19. August 2023 08:00

Was tust du denn stattdessen? Nicht mitzumachen ist schwerer, als man denkt!

Bewusste Enthaltung braucht keine Ersatzhandlung

von Manuel Maggio

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Bildquelle: FrankHH / Shutterstock Wahre Freiheit: Nein zu sagen, ohne sich zu rechtfertigen

Meine letzte Kolumne zum Thema politischer Aktivismus hat einiges an Diskussion hervorgerufen, worüber ich mich sehr freue. Selten hatte ein Artikel von mir hier so viele Kommentare, und niemand wurde ausfallend, auch wenn sich die Meinungen unterschieden. Dafür möchte ich meinen Dank an Sie aussprechen. Wenn man, so wie ich, eher aus der Youtube-Ecke kommt, ist man einen so sachlichen Umgang im Kommentarbereich gar nicht gewohnt.

Das Thema Nichtwählen begleitet mich nun schon etwas länger. Auffällig ist dabei ein immer wiederkehrendes Muster. Früher oder später treten viele der überzeugten Wähler mit der Frage an mich heran: Wenn du nicht zur Wahl gehst, was machst du denn stattdessen? Genau dieser Fragestellung möchte ich heute meine Kolumne widmen und meine Gedanken zu einer bewussten Enthaltung mit Ihnen teilen. Wieso steht – wenn ich mich bewusst dazu entschließe, bei etwas nicht mitzumachen – bei dem Thema Teilnahme an politischen Wahlen sehr oft direkt eine Forderung nach Ersatz im Raum? Oft fühlt man sich dann dazu verleitet, Dinge aufzuzählen, beispielsweise dass man sich als Ersatz für das Nichtwählen aktiv um Freiheit bemühe, und beginnt, sich zu rechtfertigen. Kann man machen, muss man aber nicht. Ich möchte die Annahme, eine aktive Nichtteilnahme durch etwas ersetzen zu müssen, als unlogisch darstellen und entziehe mich daher jeder Aufzählung irgendwelcher Alternativen. Die Forderung nach einer Ersatzhandlung ist meines Erachtens völlig unbegründet, was ich anhand einiger Beispiele genauer erläutern werde.

Eigentlich würde ich bei solchen Diskussionen mit Wählern ihnen gerne entgegnen: „Ich halte mich bewusst von Politik fern – was machst du denn stattdessen?“ Wie auch in einem Kommentar unter meiner letzten Kolumne geschrieben, ist der Akt des Wählens direkt mit maximal ein bis zwei Stunden Zeitaufwand zu verrechnen – wieso also fordert man hier überhaupt eine Ersatzhandlung? In der Zeit gehe ich als Alternative ein Eis essen, wenn es die Temperaturen zulassen – viel mehr ist da dann ja auch nicht drin. Aber Sie merken schon: Um die reine Aktivität, ein Wahllokal aufzusuchen und so ein Kreuz zu machen, geht es nicht bei der Frage „Was machst du stattdessen?“ Ich vermute, dass man in seiner Aktivität eine Verkettung von Abläufen sieht, die dann schließlich zu einer Veränderung im Land führen könnten. Und genau diese magische Verkettung von Kreuzchen bis hin zu einer besseren Welt müsse man als verantwortlicher Mensch ja durch ein anderes Handeln ersetzen.

Wenn ich ganz ehrlich bin, ist bereits das der Moment, an dem ich mit Wahlwerbung und dem Aufruf zur Wahlteilnahme nichts mehr anfangen kann, denn diese magischen Verkettungen von Wahl über Verantwortungsabtretung bis hin zu dem Rechtfertigen von Herrschaft sind mir als klar denkender Mensch einfach zu abstrakt.

Nun zurück zum Thema, denn es geht ja darum, „Nein, ich mach nicht mehr mit“ zu sagen und dies dann auch durchziehen. Stellen wir uns mal folgende Situation vor, dass alle Menschen, die während der Corona-Maßnahmen auf der Straße waren, auch den Mut gehabt hätten, nicht mehr mitzumachen – wie lange hätte dann der Spuk noch anhalten können? Wie viele waren auf den Demos laut, aber dann im Büro wieder brav mit Maske und Selbsttest? Ich ziehe meinen Hut vor allen, die nicht mi gemacht haben, und möchte nun die Frage stellen: Würde man bei jemanden, der nie eine Maske getragen hat, auf die Idee kommen, ihn zu fragen, was er denn stattdessen getan hat? Es sei denn, man wäre ein Verfechter der Schutzmaßnahmen gewesen. Hat das bewusste Sich-Weigern, eine Maske zu tragen, auch eine Ersatzhandlung nötig? Oder ist die Wirkung des Widerstandes erst durch das konsequente Nichtmachen ohne Ersatzhandlung für eine Gesellschaft spürbar?

Ich habe mich nicht impfen lassen – würde hier jemand auf die Idee kommen, mich zu fragen, was ich denn stattdessen gemacht habe? Wieso ist dies dann beim Thema Wahlen immer eine heiß diskutierte Frage? Ich habe mich bewusst dazu entschlossen, mich nicht mehr an Politik zu beteiligen, und dies bedeutet: Ich habe mehr Zeit, mich um mein eigenes Leben und das Leben meiner direkten Mitmenschen zu kümmern – eine sehr einfache Rechnung, wie ich finde. Damit mein Plan aufgeht, ersetze ich meine politische Enthaltung nicht mit einer anderen abstrakten Form der Gesellschafts-Klempnerei, denn dafür habe ich einfach keine Zeit mehr.

Wenn sich jemand bewusst dazu entscheidet, etwas nicht zu tun, dann gibt es keine Verpflichtung, diese Lücke mit einer anderen Handlung zu füllen. Die letzten Jahre haben mir eines gezeigt: Es kann einem verdammt viel abverlangen, „Nein“ zu sagen und auch die entsprechenden Konsequenzen zu tragen. Das Durchbrechen des blinden und vorauseilenden Gehorsams kann Leben retten – davon bin ich überzeugt: Also haben Sie Mut, sagen Sie Nein!


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