09. März 2023 07:00

Gesprächskultur Der Incel-Indikator

Die Verhinderung des eigenen Wachstums aus Angst vor den Wachstumsschmerzen

von Monika Hausammann (Pausiert)

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„Incel“ ist ein Kunstwort, das aus den Wörtern „involuntary“ und „celibate“ – unfreiwillig zölibatär – zusammengesetzt ist und anfänglich für Frauen und Männer verwendet wurde, die aufgrund ihrer Schüchternheit keinen Partner fanden. Heute ist es ideologisch und politisch aufgeladen und steht für männlich, hässlich, rechts, konservativ, fortschritts- und frauenfeindlich. Wo man darüber stolpert, wird indes sehr rasch klar, dass die politische Aufladung nur ein Feigenblatt und das Wort bloß eine Beleidigung ist: Du bist zu blöd und zu hässlich, um eine Frau ins Bett zu kriegen. So weit, so Sandkasten und ohne jeden Wert als Indikator. Sieht man sich indes die „Diskussionen“ an, wo der Begriff Anwendung findet, dann ändert sich das, und er entpuppt sich sehr wohl als verwertbares Merkmal für einen bestimmten Zustand: Es wird nämlich bar jeden methodisch schlussfolgernden oder erörternden Werts zum reinen Selbstversicherungswort dessen, der ihn benutzt. Selbstversicherung sowohl in Bezug auf Inhaltskompetenz und in der Folge – da korrelierend – auch in Bezug auf die eigene Attraktivität. Anders gesagt: Wer andere Incels nennt, ist nicht an Herausforderung und an inhaltlichem Streit interessiert. Oder daran, etwas zu lernen. Er ist auf Rettungsmission seines Glauben-Wollens in Bezug auf den eigenen Marktwert. Denn nicht mal seines Glaubens scheint er sich sicher zu sein.

So weit, so banal. Jeder macht das. Man spielt das Unerwünschte, das, was das Selbstbild in ganz verschiedener Hinsicht gefährdet, und die Angst davor herunter und erhöht das Erhoffte und Erwünschte. Wenn ich in Bezug auf mein Körpergewicht in der Nähe der selbstgesetzten roten Linie herumschramme, kommt nach allem Herunterspielen irgendwann der Moment der Waage und ich muss in den Friss-die-Hälfte-Modus wechseln. Ab da heroisiere ich meine Anstrengungen ohne Verifizierung via Waage gnadenlos. Nach einem Tag schon fühle ich mich in olympischer Form; nach dem zweiten bin ich der personifizierte Heroin-Chic der 90er und am dritten Tag fange ich langsam an, mir Sorgen um meine Gesundheit infolge Mangelerscheinungen zu machen. Dabei weiß ich natürlich, dass dieses Gefühl in Zahlen sich zwischen 200 und 500 Gramm ausdrückt. Dennoch tue ich es jedes Mal: um die Befürchtung, es nicht zu schaffen, zu mit Jubelmeldungen an die eigene Adresse zu übertönen.

Und schon wieder: so weit, so banal. Die Sache ist aber nun die, dass dieser Mechanismus, so mein Eindruck, schleichend die ganz normale Diskussion verdrängt. Traf man vor fünf Jahren noch eher selten auf den Incel-Indikator, was ihm einen gewissen Yellow-Press-Unterhaltungswert beimaß, ist er heute oftmals das dominierende Element im Rahmen des Meinungsmarktes. Sobald die eigene Meinung auf- und angegriffen wird, schaltet man in den Djihad-Modus um. Der Meinungsstreit wird zum Glaubenskrieg. Es geht nicht länger darum, sich die andere Meinung anzuhören und nach dem Wie und Warum zu fragen, sondern nur noch darum, die eigene Glaubensgewissheit irgendwie heil durch den Kugelhagel inhaltlicher Gefährdungen zu bringen.

Natürlich ist auch das verständlich. Es fängt ja auch hier schon bei einem selber damit an, dass man es oft genug vorziehen würde, nur Artikel und Kommentare zu lesen, die die eigene Meinung bestätigen. Aber – und das merkt man eben auch – mit vom Gefühl gesteuertem, selektivem Wahrnehmen und Ausblenden kommt man nicht weiter. Weder inhaltlich noch menschlich. Man schärft seine Argumente nicht am anderen und enttarnt sie damit als reine Glaubensinhalte. Man wird auf diese Weise nie einen anderen überzeugen und erst recht selbst nicht überzeugt oder eines Besseren belehrt werden. Es ist im Grunde die Verhinderung des eigenen Wachstums aus Angst vor den Wachstumsschmerzen. Dass das Ganze mit einer unfasslichen Verrohung und Verarmung im Austausch und im Umgang mit sich selber einhergeht, versteht sich von selbst.

Warum ist das so? Warum werden mit einem Mal Meinungen zu Sachverhalten mit dem Gewicht letzter Gültigkeiten beladen? Warum empfindet man es als die Infragestellung des tiefsten Selbst, wenn doch nur die eigene Meinung zu Dingen außerhalb des Ichs infrage gestellt wird? Dies ist in meinen Augen die Frage, die jeder sich vorlegen und für sich selber beantworten sollte. Und es wird sich mit großer Wahrscheinlichkeit zeigen: Wo es in dieser Hinsicht hapert, da greift der Incel-Indikator. Wer demgegenüber ohne Selbstbetrügereien weiß, wer er ist, wer tief verankert und verwurzelt ist in dem Wissen um den eigenen unveräußerlichen und unverwechselbaren Wert, um sein Woher und Wohin und um Sinn und Richtung seines Weges in dieser Welt weiß, der wird jeder Diskussion, in der der Incel-Indikator ein Signal generiert, aus dem Weg gehen. Denn er weiß auch: Hier werden – politisch verbrämt – Gewissheiten verhandelt, die nur einer nur mit sich selbst und mit Gott verhandeln kann und die nie Gegenstand der Meinung anderer sein sollten.

Damit aber entstellt sich ein Merkmal unserer Zeit und damit der kulturmarxistischen Aushöhlung traditioneller Werte zur Kenntlichkeit: dass die Politik zum Religionsersatz geworden ist und der Glaube, von dem man glaubt, ihn nicht mehr zu brauchen, zu etwas, das unbemerkt von einem selbst seinen Halt und Grund nur im Äußeren, Politischen findet, an das man das eigene Wohl und Wehe kettet. Es ist im Grunde die alte Geschichte von der Kirche, die dem Staat ihr Kreuz leiht, und dem Staat, der der Kirche das Zepter leiht, damit jeder auf seiner Seite die fremde Macht zum eigenen Machtausbau missbrauchen kann. Nur dass es eben heute offenbar durch die Absage an jede Transzendenz auf der einen und die Moralisierung eines jeden Lebensbereichs und des Menschen selbst auf der anderen Seite bereits möglich ist, dass dieser Vorgang ohne äußere Insignien auskommt. Das Resultat bleibt dasselbe: Der Mensch wird zum Feind seinesgleichen und damit zum Knecht jener, die nur im Schatten eines solchen Krieges ihre Geschäfte machen können.


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