Weit mehr als „nur“ ein Sexualstraftäter: Epstein als „Finanzdienstleister“ der „Schönen neuen Welt“
Im Zentrum des digitalen Panoptikums
Die Veröffentlichung der „Epstein Files“ ließ die Wellen erwartungsgemäß nicht nur hoch schlagen, sondern Gicht und Galle sprühen: Der verurteilte Sexualstraftäter war nicht nur in den USA eine große Geheimnummer, sondern rund um den Globus. Viel von dem, was nun das Licht der Öffentlichkeit erblickte, war durchaus schon Jahre vorher bekannt oder wurde zumindest vermutet – jetzt erhielten so manche der vormaligen „Verschwörungstheorien“ allerdings dokumentarische Bestätigung. Und wie es nicht anders sein kann, wird auch dieses Mal eifrig versucht, den Fokus nur auf Teilaspekte zu lenken, die zwar zweifellos aufklärungsbedürftig und vor allem straffrechtlich höchst relevant sind, aber eben nur einen begrenzten Ausschnitt des Bildes liefern. Ergo: Welch ein gründlich verrotteter, amoralischer, widerwärtiger, abstoßender Sauhaufen „die Elite“ doch ist. „Die Reichen und Mächtigen“: Alles Schweine! Nix als kleine Mädchen im Kopf!
Ganz ruhig. Wenn in den USA, wie es derzeit geschieht, nun ausgerechnet das geheimdienstliche Ablenkungsmanöver namens „QAnon“ wieder aus der Versenkung geholt wird und den Leuten – schon wieder – etwas von einem „Great Awakening“ erzählen will (das nicht stattfindet), dass alle Bösen endlich aufgeflogen sind und irgendwann in naher (oder fernerer …) Zukunft wahrscheinlich samt und sonders verhaftet werden, denkt jeder besonnenere, erfahrenere Zeitgenosse: Danke für den Hinweis! Das heißt also, ich sollte darauf achten, worüber NICHT gesprochen wird …
Es ist doch immer wieder erstaunlich, wie leicht man Menschen von der Echtheit welcher Informationen auch immer überzeugen kann, sobald sie einen Regierungsstempel tragen: „Jetzt ist es offiziell!“ Das war es im Prinzip schon vor Jahren. Nur sprach kaum jemand der Involvierten darüber, natürlich nicht – erstens aus (zumeist finanziellem) Eigeninteresse, zweitens aus Angst. Schon 2020 hatte – erst neulich hatte ich das in einem Beitrag nochmal kurz aufgegriffen – der Komiker Ricky Gervais bei der Golden Globes-Verleihung Anspielungen darauf fallenlassen, die eindeutiger nicht hätten sein können und für einiges Aufsehen sorgten. In diesen Kreisen wusste man, welche Rolle(n) Epstein spielt – bis hinauf in die höchsten Sphären aus Politik, Wirtschaft, Medien, der Modelbranche, der Popkultur – und das international.
Ich will damit keineswegs die Authentizität vieler der Enthüllungen bezweifeln (die, wie gesagt, schon Jahre zuvor kontinuierlich Nahrung erhielten, beispielsweise durch Zeugenaussagen), aber man muss eben auch die Frage stellen, in welchem Ausmaß das nun publizierte Material wirklich vertrauenswürdig ist. Schließlich besteht die Möglichkeit, dass auch einiges an Irreführendem daruntergemischt wurde. Inwieweit wurde das von denjenigen, die sofort auf den Zug aufsprangen, überhaupt näher geprüft? Nichts für ungut: Schließlich veröffentlicht die US-Regierung ja auch regelmäßig „Enthüllungen“ über „UFOs“ …
Vor allem die Menge überrascht: Die Rede war zuletzt nicht nur von sechs, sondern möglicherweise acht oder gar zehn Millionen (!) Seiten aus einem Jahrzehnte umspannenden Mailverkehr zwischen dem 1953 geborenen Investmentbanker Jeffrey Edward Epstein und allerlei Prominenten aus eben genannten Berufsfeldern. Er betrieb ein atemberaubend weit gespanntes Netzwerk; in den „Files“ fallen nun abermals Namen, die schon seit längerer Zeit in Verdacht standen, an schattigen, teilweise sogar schlicht ekligen Aktivitäten beteiligt gewesen zu sein – nicht zuletzt Persönlichkeiten wie der mittlerweile vollständig diskreditierte Prinz Andrew oder der Hollywood-Filmmogul Harvey Weinstein. Das bedeutet aber nicht, dass jeder, der mit ihm Kontakt stand, von seinen „inoffiziellen“ Aktivitäten überhaupt wusste.
