13. Februar 2024

Populäre Irrtümer der Linken – und Neoliberalen „Es gibt keine Wahrheit“

Bei den Wissenschaften vom Handeln kommt es auf die Methode an

von Andreas Tiedtke (Pausiert)

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Bildquelle: Shutterstock Verbreitete Falschannahme: Wahrheit sei relativ oder subjektiv

Oftmals hörte ich schon: „Im Ergebnis stimme ich mit Ludwig von Mises ja überein, aber mit seiner Erkenntnistheorie komme ich irgendwie nicht klar.“ Ja, der Relativismus und der Empirismus sind tiefverwurzelt in den Haltungen der Menschen, sie wollen diese nicht aufgeben. Und Relativismus und Empirismus sind Teil des Problems, dass sich die Menschen nicht auf das Zielbild einer friedlichen Gesellschaft, die auf Freiwilligkeit aufbaut, einigen können. Es fehlt ihnen an der richtigen wissenschaftlichen Methode, um eine „Lösung“ des Problems des menschlichen Zusammenlebens zu finden. 

Relativismus

Der Relativismus ist an sich nur ein zunächst harmlos daherkommender performativer Widerspruch, also eine Aussage, die zu ihrem Aussageinhalt im Widerspruch steht, also „Unsinn“, um es platt zu formulieren. Denn die Aussage „Es gibt keine Wahrheit“, kann nach eigener Aussage ja nicht wahr sein. Ebenso die Aussage „Alles ist relativ“. Auf sich selbst angewendet kann die Aussage nicht wahr sein, weil sie ja relativ sein müsste, also eben keine Gewissheit.

Empirismus – mit Popper gegen Popper

Der Empirismus ist ein Pfeiler eines quasi-religiösen, heutzutage verbreiteten Szientismus. Die Idee ist, dass nur Wissenschaft sein kann, was sich anhand von Erfahrungen falsifizieren ließe. Berühmtes Beispiel ist die Annahme „Alle Schwäne sind weiß“, und dann findet man in Australien einen „schwarzen Schwan“ und die Hypothese ist falsifiziert, also als falsch erwiesen. Allerdings ist dies nur vorläufig der Fall, denn es könnten ja beispielsweise in Australien eingewanderte Neozoen aus Europa, also weiße Schwäne, die indigene Schwanenpopulation verdrängen oder sich genetisch bei der Fortpflanzung mit ihrer Farbgebung durchsetzen. Alles bleibt also vorläufig. Und die Idee ist, dass man durch fortgesetztes Testen der Wahrheit immer einen Schritt näherkommt.

In meinem Buch „Der Kompass zum lebendigen Leben“ schrieb ich:

„Dem Theoretiker Karl Popper (1902–1994) wird das Verdienst zugeschrieben, mit der Methode des ‚Falsifikationismus‘ definiert zu haben, was eine wissenschaftliche Hypothese (Annahme) ist und was ‚unwissenschaftlich‘ ist. Kurz zusammengefasst: Nur Aussagen, die sich [empirisch] als falsch herausstellen können, sind wissenschaftliche Aussagen.

Im Hinblick auf die Sozialwissenschaften, so Popper, seien solcherlei ‚wissenschaftliche‘ Hypothesen möglich, wenn sich die Annahmen als falsch herausstellen könnten. Bezogen auf die Voraussage des ‚Verlaufes der Geschichte‘ meint Popper, dass eine ‚wissenschaftliche‘ Überprüfung nicht möglich sei. Das leuchtet ein, weil historische Abläufe nicht widerholbar und komplex sind und deshalb nicht von jedermann jederzeit nach unpersönlichen (objektiven) Standards testbar sind.

Die Methode, mit der wir die Geschichte verstehen wollen, ist das ‚eigentümliche Verstehen‘, und ebenso ist dies die Methode, mit der wir die Zukunft einschätzen. Und das eigentümliche Verstehen enthält persönliche Bedeutsamkeitsurteile, die nicht testbar sind, also inter­subjektiv (zwischen verschiedenen Personen) nicht derart im Hinblick auf unpersön­liche (objektive) Standards überprüfbar, wie das beispielsweise die chemischen Eigen­schaften von Kupfer sind.

Der Ökonom Anthony de Jasay (1925–2019) kritisiert deshalb Popper, weil dieser meine, eine Annahme sei ebenso eine wissenschaftliche Hypothese wie die naturwissenschaftlichen Hypothesen, wenn sie den Bereich der Sozialwissenschaften betreffe und sie ‚stückweise‘ (‚piecemeal‘) auf ihre Falschheit hin überprüft werden könne. Popper lege sich nirgends dahingehend fest, was ‚stückweise‘ überprüfbar bedeute, dem Sinnzusammenhang könne man aber entnehmen, dass er meine, etwas sei ‚stückweise‘ überprüfbar, wenn es ‚testbar‘ sei. Es handelt sich dabei also um eine Tautologie, die in diesem Falle aber nicht informativ ist, sondern ein Zirkelschluss.

