26. April 2023 20:00

Geldpolitik Was ist Zins?

Über den „Preis des Geldes“

von Markus Krall

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Wenige Begriffe lösen, wenn man über sie spricht, eine solche Bandbreite von Reaktionen aus wie der Zins. Der Zins hat Reiche errichtet und zerstört, die Weltgeschichte beeinflusst, die Phantasien über seine enorme Kraft durch den exponentiellen Verlauf des Zinseszinses im Laufe der Zeit zu Geschichten von irrwitzigem Reichtum wie dem „Josefspfennig“ angeregt, den Hass von Ideologen auf sich gezogen (die Nazis sprachen von der „Zinsknechtschaft“) und vieles mehr, was man hier kaum aufzählen kann. Die Mehrzahl aller Menschen sitzt hartnäckigen Missverständnissen darüber auf, was der Zins eigentlich ist und was er bewirkt. Die resultierenden Vorurteile werden ebenso liebevoll gepflegt wie die Topfpflanzen im ideologischen Blumenbeet jedweder Couleur. Es wird also höchste Zeit, sich auch in dieser Causa einer libertären Begriffsklärung zuzuwenden.

Fangen wir – wie meistens – bei Adam und Eva an: Was ist der Zins und wie kam er in die Welt? In dem Essay „Was ist Geld?“ haben wir darüber diskutiert, dass Geld als Tauschmittel in Form von Edelmetallen den Übergang von einer reinen Barter-Tauschwirtschaft „Gut gegen Gut“, also zum Beispiel Pfeilspitzen gegen ein Huhn, zu einer umfassenden Tauschwirtschaft und somit die Arbeitsteilung als Voraussetzung für Produktivitätswachstum und dadurch überhaupt erst Zivilisation ermöglicht hat. Geld macht eine Tauschwirtschaft unabhängig davon möglich, ob eine Partei ein anderes Gebrauchsgut anbieten kann, wenn sie etwas erwerben will. Dies ermöglicht auch intertemporalen Tausch, weil Geld auch eine Form des verbrieften Anspruches auf Güter ist, die man erst in der Zukunft erwerben will: Ich kann etwas verkaufen, das Geld entgegennehmen und irgendwann in der Zukunft damit etwas kaufen, wobei ich den Zeitpunkt selbst bestimmen kann. Ist das Geld stabil, spielt es keine Rolle, wie lange ich es liegen lasse, um meinen Anspruch in eine weit entfernte Zukunft zu transportieren.

Diese Eigenschaft des Geldes ist zugleich die Brücke zur Möglichkeit, Geld auszugeben, das einem (noch) nicht gehört, also Konsum oder Investitionen aus der Zukunft in die Gegenwart vorzuziehen, wenn man einen Tauschpartner findet, der den umgekehrten Weg gehen, also Konsum oder Investitionen von der Gegenwart in die Zukunft verlegen will. Die dem zugrunde liegende Transaktion nennt man Kredit. Die Möglichkeit, Geld zu leihen und zu verleihen, macht aus dem Tauschmittel Geld ein Produkt, und dieses hat, so wie jedes Produkt, seinen Preis. Dieser Preis ist der Zins.

Wenden wir uns nun der Frage zu, warum der Zins in einem Umfeld des freien Tausches, bei dem alle Transaktionen freiwillig, also ohne Zwang erfolgen, positiv sein muss. Dies hat mit den unterschiedlichen Optionen und Wahlmöglichkeiten der Beteiligten zu tun. Derjenige, der nicht über das Geld verfügt, aber es bereits jetzt und nicht erst in der Zukunft haben möchte, muss jemanden finden, der es ihm zur Verfügung stellt. Seine einzige Option ist der Handel mit dem anderen. Derjenige, der umgekehrt über Geld verfügt, es aber erst in der fernen Zukunft ausgeben will, verfügt über zwei Optionen: Er kann es verleihen, oder er kann es einfach liegen lassen. Diese Asymmetrie der Optionen zwischen den Beteiligten hat zum Ergebnis, dass derjenige, der Geld verleiht, etwas verlangen kann, und dass derjenige, der das Geld haben möchte, etwas bezahlen muss. Der Zins ist also intrinsisch positiv, solange ihn nicht eine mächtige Bürokratie mit der Macht von Waffen und Schergen (also der Staat in Gestalt einer Zentralbank) per Dekret negativ macht und so den Verleiher um seinen Zins betrügt.

