26. Mai 2023

Anmerkungen zur Zeitgeschichte Great Reset und deutsche Angst

Politische Instrumentalisierung eines Gefühls

von Carlos A. Gebauer

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Bildquelle: Wirestock Creators / Shutterstock German Angst: Die kollektive Furcht vor nahezu allem

Ich möchte eine These zur Diskussion in den Raum stellen: Der „Great Reset“ markiert den Versuch, die durch Reformation und Aufklärung ermöglichte Befreiung und Emanzipation des selbstbestimmten, eigenverantwortlichen Menschen wieder machtvoll reaktionär rückabzuwickeln. Die republikanische Selbstorganisation in frei gewählten, souveränen staatlichen Gemeinschaften soll allem Anschein nach in einen ubiquitär digitalisierten, zentralisierten Machtapparat transformiert werden. Pandemieangst und die Panik vor Umweltkatastrophen mögen dazu vielleicht sogar die erforderliche Akzeptanz in der Bevölkerung für das Projekt herbeimanipulieren. Inmitten Europas wird dabei augenscheinlich gezielt die legendäre und sprichwörtliche deutsche Angstbereitschaft zur Umsetzung der Transformation instrumentalisiert. Und wie es Mattias Desmet oder Rutger Bregman in jüngerer Vergangenheit erneut beschrieben haben: Gerade im Namen des Guten neigen Menschen zu Irrationalitäten und dann sogar zu Grausamkeiten. Erscheinen die 17 „Sustainable Development Goals“ also vielleicht gerade deswegen als explizit glücksverheißende Transformationsziele der faktisch repressiven, multiplen und globalen Agenden?

Mein Eindruck ist, dass jener „Great Reset“ als politischer Akt zur Refeudalisierung nicht nur die gesamte menschliche Emanzipation der Moderne umkehren will, sondern noch übergreifender, auf Basis von Angsterzeugung, neoautoritär gegen den Verstand als solchen Kontrafaktisches durchzusetzen versucht. Dieser Prozess wird praktisch weltweit, zentral jedoch im „Westen“ betrieben und nimmt in Zentraleuropa – namentlich in Deutschland – einen soziologisch durchaus perfiden Weg.

„Klimarettung“ und „Pandemiebekämpfung“ knüpfen nämlich beide an die lange Angstgeschichte Mitteleuropas an. Der durch die Reformation des Jahres 1517 in geistliche Freiheit entlassene Mensch hatte seinerzeit bekanntlich nicht nur die alten metaphysischen Sicherheiten des Mittelalters verloren, als ihm von Martin Luther der Mut zugesprochen wurde, einen eigenen, individuellen Zugang zu Gott zu finden. In der anschließenden Aufforderung Immanuel Kants, sich insgesamt befreiend des eigenen Verstandes zu bedienen, lag immer auch eine noch weitergehende Zumutung. Die Revolutionäre Amerikas von 1776 und die von Frankreich im Jahre 1789 bugsierten den Einzelnen damit nämlich noch weiter als schon Luther in die individuelle Pflichtenposition, das eigene Leben selbst in den Griff zu nehmen und sich eigenverantwortlich mit anderen zu organisieren. Diese Befreiung bedeutete also zwangsläufig immer auch eine Loslösung von vorher sicher geglaubten, gleichsam festzementierten Umständen. Als Nebeneffekt der Freilassung verbreitete sich somit eine umfängliche Lebensangst.

Das lange 19. Jahrhundert brachte für Europa nicht nur einen heiteren Aufbruch in materiell bessere, hellere Lebensverhältnisse, sondern es legte auf seiner ängstlichen Schattenseite ebenso den Grund für totale militärische Offensiven. Denn die Industrielle Revolution führte in ihrem Gefolge auch zu einer Industrialisierung der Kriege und des Tötens. Am Ende der deutschen Kriegsvorbereitungen für den Sommer 1914 stand symbolträchtig die Eröffnung des kraftstrotzend verbreiterten Nord-Ostsee-Kanals am 24. Juni 1914. Die kriegerischen Präventiv-Phantasmen des Deutschen Reiches erscheinen aus heutiger Sicht wie eine kollektive Angsttherapie gegen die Zwei-Fronten-Psychose des Kaisers zwischen einerseits Frankreich und andererseits Russland.

