28. Februar 2023

Verschwörungstheorien Wem nützt es? – Und: Wer war es?

Ein besonderes Instrument im Kampf um die Meinungshoheit

von Andreas Tiedtke (Pausiert)

Der Fall Nord-Stream und der Journalist Seymour Hersh

Zum Zeitpunkt dieses Artikels ist die Frage noch immer offen, wer die Nord-Stream-Pipelines gesprengt hat. Populär wurde jüngst Seymour Hershs Artikel, nach welchem die USA und Norwegen verantwortlich dafür seien sollen. Beweisen kann er es aber nicht, denn eine anonyme Quelle ist kein „Strengbeweis“, wie eine Zeugen- oder Sachverständigenvernehmung, die Verlesung von Urkunden oder die Inaugenscheinnahme.

Die Berliner Zeitung berichtet, dem Generalbundesanwalt würden laut Justizministerium „keinerlei Erkenntnisse im Sinne der jüngsten Veröffentlichung des Journalisten Seymour Hersh vorliegen“. Der Kommentator des Handelsblattes Moritz Koch schreibt: Für „außenpolitische Querdenker“ sei Hershs Publikation ein „Festtag“ gewesen. Wobei der Kommentator interessanterweise selbst die Cui-bono-Frage stellt, also „Wem nützt es?“, und meint, dass seiner Meinung nach die gemäß Hershs Publikation in Frage kommenden Akteure keinerlei Nutzen von diesem Anschlag hätten. Die Süddeutsche Zeitung bringt schließlich mit ihrer Überschrift das argumentum ad hominem, wenn sie zu Seymour Hersh titelt: „Die Schattenseiten eines Star-Reporters“, in der Bildunterschrift unter Hershs Foto schreibt „Einsamer Wolf, der die Spur zu verlieren droht …“ und als Einstieg formuliert, dass seinen jüngsten Stücken „der Geruch der Konspiration“ anhafte.

Was Verschwörungstheorien nicht können

Wie bereits oben gesagt, führt eine Verschwörungstheorie noch nicht zur Aufklärung der Tat. Dazu müsste eine konkrete Verschwörung bewiesen werden, und das stellt sich als schwierig dar, da die Theoretiker meist nicht über die Mittel verfügen, die Ermittler oder Geheimdienste haben: Sie können niemanden als Zeugen vorladen und verhören, sie können keine Hausdurchsuchung durchführen, keine verdeckten Ermittler einsetzen und auch keine TKÜ (Telekommunikationsüberwachung). Und aus den Gerichtsprozessen wissen wir: Selbst wenn jemand über diese Ermittlungsmacht verfügt, können Zweifel an der Wahrheit der Aussagen von Zeugen bestehen, und auch bei Sachbeweisen beziehungsweise Indizien sind vielfach verschiedene Interpretationen möglich. Kann trotz aller Beweismittel ein Sachverhalt nicht mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden, bei dem die Tat nicht dem Angeklagten anzulasten wäre, gilt: In dubio pro reo, „im Zweifel für den Angeklagten“. Zudem wird dies natürlich von Menschen beurteilt, von Richtern, Schöffen oder Geschworenen, die sich auch irren können.

Auch wenn eine Verschwörungstheorie also plausibel ist, heißt das noch lange nicht, dass sie zutreffend ist. Wer vorschnell von einer zu seinen Einstellungen passenden Verschwörungstheorie zur Überzeugung von ihrer Wahrheit gelangt, dem kann allerdings entgegengehalten werden, dass er sich da etwas zurechtlegt, was ihm in den Kram passt.

Was Verschwörungstheorien können

Was eine Verschwörungstheorie möglicherweise kann, ist, Widersprüche in gängigen Narrativen offenzulegen. Der Verschwörungstheoretiker kann Sachbeweise oder Zeugenaussagen aufführen, die nicht zu den offiziellen Verlautbarungen passen. Er kann auch auf Denkfehler im herrschenden Narrativ hinweisen, also auf falsche Schlussfolgerungen. Und er kann – auch und gerade mit der Cui-bono-Frage – in eine Richtung weisen, wo Verdächtige zu suchen wären. Verdächtige sind aber keine Schuldigen.

