29. Mai 2023 20:00

Evolutionspsychologie Studien zur menschlichen Psyche, die sich mit der r/K-Selektionstheorie decken (Teil 2)

Alles Zufälle?

von Philipp A. Mende (Pausiert)

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Bildquelle: Shutterstock Erfolg und Misserfolg: Resultat (evolutions-) psychologischer Strategien

In der vergangenen Kolumne wurde gezeigt, dass sich unter anderem die beiden von Professor Doktor Jay Belsky und dessen Team beschriebenen Entwicklungspsychologien auf erstaunliche Weise mit der r/K-Selektionstheorie decken.

Eine Strategie könnte im Kontext einer weniger verzweifelten, weniger depressiven (siehe frühere Kolumnen) und stattdessen wettbewerbsorientierte(re)n Psychologie gesehen werden, die darauf abzielt, die Regeln des Konkurrenten ungeachtet des Ergebnisses einzuhalten, einen Partner sorgfältig auszuwählen und dann wettbewerbsorientierte Nachkommen in einer Umgebung mit zwei Elternteilen aufzuziehen. Diese Psychologie kommt zum Tragen, wenn es keine hohe Sterblichkeit gibt, wie zum Beispiel durch Raubtiere oder desaströse Niederlagen im Krieg. In dieser Welt leben die Eltern in einer „K-typischen“ Paar-Bindung und verfolgen offensichtlich eine eher „K-artige“ Fortpflanzungsstrategie. Diese Hinweise werden von den sich entwickelnden Nachkommen dann bewusst und/oder unterbewusst als Zeichen dafür wahrgenommen, dass die K-Strategie in ihrer Umgebung wirksam ist. Infolgedessen nimmt ihr neurologisches und psychologisches Wachstum einen eher K-artigen Entwicklungsweg.

Bei der anderen Strategie handelt es sich um eine verzweifelte(re), depressivere und wettbewerbsfeindlichere Psychologie vom „Typ r“, die darauf abzielt, regelbasierten Wettbewerb zu vermeiden, opportunistisch jeden sich bietenden Vorteil zu nutzen, sich so früh und so oft wie möglich zu paaren und so wenig Mühe wie möglich auf die Kindererziehung zu verwenden. Sie entsteht, wenn die Eltern unter ähnlichen Sterblichkeitsbedingungen wie bei Raubtieren leben oder selbst eine eher r-typische Aufzuchtstrategie mit nur einem Elternteil verfolgen. Unter diesen Bedingungen übertragen die Eltern den Stress, den sie erleben, auf ihre Kinder. Die Kinder verändern dann ihre psychologische Entwicklung, so dass sie als Erwachsene eine ähnliche Fortpflanzungsstrategie verfolgen wie ihre Eltern. Dass dieser psychologische Wandel beim Menschen, wie gezeigt wurde, in nur einer Generation herbeigeführt werden konnte und dementsprechend kann, ist besonders interessant.

Professor Doktor Carol S. Dweck (Stanford, Harvard, Yale) hat zwei Psychologien bei Kindern ausgemacht, die bestimmen, wie sie an Herausforderungen herangehen. Die eine Psychologie zeichnet sich durch Optimismus aus, betrachtet Niederlagen als natürlichen Teil des Prozesses der Selbstverbesserung und gründet auf der Annahme, dass die eigenen Fähigkeiten auf jedes gewünschte Level hin entwickelt werden können, welches sie, also die Kinder, wollen. Betrachtet man sie innerhalb unseres evolutionären beziehungsweise evolutionspsychologischen Paradigmas, ist diese Psychologie bereit, bei Herausforderungen innerhalb des freien Wettbewerbs auch Niederlagen zu riskieren. Sie wird jedoch nicht zulassen, dass ihr Streben nach künftigem Erfolg im Wettbewerb von einer potenziellen Niederlage gebremst oder gar abgehalten wird. Diese Menschen haben eine durchdrungene Vorstellung, dass ihre Fähigkeiten auch nach einer Niederlage wachsen werden und dass ihre Misserfolge letztendlich ihre Fähigkeiten steigern, was zu künftigem Erfolg führt. Nicht zufällig lautet eine (K-strategische) Redewendung: „Aus Fehlern wird man schlau.“ Logischerweise muss man diese Fehler auch machen.

Die andere von Dweck identifizierte Psychologie ist das genaue Gegenteil. Menschen, die über diese Psychologie verfügen, haben kein Vertrauen in ihre eigene Fähigkeit, Fähigkeiten durch harte Arbeit im Laufe der Zeit zu entwickeln, und haben eine starke Abneigung gegen Misserfolge. In einem evolutionären Paradigma betrachtet, vermeidet diese Psychologie Herausforderungen, die entweder große Anstrengungen erfordern oder eine Niederlage riskieren würden. Stattdessen werden sie sich dafür entscheiden, Gelegenheiten für einen leichten, sicheren Erfolg schnell zu ergreifen, wann immer sich solche Gelegenheiten bieten. Sie werden auch nicht davor zurückschrecken, unlautere Methoden zum Erreichen von sozioökonomischem Erfolg anzuwenden, um ehrliche Arbeit im Zuge eines mühseligen, fairen Wettbewerbs zu umgehen ­– in gehobenerem Alter beispielsweise in Form von Korruption, dem „Frisieren“ eines Lebenslaufs et cetera.

Offensichtlich gibt es also wieder – und einmal mehr: schon wieder zufällig? – zwei Psychologien respektive Strategien. Die eine begrüßt Herausforderungen, akzeptiert Wettbewerbsrisiken und toleriert persönliche Niederlagen, während die andere ihre Fähigkeiten als begrenzt ansieht, risikoscheu ist und Misserfolge scheut. Es sei darauf hingewiesen, dass Menschen, die an Depressionen leiden, ebenfalls überempfindlich auf Misserfolge oder Verluste reagieren, ebenso wie die von Dweck beschriebene Psychologie, die weniger Herausforderungen annimmt.

Aus der Gesamtheit der Belege (nicht nur der in diesen Kolumnen vorgestellten) ergibt sich ein Modell von zwei Psychologien innerhalb der menschlichen Rasse, die sich als tiefgreifende psychologische Triebe manifestieren. Sie sind das Ergebnis einer Mischung aus genetischen Tendenzen und umweltbedingter Modellierung der Psychologie eines Individuums während früher Entwicklungsperioden und treten bereits in der Kindheit auf. Entgegen moderner oder eher postmoderner „Sozialwissenschaften“ liegt der Schwerpunkt allerdings auf dem genetischen Einfluss. Maßgeschneidert auf die familiäre Erfahrungsgeschichte des Einzelnen, wie sie in seinem genetischen Code festgehalten ist, und weiter geformt durch Entwicklungsreaktionen auf Umweltreize, verleiht dieses Entwicklungsmodell jedem Individuum eine psychologische darwinistische Strategie, die auf das Individuum, seine Fähigkeiten und seine Umwelt zugeschnitten ist. Diese Strategien, die so eng mit den gut dokumentierten Reproduktionsstrategien der r/K-Selektionstheorie verbunden sind, zeigen, dass die psychologische Kluft zwischen „r“ und „K“, die zweifellos innerhalb unserer Spezies vorhanden ist, womöglich einen viel größeren Einfluss auf unsere Geschichte und die Gestaltung unserer Zivilisationen hatte, als wir je angenommen hätten.

Philipp A. Mende: Widerstand. Warum zwischen linker und rechter Politik eine Schlacht der Gene wütet.


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