Die Bereitschaft zur totalen Offensive als massenkuratives Behandlungskonzept gegen weltliche und metaphysische Angstzustände endete bekanntermaßen für Europa – und zentral für Deutschland – in verheerenden materiellen wie seelischen Vernichtungen. Die totale Bereitschaft zur Offensive wurde 1918 ebenso gebrochen wie 1945. Aber auch der Mauerbau des Jahres 1961 diminuierte die Handlungsmöglichkeiten Deutschlands. Die inneren Konflikte des Jahres 1968 mit ihren Verunsicherungen taten ein Übriges.

Das Ende der vorangegangenen totalen militärischen Offensivphasen schien mit dem Mauerfall des Jahres 1989 einen neuen Wendepunkt erreicht zu haben. Denn das zu diesem Zeitpunkt weithin proklamierte „Ende der Geschichte“ wollte den Eindruck vermitteln, die Welt organisiere sich neu und auch Deutschland werde in einer jetzt friedlichen, globalisierten Welt an der großen Suche nach etwas erstrebenswert Neuem teilhaben können. Doch das Ende der Geschichte und der Beginn des Großen Suchens endeten – wie wir spätestens heute wissen – wiederum nur in einer neuen großen Irritation.

Am Scheidepunkt zum neuen Jahrhundert sah die gerade noch optimistische Welt im März 2000 den die Masse überraschenden Dotcom-Blasensprung. An ihn schloss sich am 11. September 2001 das Weltschockereignis des gefällten World Trade Centers an. Wieder griff die besiegt geglaubte kollektive Angst in der Welt um sich. Und die Reihe der Schockgeschichten setzte sich fort. Milzbranderreger und Kofferbomber wurden das neue Waldsterben und das Ozonloch 2.0. Das Jahr 2008 sah wieder schwerste finanzpolitische Verwerfungen. Das Jahr 2015 brachte unkontrollierte Flüchtlingsströme und mit dem März des Jahres 2020 kam die Weltpandemie mit einem proklamiert neuartigen Jahrtausendvirus namens Corona.

Ich selbst hatte fast zeitgleich mit dem Beginn der „Corona-Pandemie“ das 2019er-Buch von Bill Bryson mit seinen Geschichten vom menschlichen Körper gelesen. Bryson berichtete dort von der New Yorker Biologiestudentin Lita Proctor, die im Jahre 1986 nach einer Forschungsmöglichkeit gefragt hatte. Ihr Begehren war, das Vorhandensein von Viren in Atlantikwasser zu untersuchen. Während ihr eingangs alle Experten erklärten, in Atlantikwasser gebe es überhaupt keine, fand sie dort anschließend im Schnitt je Liter rund 100 Milliarden Viren. Vor dem Hintergrund (auch) dieser Zufallslektüre erschien mir der politische Kurs mit Namen „Zero Covid“ eigenwillig kontrafaktisch, irrational und neoautoritär. Die Rigidität der politischen Maßnahmen zur Bekämpfung des „neuartigen“ Virus aus der Familie der Coronaviren (die seit den 1960er Jahren bekannt sind und schon lange emsig erforscht werden) blickte mich eigenwillig an. Weltweit wurde die europäische Angstgeschichte nun also wieder mit neuer und voller medialer Macht fortgeschrieben.

Der Globus sah Seuchenängste und Maßnahmenängste, Umweltängste und Klimaängste, Finanz- und Währungsängste, Enteignungsangst, Insolvenzangst, Verarmungsangst, politische Angst und Angst vor Debatten, Kriegsangst und Ängste vor dem Weltenbrand. In der Vermählung der Angsterzählungen aus Zero Covid und Zero-Emission von Kohlendioxid empfand ich immer deutlicher eine generelle Intelligenzneutralität als primären Treiber des Angstnarrativs: Zero-Verstand? Wer den Mut hatte, sich im Sinne Kants seines Verstandes zu bedienen und beispielsweise auf die Etymologie des Wortes „Klima“ (als Wandel und Wechsel) hinzuweisen, der sah sich als verfemter Spielverderber angegriffen. Zeitgleich schien der neue postreligiöse Heilige Geist nun gleichsam wie ein Molekül in den Himmel aufzusteigen. Kohlendioxid – schwerer als Luft – steigt auf in die Atmosphäre und bringt den Planeten zum Kochen?

