14. Juni 2023 14:00

Musk, make Twitter great again! Über eine uralte Methode des Massenmanagements

Es ist eigentlich ganz einfach. Fast schon lachhaft einfach

von Axel B.C. Krauss

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Bildquelle: Naga 11 / Shutterstock Derzeitiger „Heilsbringer“ vieler Alternativmedien: Elon Musk wird’s richten …

Erstaunlicherweise geht in den allermeisten Diskussionen, die ich zur Personalie Elon Musks erleben durfte und heute noch darf, ein aus meiner Sicht eigentlich offensichtlicher Aspekt unter. Zumeist drehen sich die Gespräche um die Frage, welcher „Seite“ Musk zuzurechnen sei.

Manchmal reicht das Niveau der Gespräche bis ins Vorschulalter zurück: Ist er einer von den „Guten“ oder „Bösen“? Wird er – Moment, ich werfe mal das Stanzwerk an – „die Eliten in Panik versetzen“ und „den Sumpf austrocknen“, also höchstwahrscheinlich schon ganz bald alle Bösen verhaften? Oder ist er, wie einige Kommentatoren in den Alternativmedien vermuten, nur ein Ablenkungsmanöver, eines dieser berühmten „Limited Hangouts“, jemand, der den Leuten große Hoffnungen – Hope and Change – in den Kopf pflanzen soll, obwohl sich dann doch nichts wesentlich ändert?

Mir scheint, als stürben gewisse Narrative nie aus. Vor ein paar Wochen verkündete ein Portal, das Seriösität eher feindselig gesinnt ist, über Robert F. Kennedy unter grottig imitiertem Löwengebrüll wie damals bei Trump, nun sei (zum nicht mehr zählbaren Mal) ein neuer Heiland geboren. Was die Substanz der Argumentation betraf, handelte es sich aber nur um ein Fiepen: Ohne auch nur einen einzigen glaubhaften Beleg zu haben, ohne Vorlage eines einzigen auch nur annähernd überzeugenden Beweises klabasterte man dort, Kennedy, Sie erraten es schon, versetze „die Eliten in Panik“ und werde im Falle eines Sieges der Präsidentschaft auf jeden Fall „den Sumpf austrocknen“. Immer dasselbe. Deckel auf, Skript auf den Kopierer legen, feddich.

Als ich das las, war mein erster Gedanke: „Geht das ganze geistige Elend jetzt wieder von vorne los?“ Es ist nur noch zum Davonlaufen. Immer dieselben dummen Sprüche, dieselben abgenutzten Slogans, dasselbe Phrasenstroh. Womit ich nichts über Robert F. Kennedy gesagt haben wollte, sondern höchstens gegen Leute, die – ironisch genug – mit solchem Gerede alles andere als alternativ sind, sondern eine alte und erprobte Methode angewandter Herrschaftspsychologie stützen: Biete den Leuten ein Ventil, eine Erleichterung, eine Entlastung in Form von „Hopium“, wie James Corbett es einmal scherzhaft ausdrückte. Man kennt es ja von Obama: „Hope and Change“. Was daraus letztendlich wurde, bedarf keiner Erwähnung mehr. Obama, der – nur scheinbar – aus dem „Nirgendwo“ kam und kometenhaft bis zum Präser aufstieg, entpuppte sich als „Inside Joke“ genau derselben Leute, die schon in den vorangegangenen Regierungen am Ruder waren.

Als gute Faustregel lässt sich festhalten: Wünsche nach Veränderung an eine Regierung/einen Staat zu delegieren, an irgendein Figürchen in irgendeinem Haus, an eine Partei oder eine mystische Gruppe (da wir QAnon schon hatten, gehe ich mal davon aus, dass es bei Kennedy wahrscheinlich die Z-Avengers sein werden, die in spätestens zehneinhalb Jahren alle Bösen verhaftstücken, wenn man nur fest genug daran glaubt), ist nie eine sonderlich gute Idee.

Also was ist nun bei Musk der Fall? Die Parallelen sind auch hier offensichtlich:

Trump, make America great again!
Musk, make Twitter great again!

Rette unsere Meinungsfreiheit!

Oh Mann.

Wer die Meinungsfreiheit retten will, muss das selber tun. Durch sein eigenes Verhalten. Und genau das ist hier der Trick: Suggeriere Leuten, sie bräuchten sich nicht selbst zu kümmern. Rede ihnen die Eigenverantwortlichkeit aus oder halte sie von diesem Gedanken fern, mache ihnen weis, sie bräuchten dazu einen Anführer, der das für sie tut. Wie gesagt: Das ist einer der ältesten Kniffe im „Spielbuch“ der Herrschaftsmethodologie.  

