10. August 2023

Ein politischer Rollentausch, der eine Verschiebung des „Overton-Fensters“ anzeigt Die Grünen sind die neue AfD!

Über „Buhmänner*innen“ der Nation und Shootingstars der Wahlsaison

von André F. Lichtschlag

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Bildquelle: LuFeTa / Shutterstock Manchmal geht es ganz schnell: Gestern noch grüner Umfragekönig, heute Opfer für alle(s)

Zuschauer des ef-Dachthekenduetts kennen unsere These vom zuerst nur anstehenden, zwischenzeitlich aber bereits erfolgten Rollentausch von AfD und Grünen schon länger. Leser des Magazins eigentümlich frei werden mehr darüber im Schwerpunkt der in der nächsten Woche erscheinenden neuen Ausgabe ef 235 erfahren. Worum geht es?

Die Grünen sind die neue AfD! Beide Parteien haben in jeder Beziehung innerhalb von etwa einem Jahr die Position gewechselt. Die Blauen verdoppelten sich in den Umfragen grob von 11 auf 22 Prozent, Tendenz weiter steigend. Die Grünen halbierten sich ungefähr von 24 auf 12 Prozent, Tendenz fallend. Und, was „nachhaltiger“ wirkt: Die Grünen sind die neuen „Rechten“, sind die „Buhmänner*innen“ der Nation, die von „normalen Menschen“ oft geradezu gehasst und am liebster gemieden werden. Im Osten Deutschlands schon etwas länger, aber jetzt auch mehr und mehr im Westen. Für fast alle Probleme in diesem Land – und es gibt bekanntlich viele sehr schwere – werden insbesondere und immer häufiger die Grünen verantwortlich gemacht. In den gar nicht mehr so neuen Bundesländern trauen sich grüne Wahlkämpfer schon gar nicht mehr auf die Straßen, so viel geballter Unmut schlägt ihnen dort entgegen. Ausgerechnet auf sie, die Grünen, die einst Intoleranz, Hetze und Häme in der politischen Auseinandersetzung in der einst recht gemütlichen Bundesrepublik erst salonfähig machten, Trillerpfeifen, Cancel Culture und Antifa-Schläger gegen den politischen Gegner – finanziert mit maßgeblich von ihnen zugeteilter „Staatsknete“ – in Stellung brachten, schlägt nun das Pendel zurück. Karma. Soziale Gerechtigkeit.

Und in der Tat: Haben Sie zum Beispiel das gellende Pfeifkonzert gegen die grüne Spitzenkandidatin in einem Bierzelt im bayrischen Wahlkampf mitbekommen? Was müssen diese Grünen und ihre Brüder und Schwestern im Geiste nicht alles falsch gemacht haben, wenn nun wütende Bürger zu jenen Mitteln in der Auseinandersetzung greifen, die den im Kern immer totalitären Linken natürlich angemessen waren, die aber eben alles andere als gut und bürgerlich sind. Menschen mitten im Leben, in Familien und Arbeit, schreien und trillern nicht. Sie hören auch Andersdenkenden erstmal zu, das gehört sich so. Aber jetzt gilt das alles nicht mehr, nachdem die Bürger, die Familienväter und -mütter, die Arbeiter, Angestellten, Bauern und Selbständigen über Jahrzehnte zunehmend stärker provoziert, malträtiert, drangsaliert und abkassiert wurden, ausgehend von den Grünen und ihresgleichen. Jetzt reicht’s. Schluss mit lustig. Die Stimmung hat sich gedreht.

Derart gedreht, dass der langjährige Chefredakteur der „Bild“-Zeitung, Julian Reichelt, mit seinem neuen Medienportal „Nius“ ein permanentes Grünen-Bashing zum Geschäftsmodell entwickeln konnte. Anti-Grün ist jetzt ein Erfolgskonzept. Das viel zu kurz greift, aber das ist eine andere Geschichte.

Flüchtige Beobachter jedenfalls könnten ob des Rollentauschs von halbierten Grünen und verdoppelter AfD – die anderen Parteien verharren bislang noch auf demselben Niveau – auf die Idee kommen, dass die Hälfte der Wähler der Grünen direkt zur AfD gewandert ist. Das ist aber nicht der Fall. Vielmehr ist ungefähr die Hälfte der Wähler der besonders radikalen Grünen zu den gemäßigteren Grünen in Union, SPD und FDP gewechselt. Und von dort, aus dem Lager der Altparteien und ihrer Gewohnheitswähler, sind Millionen zunehmend unzufrieden und wütend zur AfD gewechselt. Damit zeigen diese Wählerwanderungen prototypisch eine Verschiebung des sogenannten „Overton-Fensters“ – benannt nach dessen Erfinder Joseph P. Overton (1960–2003) – an, das den Rahmen des politisch Sagbaren und gesellschaftlich Akzeptablen beschreibt. Dieses Fenster, dieser Meinungskorridor hat sich in den letzten zwölf Monaten tatsächlich – entgegen den immer überdrehteren und damit inzwischen auch noch kontraproduktiven Belehrungsversuchen der politmedialen Herrscherkaste – von links nach rechts bewegt: Verständnis für Klimakleber oder die sture Ablehnung von Atomkraft etwa waren gestern noch weit verbreitet und sind heute schon unsäglich. Dafür ist Kritik an der Massenzuwanderung oder an den öffentlich-rechtlichen Propagandasendern – was vor einem Jahr noch beinahe undenkbar war – längst im publizistischen Mittelstrahl angekommen. Die Parteienwanderung markiert somit eine Zeitgeistverschiebung. Nicht weniger. Aber auch nicht mehr.

Denn spätestens, wenn die AfD – womöglich bereits im nächsten Jahr in Sachsen oder Thüringen – Teil einer Landesregierung sein wird und der Marsch der Blauen durch die Institutionen auf einer neuen Anhöhe voranschreitet, wird das die Partei mehr verändern als diese die Institutionen. Über einen ersten Vorgeschmack auf eine „mitregierende“ AfD als zusätzlicher Gegner jedes Nettosteuerzahlers haben wir letzte Woche an dieser Stelle hingewiesen, Stichwort „Backnang“.

Und dennoch: Wer partout wählen will, mag der AfD eine Chance geben! Vielleicht überraschen sie uns noch positiv. Alle anderen Parteien haben ihre zahlreichen Chancen ohnehin gründlich und nachhaltig verspielt.


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