06. Januar 2023 13:00

Ausblick auf das Jahr 2023 Borniertheit greift nach den Sternen

Es dürfte noch ungemütlicher werden

von Carlos A. Gebauer (Pausiert)

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Ich kann mich nicht erinnern, jemals in meinem Leben einem neuen Jahr mit einer solchen Skepsis entgegengesehen zu haben, wie ich es derzeit mit dem Jahr 2023 halte. Meinungsumfragen, die kursieren, indizieren ähnliche Gefühle meiner Mitmenschen. Die schiere Vielzahl von Problemen, denen sich die Menschen in diesen Tagen überall auf der Welt gegenübersehen, ist beeindruckend. Die Aufbruchstimmung, die den Globus nach dem Zusammenbruch des Ostblocks vor gut 30 Jahren erfasst hatte und die Milliarden von Menschen spürbare Verbesserungen ihrer Lebenssituation ermöglichte, ist vor knapp drei Jahren geradezu abrupt kollabiert. Das Destruktionspotenzial des Narrativs vom Coronavirus hat sich in materieller wie wohl auch insbesondere in mentaler Hinsicht weltweit fatal ausgewirkt. Die flächendeckende Todesangst vor dem Virus hat das Wirtschaften weitgehend paralysiert und lange gewachsene Strukturen der Arbeitsteilung zerstört. Anstelle einer rationalen und kritischen Evaluation der Antworten auf die Furcht erhebt offenbar schon die nächste Massenpanik ihr schreckliches Gesicht: Millionen oder gar Milliarden Menschen glauben inzwischen ernsthaft, dass der Planet stürbe, reduzierten wir nicht sofort unsere effektive Energieerzeugung. In dieser eigenwilligen Lage bewegen mich zum Jahresbeginn 2023 wesentlich drei Themen: das politisch handelnde Personal, die in Aussicht genommenen Maßnahmen zur Krisenbewältigung und der nach Orientierung suchende historische Rückblick.

In schwierigen Lagen wird man sich gemeinhin erhoffen, die Hilfe von möglichst begabten und erfahrenen Menschen zu finden. Der Kranke wünscht sich einen guten Arzt, der Flugpassagier im Sturm einen kenntnisreichen Piloten, der Eilige im Taxi einen pfiffigen Chauffeur und der Frierende einen ausdauernden Heizungsmonteur. Qualitätsbewusstsein, Wissen, Kreativität und Beharrlichkeit in der Bewältigung von Aufgaben sind Tugenden, die erfolgreiche Menschen üblicherweise kennzeichnen. Ihr Erfolg basiert auf Neugier und Durchhaltevermögen in der Ausbildung, Standfestigkeit bei Prüfungen, Selbstdisziplin bei der Arbeit und Frustrationstoleranz gegenüber Rückschlägen. Ein guter Arzt macht sich und anderen keine Illusionen über die Lage. Ein verantwortlicher Pilot sorgt für genug Treibstoff, um auch in ungeplanten Situationen noch sicher einen Flugplatz ansteuern zu können. Ein umsichtiger Taxifahrer kennt Abkürzungen und Ausweichstraßen. Ein verantwortungsbewusster Monteur bleibt bei der Arbeit, bis sie getan ist.

Blickt man demgegenüber heute auf das Personal unserer staatlichen, namentlich politischen Institutionen, sind Zweifel angebracht, ob es diesen Anforderungen an professionelle Exzellenz entspricht. Es dominiert dort allem Anschein nach im Gegenteil eher der Typus des Berufsversagers. Menschen mit abgebrochenen Ausbildungen bekleiden höchste Staatsämter. Auch jenseits der formalen Ausbildungsabschlüsse haben viele sich nicht einmal hilfsweise anderweitige Expertise angeeignet. Denn wer im Austausch mit anderen schon die grundlegenden kommunikativen und formalsprachlichen Regeln nicht verlässlich beherrscht, der gibt schnell Anlass zu der Vermutung, auch inhaltlich keinen gewinnbringenden Beitrag leisten zu können. Was nämlich könnte die Annahme rechtfertigen, dass einer, der sich nicht der Mühe unterzogen hat, fehlerfrei sprechen und schreiben zu können, auf einem anderen Gebiet plötzlich doch überraschende, sachlich tragfähige Kenntnisse erworben hätte? Wie aber soll einer, der offenbar nicht rechnen kann und der augenscheinlich auch an Rechtschreibung und Grammatik scheitert, hochkomplexe technische oder volkswirtschaftliche Konstellationen entschlüsseln und bewerten können? Wer zudem nicht über die emotionale Belastbarkeit verfügt, anderen zuhören zu können und sich konzentriert mit deren Argumenten auseinanderzusetzen, sondern sich stattdessen in thematisch abirrende Felder flüchtet und zur Lösung seiner Aufgaben auf Intrigen zurückgreift, der sät auch noch Zweifel an seiner charakterlichen Eignung zur gedeihlichen Kooperation. Wahrscheinlich wird er nicht einmal hinreichend resilient sein, sich den in Staatsämter stets drohenden Einflüsterungen anderer zu widersetzen. Gesamthaft bereitet ein Tableau von Laien im politischen Betrieb eines allgegenwärtigen Staatsapparates also deutlich Sorge.

