22. Januar 2023

China: Ausblick 2023 Neues Jahr – neues Glück?

Heute ist der Neujahrstag des chinesischen Mondkalenders

von Stephan Unruh

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Bildquelle: Siam Vector / Shutterstock 2023 ist das Jahr des Hasen: Er steht für Frieden und Wohlstand

Wären nicht die Masken, die alle Reisenden im Zug tragen müssen, könnte ich schreiben, dass China komplett zur Normalität zurückgekommen ist. Wie jeder gute Chinese machte auch mich auf, über Chunjie, dem chinesischen Frühlingsfest, die Familie (also die meiner Frau) im Heimatdorf zu besuchen. In meinem Fall ist das eine Kleinstadt mit 4,5 Millionen Einwohnern im Südwesten Chinas. Die Reise in die knapp vier Stunden entfernte Provinz war völlig entspannt – kein QR-Code, kein PCR-Test, keine An- und/oder Abmeldung irgendwo. Stattdessen konnte ich einfach online eine Fahrkarte kaufen, wobei ich nicht einmal mehr die physische Karte am Schalter abholen musste. Seit einiger Zeit können auch Ausländer ohne jeden weiteren Papierkram einchecken, indem sie einfach nur den Pass einmal über den Eingangsscanner ziehen. Das Erste-Klasse-Abteil hatte ich dann komplett für mich alleine – knapp 40 Euro für eine vierstündige Fahrt, die erst einen Tag zuvor gebucht worden war und selbstverständlich pünktlich losging.

Aufgrund der Familienkonstellation bei meiner Ehefrau (die Eltern geschieden, ihr Vater neu verheiratet) ist das Neujahrsprozedere vielleicht noch etwas komplexer und komplizierter als bei „normalen“ Familien, aber jenseits davon, wer wann wie wo besucht oder getroffen werden muss, ist es am Ende dann doch ähnlich wie bei allen derartigen Festivitäten, egal auf welchem Erdteil: Die Tage sind vor allem mit viel Essen und Trinken ausgefüllt, es wird sicherlich einige innerfamiliäre Reibungen geben, die Kinder werden mit zahlreichen Geschenken bedacht (zentraler Aspekt dabei sind die roten, mit Geld gefüllten Umschläge), und in der Provinz wird es auch während den ganzen 14 Tage, die das Frühlingsfest dauert, kräftiges Feuerwerk geben. Bereits jetzt knallt es in den Straßen beeindruckend laut.

Mit mir wird die Verwandtschaft natürlich nicht nur intensiv trinken, sondern währenddessen auch intensiv diskutieren wollen. Über Politik im Allgemeinen, das Verhältnis Ost und West, was ich von China denke und wie ich die Aussichten einschätze. Das Gros meiner angeheirateten Verwandtschaft und der Chinesen insgesamt sieht China dabei trotz allem auf einem guten Wege und hat längst vergessen, was die Partei dem eigenen Volk angetan hat. 40 Jahre Aufschwung und der damit einhergehende deutlich sichtbare und gewachsene Wohlstand prägen verständlicherweise die Sicht der Dinge – und auch das Selbst- und Nationalbewusstsein der Chinesen.

Die meisten Verwandten und Bekannten zählen auch eindeutig zu den Gewinnern der Deng’schen Reformen – tatsächlich gab es dabei ohnehin kaum Verlierer, vielmehr lieferten sie den beeindruckenden Beweis dafür, was möglich ist, wenn eine Regierung peu à peu mehr Freiheit und mehr Markt zulässt. Für meine Frau ist das dann immer eine Herausforderung, denn sie hat die meisten „Pinkies“ gefressen. Pinkies werden hier die unbedingten Unterstützer der Kommunistischen Partei Chinas genannt, weil sie einerseits tiefrot sind, andererseits aber eben auch genauso klein und unbedeutend wie der „Pinky“, also der kleine Finger.