Die Angstreaktionen auf diese Narrative zeigen ersichtlich ihre allgegenwärtig eigene Kleinteiligkeit. Verbrennungsmotoren sollen verboten werden, an ihrer Stelle sollen E-Autos fahren. Die öffentliche Meinung fordert ein generelles Heizungs-Aus und ein Wärmepumpen-Ein. Der vegetarische Mensch der Zukunft isst Gemüse und erlebt sogar den Genuss von Insekten als veganes Ereignis. Kernkraftwerke werden ausgeschaltet und „unumkehrbar“ vernichtet, Windräder drehen sich stattdessen inmitten der Naherholungsgebiete und der rücksichtslos teilgerodeten Wälder. Eine der neuen deutschen Priesterinnen des Kohle- und Gas-Ausstieges hört auf den Namen Ulrike Herrmann und sie predigt ein nachhaltiges Ökoparadies mit dem Namen 1978. Warum allerdings das Jahr 1978 unter Wohlstands- und Freiheitsgesichtspunkten ein besseres Jahr gewesen wäre als beispielsweise das Jahr 2023, erschließt sich nur bedingt. In meiner eigenen Lebensgeschichte markiert erst das Jahr 1979 den ersten Besitz von energiesparenden Doppelfenstern. Auf den zweiten Blick erweist sich immerhin: 1978 hatte zumindest einen Vorteil. Es gab die Grüne Partei in Deutschland noch nicht!

Die Reaktionen des medialen Kollektivs auf die kolportierten Angstszenarien entgleisen unterdessen immer weiter. In Angstpsychosen vor dem Weltuntergang kleben sich orthographieschwache Kinder auf die Straßen, halten den Verkehr auf und feiern sich als „Klimakleber“. Dass die eigene volkswirtschaftliche Dyskalkulie durchaus auch in ernste Versorgungsengpässe führen könnte, ist ihnen als Risiko offenbar nicht bewusst. Im Gegenteil scheint das Vertrauen auf ein „Bedingungsloses Grundeinkommen“ so groß, dass die wohlstandsverwahrloste Klientel den Zusammenhang zwischen Arbeitsanstrengung und irdischen Überlebensmöglichkeiten völlig aus dem Blick verloren hat. Die Postfaktizität dieses Weltbildes berichtet inzwischen von gebärenden Männern und sieht in der „Mit-Mutterschaft“ die Zukunft der erweiterten, diversen Familien als soziale Konstrukte. Wer an der geschlechtsübergreifenden Gesamtmenstruation des diversen Einheitskollektivs zweifelt, gilt als Ewiggestriger. Ein justizministerieller Diskussionsteilentwurf zur „Mit-Mutterschaft“ ist nicht nur terminologisch lehrreich: „Künftig solle aber auch möglich sein, den Partner die Vaterschaft beziehungsweise die Partnerin die Mit-Mutterschaft anerkennen zu lassen, der beziehungsweise die statt des Ehegatten oder der Ehegattin wahrscheinlich an der Entstehung des Kindes beteiligt war. Dies geschieht nur mit Zustimmung des Ehepartners beziehungsweise der Ehepartnerin durch eine sogenannte Dreier-Erklärung. Bezüglich des zweiten Elternteils soll die intendierte Elternschaft der Elternschaft aufgrund natürlicher Zeugung bei Vorliegen bestimmter Voraussetzungen gleichgestellt werden. Im Hinblick auf den im Rahmen der künstlichen Befruchtung geäußerten Willen zur Elternschaft soll die Person, die gemeinsam mit der Mutter in die künstliche Befruchtung einwilligt, an ihrer Verantwortung für die Entstehung des Kindes festgehalten werden. Die Einwilligung der intendierten Eltern verbunden mit dem Verzicht des Spenders auf die Elternrolle sollen dabei, was die daraus abgeleiteten Rechtsfolgen betrifft, an die Stelle des Zeugungsaktes treten.“