Was bei alledem, zumindest bisher, eher untergeht – aber vielleicht ist das auch gewollt –, ist Epsteins Rolle als Finanzdienstleister und Kontaktvermittler beim Aufbau jener digitalen Infrastruktur, die unter Schlagworten wie zum Beispiel „Digitale Zentralbankwährungen“ bekannt wurde. Epstein betätigte sich – ähnlich wie Peter Thiel, der auch in den Files auftaucht, ebenso wie Elon Musk oder Bill Gates – als fleißiger Startup-Investor für Firmen, die diese Infrastruktur weiter ausbauen und festigen sollten. In einer der Mails heißt es zum Beispiel:
„Wir sehen eine reale Möglichkeit, dass alle Währungen digitalisiert werden und der Wettbewerb alle Währungen von ineffektiven Regierungen verdrängt. Die Macht reibungsloser Transaktionen über das Internet wird die typischen Kräfte der Konsolidierung und Globalisierung freisetzen, und wir werden am Ende sechs digitale Währungen haben: US-Dollar, Euro, Yen, Pfund, Renminbi und Bitcoin“ (ESC, „Epstein II“, 9.2.2026).
Ein wichtiges Stichwort übrigens, denn Epstein war auch maßgeblich an der Vereinnahmung beziehungsweise dem „Hijacking“ von Bitcoin beteiligt, wie Roger Ver es nannte – die Währung ist schon lange keine echte Alternative mehr.
Epstein stand in Kontakt mit Lawrence „Larry“ Summers, dem ehemaligen Chefökonom der Weltbank (der nach den Enthüllungen „verbrannt“ war und seine Lehrtätigkeiten aufgeben musste), er vermittelte Kontakte zu YGLs (Young Global Leaders) des Weltwirtschaftsforums (und versuchte, diese anzuwerben), bis hin zur BIZ (Bank für Internationalen Zahlungsausgleich) und der UN, er war ebenso mit den Clintons bekannt wie mit Donald Trump und einigen der wichtigsten Namen aus der „MAGA“-Bewegung, er kommunizierte mit hohen Beamten in der Regierung Obamas – take your pick. Man könnte sich fragen, was die BIZ damit zu tun haben sollte, aber darauf gibt es bereits eine Antwort:
„Die Beweiskette endet an der Tür der BIZ, und das ist so gewollt. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich unterliegt der diplomatischen Immunität. Ihre Archive sind gemäß dem Hauptsitzabkommen mit der Schweiz von 1987 unantastbar. Sie unterliegt keinem nationalen Informationsfreiheitsgesetz, keiner parlamentarischen Kontrollkommission und keinem Offenlegungsverfahren vor Gericht. Es gibt keinen Mechanismus, mit dem interne Mitteilungen der BIZ öffentlich zugänglich gemacht werden könnten“ (ESC, „Epstein II“).
