25. April 2023 14:00

Wege aus der Staatsschule Gibt es Chancen für die Schulbildung?

Ein paar ergänzende Gedanken zu vorangegangenen Kolumnen

von Christian Paulwitz

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Beim Lesen der Beiträge meiner beiden Autoren-Kollegen ist mir wieder bewusst geworden, wie tief der Bruch im schulischen Bildungsweg mittlerweile vorangeschritten ist – teilweise habe ich es ja auch bei meinen mittlerweile der Schule entwachsenen Kindern beobachten können, auch wenn wir nach Nischen gesucht haben. Philipp A. Mende schrieb letzte Woche gar, er könne sich nicht an einen einzigen Lehrer seiner Schulzeit der 90er Jahre erinnern, der bezüglich irgendeines „gerade angesagten und politisch gewollten Angstprogramms“ kritisch oder gar anderer Auffassung gewesen wäre; während Oliver Gorus, dessen Schulzeit etwa 10 Jahre früher war und etwa auch zu meiner Schulzeit stattgefunden haben muss, in einem Beitrag zuvor noch Ausnahmen im Indoktrinationssystem feststellte. Wer so wie ich von Beginn bis Ende der 80er Jahre in die Schule gegangen ist, konnte mit etwas Glück zwei Lehrergenerationen erleben, die unterschiedlicher geprägt nicht hätten sein können.

Abseits jedes systemischen Schulansatzes konnte allein dies eine befruchtende Wirkung auf die Schüler haben, wie sie heute in der Tat kaum noch vorstellbar sein mögen. Es gab aber auch große Unterschiede zwischen den Schulen, was man bei der Reflexion persönlicher Erfahrungen nie vergessen sollte. Mein Physiklehrer im Abiturjahr hatte mal eine schwache Minute, in der er, der von einer hessischen Schule gekommen war, erzählte, wie wohl er sich jetzt an dieser Schule in einer verschnarchten bayerischen Kleinstadt fühle, während er früher Geschichten erlebt hatte, wie mal ein Schüler mit einem Hammer auf den Schuldirektor losgegangen war oder ein Lehrer von zwei kräftigen Oberstufenschülern einfach mal festgenommen und vor die Tür gesetzt wurde.

Einzelne alte Lehrer, die in der ersten Hälfte der 80er Jahre kurz vor dem Ruhestand standen, kamen etwa aus der Flakhelfer-Generation, hatten also den Zweiten Weltkrieg zum Ende hin noch ziemlich bewusst und intensiv erlebt und hatten nach dem Krieg nicht selten ungerade Lebensläufe mit großen Hürden, die zu überwinden waren. Generell waren die älteren Lehrer auch typischerweise diejenigen, die für ihre Fächer gebrannt hatten. Manch einer hätte vielleicht gerne eine andere, wissenschaftlichere Karriere eingeschlagen, aber der Lebensweg ist anders verlaufen und er hat als Lehrer genügend Freiraum gefunden, seinen Interessen privat noch nachzugehen, während er in der Schule so gut es ging versucht hat, bei dem einen oder anderen Schüler ein Feuer zu entfachen. Was die politischen Moden betrifft, hatte ich bei den fachlich geprägten Lehrern den Eindruck, dass sie sie einfach nicht interessiert hatten. Sie haben das nicht als Teil ihrer Arbeit gesehen und daher spielten sie im Unterricht keine Rolle. Es gab Persönlichkeiten mit Ausstrahlung, bei denen sich der Blödsinn, den Jugendliche so im Kopf haben, von selbst begrenzte, weil er gar nicht denkbar war.

Eine besondere Insel war der Lateinunterricht. Latein ist ein Dissidentenfach (gewesen?), in dem über Demokratie oder die Entwicklung einer Gesellschaft in die Dekadenz und ihren Untergang, nicht zuletzt, weil man nicht mehr zur eigenen Leistung bereit war, sondern sich auf die Frondienste anderer Stämme und Völker stützte, nahezu völlig frei gesprochen werden konnte, solange es das römische Imperium betraf. Die Zerstörung des Geldes war leider nach meiner Erinnerung kein Thema, sonst hätte mich das vielleicht schon früher auf die Spur gebracht. Ich bin mir fast sicher, dass der Kriegszug, den der bayerische Ministerpräsident Stoiber um die Jahrtausendwende gegen den Lateinunterricht führte, das Ziel hatte, die Konformität der Lehrerkollegien an den Gymnasien zu erhöhen. Es ist sicher gelungen. Neben der geistigen Freiheit war Latein für mich die Logikschule, die mich neben Mathematik für mein späteres Ingenieurstudium vorbereitet hat.