Die einen Zeugungsakt ersetzende Dreier-Erklärung der intendierten Eltern surrogiert so den natürlichen, biologischen Hergang. Die totale Willenskonstruktion des Menschen tritt hier an die Stelle der Natur, die aber gleichzeitig ihrerseits zum absoluten und nicht abwägbaren Schutzgut vergottet wird. Unmittelbarer und surrealer können Naturvergottung einerseits und allumfassender menschlicher Konstruktivismus nicht paradox aufeinanderprallen. Doch das kollektive Umbeflaggen der Lebenswelten setzt sich allerorten als Prinzip der Verwirrung fort.

Dieses Bild der Realität lädt mithin ein zu einer konkludierend-parallelisierenden Hypothese: Die deutsche Angst und die durch sie ausgelöste militärische Offensive waren historisch total. Die deutsche Angst und die durch sie ausgelöste gesellschaftlich-technische Defensive sind nun in der Gegenwart ebenfalls wieder total. Spätestens die Corona-Krise hat die lange Geschichte des öffentlichen Angsthabendürfens inmitten Europas wieder neu fortgeschrieben, das Ängstlichsein legitimiert und das „Team Vorsicht“ einschränkungslos hoffähig gemacht. Auch das Spielfeld der Klimapsychose scheint endlich vollends eröffnet. Kohärenz und widerspruchsfreie wissenschaftliche Methodik interessieren augenscheinlich nicht mehr. Die Biontech-Gründer Özlem Türeci und Uğur Şahin lassen ihren journalistischen Co-Autor Joe Miller in dem „Spiegel“-Bestseller „Projekt Lightspeed“ im Sommer 2021 schreiben: „Als Uğur auf den eigens gestalteten Biontech-Campus in Mainz zurückkehrte, schweiften seine Gedanken ab. Seine Familie sollte in zwei Wochen auf die Kanaren reisen. Es war eine Reise, die das Paar seiner Teenager-Tochter 2019 versprochen hatte. Es war ein Ding der Unmöglichkeit, die Tochter in letzter Minute davon zu überzeugen, dass sie im grauen Deutschland bleiben müssten. Uğur hatte 20 der erfahrensten Mitarbeiter beauftragt, einen konkreten Plan auszuarbeiten, um schnellstmöglich gleich mehrere Impfstoffkandidaten in die klinische Erprobung am Menschen zu bringen. Anders als bei den ersten Meetings im Januar war mittlerweile klar, wie gefährlich dieses Virus war. Das Kreuzfahrtschiff Diamond Princess lag vor der Küste Japans. Hunderte Passagiere waren positiv auf SARS-CoV-2 getestet worden. Am 5. Februar wurde das Schiff unter Quarantäne gestellt. Ein Beweis mehr, dass das Virus sich schnell verbreiten konnte. Uğur spürte jedoch, dass nicht alle Biontech-Experten von der Dringlichkeit der Impfstoffentwicklung überzeugt waren. Wenige Tage, bevor das Paar zum lange geplanten Urlaub aufbrach, wurden seine Befürchtungen bestätigt. Einmal mehr aber lautete seine zentrale Botschaft: Wenn Biontech eine Chance haben wollte, rechtzeitig einen Impfstoff gegen dieses Virus zu entwickeln, dann musste das Lightspeed-Team seine Aufgaben parallel abarbeiten. Das Mantra lautete: ‚Erst das Schnellste, dann das Beste‘. Biontech würde nicht auf das perfekte Konstrukt warten. Nachdem das geklärt war, flogen Uğur, Özlem und ihre Tochter nach Lanzarote.“