Diese Sorge wird nicht kleiner, betrachtet man das Handlungs- und Maßnahmenprogramm, das jene Akteure sich für die nächste Zukunft bereitgelegt haben oder das ihnen zusätzlich durch die vorgegebenen wie auch die selbstverursachten Umstände abverlangt wird. Jeder Handwerker, jeder Ingenieur und jeder Arzt weiß, dass man sich bei der Suche nach der Fehlfunktion eines komplexen Systems in kleinsten korrigierenden und erkenntnisschaffenden Schritten voranbewegen muss, um den bestmöglichen Überblick über die Konsequenzen der Änderung jedes einzelnen Faktors zu gewinnen. Die gleichzeitige Modifikation mehrerer Parameter fördert dort üblicherweise keine Erkenntnisse zutage, sondern führt nur in neue chaotische Unübersichtlichkeiten. Die Hoffnung, bei unkoordinierten und unbedachten Handlungseingriffen in ein System per Zufall neue Erkenntnisse zu gewinnen, ist regelhaft unbegründet. Trotz dieser elementaren methodischen Grundlage alles rationalen Vorgehens unternehmen es aktuell überall auf der Welt politische Akteure, hochkomplexe und in Wahrheit noch unverstandene Strukturen maßgeblich zu ändern. Jahrtausendealtes menschliches Orientierungswissen wird leichthin für überholt erklärt, Kooperationsregeln werden ungeprüft verändert und an die Stelle primär demütigen Hineinhorchens in die Realität treten unerprobte, hypothetisch erdachte Modelle, die zur Grundlage für resolute Änderungen der Lebenswirklichkeit von Millionen von Menschen genommen werden. Das Fortschrittsparadigma der Moderne, rational Neues zu entdecken, ist offenbar spätestens im Zuge des Narrativs von der Corona-Pandemie ebenso stillschweigend wie resolut in ein postmodernes Übereilungsmuster umgeschrieben worden: Die Gefahr sei zu groß, um erst einmal über die sachlich richtigen Schritte zu ihrer Beherrschung nachzudenken. Nicht der Verstand soll also mehr die Rettung bringen, sondern das Ausleben des Angstgefühls. Der Fluchttierinstinkt ist somit zum beherrschenden Leitmotiv der kontemporären Weltangstüberwinder erstarkt.

Damit wendet sich der Blick des zaudernden Skeptikers zurück in die Geschichte: Was waren die Charakteristika vorangegangener Epochen dieser Art, die sich selbst als „Zeitenwenden“ begreifen wollten? Wodurch waren Perioden der Auflösung des Hergebrachten und der Trennung von Bekanntem bislang gekennzeichnet? Was prägte Phasen der solchermaßen erneuernden Generalmobilmachung gegen das gegeben Vorgefundene?

Die Jahreszahl 2023 nötigt den Betrachter ungewollt, auf das Jahr 1923 zurückzublicken. Auch vor hundert Jahren gab es inmitten von Europa ein Inflationsproblem. Auch vor hundert Jahren standen Soldaten eines Landes auf dem Boden eines anderen Landes, weil man sich nicht ohne Waffen einig wurde, wie die geschaffene Lage richtig zu bereinigen wäre. Auch vor hundert Jahren erwuchs in der Bevölkerung Unzufriedenheit mit den politischen Lösungsversuchen. Auch vor hundert Jahren setzte namentlich in Deutschland eine hektische Suche nach Auswegen aus dem politischen Chaos an. Auffällig ist, dass wir damals wie heute keinen formalisierten Prozess zur Bereinigung solcher politischen Missempfindungen sehen. Das kollektive Abstandnehmen von Fehlentwicklungen im Großen erscheint heute im Vergleich zu 1923 sogar noch weiter erschwert. Namentlich eine Sezession als Bedingung der Möglichkeit, andere Wege zu gehen, um bessere Lösungen zu suchen, wird durch die Europäische Union und ihre immer weitergetriebene Vernähung der Staaten ineinander deutlich verkompliziert. Die Empirie des Brexits verdeutlicht, welches Reibungspotenzial aus Abstandnahmen dieser Art erwachsen kann.

