08. Dezember 2022 16:00

Die Basis unserer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung Was ist Freiheit?

Über die Erkenntnis des Selbst

von Markus Krall

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Liebe zur Freiheit ist wahre Philanthropie. Feindschaft gegen die Freiheit ist wahre Misanthropie.

Die Freiheit ist essenzieller Teil des Menschseins an sich. Sich den Menschen ohne Freiheit zu denken, heißt, sich einen seelenlosen Roboter vorzustellen. Um dies begreiflich zu machen, müssen wir sehr weit zurückgehen, sowohl in der Geschichte der Menschwerdung als auch in der Beschreibung der Natur des Menschen.

Was macht den Menschen aus? Evolutionstheorie und Religion kommen hier nach meiner Überzeugung zu fundamental gleichen Schlussfolgerungen. Die Religion benutzt aber im Vergleich zur „kalten“ Wissenschaft wesentlich schönere Bilder, um uns das Wesentliche vor Augen zu führen.

Die Heilige Schrift sagt uns zur Natur unserer selbst: „Gott schuf den Menschen nach seinem Ebenbilde.“ Was war dieses Ebenbild? Unterstellen wir, dass Gott – per definitionem – allmächtig ist, so ist es eher unwahrscheinlich, dass damit unsere körperliche Gestalt gemeint ist. Es muss um etwas Essenzielleres gehen, eine Eigenschaft Gottes, die für die Beschreibung seiner göttlichen Natur unverzichtbar ist. Was kann das sein? Allmacht können wir an dieser Stelle ausschließen, denn allmächtig hat Gott den Menschen zum Glück nicht gemacht. Da hat er weise gehandelt. Stellen Sie sich nur einfach eine kleine Auswahl von Leuten vor, die Sie kennen und fragen Sie sich, was los wäre, wenn diese allmächtig wären. Gruselige Vorstellung, oder?

Das gleiche gilt für „allwissend“, „allsehend“, „unendlich weise“, die ganze Litanei eines Könnens jenseits unserer Vorstellungskraft. Welche Eigenschaft hat Gott denn noch? Er ist – so bestätigt es uns die Bibel – mit der Fähigkeit ausgestattet, den Satz „Ich will“ auszusprechen. Gott hat einen Willen. Und da er keinen Vorgesetzten hat, der ihm was zu sagen hätte und er als Urquell von allem diesen Willen selbst bildet, dürfen wir wohl mit Fug und Recht annehmen, dass Gott einen freien Willen hat.

Das ist es wohl, was er uns gegeben hat und was uns zu seinem Ebenbilde macht: den freien Willen. Er resultiert aus der Fähigkeit zu einer fundamentalen Erkenntnis, nämlich der Erkenntnis des Selbst. Cogito ergo sum – ich denke, also bin ich. Ob man hier an die wörtliche Schöpfungsgeschichte oder an die Evolution als Gottes Werkzeugkasten zur Umsetzung der Schöpfung glaubt, ist dabei egal: Der Mensch erkennt sich als denkendes Wesen, er ist damit in seinen Entscheidungen im Prinzip frei, die Freiheit des Gedankens begründet die Freiheit des Handelns.

Von der Freiheit des Handelns zu der für sie notwendigen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung hat Ludwig von Mises die intellektuelle Brücke gebaut. Sein epochales Werk über die sozialphilosophischen Grundlagen menschlicher Ordnung, menschlicher Gesellschaft, menschlichen Willens und menschlichen Handelns trägt den simplen Titel „Human Action“ („Menschliches Handeln“). Es dürfte eine der größten intellektuellen Leistungen überhaupt sein, aus diesem einfachen Satz die Gesamtheit einer wirtschaftswissenschaftlichen Theorie abzuleiten, nämlich die Österreichische Schule der Nationalökonomie.

In ihr ist das wirtschaftliche Geschehen eben nicht das Resultat aggregierter oder durchschnittlicher Entscheidungen großer Gruppen („die Konsumenten“, „die Unternehmen“, „der Staat“), sondern sie ist das filigrane Ergebnis von Abermillionen individueller Entscheidungen, deren komplexe Interaktion in der Preisfindung aller Güter, Dienstleistungen und Vermögenswerte mündet, welche die relative Knappheit aller Wirtschaftsgüter zum Ausdruck bringen.

Freiheit ist die gelebte selbstbestimmte Gestaltung unseres Lebens. Damit diese Gestaltung funktionieren kann, muss unser Verstand auf gesichertes Wissen oder wenigstens nicht verzerrte Wahrscheinlichkeiten zurückgreifen können. Er muss sich ein korrektes Bild der Welt machen können. Ist das nicht der Fall, sind Fehlentscheidungen unvermeidlich. Es gibt dabei zwei Quellen der Fehlinformation: einerseits falsche einzelne Sachverhalte, die unser Kalkül beeinträchtigen, andererseits Verzerrungen des Maßstabs, mit dem wir Sachverhalte messen und vergleichbar machen. Letztere Variante ist das für eine rationale Entscheidungsfindung bei Weitem größere Problem, denn wenn die Maßstäbe nicht mehr stimmen, wird jede einzelne andere Information in ihrem Wert für rationale Entscheidungen verzerrt, ja, entwertet im buchstäblichen Wortsinne.

