22. Februar 2023 07:00

Krisenpolitik Deutschland ist führungslos

Warum die Wirtschaft ein Labor der Gesellschaft ist

von Oliver Gorus

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Die Politiker sind niemals die Treiber gesellschaftlicher Veränderungen, davon bin ich restlos überzeugt. Politiker sind immer nur Opportunisten von ohnehin stattfindenden gesellschaftlichen Veränderungen, und das bisweilen mit jahrzehntelanger Verspätung. All das Progressivgetue ist immer nur Marketing, immer nur Attitüde, immer nur Tugendsignalisierung.

Politiker nehmen an Themen, was sie vorfinden, und versuchen daraus Stimmkapital zu schlagen, indem sie das Geld der Bürger entsprechend umverteilen, um eine neue gesellschaftliche Gruppe auf Kosten der anderen zu bevorteilen. Dabei laufen sie den Entwicklungen stets hinterher – Politiker gestalten nichts.

Glück gehabt!

Und das bedeutet auch: Politiker führen nicht. Spätestens seit Angela Merkel ist die Berliner Republik eine führungslose Gesellschaft. Stattdessen ist sie eine Herrschaft der Opportunisten. Und das ist nichts Gutes. Denn in diesem führungslosen, aber von parasitären Strukturen durchwirkten Zustand ist das Einzige, was noch kultiviert wird, die Kunst des Lebens auf Kosten anderer.

Und diese Unkultur zehrt nach und nach alle individuellen Freiräume auf und politisiert alle Lebensräume, um auch noch die letzten Ecken der Privatsphäre zu kontrollieren und der Umverteilung zum kurzfristigen Nutzen der Parteien zugänglich zu machen.

Eine Ausnahme möchte ich machen, und zwar die ersten Regierungsperioden des Duos Adenauer/Erhard. Den größten Teil unseres Wohlstands, den wir heute aufzehren, verdanken wir diesen beiden Führungsfiguren. Wären sie genauso opportunistisch gewesen wie heutige Politiker, dann wären wir bereits in den 50er Jahren eine sozialistische Räterepublik mit Zentralplanungswirtschaft und „volkseigenen” Betrieben geworden. Nicht nur die Besatzungsmächte und natürlich die SPD, sondern auch ein großer Teil der CDU, ja, ein großer Teil der Bevölkerung wollte Ende der 1940er Jahre eine staatlich gelenkte Versorgungswirtschaft. 

Wir hatten vermutlich einfach nur Glück, dass 1948 mit dem Ökonomen Ludwig Erhard als Direktor der Verwaltung für Wirtschaft in der Bizone, also kurz vor der Gründung der Bundesrepublik, der richtige Mann im richtigen Amt war und aus Überzeugung, Wissen und Vernunft gegen alle Widerstände die Preise freigab, die Zwangsbewirtschaftung beendete und auf Marktwirtschaft und Privateigentum setzte. Mit riesigem Erfolg. Das war wahre Führung.

Heute, da die Bundesrepublik langsam, aber sicher im woken grün-sozialistischen Sumpf versinkt, der Staat immer fetter, die Höhe der Steuern und Abgaben immer irrsinniger, die Leistungsfähigkeit der angemaßten staatlichen Funktionen immer schlechter, das Vermögen der Bürger immer geringer, das politische Personal immer dilettantischer, die Parteien immer radikaler und der Staat immer übergriffiger wird, heute bräuchte es dringend wieder echte Führung. Und damit ist nicht ein wahnsinniger politischer Führer gemeint, ganz im Gegenteil, sondern geistig-moralische Führung durch Tausende von Führungskräften gerade nicht in der Politik, sondern in Wirtschaft und Gesellschaft im alltäglichen Leben.

Wie gesagt, die nach Pöstchen und Pensiönchen trachtenden arroganten Hampelmänner aller Geschlechter in den Parteien gestalten sowieso nichts, sie können uns eigentlich gestohlen bleiben. Wäre die Gesellschaft nicht durch und durch führungslos, dann würden sich Politiker solchen Unsinn wie Lockdowns oder Technologieverbote wie bei Atomkraft und Verbrennungsmotor schlicht nicht leisten können, denn sie würden zur Rechenschaft und zur Verantwortung gezogen. Eine starke Wirtschaft und eine starke Zivilgesellschaft würden zum Beispiel nach der Corona-Maßnahmenkrise die Täter in Ämtern ruckzuck hinter Schloss und Riegel bringen.

Aber wir sind eben keine starke Wirtschaft und keine starke Zivilgesellschaft, sondern eine schwache, erschlaffte, verwirrte, abgelenkte, wohlstandverwahrloste, getäuschte und kindische Gesellschaft – was eben so bei jahrzehntelanger Führungslosigkeit herauskommt. 

