17. März 2023 13:00

Philosophie für Ärzte Nebenwirkungen und Mutmaßungen

Patient innen und Patient außen

von Carlos A. Gebauer (Pausiert)

von Carlos A. Gebauer (Pausiert) drucken

Unterteilt man die abendländische Philosophie in vier Hauptdisziplinen, lassen sich die Lehre vom Menschen, die Lehre vom Sein, die Lehre vom (richtigen) Handeln und die Lehre vom Erkennen unterscheiden. In meiner Weltsicht hat die letztere eine gewisse Vorrangstellung vor den drei anderen. Denn wenn man sich schon nicht darüber im Klaren ist, was man eigentlich erkennen zu können glaubt, dann muss man erst gar nicht damit anfangen, aus dem tatsächlich oder nur vermeintlich Erkannten irgendwelche Schlüsse zu ziehen.

Zu einer sauberen Analyse dessen, was man wissen kann, gehört die Abgrenzung zwischen den Dingen, die sich (nur) in meinem eigenen Kopf abspielen, und dem, was außerhalb dieses Kopfes der Fall ist. Ein konkreter Gegenstand in der Welt kann außerhalb meines Kopfes real sein und als solcher – auch für andere mehr oder minder deutlich erkennbar – benannt werden. Dieser eine Peter, dieser eine Hund, dieses eine Buch oder diese beiden Stühle lassen sich als existierende Gegenstände in der Welt beschreiben und zeigen. Anders hingegen verhält es sich mit Abstraktionen. Wer „die Gesellschaft“ sagt oder „der Staat“, wer von „den Frauen“ und „den Männern“ redet, wer „die Natur“ beschreibt oder „das Establishment“, der bezieht sich dabei – bewusst oder unbewusst – nicht auf reale Gegenstände in der Außenwelt, sondern er berichtet anderen von Ideen, die nur in seinem Kopf existieren. Denn die randbereichsunscharfen Begriffe, mit denen er sein Thema bezeichnet, haben kein konkretes Korrelat in der Realität. Der Sprecher kann in seine Vorstellungen alles einbeziehen, was er mag, er kann aber umgekehrt auch alles ausschließen, was ihm nicht gefällt. Wird ein solcher Redner beispielsweise dabei ertappt, eine offensichtlich widerlegbare These über „Politiker“ geäußert zu haben, kann er sich sofort gegen jedes Gegenbeispiel damit herausreden, in diesem Falle handele es sich nicht um einen Politiker in diesem Sinne, sondern um einen „Staatsmann“, für den natürlich anderes gelte.

Beginnt man, die eigene wie auch die Sprache der Mitmenschen auf diese Differenzierung hin zu betrachten, gewinnen das Denken und Reden erheblich an Präzision. Die Gegenstände der jeweiligen Erkenntnis, mit der man sich beschäftigt, erhalten einen je eigenen Heimatort. Manches ist im Kopf, anderes ist in der Welt.

Was auf diesen ersten Blick als eine nette, aber vielleicht nur irrelevante gedankliche Spielerei erscheint, hat auf den zweiten Blick ungeheuerliche Konsequenzen. Ein Arzt beispielsweise kann sich bewusst machen, dass der Wille seines Patienten A in dessen Kopf gebildet wird, der mutmaßliche Wille eines anderen (bewusstlosen) Patienten B hingegen nur im eigenen Kopf des Arztes selbst konturiert wird. Mutmaßungen haben ihren Ursprung nirgendwo sonst als im eigenen Hirn des Mutmaßenden. Hat man das verinnerlicht, wird man defensiver in der Zuschreibung von Willensrichtungen für andere.

Die Welt der Gedanken und ihrer Benennungen ist voll von solchen Überraschungen: Wer auf ein Insekt zeigt und es als „Ungeziefer“ verstanden wissen will, der spricht nicht über das Wesen vor seinen Augen, sondern über seine eigene Vorstellung von ihm: Ob ein Tier ein „Schädling“ oder ein „Nützling“ ist, entscheidet sich nicht in der realen Außenwelt, sondern im Kopf des Betrachters.

Dies vorausgeschickt, erhellt sich, was die Rede von einem „nebenwirkungsfreien Medikament“ in ihrem Kern ist: Sie ist das Sprechen über den Unterschied zwischen Wirkungen und Nebenwirkungen. Ob eine Wirkung aber eine (gewollte) Hauptwirkung oder eine (ungewollte) Nebenwirkung ist, entscheidet sich nicht da draußen in der realen Welt, sondern nur im Kopf des Betrachters. Wer einen anderen Menschen töten will, für den spielt es keine Rolle, dass er ihn dazu auch an seinem Körper verletzten muss: Der Tod ist die hauptsächlich gewollte Wirkung, die Verletzung des Körpers nur eine irrelevante Nebenwirkung der Tötungshandlung. Gleiches gilt umgekehrt für die Heilung eines Menschen: Der Chirurg will die Gesundung bewirken. Dass der Patient dazu erst einmal bluten muss, ist eine unvermeidliche Nebenwirkung des ärztlichen Schneidens.

Wo immer Menschen handeln, bewirken sie Kausalketten in der objektiven Welt. Manche der Folgen ihres Handelns mögen und schätzen sie, andere nehmen sie missmutig zur Kenntnis oder übersehen sie. Bei alledem sind Nebenwirkungen vor allem eines: Wirkungen. Ob man sie mit der eigenen Handlung anstrebt oder nicht, ob man sie beabsichtigt oder nicht, entscheidet sich im eigenen planenden und hoffenden Kopf.

Für den therapierenden Arzte bedeutet dies: Er muss die Wirkungen auf ihr Gewolltsein und ihr Ungewolltsein mit dem Patienten erörtern, um Hauptwirkungen von Nebenwirkungen mit diesem übereinstimmend zu klären. Kennt der Arzt das Wirkspektrum seiner Handlungen noch nicht, weil es mangels vorgängiger Erfahrungen nicht abschätzbar und also nicht beschreibbar ist, lässt sich weder zu den Wirkungen noch zu den Nebenwirkungen etwas für andere Menschen Relevantes sagen.

In der Regel mutmaßen Patienten, dass ihre Ärzte wissen, was sie tun und was sie bewirken. Aber auch diese Mutmaßung findet oft nur im Kopf des Patienten statt und hat kein Korrelat in der Realität. In diesen Fällen ist der anschließende Streit über die Frage von Wirkung und Nebenwirkung vorprogrammiert. Ihn zu entscheiden ist eine Sache der Juristerei. Und die ist bekanntlich nur eine Unterdisziplin der praxeologischen Ethik. Gut also, wenn Juristen ihre erkenntnistheoretische Propädeutik sorgsam absolviert haben.


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