Der wichtigste Maßstab unserer individuellen ökonomischen Planung und Entscheidung ist jedoch das Geld und sein Preis, der Zins. Es ist, weil universelles Tauschmittel, geradezu das Koordinatensystem, das unsere Fähigkeit zu rationaler planerischer und vorausschauender Entscheidung überhaupt erst möglich macht. Es gibt dabei zwei Stellschrauben, die unsere Wahrnehmung verzerren und unsere Entscheidungen invalidieren können. Zum einen ist da die Geldmenge, die Nachfrage entfaltet und so die Preise der Güter, ergo ihre absolute und relative Knappheit quantifiziert. Zum anderen ist es der Zins, also der Preis des Geldes, der das Kondensat intertemporaler Präferenzen aller am Wirtschaftsleben teilnehmenden Individuen darstellt und ein Gleichgewicht herstellt zwischen Konsum- und Sparneigung, Investitions- und Desinvestitionsbedarf, interner Verzinsung aller verfügbaren Investitionen und Knappheit aller hierfür verfügbaren Ressourcen.

Roland Baader hat treffend beobachtet, dass eine Aushebelung der freien Marktkräfte für die Determinierung dieser Größen nicht nur einfach ein isoliertes Problem darstellt, sondern die Systemfrage stellt. Ein Wirtschaftssystem, in dem diese Orientierungspunkte, an denen das gesamte Koordinatensystem all unserer Entscheidungen hängt, ausgehebelt wird, ist eben kein System, das durch die Summe der freien individuellen Pläne von einzelnen Personen gesteuert wird. Das kann es auch gar nicht sein, wenn die Teilnehmer in einer Traumwelt von fremden Gnaden leben. Es ist vielmehr ein System der Preismanipulation auf höchster Ebene, nämlich auf der des Koordinatensystems unseres Denkens. Damit wird die dezentrale Planung auf individueller Ebene durch den Versuch der zentralen Steuerung des Verhaltens der Wirtschaftssubjekte ersetzt. Eine solche Wirtschaftsform hat einen Namen. Man nennt sie Planwirtschaft.

Die Planwirtschaft hat eine Reihe von Eigenschaften, die mit einer Ordnung der Freiheit unvereinbar sind. In ihrer „milden“ geldsozialistischen Form manipuliert sie nur die Einzelentscheidungen der Individuen in der gewünschten Richtung. Wie sieht das konkret aus? Ein zu niedriger Zins führt zu Überinvestitionen, also Investitionen in Anlagen und Projekte, die nicht wirtschaftlich sind, jedenfalls dann nicht, wenn sie ihre Kapitalkosten verdienen müssen. Ein zu niedriger Zins steuert wertvolle und knappe Produktionsressourcen in Verwendungen, die verschwenderischer Natur sind, deren Gewinn unter Berücksichtigung marktgerechter Zinsen für Eigen- und Fremdkapital nicht kostendeckend wäre. Er ändert auch die relative Attraktivität guter und weniger guter oder sogar schlechter Investitionsmöglichkeiten.

Die zweite Stufe dieses Geldsozialismus ist die Verzerrung marktgerechter Allokation von Investitionsmitteln mithilfe eines neuartigen Social-Scoring-Verfahrens nach chinesischem Muster, nämlich die Einführung von „Nachhaltigkeitsratings“, deren Struktur und Leistungsindikatoren das Ergebnis ideologischer Willkür sind. Auf diese Weise sollen „erwünschte“, also „grüne“ Investitionen mit billigeren Finanzierungen, also geringeren Zinsen gefördert und „unerwünschte braune“ Investitionen behindert und nach Möglichkeit von Finanzströmen abgeschnitten werden.

Dies kann nur in eine Verzerrung der absoluten und relativen Knappheitssignale münden, die die Voraussetzung für die Funktionsfähigkeit rationaler Entscheidungen in einer Marktwirtschaft sind.

Das zwingende Resultat ist eine wesentliche Einschränkung und Behinderung der wirtschaftlichen Freiheit und damit der Freiheitsrechte der Bürger an sich. Ein Teil der resultierenden Verzerrungen wird sehenden Auges eingegangen, da die staatliche Reglementierung die entsprechenden Anreize setzt. Ein weiterer Teil ergibt sich aus der Verfälschung des Geldsystems.

Das bleibt natürlich nicht ohne Folgen. Das Resultat besteht in einer krisenhaften Zuspitzung der wirtschaftlichen Lage durch angestaute realwirtschaftliche Ungleichgewichte, die einen immer größeren Teil des erwirtschafteten Sozialprodukts absorbieren und so zunichtemachen. Die aktuelle Wirtschafts-, Energie- und soziale Krise ist das direkte Resultat.

