18. Juni 2023 20:00

Die wichtigste Währung der Welt (Teil 1) „Lieber Geld verlieren …

… als Vertrauen“ (Robert Bosch)

von Stephan Unruh

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Bildquelle: Pictrider / Shutterstock Nicht nur in Extremsituationen: Vertrauen ist für Menschen lebensnotwendig

Sicher, der US-Dollar ist allen Unkenrufen zum Trotz nach wie vor die wichtigste Währung im internationalen Zahlungsverkehr, auch wenn der Renminbi Yuan mehr und mehr an Bedeutung gewinnt. Gold und Silber sind zweifelsohne wichtige Depotbestandteile und physisch sowie im direkten Besitz sogar elementare Bestandteile einer Versicherung gegen „Worst Case“-Szenarien. Vielleicht sind Kryptowährungen die Zukunft oder aber die Digitalwährungen der Zentralbanken. Doch sie alle sind abhängig von der Währung, die ich meine. Diese ist weder greif- noch zählbar.

Und doch zahlen wir jeden Tag in ihr – und werden in ihr bezahlt. Wir nutzen sie, wenn wir den Aufzug betreten. Wenn wir Autos, Züge oder Flugzeuge benutzen. Wenn wir die Straße an der Ampel überqueren. Ebenso wenn wir Geschäfte machen, als Angestellte wie als Unternehmer. Auch im Umgang mit dem Staat und seinen Bütteln zahlen wir in diese Währung und natürlich auch innerhalb unserer eigenen, freiwillig gewählten und eingegangenen Gemeinschaften und Verbindungen. Selbstredend ist sie ebenfalls die Basis des gesamten Fiatgeld-Systems (die treffendere Bezeichnung dafür wäre übrigens Schuldgeldsystem, denn die Zentralbanken schaffen Geld nicht aus dem Nichts, sondern gegen Schuldverschreibungen).

Die Rede ist von Vertrauen.

Wenn wir den Aufzug betreten, vertrauen wir darauf, dass dieser ordentlich gewartet ist und uns nicht statt nach oben oder unten ins Jenseits befördert. Wir vertrauen darauf, dass die Bremsen im Auto funktionieren, dass der Zug relativ pünktlich abfährt und die Weichen für ihn korrekt gestellt werden. Wenn wir bei Grün über die Ampel gehen, vertrauen wir darauf, dass die Autos entsprechend Rot haben und auch darauf, dass sie anhalten werden. Angestellte vertrauen darauf, dass ihnen die Firma am Monatsende das vereinbarte Gehalt auszahlt, und der Chef vertraut darauf, dass auch am nächsten Tag seine Mitarbeiter pünktlich am Arbeitsplatz erscheinen. Wir (also als Gesellschaft, als Libertäre freilich eher nicht) vertrauen auch dem Staat und seinen Institutionen: beispielsweise darauf, dass vor Gericht tatsächlich weitgehend Recht gesprochen wird. Dass die politische Klasse – trotz aller Korruption und Postenschacherei – doch auch irgendwie das Wohl der eigenen Bevölkerung im Sinn hat. Auf die Strom- und Wasserversorgung vertrauen wir ebenso wie auf die vernünftige Entsorgung der Abwässer, darauf, dass wir im Supermarkt kaufen können, was wir für den alltäglichen Bedarf (und weit darüber hinaus) benötigen. Ebenso vertrauen wir darauf, dass das, was wir da kaufen, nicht irgendwie gepantscht oder vergiftet ist.

All das ist nicht selbstverständlich, auch wenn es uns Menschen, die wir im Westen (ich könnte auch schreiben im judeo-christlichen Abendland) und insbesondere in Deutschland groß geworden sind, so scheint. Tatsächlich ist einer der Gründe für die enormen wirtschaftlichen Erfolge des Westens, dass seine staatlichen und gesellschaftlichen Institutionen ebenso wie seine Mitglieder selbst vertrauenswürdig sind (beziehungsweise es wohl waren).

Man kann sich im Westen eigentlich gar nicht vorstellen, was für ein unglaubliches Wunder es beispielsweise ist, dass Busse fahrplanmäßig fahren. Im Rest der Welt fahren Busse nämlich recht willkürlich – hier in China gibt es keine Fahrpläne: Der Bus kommt, wenn er kommt. Gott sei Dank fahren hier so viele Busse, dass man selten lange warten muss, aber manchmal kommen dann drei der gleichen Linie direkt hintereinander. Auf Kuba hingegen kann es auch passieren, dass potenzielle Fahrgäste völlig umsonst den Tag an der Bushaltestelle verbringen. Oder denken Sie an die Plattform E-Bay und deren ursprüngliches Konzept: Zwei völlig unbekannte Menschen, die auch räumlich weit auseinanderliegen, handeln miteinander und die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Handel die einzige Interaktion zwischen diesen beiden Menschen bleiben wird, liegt nahe 100 Prozent. Was hindert die Partner daran, kaputte Ware zu schicken beziehungsweise nicht zu zahlen? Tatsächlich gab es sogar Versicherungen gegen Zahlungsausfälle beziehungsweise defekte Waren. Sie wurden so gut wie nicht genutzt: Die Vertragspartner, obwohl Hunderte von Kilometern auseinander, waren nicht nur meistens, sondern zu 99,99 Prozent ehrlich und vertrauten einander – zu Recht.

Hier in China bietet sich ein völlig anderes Bild: Selbst im Supermarkt kann man sich nicht sicher sein, dass die Ware original ist. Ein Weinimporteur erzählte mir neulich, dass etwa 60 Prozent aller Weine aus Frankreich, die in China angeboten werden, gefälscht sind. Passend dazu las ich, dass pro Jahr in China mehr Wein des australischen Weingutes Penfolds verkauft wird, als selbiges im Jahr produziert. Als ich in Peking lebte, versuchte mir die Eigentümerin eines Tante-Emma-Ladens ein (!) Päckchen Taschentücher für 26 Renminbi Yuan (damals etwa drei Euro) zu verkaufen, da sie mich wohl in einer Notlage wähnte, denn in China gibt es normalerweise kein Toilettenpapier. Auch ist das Vertrauen der Chinesen in ihre staatlichen Institutionen zwar einerseits enorm, andererseits aber ruft man eher ungern die Polizei und regelt die Dinge lieber selbst – und gäbe es keine Kapitalverkehrskontrollen in dem Land, würden die Immobilienpreise in Australien, London und der US-Westküste noch sehr viel höher stehen, und das Reich der Mitte würde binnen Stunden vermutlich drei Viertel der Spareinlagen seiner Bürger verlieren.

Gesellschaften mit einem hohen internen Vertrauenslevel haben enorme Vorteile gegenüber solchen mit einem niedrigen. Pauschal kann man sagen, dass die Transaktionskosten dadurch dramatisch niedriger liegen, ja zahllose Transaktionen überhaupt erst dadurch, weil man sich gegenseitig vertraut, realisiert werden können.

Was passiert nun, wenn die Bürger das Vertrauen in den Staat, die Institutionen oder auch in ihre eigene Gesellschaft verlieren? Für viele Libertäre mag mit dem endgültigen Verlust des Vertrauens in Staat und Politik das goldene Zeitalter der Privatgesellschaft heraufdämmern. Ich hingegen bin da skeptischer. Ich habe viel Zeit in Gesellschaften mit deutlich niedrigeren gesellschaftlichen Vertrauensleveln verbracht – wirklich freiheitlich(er) waren keine … und das ist dann das Thema der nächsten Kolumne.


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