Aber nicht nur der in einem Jahrhundertschritt haltsuchende Blick zum potenziellen Erkenntnisgewinn aus der Geschichte stößt auf Abschreckendes. Der geradezu blindwütige Plan der heute in Berlin regierenden Politiker, mit Deutschland das geographisch zentralste und an Einwohnern größte Land aus der etablierten europäischen Energieerzeugung herauszulösen und damit alle Europäer faktisch in das fragwürdige Abenteuer einer erträumten Dekarbonisierung zu nötigen, muss gleichsam sprachlos machen. Ein solcher primär angstgetriebener Schritt nach vorn trägt in sich mindestens dasselbe gesellschaftliche und Strukturen bedrohende Destruktionspotenzial, das in Maos „Großem Schritt nach vorn“ bekanntermaßen Abermillionen von Menschenleben gefordert hat: Wo Politik ohne Rücksicht auf Realitäten eigene Traumvorstellungen gewaltsam faktisch herbeizuzwingen versucht, da droht Ungemach. Glaubt wirklich irgendjemand, die Silvesterbilder aus Neukölln würden sich nicht sofort und dauerhaft wiederholen, fiele auch nur einmal dort der Strom aus? Glaubt wirklich irgendjemand, die inzwischen in dieses Land implementierten Gewaltpotenziale ließen sich noch dadurch einhegen, dass man irgendjemandem verbietet, eine Feuerwerksrakete zu erwerben? Glaubt wirklich irgendjemand, man könne die Gesamtstruktur des weltweiten menschlichen Wirtschaftens durch monetäre und digitale Manipulationen, mit medialem Angst- und Hoffnungsstupsen, durch infrastrukturelles Herauswürgen des Lebens aus den Innenstädten und mit postfaktischer Logik bruchlos in eine grüne Zukunft nötigen? Man darf die zerstörerischen Kräfte solcher neoreligiösen Anmaßungen nicht unterschätzen. Sprechen wir es aus: Menschen ohne hinreichende Qualifikation versuchen das Unmögliche. Ihre Borniertheit greift nach den Sternen. Die geschichtliche Erfahrung der Menschheit zeigt, dass daraus nichts Gutes entstehen kann.

Bei all den Jahreszahlen, mit denen die gegenwärtige politische Weltdiskussion geführt wird, sei es das Agendajahr 2030, das Dekarbonisierungsjahr 2050 oder der Klimateufel an der 2100er Wand: Was 2023 so besonders macht, ist nicht nur die Beobachtung, dass sich der deutsche Gesetzgeber schon im Jahre 2019 für die Zeit nach dem 1. Januar 2024 große Pläne niedergeschrieben hatte. Mich persönlich beschäftigt eine viel kleinere konkrete Beobachtung, die ich in den ersten Wochen nach Proklamation der Pandemie durch die Weltgesundheitsorganisation am 11. März 2020 machte. Einer von denen, die im Oktober 2019 offenbar ahnten, dass die Ausrufung einer Corona-Pandemie unmittelbar bevorstehe und der sich deshalb am 18. Oktober 2019 an dem Planspiel „Event 201“ über eine fiktive globale Corona-Pandemie in New York beteiligte, war der „head of crisis“ der deutschen Lufthansa, Martin Knuchel. Meine Annahme war, er werde daher nur folgerichtig seine herausragenden Sonderkenntnisse aus jenem Event über die prospektive weitere Entwicklung der Lage auch in die eigene Organisation einfließen lassen. Und tatsächlich: Die Befragung von mir bekannten Lufthansa-Beschäftigten in Deutschland ergab, dass man ihnen dort schon in der Frühphase der „Pandemie“, als mancher noch proklamierte, es würden hier nur rasch Kurven abgeflacht, erklärte, das Leben werde „erst im Jahr 2024 wieder normal weitergehen“.

Was also passiert in den heute noch bleibenden 360 Tagen dieses jungen Jahres? Die Dreiheit aus dem Kompetenzpotenzial der Akteure, dem Herausforderungstableau und der historischen Erfahrung lassen Gutes kaum erwarten.


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