15. Juni 2023

USA revisited Verfall, Fassade und Kulturlosigkeit – auch das sind die USA

Amerika und die Amerikaner – nicht nur im Süden (Teil zwei von zwei)

von André F. Lichtschlag

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Bildquelle: oliverdelahaye / Shutterstock Vorne riesige Parkplätze: Dahinter, links und rechts die immer gleiche Fassade

Was mich an Amerika immer wieder wirklich begeistert, das sind die „gewöhnlichen“ Amerikaner, warum, darüber habe ich letzte Woche in Teil eins dieser Doppelkolumne berichtet.

Weniger begeisternd sind zuweilen ihr Land und ihre Kultur. Was ich mit vier kleinen Relativierungen zu meiner Südstaaten-Hommage unterstreichen möchte.

Erstens

Auch im Süden ist nicht alles Gold, was glänzt. Selbst das große Freiheitsstreben, das ich mit Blick auf den legalen Waffenbesitz oder die stets nur hinten angebrachten Autokennzeichen, um noch einmal zwei Beispiele zu erwähnen, beobachten konnte, gilt nicht in jedem Lebensbereich. In den meisten demokratisch regierten Staaten im Norden und an den Küsten sind zum Beispiel Kauf und Gebrauch von Marihuana längst legalisiert, nicht hier im Süden. Aber das betraf mich weniger als ein Südstaaten-Erlebnis: Ich wollte mir und meiner Frau je ein Glas Wein an einer Bar holen. Zuerst musste ich wie stets in der Gegend selbst in meinem offensichtlich gesetzteren Alter unbedingt den Ausweis zücken, um zu bestätigen, dass ich 21 Jahre und also alt genug dafür bin. Aber nicht nur das – meine Frau musste eigens zur Bar kommen, um ihren Ausweis ebenfalls zu zeigen. Sie wollte sich schon wieder setzen, da wurden wir darauf hingewiesen, dass ich selbst nach der Stasikontrolle unmöglich die beiden Gläser alleine zum Platz bringen könne – die Barfrau dürfe jedem Erwachsenen nur ein alkoholisches Getränk zeitgleich anvertrauen. Das sei gesetzliche Vorschrift.

Da hilft dann auch die amerikanische Freundlichkeit wenig – es ist schlicht unwürdig.

Zweitens

Amerika, das ist eben nicht nur das aufstrebende Tennessee und erst recht nicht nur das boomende kleine Franklin. Da fällt mir ein: Hatte ich erwähnt, dass bereits 20 Meilen, bevor ich wieder in Franklin eintraf, sämtliche Rasenflächen am Highway-Rand links und rechts sauber gemäht waren?

Amerika in der Weite und Ferne, das sind aber eben auch die immer gleichen Highway-Ausfahrten mit den immer gleichen Tankstellen und Fastfood-Ketten. Und am Rande dann Ortschaften, die man hinter sich lässt im Glücksgefühl, dort nicht leben zu müssen. Auf dem Weg nach Chicago fuhren wir zum Beispiel durch den landwirtschaftlich geprägten Staat Indiana und übernachteten in der Stadt Terre Haute mit etwa gleich vielen Einwohnern wie Franklin. Ich bin sicher, dass Sie von dieser Stadt noch nie gehört haben. Aus gutem Grund. Es ist wohl die hässlichste und heruntergekommenste Universitätsstadt, die ich je in meinem Leben gesehen habe. Die Armut in jederlei Hinsicht sprang einem hier förmlich entgegen. Und ich fürchte, Terre Haute ist im Zweifel nicht weniger typisch für die USA als Franklin.

Drittens

Es sind nicht nur die immer gleichen Ausfahrten auf der Durchreise: Das in Europa weit verbreitete Vorurteil von der amerikanischen Kulturlosigkeit ist am Ende doch weit mehr begründet als jenes von der Oberflächlichkeit der Amerikaner.

Wirklich organisch entstandene, geschweige denn mittelalterlich geprägte Städte wie in Europa gibt es nicht. Kein Haus ist in den USA massiv Stein auf Stein gebaut. Fast alles wurde aus Gips und Spanplatten zusammengeschustert und dann irgendwie bepinselt „als ob“.

Alles ist auf „Convenience“ ausgerichtet, und das ist dann oft wenig stilvoll. Auch feinere Geschäfte oder edle Restaurants findet man in den USA nicht etwa in historischen Häusern und Gegenden, sondern am Rande der riesigen Parkplätze, angeordnet im immer gleichen Quadrat hinter den immer gleichen billigen Pappfassaden.

Viertens

Die „Kulturlosigkeit“ ist nicht auf das Äußere beschränkt. Amerikaner essen gerne und viel mit Plastikbesteck und auf Papptellern, selbst zu Hause.

Ein langer gemütlicher Abend im Restaurant oder gar ein halber Tag im sommerlichen Biergarten? Ist in den USA so nicht möglich – nach dem Essen kommt die Rechnung und nicht etwa noch ein Getränk. Sitzen bleiben darf man an der Bar, aber eben nicht in behaglicher Runde am Esstisch. 

Nach einer Weile im täglichen Leben in den USA vermisst man dann eben doch das gute alte gewachsene Europa, das Gemütliche, das Echte anstelle der Fassade und des Schnell-Lebens.

Wie gesagt, das betrifft Teile des Landes und der Kultur. Nicht die Menschen. Bei denen verhält es sich im Vergleich eher umgekehrt; deren Hilfsbereitschaft, Freundlichkeit und „Echtheit“ vermisse ich bereits bei jedem Abflug aus den USA, heim in die Zone.


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