Man stelle sich vor, Kriminologen oder Geheimdienst-Mitarbeiter würden „ins Blaue hinein“ ermitteln, also ohne sich die Frage zu stellen, wer von einer bestimmten Tat oder einem herbeigeführten Vorfall profitiert? Man fragt also, wem es nütze, interpretiert Sachbeweise, Zeugenaussagen, Widersprüche und so weiter, im besten Falle nicht, um eine vorgefertigte Wahrheit zu untermauern oder ein Vorurteil zu bestätigen, sondern zunächst, um herauszufinden, in welche Richtung es sich lohnt, nachzuforschen. Eine Verschwörungstheorie könnte also dazu führen, dass man einem begründeten Verdacht nachgeht, aber sie klärt die Sache selbst nicht vollständig auf.

Schmähbegriff „Verschwörungstheoretiker“. Psychologische Implikationen

Heute werden die Begriffe „Verschwörungstheoretiker“ oder „Verschwörungstheorie“ nicht nur abwertend genutzt, sondern es wird zuweilen auch angedeutet, dass mit dem Betroffenen etwas nicht stimme, dass er „geistig nicht ganz zu Hause“ sei. Begriffe wie „Aluhut-Träger“, „Schwurbler“ oder „Querdenker“ weisen in diese Richtung. Das ist nicht ungeschickt, denn wer will schon, dass „die Öffentlichkeit“ denkt, mit ihm „stimme psychisch etwas nicht“? Und wenn einer erst einmal als Verschwörungstheoretiker gebrandmarkt ist, soll für die Öffentlichkeit klar sein, dass man alles, was von dieser Person kommt, sowieso nicht ernst zu nehmen braucht, sondern es vielmehr dem Wahn des Verschwörungstheoretikers entspringt.

Die Schmähung einer Hypothese als Verschwörungstheorie kann also genutzt werden, um den Blick in eine gewisse Richtung einzuschränken und damit auch dazu, ihn in eine andere Richtung zu lenken.

Nur „die anderen“ verschwören sich

Ein wenig Doppelmoral spielt allerdings wie so oft mit, denn in die Richtung „die anderen haben sich verschworen“, darf sehr wohl gedacht werden, also dass die Gegner einer bestimmten Regierung sich verschworen haben. So berichtete der Münchner Merkur bereits im Oktober letzten Jahres, dass ein „Großteil der westlichen Länder“ Russland hinter dem Sabotageakt auf die Nord-Stream-Pipelines „vermutet“. Die Cui-bono-Frage beantwortet das Blatt, indem es darauf hinweist, dass es nützlich sei, die Energieversorgung als Waffe der „hybriden Kriegsführung“ einzusetzen. Und in diesem Falle wird sogar jemand vom Merkur zitiert, der ansonsten der vermeintlich „schlimmsten“ Gruppe der Verschwörungstheoretiker zugeordnet würde, nämlich jemand, der bereits den Sprung von einer Verschwörungstheorie zu angeblich nahezu „sicherem Wissen“ gemacht hat. Ein Experte wird zitiert, der gemeint habe, es gebe „keine Zweifel: Russland muss hinter der Sabotage stecken.“

Und nach Medienberichten behauptete auch die russische Regierung, dass sie „wisse“, wer die Verschwörer seien, die den Anschlag auf die Pipelines durchgeführt hätten. Die russische Regierung habe behauptet, die britische Navy sei in die Planung der Nord-Stream-Anschläge involviert gewesen. Und auch die USA wurden laut Medienberichten seitens der russischen Regierung dieser Verschwörung bezichtigt.

Man glaubt also allgemein schon an Verschwörungen, so könnte man den Eindruck gewinnen, aber es sind immer nur die anderen, die sich verschwören, die Bösen. Die eigene Regierung, da können sich wohl alle Bürger jeweils sicher sein, würde sich niemals verschwören.

Keine Verschwörung, wenn es nicht geheim ist

Hingegen liegt keine Verschwörung vor, wenn politische Vorhaben nicht geheim im Hinterzimmer ausgeheckt werden, sondern wenn die Proponenten politischer Agenden diese offen verkünden, wie dies beispielsweise das „World Economic Forum“ (WEF) tut oder wie das auf Gipfeltreffen geschieht. Digitales Zentralbankgeld, digitaler Gesundheitsnachweis, „Public Private Partnership“ (Privatisierung von Gewinnen auf Kosten der Netto-Steuerzahler), Energiewende, „Zero-CO2“, „Zero-Covid“ et cetera sind keine Verschwörungen, sondern öffentlich propagierte Programme von Sonderinteressengruppen.

