11. Juni 2023 20:00

Vor 34 Jahren: Tiananmenplatz-Massaker in Peking Eine Kerze in unseren Herzen

Wider das Vergessen

von Stephan Unruh

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Bildquelle: Zakariya Irfan / Shutterstock Tiananmen-Gedenken in London am 4. Juni 2023: China hingegen will jegliche Erinnerung auslöschen

Am vergangenen Sonntag, den 4. Juni, jährte sich das Massaker auf dem Tiananmenplatz zum 34. Mal. In der Volksrepublik gibt es bei den Unter-40-Jährigen quasi niemanden mehr, der sich an dieses Datum erinnert. In Hongkong wurden die Stimmen der Erinnerung im Zuge der Plandemie zum Schweigen gebracht.

Ich bin untröstlich. Eigentlich hätter dieser Beitrag letzte Woche am Jahrestag erscheinen müssen, aber da sich die Kolumnen verschoben hatten, fiel es mir erst am Samstag auf, und da war es bereits zu spät. Andererseits ist es nie zu spät und darüber hinaus ist eigentlich immer der richtige Zeitpunkt, an die Verbrechen des Kommunismus zu erinnern.

Vor 34 Jahren am 4. Juni 1989 setzt das Regime in Peking sein Militär in Bewegung, um den Platz des himmlischen Friedens von den dort protestierenden Studenten zu räumen. Seit Wochen hatten diese den der Verbotenen Stadt vorgelagerten Platz besetzt, dort gegen die Regierung protestiert und Forderungen erhoben („Die sieben Forderungen“). Wie üblich bei derartigen Protesten wurden Freiheit und mehr Mitspracherechte gefordert, aber, wie ebenfalls üblich, lagen die Ursachen der Proteste woanders: Seit zehn Jahren blies der von Deng Xiaoping hereingelassene Westwind bereits durch das Land – wobei es nüchtern betrachtet eher eine laue Brise war. Dennoch waren die Folgen deutlich und durch alle Schichten spürbar gewesen. War China 1979 noch eines der ärmsten Länder der Welt gewesen, so hatte sich in den folgenden Jahren ein bescheidener Wohlstand entwickelt: Das Bruttoinlandsprodukt stieg von etwa 210 Milliarden US-Dollar im Jahr 1978 auf rund 460 Milliarden US-Dollar im Jahr 1989. Doch dann stockte die Entwicklung. China erlebte eine erste Krise. Die Wirtschaft schwächelte, die Konsumentenpreise zogen deutlich an, und die Korruption und Raffgier der herrschenden Kreise wurden deutlich. Auch der Nepotismus der führenden Kader um Deng und Zhao Ziyang war ein großer Stein des Anstoßes. Die Proteste begannen im April mit dem Tod des ehemaligen Generalsekretärs der Partei, Hu Yaobang – eine „schöne“ Tradition in China, über die ich hier bereits einmal geschrieben habe. Von Anfang an war die Partei gespalten. Ministerpräsident Li Peng forderte von Beginn an den Einsatz des Militärs, Zhao Ziyang, damaliger Generalsekretär der Partei, sprach sich für den Dialog mit den Studenten und Protestlern aus.

Nach dem Besuch von Michail Gorbatschow, der im Rahmen des chinesisch-sowjetischen Gipfels 1989 die Große Halle des Volkes durch den Hintereingang betreten musste, setzten sich die Hardliner bei Deng Xiaoping (der damals Vorsitzender der Militärkommission war und damit final über den Einsatz des Militärs entschied) endgültig durch. Am 20. Mai wurde das Kriegsrecht verhängt, und am 4. Juni schließlich setzte die Räumung des Platzes ein: 48 Stunden später waren die Proteste im ganzen Land blutig niedergeschlagen. Offiziell starben dabei 200 Zivilisten und Soldaten, darunter 36 Studenten, laut dem damaligen australischen Ministerpräsident Bob Hawke hingegen wurden mindestens 10.000 Zivilisten bei der Niederschlagung der Reformbewegung ermordet.

Für China endete damit die Phase der ersten politischen Reformen und der vorsichtigen Öffnung. Erst 1992, mit der großen Reise Dengs in den Süden des Landes, wurde der Reformkurs in Teilen wiederaufgenommen. Politische Reformen, mehr persönliche Freiheiten, eine Ende der Zensur oder Ähnliches stehen seitdem nicht mehr im Programm der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh). Politisch isolierte sich China durch das Massaker über Jahre hinaus. Durch die vom Westen verhängten Wirtschaftssanktionen wurde die ökonomische Entwicklung über Jahre ausgebremst – zudem versuchten viele Studenten das Land zu verlassen (auch wenn von einem Braindrain zu sprechen sicherlich übertrieben wäre). Insbesondere der MI6 versuchte in der „Operation Yellowbird“, Studenten, die von den Repressionen betroffen beziehungsweise bedroht waren, zur Flucht nach Hongkong und dann weiter in die USA, ins Vereinigte Königreich oder nach Kanada zu verhelfen. Die Operation endete erst 1997, als die Kronkolonie an Rotchina zurückfiel.

Darüber hinaus erfolgte eine große Umstrukturierung in der Führungsschicht der Partei – insbesondere begann zeitgleich mit dem Massaker der Aufstieg Jiang Zemins, dem es damals als Bürgermeister von Shanghai gelungen war, die dortigen Proteste zu kanalisieren und friedlich zu beenden. Mit dem Tod von Deng stieg Jiang schnell zum Paramount Leader auf und war auch noch während der beiden Amtszeiten seines Nachfolgers Hu Jintao die bestimmende Figur im Hintergrund. Zudem wurden die drei wichtigsten Positionen im Land – die des Generalsekretärs der Partei, der Vorsitz der Militärkommission und das Präsidentenamt – ab 1992 auf eine Person vereinigt. Bis heute wird diese Praxis beibehalten.

Heute, im China des Jahres 2023, gibt es das Massaker schlicht nicht. Wer heute unter 40 ist, wird in den allermeisten Fällen noch nie etwas davon gehört haben – bei vielen anderen wird die Erinnerung daran von den enormen, positiven wirtschaftlichen Entwicklungen der vergangenen 30 Jahre überlagert, und oftmals sehen jene Chinesen dadurch sogar die Handlungen des Regimes gerechtfertigt. Anders war es in Hongkong: Hier gab es in Mongkok das Museum des 4. Juni, auf dem Campus der Hong Kong University (HKU) wurde 1997 die Säule der Schande errichtet, und an jedem 4. Juni fand im Victoria Park im Hongkonger Stadtteil Wan Chai eine Kerzenmahnwache vorbei. All dies endete im Jahre 2021. Das Museum wurde am 2. Juni geschlossen, im Dezember baute die Leitung der HKU die Säule ab. Der Victoria Park wurde in den Jahren 2021 und 2022 bereits im Vorfeld des 4. Juni großräumig abgesperrt. Selbstredend kam es zu zahlreichen Verhaftungen. Auch 2023 war der Park am Tag des Massakers wegen „Wartungsarbeiten“ geschlossen.

Wer heute in China der Ermordeten des 4. Juni gedenken will, dem bleibt nur, wie es eine gute (chinesische) Freundin von mir formulierte, „eine Kerze im Herzen anzuzünden“.


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