Was ist zu halten von Impfstoffexperten, die in Ansehung eines Kreuzfahrtschiffs in Quarantäne ein pandemisches Horrorszenario erwarten, dem sie sich mit Weltenrettungsimpetus entgegenwerfen, die aber andererseits das Versprechen der Tochter gegenüber einhalten wollen, schnell noch im Frühjahr 2020 einen fröhlichen Urlaub auf Lanzarote zu machen? Wo ist die Methodenkohärenz, die in diesem Verhalten liegt? Der offenkundige Wirrwarr setzt sich auch in den weiteren Schilderungen des Wirtschaftsjournalisten Joe Miller fort: „Da die spezielle Kombination von mRNA und Lipiden erstmals an Menschen getestet würde, musste man außerdem nach einer komplexen Versuchsanordnung vorgehen. Das Auftragsunternehmen, das die klinische Phase I durchführte, stand vor der Aufgabe, seine gewohnten Routinen für diese Studie abzuändern. Um sicherzustellen, dass eine Humanstudie nicht beim ersten Anzeichen einer vermeintlichen Nebenwirkung abgebrochen wird, müssen die Aufsichtsbehörden und die für die Studiendurchführung verantwortlichen Personen genau wissen, welche Symptome im Bereich des Erwartbaren liegen. Es war Mitte März und der innovative Ansatz des ‚Projekts Lightspeed‘ war bislang nur Experten der Immunologie kommuniziert worden, darunter Klaus Cichutek. Nun galt es, mit der Prüfarztbroschüre und weiteren umfangreichen Studiendokumenten Außenseitern die Wirkungsweise der Impfstoffkandidaten auf verständliche Weise zu erklären. Dies sollte ein Crashkurs in einer Sprache sein, die ein Arzt, der noch nie einen mRNA-Strang gesehen hat, verstand. Bei Biontech gab es niemanden, der über das Wissen und die Erfahrung verfügte, alle Punkte zu verknüpfen und zusammenzubringen. Niemand – außer Özlem. In der Stunde der Not für Biontech – und die Menschheit – kamen diese Talente gerade recht. In einer nichtpandemischen Situation würden die meisten klinischen Studien so angelegt sein, dass die zweite Spritze nach einem Abstand von mindestens 28 Tagen verabreicht wird. Für die Covid-19-Studien beschlossen Özlem und ihr Team, einen Impfplan mit einem Abstand von nur 21 Tagen einzuführen. In den tatsächlichen Impfkampagnen würden die Menschen ihre zweite Impfung früher bekommen, nach 21 statt 28 Tagen, um schneller vollständig geschützt zu sein. Nach Prüfung der Daten stimmten die Behörden zu. Drei Wochen nach Beginn der Lockdowns ließ sich aus den vom Robert-Koch-Institut veröffentlichten Zahlen schließen, dass es in Deutschland nicht zu dem von Uğur im Januar ausgemalten Worst-Case-Szenario – der raschen, unkontrollierten Ausbreitung von SARS-CoV-2 gekommen war.“

Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass sich unsere Gesellschaft in einem definitiven Zustand der Postrationalität befindet, dann wäre diese Schilderung von Joe Miller der endgültige Nachweis: Drei Wochen nach Beginn der Lockdowns im März 2020 wusste der führende Impfstoff-Entwickler Uğur Şahin, dass SARS-CoV-2 sich mitnichten rasch und unkontrolliert weltweit ausbreitete. Dennoch wurden die experimentellen Lightspeed-Entwicklungen vorangetrieben. Ein Dreivierteljahr später – im Dezember 2020 – begannen die weltweit historisch ungesehenen Impftherapiekampagnen.

Nach alledem steht nun die Frage im Raum, wie lange die jetzt totale Defensive gegen den empfundenen Angriff der Natur durch den Klimawandel hier und den Angriff der Natur durch die Pandemie dort dieses Mal von diesen Deutschen vorangetrieben werden wird. Die totale Offensive des 19. und 20. Jahrhunderts endete im absoluten Desaster des Jahres 1945. Geht man fehl, wenn man annimmt, dass der panikgestörte Deutsche auch jetzt erst dann zur Ruhe kommen wird, wenn wieder alles – wie im Jahre 1945 – in Trümmern liegt?