Die gerade sich etablierende Generation von Lehrern, die ihre Referendarszeit hinter sich hatte und nun in die Positionen strebte, war geprägt von den 1968er Studentenunruhen. Diskutieren war angesagt, aber – anders als heute – waren unterschiedliche Standpunkte willkommen, auch wenn der Zeitgeist an den Schulen längst links war; auch an meiner Schule im allerkatholischsten bayerischen Eichstätt, wo man ziemlich brav war und Rauschgift nur aus der Thematisierung und den Warnungen im Unterricht kannte. Als Schüler hatten wir Respekt vor den Lehrern, die für ihre Fächer gebrannt hatten – sie haben durch ihr Beispiel motiviert und Interesse geweckt. Die Diskussionslehrer wurden eher belächelt. Ich erinnere mich an eine Diskussion im Deutschunterricht, da dürfte ich so etwa 16 oder 17 Jahre alt gewesen sein, wo es um die Zukunft des geteilten Deutschlands ging.

Ich vertrat – natürlich als Einziger – die völlig verschrobene und abwegige Auffassung, dass einmal die Grenze zwischen BRD und DDR fallen werde, weil sie eine unnatürliche Trennung vollziehe. Ich bestand darauf, auch wenn ich im Laufe der Diskussion zugestand, dass ich keine Vorstellung vom zeitlichen Horizont habe. Auf der anderen Seite, unter Beteiligung von vielleicht vier oder fünf Schülern (die Mehrheit schweigt immer und will ihre Ruhe haben), gab es keine Zugeständnisse: Man müsse doch die Realitäten anerkennen, das war der Spruch zur Einforderung der Konformität. – Das kam von den Mitschülern, nicht vom Lehrer. Der sagte mir später, dass er sich gefreut habe, dass ich meinen Standpunkt vertreten habe und dadurch eine kontroverse Diskussion zustande kam – auch wenn er durchblicken ließ, dass er anderer Ansicht sei als ich. Es war eine völlig andere Zeit als heute. Drei oder vier Jahre später fiel die Mauer.

Ich erinnere mich deshalb so gut an diese Geschichte, weil sie mich damals sehr irritiert hat. Nicht weil ich eine Außenseitermeinung hatte, sondern weil ihr so unbedingt entgegengetreten wurde, obwohl sie eigentlich völlig unbedeutend und belanglos war. In einer konstruktiven Diskussion bemüht man sich ja, den Punkt der Gemeinsamkeit zu finden, von dem man ausgehen kann, um Anknüpfungspunkte zu finden, wo man den eigenen Standpunkt schärfen und den Diskussionspartner ein Stück weit mitnehmen kann. Ich habe mir damals vergegenwärtigt, dass ich mir das merken muss, dass Jugendliche meines damaligen Alters in der Lage sind, sich eine Veränderung von etwas, das sie als Normalität erfahren haben, nicht vorstellen zu können, obwohl es solche Veränderungen in der historischen Vergangenheit immer wieder gegeben hat. Ich erwartete, dass diese Entdeckung eine Bedeutung für mein späteres Leben haben werde. Sie ist bis heute aktuell geblieben. – Kein politischer Rahmen ist zwangsläufig oder unabänderlich. Aber Politik gewinnt Macht, indem sie versucht, uns das glauben zu lassen. Wer die Freiheit liebt und in Angst vor der vermeintlichen Unausweichlichkeit einer dystopischen Zukunft der Totalüberwachung und digitaler Freiheitszuteilung lebt, wirkt genauso am Machtzuwachs der Politik mit wie der Beklatscher von Pandemie- und Klimamaßnahmen.

