13. Juli 2023

Folge „Dämon 79“ aus der sechsten Staffel von „Black Mirror“ Ra ra Rasputin und das Teuflische am Utilitarismus

Die Weichenstellerfalle als Gottspielerei – jetzt meisterhaft auf Netflix

von André F. Lichtschlag

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Bildquelle: Netflix / Youtube Ästhetik 79: Der Dämon als Daddy Cool

Bitte was? Ein junger, sich noch in der Ausbildung befindender Dämon nimmt die Gestalt von Bobby Farrell an, dem legendären und stets in Weiß gekleideten „Sänger“ und Tänzer von Boney M. („Ra ra Rasputin“). „Daddy Cool“ also erscheint einer indischstämmigen Schuhverkäuferin im England des Jahres 1979 und stellt sie vor die Wahl: Sie müsse schnell drei Menschen ermorden – tut sie es nicht, wird die gesamte Menschheit bereits in drei Tagen qualvoll verenden. Was für eine abenteuerlich absurde Geschichte? Mit Tiefgang!

Doch der Reihe nach. Bereits im Oktober 2019 habe ich (in ef 196) in meiner monatlichen Fernsehserienkolumne für die Zeitschrift eigentümlich frei das Branchenjuwel „Black Mirror“ vorgestellt: die vielleicht intelligenteste und politphilosophisch aussagefreudigste Langzeit-TV-Serie überhaupt. Der britische Moderator, Kritiker und Humorist Charlie Brooker ist bis heute Kopf, Produzent und Drehbuchautor von „Black Mirror“. Die lange erwartete sechste Staffel ist endlich am 15. Juni 2023 auf Netflix erschienen. Und sie ist anders als die vorherigen, zuweilen Retro statt Science-Fiction und Fantasy statt Dystopie. Viele Fans sind verwirrt, manche sauer.

Die ersten fünf Staffeln hatte ich vor fast vier Jahren so beschrieben: „Alle Episoden spielen in der nahen Zukunft. Das besondere Charakteristikum ist der wiederkehrende Schauder, wenn wir gewahr werden, dass all diese Dystopien über die Macht der Medien, der immer totalitärer werdenden politischen Herrschafts- und Überwachungsapparate und der wachsenden Rolle der künstlichen Intelligenz und der virtuellen Realität doch kaum mehr Zukunftsmusik sind, sondern längst unsere Lebenswirklichkeit bestimmen. ‚Black Mirror‘ zeigt auf die dunkle Seite unserer Welt, wie sie ist, und schaut aus dem Spiegel mit uns auf neurotechnologische Experimente, perfektionierte Killerdrohnen, Dating-Apps, Castingshows und Punktesysteme neuer sozialer Medien, virtuell weiterlebende Verstorbene und Soldaten, die durch einen kleinen Eingriff ihre Feinde gar nicht mehr als Menschen wahrnehmen – jede Episode ist ein neues, kleines, fast immer sehr tiefschürfendes filmisches Meisterwerk, das der Zuschauer verdauen muss. Lange Fernsehabende mit vielen Folgen hintereinander sind hier eher nicht angesagt. Charlie Brooker erklärte in einem Interview: ‚Wir möchten, dass jede Geschichte so eigenwillig und bizarr, so aufregend und fantastisch wie möglich ist.‘ Tatsächlich hält uns das Multitalent stets eine neue Scherbe des Spiegels vor Augen, mithilfe seines vielschichtigen Einfallsreichtums, aber auch durch die stets ganz hervorragenden Schauspieler in einer Art und Weise, von der wir kaum genug bekommen können. Kamera und Regie sind je nach Genre der Episode – Thriller, Fantasy, Roadmovie, Science-Fiction-Persiflage, Horror, Romanze, Komödie, Neo-Western – sehr professionell oder talentiert besetzt.“

So gesehen und beschrieben hat sich – entgegen vielen Kritiken – in der sechsten Staffel fast nichts geändert. Charlie Brooker hat nur noch das Element des Übernatürlichen sowie die Vergangenheit als Zeitsprung hinzugefügt und so sein ohnehin buntes Genresortiment noch einmal erweitert. Allerdings hält er sich jetzt – zumindest vordergründig – nicht mehr unbedingt an die Vorgabe, Medien und Technik in den Fokus seiner Parabeln zu rücken.

Oder doch? Spielt nicht auch zum Beispiel in der Folge „Dämon 79“, die wir hier betrachten wollen, Boney M. und damit eine besonders schillernde Episode des Showbiz als Teil der Medienwelt eine besondere Rolle? Wir erinnern uns: Nichts war echt an der legendären Band Boney M. Auch der wie ein Derwisch tanzende „Sänger“ mit der brummenden Bassstimme, Bobby Farrell, hat tatsächlich nie eine Zeile für die Band eingesungen (vielmehr sang dessen Part Boney-M.-Produzent und Erfinder Frank Farian höchstselbst). Ein erster Hinweis darauf, dass auch der Dämon nicht wirklich einer ist? Oder dass es auf diese Frage nicht ankommt, so wie es ja am Ende auch einerlei war, wer im Studio den ohnehin eher belanglosen Text der Disko-, Tanz- und Showband Boney M. eingesungen hat?