In meinem Artikel „Politik, wie wir sie heute kennen, ist keine wohlmeinende Veranstaltung“ begründe ich, dass die zeitgenössische Politik auch ohne „Verschwörungen“ eine „unfreundliche Veranstaltung bleibt“. „Wir brauchen auf solche Verschwörungstheorien aber gar nicht einzugehen, weil wir Politik, wie wir sie heute kennen und wie sie für jedermann sichtbar praktiziert wird, mit den Mitteln der Handlungslogik nüchtern analysieren können und zu dem Ergebnis gelangen, dass es a priori nicht freundliches, sondern feindliches Handeln ist.“

Fazit

Letztlich werden den meisten Menschen die Mittel fehlen, Verschwörungstheorien zu beweisen, auch wenn diese einen begründeten Verdacht für die These liefern mögen. Damit will ich niemanden davon abhalten, weiterhin auf Widersprüche, Denkfehler et cetera hinzuweisen, wenn er das möchte. Man kann damit zumindest ein etabliertes Narrativ ins Schwanken bringen. Aber selbst wenn man sagen kann, „so, wie es erzählt wurde, war es nicht“, bleibt doch offen und Spekulation, wie es wirklich war. Denn die meisten verfügen eben nicht über die notwendigen Machtmittel wie Verhöre, Durchsuchungen, Abhören et cetera, um einen Sachverhalt auszuforschen.

Was aber jeder kann und was sogar recht günstig ist, ist Denken. Mit Hilfe der Praxeologie (Handlungslogik) können wir Politik nicht nur verstehen, also unsere Beobachtungen der politischen Arena interpretieren, sondern wir können Politik a priori begreifen. Dazu ist nichts weiter nötig als der Gebrauch des schon mitgegebenen menschlichen Verstandes, dem die Struktur der Logik des Handelns bereits inhärent ist. Es sind keine besonderen Vorkenntnisse erforderlich. Im Gegenteil, „erworbene besondere Vorkenntnisse“ hindern einen manchmal eher daran, das Denken in die eigene Hand zu nehmen, sich also des „eigenen Verstandes“ zu bedienen, wie Immanuel Kant meinte.

„Disclaimer“

Zum Abschluss noch ein „Disclaimer“: Die Praxeologie, also die Handlungslogik, ist das nüchterne wertfreie Schließen aus der selbstevidenten Tatsache, dass der Mensch handelt. Wir können Handeln a priori danach kategorisieren, ob es sich bei zwischenmenschlichen Handlungen um feindliche, freundliche oder zumindest friedliche Handlungen handelt. Wann immer als Mittel Drohung oder Zwang eingesetzt werden, um eine Handlung oder Unterlassung eines anderen zu bewirken oder an dessen Besitz zu gelangen, liegt von vornherein (das heißt, wir müssen das nicht „testen“) eine feindliche Handlung vor, wenn der Betroffene sich selbst friedlich verhalten hat. Aus der Praxeologie folgt aber nicht, dass sich ein Mensch friedlich oder freundlich gegenüber seinen Mitmenschen verhalten „sollte“. Es gibt keine normative Wissenschaft, keine Wissenschaft von etwas, das sein sollte, bemerkte schon Ludwig von Mises. Und viele Menschen finden feindliches Handeln nicht immer verwerflich, im Gegenteil, sie wünschen sich und fordern ein, dass „Anordnungen von oben“ getroffen werden, von denen sie und / oder andere auf Kosten und zu Lasten Dritter profitieren.

Quellen:

How America Took Out The Nord Stream Pipeline (Seymour Hersh)

Nach Seymour Hershs Recherche: Das sagen deutsche Behörden zu Nord-Stream-Ermittlungen (Berliner Zeitung)

Warum die Sabotage-Verschwörung konstruiert ist (Handelsblatt)      

Nord Stream: Energieexperte sicher – Russland hat „Sprengstoff bereits beim Bau angebracht“ (Merkur)

Russia accuses UK navy personnel of blowing up Nord Stream gas pipelines (Al-Arabiya News)

Lawrow: USA direkt für Nord-Stream-Explosion verantwortlich (Berliner Zeitung)

Politik, wie wir sie heute kennen, ist keine wohlmeinende Veranstaltung (Misesde.org, Andreas Tiedtke)


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