„Vorwärts” in den Ruin

Die große Führungskrise in unserer Gesellschaft begann mit dem Größenwahn und dem Gutmenschentum in den Führungsetagen der Konzerne in den 1980ern. Exemplarisch dafür steht für mich Edzard Reuter, der 1987 Vorstandsvorsitzender der Daimler-Benz AG wurde. Reuter war Sohn des sozialdemokratischen Politikers Ernst Reuter, der von 1948 bis 1953 Regierender Bürgermeister von Berlin war. Auch seine Mutter war Sozialistin, sie arbeitete bei der Parteizeitung „Vorwärts“.

Mit diesem Berliner Geist trat er sein Amt beim Daimler an und moralisierte es vom ersten Tag an. Eine „offene“ Unternehmenskultur wollte er, beseelt von der Hybris des Glaubens, man könne eine Kultur von oben herab formen. Seine Maxime sei es, so meinte er, dass „wir uns gleichrangig gegenüber den Kapitalgebern, gegenüber der Belegschaft und gegenüber der Umwelt verantwortlich fühlen und danach handeln“.Hier ist es, das heuchlerische Gleichheits-Mem, das anderthalb Jahrzehnte später von allen Spitzenpolitikern der Ära Merkel opportunistisch-parasitär benutzt wurde, um Stimmen zu sammeln und Machtpöstchen zu ergattern.

Dass in einer gerechten Gesellschaft die Gleichheit vor dem Recht gilt und ansonsten alle Ungleichheiten als selbstverständlich akzeptiert werden, ist hier verloren gegangen. Stattdessen wurde die Ungleichheit vor dem Recht, also die Diskriminierung hoffähig, um Ergebnisgleichheit zu erzeugen, beispielsweise mit Frauenquoten.

Gleichzeitig mit seinem Gutmenschengetue kaufte sich Edzard Reuter bei Daimler ein Imperium zusammen: AEG, MBB, ein globalistischer Mischkonzern sollte es werden. 36 Milliarden Euro Verlust wurden es stattdessen. Der gute Mensch Reuter fuhr den deutschen Vorzeigekonzern beinahe an die Wand. Aber damit das alles schön gigantisch aussah, baute er für umgerechnet 300 Millionen Euro eine neue Konzernzentrale in Stuttgart-Möhringen, eine kleine Stadt auf 120.000 Quadratmetern mit 13 Gebäuden und einem elfgeschossigen Hochhaus.

Einen großen Teil der kranken Muster der heutigen Berliner Republik hatte Reuter damit schon vorweggenommen wie Arroganz, Moralisieren, Größenwahn, Erfolglosigkeit – sie waren bei Daimler unterm Brennglas zu besichtigen. Aber auch dessen Ende.

Bullshit-Castle steht heute in Berlin

Gott sei Dank war Reuters Zeit auf dem Chefsessel schon 1995 vorbei. Sein Nachfolger Jürgen Schrempp stutzte den Konzern nicht nur wieder zurück auf das Normalmaß eines Autobauers, sondern zog mit der Unternehmensleitung auch wieder zurück nach Untertürkheim, direkt ans Werk, wo die Autos gebaut werden und wo seiner Meinung nach auch die Manager hingehörten. Ah, das klingt doch wieder nach Führung!

Die gigantomanische Zentrale in Möhringen verspottete Schrempp als „Bullshit-Castle”. Da fallen mir direkt Parallelen zum neuen Bundeskanzleramt ein. Sollte irgendwann wahre Führung nach Deutschland zurückgekehrt sein, werden wir es unter anderem daran merken, dass das irrsinnige 777-Millionen-Bauwerk ebenso verspottet, verkauft und umgenutzt werden wird.

Schrempp ging auch auf Konfrontationskurs mit der Wirtschafts- und Sozialpolitik des ausufernden Sozialstaats. Im April 1996 traf er Haushaltspolitiker und konfrontierte sie mit der Realität der Globalisierung: Er kündigte ihnen an, bis zur Jahrtausendwende keinen Pfennig Ertragssteuern mehr zu zahlen: „Von uns kriegt ihr nichts mehr“ – ein wunderbarer Ausblick in die Zukunft!

Dem Größenwahn, dem Moralisieren, der Ideologie, der Arroganz und der Übergriffigkeit der Politiker den Stecker ziehen, sie für ihre Taten und Unterlassungen zur Verantwortung ziehen und sie auf ihr angemessenes Niveau als Diener des Volkes zurechtstutzen, das wird nur geschehen, wenn die woken, schleimigen Opportunisten in Wirtschaft und Gesellschaft von einer neuen Generation von wahren, selbstbewussten Führungskräften abgelöst werden, die sich, anstatt die Welt zu verbessern, wieder auf das Wesentliche fokussieren: den Erfolg ihres Unternehmens, ihrer Stadt, ihres Landkreises, ihres Amts oder ihres Vereins.

Die Politiker werden dann auch diesem neuen Trend hinterherstolpern – mit mindestens zehn Jahren Verspätung. Aber wir alle werden dann aufatmen.


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