Oder ist der Dämon in Gestalt eines popkulturellen Idols ein Zeichen dafür, wie Charlie Brooker massenmediale Erscheinungen ganz generell metaphysisch bewertet, selbst die schon von vor mehr als 40 Jahren? Vordergründig ist „Dämon 79“ eine phantastische Horrorgeschichte um eine teuflische Vorstellung, Morde und das Ende der Welt. Noch vordergründiger und ganz zeitgeistig geht es um Rassismus und böse rechtspopulistische Politiker – inklusive eines vom Teufel besessenen, der verdächtig aussieht wie der junge Nigel Farage, Mr. Brexit. Tatsächlich beschäftigen sich schlechte Rezensionen genau mit dieser Fährte. Noch schlichtere fragen danach, ob der „Dämon echt“ sei oder nur in der Vorstellung der Hauptprotagonistin existiere. Wie gesagt: Bobby Farrell sang bereits die Antwort. Nicht.

Ich bin davon überzeugt, dass all diese Nebensächlichkeiten ablenken vom tiefer schürfenden Anliegen dieser diabolisch schlauen Episode, die am Ende nicht mit, sondern scharf gegen den linken Zeitgeist inklusive seiner politischen Allmachtsphantasie (höhere Abgaben für besseres Wetter, der Staat erfindet neue Geschlechter und mehr dergleichen) zielen könnte.

Kern jeder linken Idee, ja, jeder politischen Ideologie überhaupt ist philosophisch betrachtet das, was Roland Baader „Gottspielerei“ genannt hat – der Utilitarismus. Der Utilitarismus fragt nach einem aggregierten Gesamtnutzen. Für Utilitaristen – und alle politischen Ideologien und jedes linke Denken sind utilitaristisch geprägt – heiligt der (scheinbar gute) Zweck die (auch bösen) Mittel. So funktioniert Politik, so funktioniert Umverteilung, so funktioniert am Ende Massenmord – wenn es nur um die gute Sache, das edle Ziel, das „Allgemeinwohl“ geht. Dann darf man sogar rauben (Steuern eintreiben), betrügen (Politikereinmaleins) oder morden (Kriege führen).

Das Kernthema von „Dämon 79“ ist also das berüchtigte moralphilosophische Gedankenexperiment, das als „Trolley-Problem“ und in Deutschland als „Weichenstellerfalle“ bekannt ist: Würden Sie als Weichensteller im letzten Moment die Weiche umstellen, wenn der Zug dann gleich anschließend nicht mehr zehn Menschen überfährt, sondern, sagen wir, nur noch zwei auf der anderen Seite?

Die Schuhverkäuferin Nida in der vorliegenden Black-Mirror-Folge soll drei Menschen in drei aufeinanderfolgenden Tagen ermorden, um die gesamte Menschheit vor einem atomaren Armageddon zu retten. Lassen wir uns auf diese Lesart ein, müssen wir uns fragen: Wie denkt Charlie Brooker über das Trolley-Problem?

Vordergründig liefert die Handlung, die hier nicht weiter verraten werden soll, eine zeitgeistig flutschbequeme Antwort: Nida sollte es tun, denn Daddy Cool scherzt nicht. Scheitert die junge Frau, sterben alle Menschen!

Nur: Warum bemüht Brooker in dieser Parabel keinen Geringeren als den Teufel, dessen Azubi Nida vor die fürchterliche Wahl stellen lässt? Vielleicht, weil diese Wahl selbst als utilitaristische Fragestellung bereits des Teufels ist? Weil Menschen, wie Roland Baader wusste, nicht Gott spielen sollten? Weil der Zweck eben doch niemals die Mittel heiligt? Nicht einmal das „antifaschistische“ Ansinnen, den „teuflischen“ Nigel Farage zu eliminieren und damit gleich noch die Menschheit zu retten, bevor Mr. Brexit Jahrzehnte später Geschichte schreiben kann? Weil gar nicht er als „der andere“ so dämonisch ist, sondern du und ich selbst das Böse in uns tragen, wenn wir Mittel über den Zweck rechtfertigen?

So gesehen ist „Dämon 79“ ein weiteres philosophisch tiefschürfendes Meisterwerk von Charlie Brooker. Und wer dann noch Freude an der Musik der späten 70er, von Art Garfunkel über Madness und Boney M. bis Lene Lovich, oder an der surrealen Ästhetik von Horrorfilmen jener Zeit hat, wird „Dämon 79“ auch dafür feiern.


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