Wie hoch der Zins ist, den der Verleiher des Geldes verlangt, hängt von seiner intertemporalen Präferenz ab. Er übt Verzicht, verlegt seinen Konsum in die Zukunft. Der Konsum hier und jetzt wird von den allermeisten Menschen aber gegenüber dem Konsum in der Zukunft präferiert. Wenn man Sie fragt, ob Sie den Ferrari lieber heute oder in zehn Jahren haben möchten, dann antworten die allermeisten mit „heute“ – außer, in diesem speziellen Fall vielleicht, wenn Sie erst acht Jahre alt sind und der Führerschein ohnehin erst in zehn Jahren zur Verfügung stehen wird. Aber dem Achtjährigen stellen wir auch nicht die Frage nach dem Ferrari, sondern nach dem Videospiel oder der Tafel Schokolade, und schon wird die intertemporale Präferenz der Gegenwart wieder stimmig.

Allerdings ist es nicht allein die intertemporale Präferenz des Verleihers, der die Zinshöhe bestimmt. Das wäre nur der Fall in einem Monopol, wenn also nur einer über Geld zum Verleihen verfügt und sonst niemand. Die zweite Komponente ist die Zeitpräferenz des Kreditnehmers: Wie viel Zinszahlung ist es ihm wert, das Geld sofort und nicht erst in einem oder in zehn Jahren zur Verfügung zu haben? Und da das Geld als Produkt von vielen angeboten und von vielen nachgefragt wird, stellt sich der Zins wie in jedem Markt als Ergebnis von Angebot und Nachfrage ein. Es gibt also einen Gleichgewichtszins, bei dem Geldangebot und -nachfrage zusammenfallen.

Wir wissen aber aus der Beobachtung der Realität, dass der Zins kein statisches Ding ist. Der Zins, bei dem Angebot und Nachfrage zusammenfallen, ändert sich jeden Tag, jede Stunde, jede Minute, ja, jede Sekunde. In den globalen Kapitalmärkten treffen Millionen von Nachfragern auf Millionen von Anbietern, und das, was sie tauschen, ist nicht einfach ein Standardprodukt Geld gegen Zins, sondern nimmt eine unvorstellbare Vielfalt von Formen des intertemporalen Tausches an. Die wesentlichen Bestimmungsgrößen in einem freien Kapitalmarkt sind dabei Laufzeit, also die Dauer des Konsumverzichts durch den Sparer und Kreditgeber, und das Risiko, das der Kreditgeber mit der Transaktion eingeht. Dieses Risiko beinhaltet in einem freien System mit stabilem Geld vor allem das Kreditrisiko, also die Möglichkeit der Nicht-Rückzahlung durch den Schuldner. Dazu kommt allerdings auch das Liquiditätsrisiko eines langlaufenden Kredits durch mögliche Schwankungen des Marktzinses, wie wir sie aktuell durch die „Zinswende der Geldpolitik“ erleben. An diesem Begriff können wir allerdings schon erkennen, dass wir uns nicht in einem freien Markt für Geld bewegen, sondern in einem von den Zentralbanken gesteuerten, also manipulierten Gebilde, den man kaum als Markt bezeichnen kann.