Das hohe Gut der Meinungsfreiheit bedarf keines „Overlords“, keines Milliardärs, keines Oligarchen oder sonst irgendeines Retters, sondern ist ein Prinzip, das individuell vorgelebt werden muss.

Wenn ich mich an so manche Twitter-Diskussionen zurückerinnere, bei denen regelmäßig Leute, die von der „Doktrin“ abwichen – egal, ob Corona-, Klima- oder irgendeine „Wokeness“-Doktrin, egal, worum es ging –, ohne jedes Federlesen von einem Shitstorm-Mob unverzüglich „gecancelt“, sprich blockiert und mundtot gemacht wurden, bin ich eher amüsiert über den Gedanken, dass Elon-Ra Twitthotep I. diesem Treiben nun ein Ende bereiten wird.

Doch das macht nichts. Sollte Musk dabei scheitern, für viele Millionen Nutzer des Portals weltweit Höchststandards in Sachen Free Speech zu setzen, Sümpfe aller Art restlos trockenzulegen und Eliten in helle Aufruhr bis ganz kurz vor den Herzinfarkt zu versetzen, kann ja Tucker Carlson in die Bresche springen.

Der wird’s rumreißen. Glauben Sie mir. Warum ich davon so überzeugt bin?

Na, weil sein letztes Video fast 100 Millionen Views hatte! Mit anderen Worten: Dagegen steht Gott ja nun als beschissener Lügner da.

So leid’s mir tut, ich kann mit Gefolgschaftskulten nun mal nichts anfangen und würde „Hopium“ eher als Babybrei einstufen. Vor allem dann, wenn es nur als Geschmacksstoff dient, um knallharte Machtinteressen milder schmecken zu lassen. So wie damals bei Barack. Emotionen sind eine der stärksten Waffen im Arsenal der Manipulation. Ich kann mir einfach nicht helfen: Massenphänomene, die nicht auf stichhaltigen Informationen beruhen, sondern von mir erwarten, mich einem bloßen Glauben anzuschließen, sind mir nun mal suspekt. Zutiefst.

Vor Kurzem stieß ich in einem sehr interessanten Buch auf Worte, die diesbezüglich nicht treffender sein könnten. Sie stammen von Manly Palmer Hall, einem kanadischen Schriftsteller, Mystiker und Privatgelehrten, der, soweit mir bekannt ist, für sein Mammutwerk „The Secret Teachings of All Ages“ den 33. Freimaurer-Hochgrad ehrenhalber verliehen bekam. Bitte? Zitiert der hier einen Freimaurer? Ja. Auch wenn das natürlich die „Bösen“ sind (wie man dank umfassend gebildeter alternativer Aufklärer weiß …), denen lauter herzensgute Mobs auf Twitter oder Facebook als die „Guten“ gegenüberstehen, deren herdenhaft-herzliche Meinungsunterdrückungsfreiheit von außen „gerettet“ wird …

Jedenfalls schrieb Hall in „Lectures on Ancient Philosophy“, das er als ergänzenden und erläuternden Nachfolgeband zu „Secret Teachings“ verstanden wissen wollte: „Follower, um es mit den Worten Shakespeares zu sagen, haben einen ‚mageren und hungrigen Blick‘. Individuen, die unfähig sind, auch nur einen eigenen Gedanken zu formulieren, suchen verzweifelt nach jemandem, mit dem sie übereinstimmen können, und begeben sich damit auf den Pfad des geistigen Verfalls, auf dem der Intellekt vom einfachen Zustand des Nichtwissens zur tatsächlichen Unfähigkeit zu wissen herabsteigt. Der Mensch, der zum -iten wird, plädiert folglich auf intellektuellen Bankrott und nimmt das an, was sich schlussendlich als die ekelhafte Rolle des Leibeigenen erweisen muss. Aus all dem wird ersichtlich, dass das Denken sein eigener Lohn ist; dass kein Mensch tatsächlich von der Arbeit anderer profitieren kann, sondern sein eigenes geistiges Heil mit unermüdlichem Fleiß erarbeiten muss. Ihr, die ihr die inneren Geheimnisse des Lebens entdecken wollt, entfernt euch von den Konzepten der vielen. Seid nicht Anhänger fremder Götter, sondern sucht die Wirklichkeit gemäß den Impulsen eurer eigenen höheren Vernunft. Werdet zu schöpferischen Denkern, nicht zu bloßen Anhängern blinder Kulte“ (Manly P. Hall, „Lectures on Ancient Philosophy“, Philosophical Research Society, Seiten 406 bis 407, meine Übersetzung).

Bis nächste Woche.


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