Der Gang der Geschichte sei nach Popper zwar nicht testbar, die Geschichte nicht ‚wissenschaftlich‘ voraussagbar, aber ‚Teile der Geschichte‘, soziale Phänomene, also etwa Arbeitslosigkeit oder wirtschaftliche Entwicklung, könnten theoretisch vorausgesagt werden, weil sich Aussagen hierüber als falsch herausstellen könnten. Aber jede Ist-Aussage ist ‚falsifizierbar‘; das macht sie jedoch noch nicht zu einer Aussage, die mit den Hypothesen der Naturwissenschaften auf ‚gleichem Niveau‘ ‚wissenschaftlich‘ wäre.

In der Folge von Poppers Erklärung der Wissenschaftlichkeit des Social Engineering (ingenieursmäßiges Steuern der Gesellschaft) meinen die Sozial- und Politikwissenschaftler, im Prinzip mit denselben wissenschaftlichen Methoden zu arbeiten wie die Naturwissenschaftler oder Mathematiker. Sie übersehen, dass die persönlichen Bedeutsamkeitsurteile, die sie verwenden, eben persönlich sind.“

Die Aussagen, nur Erfahrungswissenschaft sei „richtige Wissenschaft“ oder durch fortgesetztes Beobachten von Erfahrungsdaten gelange man zu immer „besserem Wissen“ sind indes selbst nicht empirisch testbar, lassen sich also durch das Beobachten von messbaren Daten der Erfahrungswelt nicht beweisen. Und es handelt sich auch nicht um apriorische Erkenntnis, wie in der Mathematik oder Handlungslogik, denn das Gegenteil oder etwas, das im Widerspruch zu diesen Aussagen steht, kann sehr wohl als wahr gedacht werden: „Auch andere Wissenschaften (das heißt die apriorischen Wissenschaften) als Erfahrungswissenschaften sind ‚richtige‘ Wissenschaften“, kann eben als wahr gedacht werden.

Das, was man euphemistisch „Social Engineering“ nennt, bezeichnete Ludwig von Mises (1881–1973) als Interventionismus, also das zwangs- und fallweise Eingreifen in den Markt und das Privatleben friedlicher Menschen. Und „zwangsweise“ heißt, dass mit der Anwendung von Zwang gedroht wird, falls der Betroffene nicht wie gefordert handelt. Dem Zielbild einer friedlichen Gesellschaft beruhend auf freiwilliger Kooperation kommt man mit „Social Engineering“ oder Interventionismus nicht näher, sondern man konterkariert es. Interventionismus führt in den „Sozialismus Deutscher Spielart“, wie Mises es nannte. Die Produktionsmittel werden zwar nicht verstaatlicht, aber es wird immer einengender angeordnet, wer, was, wann, wie und zu welchem Preis produziert und konsumiert. Ein Schlaraffenland für Etatisten und Kollektivisten: Jeder hat seinen Platz, es wird befohlen und gehorcht.

Wie „baut“ man ein Utopia? Praxeologie in der Architektur

Ludwig von Mises soll auf die sinngemäße Frage hin, was denn das Wichtigste an der Österreichischen Schule der Nationalökonomie sei, geantwortet haben: „Praxeologie“, also die Logik des menschlichen Handelns. Als das am besten ausgearbeitete Teilgebiet der Praxeologie bezeichnete Ludwig von Mises die Ökonomie, und mit meinem Buch „Der Kompass zum lebendigen Leben“ habe ich die Praxeologie auch für die anderen Wissenschaften vom menschlichen Handeln ausgearbeitet, insbesondere für die Psychologie, die Soziologie und die Politologie.

In seiner Masterarbeit in Architektur hat Henning Storch nun die Praxeologie auch für die Architektur entdeckt. Es ging um eine Bauidee für ein „Utopia“, und dabei stieß er auf das Problem, dass sich mit der gängigen Methode des eigentümlichen Verstehens, also persönliche Bedeutsamkeitsurteile in Bezug auf Erfahrungstatsachen, die komplexe historische Phänomene betreffen wie die menschliche Gesellschaft, kein Utopia finden lässt. Vielmehr waren die bisher als Utopien verkauften Gesellschaftsmodelle Dystopien.