Man kann die Folgen der „Zinswende“ am Beispiel einer zehnjährigen Anleihe mit einem Zins von 0,5 Prozent und einem Anstieg der Marktzinsen auf fünf Prozent leicht demonstrieren: Die Anleihe über zum Beispiel 1.000 Euro erwirtschaftet mit 0,5 Prozent eine Verzinsung von fünf Euro pro Jahr. Über die gesamte Laufzeit von zehn Jahren beträgt der kumulierte Zins 50 Euro. Steigt der Zins für zehnjährige Anleihen am Kapitalmarkt auf fünf Prozent, so erhält der Käufer einer neuen Anleihe über 1.000 Euro schon 50 Euro pro Jahr, also insgesamt 500 Euro. Die Differenz von 450 Euro macht die alte Anleihe im Handel unattraktiv, es sei denn, ihr Preis sinkt weit genug, um den Käufer für den entgangenen Zins zu kompensieren. Der Preisverfall entspricht der Differenz der abgezinsten Barwerte beider Cashflows, in diesem Fall etwa 340 Euro. Die Anleihe verliert also 340 Euro oder 34 Prozent an Wert. Man kann leicht erkennen, dass der Effekt umso größer ist, je länger die Restlaufzeit einer Anleihe noch ist.

Die Zinswende von praktisch null Prozent über die gesamte Laufzeit in Dollar und Euro auf jetzt vier bis fünf Prozent führt also zu entsprechend großen Kursverlusten in der Größenordnung von insgesamt 15 bis 20 Billionen US-Dollar auf dem Weltanleihemarkt. Diese 15.000 bis 20.000 Dollar Verlust sind irgendwo aufgetreten, und aller Erfahrung nach dürfen wir davon ausgehen, dass ein nicht geringer Teil davon in den Banken liegt und bisher noch nicht abgeschrieben wurde. Wenn das auch nur ein Viertel des Bestands betrifft, dann übersteigen die wirtschaftlichen, aber noch nicht offengelegten Verluste bereits jetzt das Eigenkapital aller europäischen und amerikanischen Banken bei Weitem.

Das ist übrigens der Effekt, der die Silicon Valley Bank getötet hat. Dort hatte man seit der Zinswende nicht abgeschriebene Verluste von 18 Milliarden Dollar aufgetürmt, was das Eigenkapital der Bank um einige Milliarden überstieg. Zum Schwur kam es aber erst, als Einleger ihr Geld abzogen und die Bank gezwungen war, die Papiere mit Verlust zu verkaufen, um sich die für die Auszahlung der Einlagen notwendige Liquidität zu verschaffen. Aus dem Buchverlust wurde ein realer Verlust, aber eigentlich war die Bank bei korrekter Bilanzierung auch schon vorher bankrott oder, wie man im Italien der Renaissance so schön sagte: banca rotta. Das bedeutet, dass Zinserhöhungen den Kredit illiquide machen können, weil der Inhaber gezwungen ist, diesen bis zur Fälligkeit zu halten. Daher findet sich im Zins auch die Komponente der Liquiditätsprämie.

In einem Fiatgeldsystem (vom Lateinischen „Fiat“: „Es werde“, also der Schöpfung von Geld durch die Zentralbank aus dem Nichts) kommen eine Reihe weiterer Risiken hinzu, vor allem das Risiko der Geldentwertung durch Inflation. In die Zinsbildung am Markt – wäre sie frei – flössen nicht nur die Inflationserwartungen, also eine Entschädigung für die Geldentwertung während der Laufzeit eines Kredits, ein, sondern auch eine Risikoprämie für die Inflation, die kommen könnte und die man nicht abschätzen kann, weil man nicht weiß, welchen geldpolitischen Blödsinn sich die Herren des Papiergeldes während der Kreditlaufzeit einfallen lassen, um die Sparer zu enteignen.

Im Kapitalmarkt fließen all diese Aspekte zusammen. Hinzu kommen die realwirtschaftlichen Aspekte. Die Nachfrage nach Kredit beschränkt sich nicht auf Konsum versus Konsumverzicht, sie beinhaltet auch die Nachfrage nach Kredit für investive Mittel, für Immobilien, für Maschinen, Produktionsmittel und so weiter. Wie hoch die Nachfrage danach ist, hängt davon ob, wie gewinnbringend diese Mittel investiert werden können, also welche Investitionsopportunitäten sich auftun. Das wiederum hängt vom technischen Fortschritt, der Innovation, dem Erfindergeist und dem resultierenden Wachstum einer Volkswirtschaft ab. Neue Erfindungen schaffen zunächst neue Möglichkeiten, Geld gewinnbringend zu investieren, was die Nachfrage nach Kredit steigert und damit den Gleichgewichtszins erhöht. Spätere Investitionen sind durch den steigenden Wettbewerbsdruck im Markt dann weniger profitabel, die Rendite der Investitionen und damit auch die Nachfrage nach Kredit und somit der Zins fallen.