Sie wird mit weiteren Einschränkungen der Freiheit verwaltet. Preisdeckel, Nothilfen, Rettungsprogramme, Doppelwumms und Co, Ver- und Gebote sind die Mittel der Wahl. So transformiert sich das staatliche „Du sollst nicht“, also die Beschränkung des menschlichen Handelns auf das gesetzlich Zulässige, zum „Du sollst“, also zur übergriffigen Steuerung des wirtschaftlichen Handelns auf individueller Ebene, womit die dritte Stufe der Planwirtschaft unvermeidlich ist, nämlich die Kommandowirtschaft.

Jedes Gemeinwesen, das sich auf den abschüssigen Pfad des „Du sollst“ begibt, wird sich einer Spirale der Intervention wiederfinden. Jedes „Du sollst“ des Staates wird von den Wirtschaftssubjekten mit Ausweichstrategien beantwortet, die den Staat im Sinne seiner ursprünglichen Steuerungsabsicht dazu zwingt, das Korsett des freien Handelns der Menschen immer enger zu zurren. Diese Interventionsspirale haben von Mises und von Hayek in ihren Werken bereits ausführlich beschrieben und davor gewarnt.

Am Ende dieser Interventionsspirale steht die Kommandogesellschaft nach stalinistischem Muster, wenn sich die Bürger und die Politik nicht vorher eines Besseren besinnen und umkehren. Die historische Erfahrung zeigt, dass dies möglich ist, aber nur selten als Notausgang erkannt und genutzt wird.

Das liegt an einer Selbstentmündigung des einstmals freien Menschen. Die staatliche Interventionsspirale täuscht ihm vor, dass eine höhere Macht, nämlich der Staat, alle seine Probleme lösen und ihn von den Folgen der eigenen Fehlentscheidungen befreien könne. Das ist zwar mitnichten der Fall, jedoch ist die Lernbereitschaft bei den in die Abhängigkeit staatlicher Alimentation Gepressten meist unzureichend ausgeprägt, weil die Anreize fehlen, solange das System nicht an seine Leistungsgrenzen stößt und kollabiert.

Das zeigt uns: Zur Freiheit gehört nicht nur Verantwortung, sondern auch der Wille, zu lernen, Fehler zu korrigieren und den damit verbundenen Schmerz auszuhalten. George Bernhard Shaw, obwohl in vielen seiner Ansichten eher links orientiert, erkannte scharfsinnig: „Freiheit geht mit Verantwortung einher, deshalb fürchten sich die meisten Menschen vor ihr.“

Der Grund für diese Furcht ist der Schmerz des Lernprozesses. Der Staat kann diesen aber nicht auf Dauer verhindern, er spart ihn nur auf, um ihn im Moment des Versagens seiner Systeme, meistens ausgehend vom Geldsystem, in geballter Form freizusetzen. Dies ist dann der Moment der Krise, der Depression, der Hyperinflation oder, im schlimmsten Fall, des Krieges.

Wenn diese finale Krise eintritt, ist der Staat meistens bereits in seinen bürokratischen Fallseilen so verstrickt, dass effektive Hilfe bei den Menschen nicht mehr ankommt. Die Inflation galoppiert schneller als das Karussell der Sozialhilfe, die Sozialhilfe-Preisspirale bekommt Schlagseite, und der Schmerz kommt bei einer immer größeren Zahl der Bürger an.

Wie uns, um zum religiös inspirierten Beispiel zurückzukehren, die Bibel schon lehrt: „Geht hinein durch die enge Pforte! Denn weit ist die Pforte und breit der Weg, der zum Verderben führt, und viele sind, die auf ihm hineingehen. Denn eng ist die Pforte und schmal der Weg, der zum Leben führt, und wenige sind, die ihn finden!“ (Mt. 7,13-14).

Wir sehen also, dass das göttliche Geschenk der Freiheit, der Funke, der uns überhaupt das Selbst gibt, mit einem Preis verbunden ist: Wir müssen den Schmerz des Lernens annehmen, wir müssen akzeptieren, dass Freiheit nicht von Verantwortung getrennt werden kann, wir dürfen nicht von anderen, insbesondere dem anonymen Leviathan Staat, erwarten, dass er uns von den Folgen unserer Entscheidungen freistellt und so den Schmerz des Lernens umverteilt oder aufspart. Wir müssen Freiheit als göttliches Geschenk neu begreifen. Freiheit dient dazu, uns die Möglichkeit des Lernens im sozialen und wirtschaftlichen Findungs- und Entdeckungsprozess zu eröffnen. Sie ist damit der Motor des Fortschritts, der Erkenntnis und der Weiterentwicklung des Menschen.

Verzicht auf Freiheit ist Rückschritt, Lernverweigerung, Verarmung, nicht nur im wirtschaftlichen Sinne, sondern auch im geistigen.

Freiheit bedeutet „per aspera ad astra!“ – durch Mühen gelangen wir zu den Sternen.


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