Aus der Empirie der Utopie-Erzählungen, so Henning Storch sinngemäß, lässt sich per dialektischer Methode (eigentümliches Verstehen) keine Theorie für ein Utopia erschaffen. Man bliebe in einer „ewigen Schleife der Schärfung gefangen“, betrachte „immer neue Einzelfälle“, die den Kurs für eine allgemeine Formulierung geben sollen, die allgemeine Formulierung aber selbst verunmöglichen. „Für die positive Formulierung einer Theorie des Utopischen bedarf es einer Umkehrung der Methodik von der Induktion zur Deduktion und damit einer Umkehrung der Erkenntnisgrundlage von der Empirie zur Logik, genauer gesagt zur Logik des Handelns, der von Ludwig von Mises (1881–1973) begründeten Praxeologie.“

Und weiter:

„Die einzige Möglichkeit, ein universell gültiges utopisches Ideal zu etablieren, liegt darin, dass das anthropologische Handeln selbst als Ausgangspunkt gewählt wird. Anders ausgedrückt: Die einzige Utopie, die ohne Widersprüche sowohl mit ihren eigenen Idealen als auch mit dem menschlichen Handeln konkret werden kann, ist die Utopie des Handelns an sich. Nur diese Utopie lässt sich bauen.“

Und Henning Storch legt dar:

„Die logischen Schlussfolgerungen bezüglich des zwischenmenschlichen Handelns [sind] mit einzubeziehen. Menschliches Handeln ist stets zielbezogen. Das letzte Ziel des Handelns ist die Hebung des Status quo in einen subjektiven Status höherer Befriedigung. Da in einer Gemeinschaft von Menschen nur freiwilliges Handeln diesem Ziel für alle nachweisbar dient, steht das Pareto-positive (Win-win-Situationen) Handeln im Mittelpunkt des Utopischen. Kurzum:

Die konkrete Utopie liegt im friedlichen und freiwilligen Handeln!

Die konkrete Dystopie liegt im Pareto-unvergleichbaren (Win-lose-Situationen) Handeln, also wenn man Menschen, die sich selbst friedlich verhalten, zu einem bestimmten Handeln zwingt.“

Übrigens: Den Artikel Henning Storchs sowie seinen Comic „Atlantis Upcycling – Utopia in Wellen“, in dem er seine utopische Bauidee umsetzt, finden Sie unter diesem Artikel verlinkt.

Schlussbetrachtung und Ausblick

Der Satz „Es gibt keine Wahrheit“ und die Idee, durch ständiges empirisches Testen zu einer Theoriebildung in den Wissenschaften von der Gesellschaft zu gelangen, die aber letztlich nie endgültig sein kann, hängen eng miteinander zusammen. Die Methode des „eigentümlichen Verstehens“ ist zwar zur Theoriebildung ungeeignet, wie Mises nachgewiesen hat, aber gerade das macht sie so populär. Es ist kein Zufall, dass aus dem „Methodenstreit“ in der Nationalökonomie (Handlungslogik versus Empirismus) der Empirismus als Sieger hervorging, also das eigentümliche Verstehen, denn mit dieser Methode können unterschiedliche Experten zu unterschiedlichen Annahmen gelangen, ja zu sich widersprechenden, ohne dass man endgültig sagen kann, wer recht hätte – auch im Nachhinein nicht.

Das lässt sich politisch sehr gut instrumentalisieren. Man muss nur die „richtigen Experten“ auswählen oder die Projekte derjenigen Experten fördern, die – wie ihre bisherigen Arbeiten zeigen – zu den „richtigen“, also politisch gewünschten Annahmen führen.

So beschrieb der Ökonom und Historiker Antony C. Sutton (1925–2002), dass zeitgenössische amerikanische Colleges kollektivistisch ausgerichtet seien. Es gab zu Suttons Zeit nur einige wenige bekennende Vertreter der Österreichischen Schule der Nationalökonomie. Diese seien effektiv ausgesondert worden, so Sutton. „Selbst Ludwig von Mises, der unbestrittene Kopf dieser Schule, konnte keine feste Anstellung als Professor in den Vereinigten Staaten finden. So viel zum Thema akademische Freiheit in der Ökonomie.“

Der Satz „Es gibt keine Wahrheit“ und das Expertentum des szientistischen Empirismus öffnen einer Agenda der Anti-Aufklärung Tür und Tor. Danach steht nicht das selbstdenkende Individuum im Mittelpunkt, das mit eigenem Denken zu eigenen Erkenntnissen gelangt, sondern im Gegenteil: Eigenes Denken und Urteilen sind nicht nur unnötig, sondern erklärtermaßen sinnlos. Die Mottos lauten vielmehr: „Vertrauen Sie den Experten!“, „Folgen Sie der Wissenschaft!“ und „Glauben Sie amtlichen Quellen!“