Aber selbst diese Namen sind fast noch „niederrangig“ – denn er schrieb nicht nur Mails mit ehemaligen oder amtierenden Präsidenten, sondern vermittelte auch Kontakte zu den größten Playern des Planeten aus dem Banken- und Finanzwesen – in den Akten fallen auch Namen wie Jacob oder Ariane de Rothschild. Die deutsche Unternehmerin Nicole Junkermann führte einen lebhaften Mailverkehr mit Epstein, das „Supermodel“ Heidi Klum soll auch in seinem berüchtigten Adressbuch gestanden haben. Der bekannte indisch-amerikanische Autor Deepak Chopra, der vor allem mit Büchern über Spiritualität von sich reden machte, wird in den Mails mit den Worten zitiert: „Gott ist ein Konstrukt. Süße Mädchen sind real.“
Also: Wenn der Fokus mit aller Macht nur auf einen einzigen Aspekt gelenkt wird, sollte man Distanz wahren und sich fragen, was in der Erregungs- und Empörungsflut möglicherweise untergeht. Der erstklassige Blog ESC tappte glücklicherweise nicht in diese Falle und bemerkte zur Problematik sehr treffend (in seiner ausführlichen dreiteiligen Artikelreihe „Epstein I – III“):
„Ob Podesta und Clinton wirklich auf ›Spirit Cooking‹ und ›Gourmet Hot Dogs‹ stehen, ist in diesem Zusammenhang völlig irrelevant, denn ihre Beteiligung an ›Impact Investing‹ und ›Stranded Assets‹ ist sehr real und umfassend dokumentierbar – und das sind die stillen Faktoren, die Ihr tägliches Leben beeinflussen und erklären, warum Ihre Lebenshaltungskosten in Zukunft steigen werden, bis Sie es sich eines Tages nicht mehr leisten können, Ihre Kinder zu ernähren, während Ihr Haus aufgrund der ›Gefahr des Klimawandels‹ an Wert verliert, was Versicherer dazu veranlasst, den Versicherungsschutz zu verweigern, und Banken dazu, keine Hypotheken mehr anzubieten. […] Und das ist wirklich keine Hypothese, sondern geschieht bereits.“
Epstein war also ein wichtiger „Dienstleister“, sei es auf finanzieller Ebene oder auf geheimdienstlicher; auf seiner Insel („Epstein Island“), wo er in seiner mondänen Villa Schlafzimmer mit halbdurchlässigen Spiegeln ausstattete, um belastendes Material über Prominente zu sammeln, fanden tatsächlich regelmäßig die wüstesten Orgien statt. Solche Informationen sollten aber nicht den Blick darauf vernebeln, dass er erstens nur einer von mehreren „Service-Anbietern“ dieser Art war und zweitens, dass die Agenden, die voranzubringen er half, auch ohne ihn weiterlaufen werden.
„Dies war ein Mann, der von David Rockefeller empfohlen wurde, im Vorstand der Rockefeller University saß, in den Council on Foreign Relations und die Trilaterale Kommission aufgenommen wurde, in drei Zweige der Rothschild-Dynastie eingebunden war und in regelmäßigem Kontakt mit einem ehemaligen US-Finanzminister stand, einem ehemaligen Rechtsberater des Weißen Hauses […], einem ehemaligen EU-Handelskommissar, dem Vorsitzenden des norwegischen Nobelkomitees und dem Präsidenten der UN-Generalversammlung – der das Impact-Investing-Vehikel mit den höchsten Führungskräften von JPMorgan entworfen, Summers die Architektur der tokenisierten digitalen Währung spezifiziert, dem Herrscher von Dubai die souveräne digitale Währung vorgestellt, die KI- und Kryptografieforschung finanziert hatte, die jetzt von den Zentralbanken eingesetzt wird, und Personal in die Weltbank, das Weltwirtschaftsforum, NHS Digital und Goldman Sachs entsandt hatte.
Ob er sich nun selbst umgebracht hat, ermordet wurde oder – wie manche behaupten – aus der Öffentlichkeit entfernt wurde, das Ergebnis für das Netzwerk war identisch: Die Routing-Tabelle wurde dauerhaft unzugänglich. Aber das spielte keine Rolle. Bis 2019 waren alle Fäden, die Epstein gezogen hatte, institutionalisiert […] Die Schaltzentrale hatte ihre Funktion erfüllt. Was blieb, war das Risiko: ein Mann, der die gesamte Konstruktion von der einzigen Position aus gesehen hatte, die alle Knotenpunkte miteinander verband, und dessen Anwälte gerade die Möglichkeit einer Zusammenarbeit ins Spiel gebracht hatten. Das System braucht keinen Schaltstellenbetreiber mehr, sobald die Verkabelung in den Wänden verlegt ist.
Was die E-Mails dokumentieren […] ist der Aufbau einer Gesellschaft, deren Wirtschaft um ein ›soziales Gut‹ herum neu gestaltet wurde: eine gemeinsame Ethik, mit KI als Durchsetzungsmechanismus und den Zielen für nachhaltige Entwicklung als dieser Ethik“ (ESC, „Epstein I“).
Bis nächste Woche.
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