Oft sind es realwirtschaftliche Knappheiten, die die Investitionsmöglichkeiten bestimmen. Funktioniert das System der Preissignale – wird es also nicht durch staatliche Intervention wie Subventionen, Preisdeckel, Mindestpreise oder andere unsinnige Ausflüsse der bürokratischen Planwirtschaft verzerrt –, so signalisieren steigende Preise für ein Gut auch neue, profitable Investitionsmöglichkeiten für den findigen Unternehmer, der die Knappheit abstellen und damit Geld verdienen will. In einem freien Markt für Energie würde zum Beispiel aktuell die Nachfrage nach investiven Mitteln für Exploration, Erzeugung und Verteilung von Energie stark ansteigen, weil die explodierenden Preise eine Knappheit signalisieren, die durch Investitionen beseitigt werden kann.

Hieran können wir erkennen, dass das gesamte hochkomplexe volkswirtschaftliche Geflecht der Investitionsnachfrage, reflektierend die relative und absolute Knappheit aller Güter, die Geldnachfrage nach Investitionsmitteln determiniert. Diese geballte Informationsmenge, gefiltert aus dem System der freien Preisbildung am Markt, kondensiert sich in einem einzigen Preis: dem Zins. Der Zins ist also gewissermaßen der Knotenpunkt und das Rechenzentrum der gesamten Volkswirtschaft. Indem sich in ihm alle relevanten Knappheitsinformationen der Volkswirtschaft bündeln, versorgt er alle Teilnehmer am Wirtschaftsgeschehen mit der wichtigsten Information von allen: dem intertemporalen Preis des Geldes.

Würde man den zugrunde liegenden Mechanismus als Uhrwerk beschreiben wollen, so hätte dieses Räderwerk Quadrillionen von Zahnrädern, die sich ständig neu konfigurieren und sich gleich einer Gangschaltung mit unendlich vielen Abstufungen immer neu adjustieren.

Um sich einbilden zu können, dieses System ungestraft zu manipulieren, muss man Politiker oder Geldpolitiker sein. Nur dann verfügt man über die Hybris und den Mangel an ökonomischer Bildung, die notwendig sind, ein System von solch unfassbarer Komplexität mit einem Vorschlaghammer steuern oder gar reparieren zu wollen.

Deshalb ist es nicht möglich, den Zins auf Dauer ungestraft zu manipulieren. Ist der zentrale Preis einer Volkswirtschaft durch politische Intervention falsch, also marktfremd gesetzt, dann sind gewaltige Fehlallokationen des Kapitals die Folge. Geld fließt in schlechte, falsche Verwendungen, riesige Ungleichgewichte türmen sich hinter den Kulissen auf. Wenn sie wahrgenommen werden, ist es in jedem Fall zu spät für eine Korrektur, denn wahrgenommen werden sie erst, wenn die resultierende Krise bereits ausgebrochen ist.

Jetzt, nach 20 Jahren der Anmaßung des Wissens einer Klasse unwissender Geldpolitiker, wird die Rechnung präsentiert. Diesmal nicht in einem Land, sondern global. Der Lerneffekt wird gewaltig sein. Das ist ein Grund zur Freude, denn der Schmerz, der unsere Gesellschaften treffen wird, wird in einem ebenso gewaltigen Lerneffekt resultieren. Der Anmaßung des Wissens folgt dann die Bescheidenheit des „Scio nescio“, des „Ich weiß, dass ich nichts weiß“. Der Zins, mit den Worten von Hayeks, ist das Ergebnis menschlichen Handelns, nicht menschlichen Designs. Die Dezentralität des Marktes, die Weisheit der vielen siegt einmal mehr über die Zentralplanung der Tyrannei, der nur angemaßten Weisheit der wenigen.


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