Worauf will ich mit diesem Artikel hinaus? Ein Schulsystem formt zwar die Lehrer, aber es sind die Lehrer, die den Schülern etwas auf den Weg mitgeben. Meine These: Es sind weniger die Lehrer, die so sind wie die anderen Lehrer, sondern diejenigen, die sich von den anderen unterscheiden, die die prägenden Eindrücke hinterlassen. Als wir in der Oberstufe waren und es immer wieder mal angesprochen wurde, welchen Weg wir nach dem Abitur wohl einzuschlagen gedenken, haben uns die meisten Lehrer vermittelt, die Schule sei ja noch geschützter Bereich, in dem man behütet werde; im Studium dagegen müsse man ganz anders arbeiten, das sei nicht so einfach, und die meisten von uns wären dazu wohl gar nicht in der Lage. Diskutiert haben wir untereinander jedoch das, was uns ein Physiklehrer, ein Fachlehrer, Diplomphysiker, der als Seiteneinsteiger ins Lehramt gekommen ist, mitgegeben hat: Überall werde mit Wasser gekocht, wir würden unseren Weg schon finden und sollten daran denken, in der Zeit zwischen Schule und Beruf – in den wir noch früh genug kämen – Erfahrungen auf Reisen zu sammeln und uns die Welt anzuschauen, denn später würden wir das kaum noch tun. Mancher meiner Mitschüler hat das auch getan. Als Jugendlicher will man natürlicherweise das Leben kennenlernen und nicht vor ihm Angst gemacht bekommen.

Hier sehe ich die Chance für die Zukunft gerade angesichts des Staatsschulsystems in einer Zeit, wo die staatlichen Narrative immer unglaubwürdiger werden, immer mehr mit der Realität kollidieren und vor der Offenbarung stehen. Das deutsche Schulsystem war immer mehr oder weniger ein Staatsschulsystem, wurde allerdings in der deutschen Kleinstaaterei in einem gewissen Wettbewerb aufgebaut und entwickelt, worauf die Bildungs- und Forschungserfolge zurückgehen, die in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts serienweise zu Nobelpreisen geführt haben. Deutschland hatte sich bereits lange verändert und noch mehr dann über den Zweiten Weltkrieg hinaus. Doch wird jede Schulgeneration durch die vorangegangene und deren Erfahrungen geprägt. Umgekehrt ist ein nicht-staatliches Schulsystem in einem Staat, der so wie der heutige Kontrolle über die Köpfe beansprucht, gar nicht möglich. Für echte Privatschulen gibt es kaum Entfaltungsmöglichkeiten; selbst Hausunterricht ist angesichts der Steuerfront nur im Ausnahmefall eine reelle Option. Der Schlüssel liegt erst einmal in der Dezentralisierung und Kleinteiligkeit; und die wird nach meiner Überzeugung unweigerlich kommen.

Ich halte es für nahezu ausgeschlossen, dass die schulischen Pandemiemaßnahmen mit den Lehrergenerationen meiner Schuljahre zu machen gewesen wären; nicht umsonst ist die Schweinegrippenhysterie rund 10 Jahre vor dem Corona-Narrativ mehr oder weniger noch im Sande verlaufen. Beim bevorstehenden Zusammenbruch der Staats-Narrative, die diesen derzeit nur dadurch hinauszögern können, dass eines nach dem anderen durchgepeitscht wird, um möglichst wenig Zeit zum Reflektieren zu geben, werden wieder die Wenigen Orientierung geben, die nicht mitgespielt haben. Ich fürchte, sie sind in den Schulen tatsächlich kaum noch vorhanden, was aber die Schule als Institution insgesamt in Frage stellen wird. Im Übrigen wird die Realität, wird man erst einmal hart auf diese zurückgeworfen, ein besserer Lehrer sein, als es eine Schule je sein könnte. Erste Lektion: Glaube niemals einer Obrigkeit und richte schon gar nicht dein Leben nach ihr aus.

Querverweise:

Propagandisten statt Lehrer in jedem Jahrzehnt (Freiheitsfunken)

Kein Ende der Welt (Freiheitsfunken)


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