Wer Dinge etwas anders sieht (wie beispielsweise meine Frau), hat dann einen schweren Stand – insbesondere bei Familienfeiern. Weshalb sie die politischen Themen eben meist vermeidet. Ich kann mich dabei aber eher schlecht herausreden. Tatsächlich bin ich weit weniger optimistisch als die Familie. Zwar gehe ich auch davon aus, dass China in 2023 eine deutlichere Erholung hinlegen wird, aber die letzten drei Jahre haben beträchtlich mehr Menschen viel mehr materielles und immaterielles Kapital gekostet, als sich das die Parteioberen eingestehen wollen. Einfach so aus dem Stand wieder Vollgas zu geben, werden viele schlicht nicht schaffen.

Zudem findet die so viel beschworene Entkoppelung tatsächlich statt – Covid hat viele Unternehmen gelehrt, dass sie ihre Produktion auf eine breitere Basis stellen müssen. Die Abhängigkeiten von China sind schlicht zu groß geworden. Die Japaner haben bereits vor knapp zwei Jahren damit begonnen, die Europäer ziehen nun nach, und die Situation zwischen China und den USA ist ohnehin schwierig. In jedem Fall sind die Unternehmen der Industriestaaten dabei, ihre Standorte zu diversifizieren: Südostasien, Südamerika und Ost-/Südosteuropa profitieren hier auf Kosten Chinas.

Auch treffen die Hightech-Sanktionen der USA das Reich der Mitte schwer (an Deutschland lief das Thema mangels größerer Halbleiterindustrie quasi komplett vorbei). De facto haben die Amerikaner Ende November China vom Zugriff auf High-End-Chips komplett abgeschnitten. Gerade im Halbleiterbereich ist ein eigenständiges Aufholen unglaublich schwierig und keineswegs nur davon abhängig, wie viel Geld in den Sektor gepumpt wird. Es hat seine Gründe, dass TSMC der führende Hableiterhersteller der Welt ist und Samsung, Intel & Co trotz Milliarden an eingesetzten Dollar nur die Rücklichter der Taiwanesen sehen. Auch die EU wird in den kommenden Jahren erfahren, dass man ein Solar- und Windkraftindustrie vielleicht per Knopfdruck und mit ein paar Milliarden Förderergeldern entstehen lassen kann, bei echtem Hightech wie Halbleitern die Sache aber etwas anders gelagert ist.

Das Sanktionsregime der USA hat die Situation in Bezug auf Taiwan übrigens ebenfalls verschärft. Ich werde in einer kommenden Kolumne dazu ausführlicher schreiben, aber kurz zusammengefasst: Wenn China keine Hochleistungschips aus Taiwan mehr bekommt, steigen die Chancen, dass man versuchen wird, sich diese mit Gewalt zu holen. Ein günstiger Zeitrahmen bietet sich etwa ab dem Jahr 2026, wenn die n

neue Großfabrik von TSMC in Arizona fertiggestellt sein wird und die dortige Produktion angelaufen ist.

Zu alldem gesellen sich dann auch noch die ungelöste Immobilienproblematik sowie die sich eintrübende Demographie. Wobei ich bei Letzterer bei Weitem nicht so pessimistisch bin wie zahlreiche westliche Kommentatoren. Ganz Ostasien ist mit diesem Problem konfrontiert und sucht meiner Meinung nach im Gegensatz zur EU und zu den USA die Lösung im richtigen Bereich, nämlich in der Technologie.

Alles in allem denke ich, dass China 2023 durchaus einen Aufschwung erleben wird und dass dieser vielleicht sogar kräftiger als erwartet ausfallen kann, aber das dieses Jahr eher eine Art Atemholen sein wird. Da die Chinesen zudem alle (naja, zumindest fast alle ;-) ) an Astrologie glauben, sei daran erinnert, dass auf den friedfertigen Hasen der energisch-ungeduldige Drache (2024), sein kleiner Bruder, die kühl kalkulierende Schlange (2025), und das impulsiv-aggressive Pferd (2026) folgen … auch die Sterne erwarten also mittelfristig eher unruhige Jahre.

Bis dahin aber haben wir noch Zeit und die sollten wir nutzen. In diesem Sinne also der klassische chinesische Neujahrsgruß: „Gong xi fa cai! (恭禧發財 bzw.恭禧发财 in „vereinfachtem“ Chinesisch) – Mögen Sie reich werden!“


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