regierungen des „feindlichen“ Auslands, eine zu übertünchende Peinlichkeit.

Zumal das üble monetär-fiskalische Spiel nach der tatsächlichen Zahlungsunfähigkeit der Ostblockländer fröhlich weiterging – im Osten wie im Westen – und das gemeine Volk die Zeche zahlt(e): Durch Fehlinvestitionen an den wahren Bedürfnissen vorbei, die in Rezessionen enden, die das Leben Unbeteiligter durcheinanderwirbeln. Rezessionen wie die nach der Tech-Blase 2001, der Finanzkrise 2008 und der von der „Pandemie“ kaschierten Finanzkrise 2020.

Das Ding, das „in der kapitalistischen Welt“ herumspukt, das immer mal wieder eine „Funktionsstörung“ erlebt, ist das Zentralbankensystem, das die Schöpfung von Geld aus dem Nichts erlaubt. Es ist eigentlich keine Funktionsstörung, da hat Johnson unrecht. Johnsons Begriff ist, genau betrachtet, etwas irreführend. Es ist ein unvermeidlicher Bestandteil des Systems. Wann immer Geld aus dem Nichts geschöpft wird, wird eine Lüge geboren. Zum Beispiel die Lüge, dass der Kommunismus ein funktionsfähiges, kreditwürdiges System ist. Oder, aktueller, dass Windräder und Solardächer ein wesentlicher Teil unserer Energieversorgung sein können. Jede Lüge verzerrt die Realität. Doch die Realität hat die Eigenschaft, irgendwann zur Norm zurückzuprallen. Es empfiehlt sich nicht, sich ihr dann in den Weg zu stellen. In der Wirtschaft sind das die Rezessionen. Wenn ein Bogen überspannt wird, dann prallt er nicht zurück, sondern bricht. Dann können ganze Imperien zerbrechen. Wir sahen es 1989. Wir werden es wieder sehen. Die für die Banken profitable Praxis der Geldschöpfung aus dem Nichts garantiert es.  


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