09. Februar 2023

John C. Calhoun Ein furchtbarer Sklaventreiber, aber auch ein großer libertärer Vordenker

Freihandel. Minderheitenschutz. Sezession. Subsidiarität.

von André F. Lichtschlag

John C. Calhoun? Sie haben den Namen nie gehört? In den USA kennt den Mann mit dem stechenden Blick, dem überbreiten Kinn und den verwegenen Haaren jedes Schulkind, das in Geschichte ein wenig aufgepasst hat. Calhoun war der entscheidende Vordenker der Konföderation der Südstaaten. 

Der Philosoph und Politiker aus South Carolina, geboren am 18. März 1782, gestorben am 31. März 1850 und damit elf Jahre vor Ausbruch des Sezessionskriegs, war unter anderem von 1825 bis 1832 der siebte Vizepräsident der Vereinigten Staaten unter den Präsidenten John Quincy Adams und Andrew Jackson.

Wer heute über Calhoun berichtet, zumal in Deutschland, stellt meist dessen Haltung zur Sklaverei in den Vordergrund. Die war tatsächlich skandalös. Denn Calhoun erachtete die Leibeigenschaft nicht als „notwendiges moralisches Übel“, schon gar nicht verwarf oder bekämpfte er sie. Nein, er pries sie als „positives Gut“ und verteidigte sie moralisch vehement als Ausweis weißer Überlegenheit. Sklaverei führe die „Herren“ zu tugendhaftem und ehrenvollem Verhalten. Und die Sklaven selbst würden als solche besser behandelt denn als einfache Arbeiter. Denn auch im Alter oder mit Krankheit, so Calhoun, werde für Gebrechliche „in der Familie und unter der Obhut der entsprechend tugendhaften Herren“ sehr viel besser gesorgt. Tatsächlich allerdings ließ John C. Calhoun weglaufende eigene Sklaven besonders brutal hungern und danach auspeitschen – „um Wiederholungen zu verhindern“.

Es ist gut und richtig, auf diese – nicht allein aus heutiger Sicht – skandalösen Auffassungen hinzuweisen. Umso bemerkenswerter ist dann aber, wenn derselbe Finsterling in anderen philosophischen und politischen Fragen höchste moralische Prinzipien andachte.

So war Calhoun ein entschiedener Vordenker des Subsidiaritätsgedankens. Er verlangte so viel lokale Gemeindeautonomie wie irgend möglich. Selbst die kleinsten Dörfer sollten seiner Auffassung nach auch steuerlich fast vollständig autonom agieren können. Im größeren Verbund ging Calhoun noch weiter und verlangte weitgehende Minderheitenrechte. Denn Calhoun fürchtete immer und überall die „Tyrannei der Mehrheit“, wogegen jede Minderheit durch Abwehrrechte zu schützen sei. In den meisten Fällen müsse politisch einstimmig entschieden werden. Oder gar nicht!

Calhoun war davon überzeugt, dass eine zahlenmäßige Mehrheit einer Minderheit am Ende immer eine Form von demokratischem Despotismus aufzwinge, wenn nicht irgendein Weg gefunden werde, durch ein Veto die Zustimmung aller zu sichern.

Allerdings waren individuelle Rechte für Calhoun etwas, das man sich verdienen musste, nicht etwas, das von der Natur oder von Gott verliehen wurde. Jede Form des Sozialstaats anstelle freiwilliger Gaben und freien Austauschs lehnte Calhoun entschieden ab.

Calhoun war gegenüber Zöllen auch in Regierungsverantwortung skeptisch und ein unbedingter Verfechter des Freihandels. In einem Brief vom 24. März 1845 an die großen beiden Anführer der Manchesterliberalen Richard Cobden und William Bright schrieb er: „Ich betrachte den freien Handel als weitaus wichtigere Erwägung denn der bloßen kommerziellen Vorteile wegen, so groß sie auch sind. Meiner Meinung nach ist Freihandel schlicht die Sache der Zivilisation und des Friedens.“

1828 hatte Calhoun die Nullifikationsdoktrin aufgestellt, nach der die Bundesstaaten der USA das unumstößliche Recht hatten, Bundesgesetze nicht umzusetzen, die sie für mit der Verfassung der Vereinigten Staaten nicht vereinbar hielten. Er war davon überzeugt, dass die Bundesstaaten, die sich freiwillig zur Union zusammengeschlossen hatten, das letzte Wort in der Auslegung der Verfassung haben müssten und letztlich auch das unumstößliche Recht hätten, die Union wieder zu verlassen.

Calhoun starb mit 68 Jahren 1850 mit – so wird berichtet – prophetischen letzten Worten auf seinen Lippen: „Der Süden, der arme Süden!“ Der sollte tatsächlich in Schutt und Asche gelegt werden, als seine Politiker in Folge der politphilosophischen Vorgaben Calhouns die Probe aufs Exempel machten und eine Exit-Option wählten. Sie wurde vom Zentralstaat nicht gewährt. Knapp eine Million Menschen im Amerikanischen Bürgerkrieg mussten mit ihrem Leben teuer dafür bezahlen.

Immerhin wurden die Sklaven befreit. Calhoun war zu Kriegsende in seinen furchtbaren Fehlschlüssen postum genauso besiegt wie in seinen kühnen freiheitlichen Träumen.

Die Bilderstürmer im Geiste von Black Life Matter haben zuletzt einige Calhoun-Statuen in den USA mehr oder weniger dezent entfernt, Straßen und Plätze umbenannt. Aber ein Dutzend Städte und Gemeinden und noch mehr Schulen und Universitäten quer durch den weiten Süden der Vereinigten Staaten tragen immer noch den Namen Calhoun. Hunderte von Straßen, Plätzen und Denkmälern erinnern noch an jenen Mann, der nicht nur ein Verteidiger des „Eigentums“ von Menschen über Menschen war, sondern gleichzeitig auch ein entschiedener Vordenker der Unabhängigkeit und der Freiheit, fast schon ein Anarchokapitalist.


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