So hält man die Menschen mit den Worten Immanuel Kants (1724–1804) in ihrer „Unmündigkeit“ gefangen. Und die Menschen schaffen es nicht, die Narrative, die man ihnen „eingepflanzt“ hat, durch eigenes Denken als unwahr zu entzaubern. Der Wissenschaftsphilosoph Michael Esfeld beschreibt in seinen Schriften sinngemäß die machtbegrenzende Wirkung der Vernunft. Werden die Menschen am Gebrauch ihrer Vernunft aber gehindert, so wird die Gesellschaft, werden die Menschen zu Spielbällen im Ränkespiel um die Macht, in einem „Game of Thrones“.

Es gilt also, die Menschen zu ermutigen, ihren eigenen Verstand zu gebrauchen. Die Praxeologie, die Logik des Handelns kann mit dem menschlichen Verstand vollständig begriffen werden. Bereits Dante Alighieri (1265–1321) erkannte die selbstevidente Grundannahme der Praxeologie am Anfang des 14. Jahrhunderts, dass der Mensch handelt, um zufriedener zu werden. Auch in Friedrich Schillers (1759–1805) „Ode an die Freude“ klingt dies an: „Freude trinken alle Wesen, an den Brüsten der Natur, alle Guten, alle Bösen folgen ihrer Rosenspur.“ Also nach der Zunahme der Freude und der Verminderung der Unzufriedenheit – danach strebt alles Handeln.

Wir müssen das Rad nicht neu erfinden. Wir können beharrlich weiter aufklären, vor allem auch die selbsternannten „Vormünder“, wie Kant meinte, die er warnte, dass sie dereinst selbst unter das Joch kommen würden, das sie mit ihren Herrschaftsnarrativen anderen auferlegen wollen. Denn im „Game of Thrones“, im Ränkespiel um die Macht ist man entweder Herrscher oder Beherrschter. Wer den „Ring der Macht“ hat, so lässt Richard Wagner (1813–1883) den Zwerg Alberich sagen, den „sehre die Sorge, und wer ihn nicht hat, den nage der Neid“; des Ringes Herr als des Ringes Knecht.

Keine erfreulichen Aussichten also für die Mächtigen selbst. Und so beklagte sich auch Johann Wolfgang von Goethes (1749–1832) Zauberlehrling, der versucht hatte, sich durch das Wort gefügige Wasserträger zu erschaffen: „Die ich rief die Geister, werd‘ ich nun nicht los.“ Dante beschrieb in seiner „Göttlichen Komödie“ allegorisch, in welchen seelischen „Höllenqualen“ sich die Mächtigen befinden, aber es wird nicht besser, wenn diese versuchen, ihre seelischen Qualen loszuwerden, indem sie andere unterdrücken. Im Gegenteil. Das mag das Symptom kurzfristig lindern, aber die Ursache ihrer Unzufriedenheit beseitigen sie dadurch nicht und das dicke Ende kommt bestimmt.

Wir können also im Hinblick auf das Zielbild einer friedlichen und freundlichen Gesellschaft auf einen beachtlichen Fundus von Wissen zurückgreifen, insbesondere auch auf die praxeologisch informierte Psychologie, die uns Antwort gibt auf die Fragen, wieso die Mächtigen machtbesessen sind und wieso die „Gestockholmten“ das Bedürfnis nach Selbstaufgabe und „Identifikation mit dem Aggressor“ haben. Hierzu verweise ich auf meine zwölfteilige Serie „Die Psychologie der Politik“, die hier bei den Freiheitsfunken erschienen ist (Link unter diesem Artikel).

Quellen:

Der Kompass zum lebendigen Leben (Andreas Tiedtke)

Utopia Now! Frieden und Freiwilligkeit als gesellschaftliche Zielbilder (Henning Storch)

Ich handle, also bin ich! (Zum Methodenstreit in der Volkswirtschaft, Thorsten Polleit)

America’s Secret Establishment (Antony C. Sutton)

Fiat-Geld und die Corona- und Klima-Politik: Die real existierende Postmoderne (Michael Esfeld)

Leben wir in einem aufgeklärten Zeitalter? – zu Immanuel Kants 218. Todestag (Andreas Tiedtke)

Die Psychologie der Politik. Wieso wollen die Menschen nicht in einer friedlichen Gesellschaft leben? (Artikel 1 von 12, Andreas Tiedtke)


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