Postuliert man, dass die totale Defensive ebenso bitter bis zum letzten Ende ausgekostet werden wird wie weiland die totale Offensive, dann folgt daraus auch die weitere Frage: Wie muss sich ein Einzelner in diesem Szenario aufstellen? Genauer: Welche Rolle kommt dem emanzipierten und aufgeklärten modernen Menschen zu, der in diesen Strudeln der Geschichte schwimmt? Welche Handlungsoption sollte er wählen, wenn er Sozialismus und Nationalismus, Ökologismus und Digitalismus als Rettungsverheißungen ablehnt? Meine These ist: Das pathologische Lernen angstgestörter Kollektive kann man nicht mit den Mitteln des Verstandes aufhalten. Man soll es daher auch gar nicht erst versuchen. Man muss es schlicht aushalten. Und am besten hält man es wohl aus, indem man Abstand hält. Friedrich Nietzsche notierte: „Abseits vom Markte und Ruhme wohnten von jeher die Erfinder neuer Werte. Fliehe, mein Freund, in deine Einsamkeit! Du lebtest den Kleinen und Erbärmlichen zu nahe. Fliehe vor ihrer unsichtbaren Rache! Gegen dich sind sie nichts als Rache. Hebe nicht mehr den Arm gegen sie! Unzählbar sind sie, und es ist nicht dein Los, Fliegenwedel zu sein.“

Es lassen sich die ungezählten Menschen in ihrer Pandemie- und Klimapanik nicht einfach wieder beruhigen und zur Vernunft bringen. Die ihnen eingejagte Angst ist zu groß. Das zeitenwendende Konzept des „Great Reset“, ganze Gesellschaften gegen ihren Willen, aber zu ihrem Besten in eine glanzvolle transformierte Zukunft umzumodellieren, wird mit allgegenwärtig verunsichernden Disruptionen vorangetrieben. Man wird sich eingestehen müssen: Mit Worten ist diese kollektive Panikattacke nicht mehr einzuhegen. Sie muss anscheinend – wie seinerzeit die totale Offensive – auch nun wieder als totale Defensive im Kollaps und im völligen Scheitern enden.

Der Weg in ein massenhaftes Chaos ist im Zentrum Europas durchaus bereits geebnet: Eine hochgradig arbeitsteilige und gerade deswegen organisatorisch sehr anfällige Gesellschaft ohne nennenswerte eigene Ressourcen vernichtet aktuell ihre Stromproduktionskapazitäten, verbietet und verunmöglicht sich ökonomisch lebensnotwendige Mobilitäten, das überlebenswichtige Heizen, beschneidet sich ihre erschwingliche Ernährung, korrumpiert die Zahlkraft ihres Geldes und zerrüttet zeitgleich auch noch die Ausbildungspotenziale ihrer Schulen. Ein unsichtbares Virus und ein unsichtbares Molekül haben unter dem Interpretationsmonopol einer visionären Expertenklasse die Herrschaft übernommen. Neros Harfe vibriert.

Aus dem Abstand, in der Ruhe der Einsamkeit und in der Rationalität emanzipierten Denkens empfiehlt es sich, strukturierte Gedanken darüber zu fassen, wie sich das Zusammenleben nach diesem weiteren Scheitern gedeihlich neu justieren lässt. Die Herrschaft des Rechts und die Umsetzung all jener Ideale, die das Recht in langer Tradition formuliert hat, wird sich dann als Aufgabe stellen. Der nicht ferngesteuerte Mensch ist ein Mensch mit einem Menschenrecht auf Non-Digitalität. Auf Zeit gewählte Vertreter werden künftig für die Güte ihrer Arbeit persönlich haften müssen – im Politischen ebenso wie im allgemeinen Rechtsverkehr. Entscheidungen der Zukunft dürfen nicht „unumkehrbar“ sein. Eine Politik, die gezielt darauf ausgerichtet ist, dass es aus ihr „kein Zurück mehr gibt“, wird künftig rechtswidrig sein müssen. Es liegt ein Widerspruch darin, sich nachhaltige Politik zugunsten künftiger Generationen anmaßen zu wollen, die Entscheidungsspielräume dieser Zukünftigen jedoch durch rigide Unumkehrbarkeiten faktisch einzuengen. Ein angstfrei emanzipierter und vernünftig handelnder Mensch muss im genauen Gegensatz dazu das Leitbild dieser Zukunft sein. Und auch ihm wird nicht verboten sein, auf einen alten metaphysischen Leitsatz zurückzugreifen, der eine Aufgehobenheit des Menschen auf diesem Planeten verspricht: „Fürchte dich nicht!“


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