01. September 2023 08:00

Staatsentstehung und -entwicklung – Teil 3 Staatsgewalt ist weder natürlich noch notwendig

Konkurrierende Theorien zur Entstehung des Staates

von Stefan Blankertz

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Bildquelle: Birgitta Cavallin / Shutterstock Alphatiere à la Gorilla-Silberrücken: Auf die menschliche Gemeinschaft übertragbar?

Wenn ich davon spreche, dass der Staat entstanden sei, ist damit zugleich ausgedrückt, dass er nicht schon immer da war. Oder anders gesagt: Es ist damit ausgedrückt, dass Herrschaft kein unverzichtbares oder wenigstens unvermeidliches Element einer Gesellschaft ist.

Demgegenüber behaupten naturalistische (meist konservative) Theorien, dass der Staat nahtlos aus der Stellung des Alphas bei sozial lebenden Tieren hervorgehe. Dabei übersehen diese Theorien eine Reihe von Fakten. Als Erstes sei darauf verwiesen, dass die nächsten biologischen Verwandten des Menschen, die Primaten, von flachen und schnell wechselnden Hierarchien geprägt sind und Vorformen des Widerstands bereits kennen. Dies gilt ganz besonders für unsere engsten Verwandten unter den Primaten, die Bonobos.

Wesentlich für die Entgegnung auf die konservativen naturalistischen Theorien ist der Hinweis auf die Unterscheidung zwischen Autorität und Herrschaft. Die Häuptlinge, die Richter und die Ältesten, die als Beleg für die alle menschliche Gesellschaft kennzeichnende Herrschaft herbeizitiert werden, waren Sprecher ihrer Familien und Ethnien, sie waren Autoritäten, denen die übrigen Mitglieder aufgrund deren Erfahrung, Kompetenz und Weisheit vertrauten; ihnen stand jedoch kein Erzwingungsstab zur Verfügung, der Weisungen oder Urteile dieser Autoritäten gegen Widerstreben durchsetzte. Niemals ist aus einem Häuptling, einem Richter, einem Ältesten ein Herrscher geworden – es sei denn, eine äußere Gewalt griff ein.

Am bekanntesten für einen solch äußeren Gewalteingriff ist das sogenannte Home Rule des Britischen Weltreichs, das jenen Personen, stellvertretend für die britische Krone, die Macht übergab, die als einheimische Herrschende eingeschätzt wurden. Allerdings klappte das Home Rule nur dort, wo es tatsächlich bereits einheimische Herrschende gab. Dort, wo das Britische Weltreich bislang herrschaftslose Ethnien gewaltsam unterwarf, geriet das Home Rule zum Desaster. Genau aus diesem Grund beauftragte die Britische Krone Anfang des 20. Jahrhunderts eine Gruppe von Anthropologen (Ethnologen) mit der Untersuchung des Grundes, warum das Prinzip des Home Rule bei manchen Ethnien Erfolg hatte, bei anderen aber nicht. Die Anthropologen stießen bei ihrer Forschung auf das Phänomen der Ur-Anarchie. Dies führte dazu, dass sich einige dieser Anthropologen völlig mit den herrschaftslosen Ethnien identifizierten und Anarchisten wurden.

Eine andere Richtung der antianarchistischen Theoriebildung gesteht zwar zu, dass der Staat entstanden, die ihm vorangehende Ur-Anarchie aber schlecht und der Staat eine heilsame Entwicklung gewesen sei. Der erste Denker dieser Richtung war wohl Thomas Hobbes. Der Naturzustand ohne Staat habe ein elendes und kurzes Leben für jeden Menschen bedeutet, jeder habe gegen jeden Krieg geführt – bis die Menschen qua irgendeiner genialen Eingebung sich irgendwo getroffen und beschlossen hätten, einen Leviathan zu gründen, der endlich Frieden gestiftet und dem sie sich freudig unterworfen hätten. Noch heute vertritt der kanadische Psychologe Steven Pinker diese Mähr. Freilich gibt heute jeder (selbst Pinker) zu, dass das Bild von vereinzelt lebenden Menschen, die sich plötzlich auf freiem Feld zusammenrotten, um einmütig eine Abmachung zur Staatsgründung zu treffen, weder früher noch heute irgendeine historische Realität für sich beanspruchen kann. Mehr noch: Hobbes gestand zu, dass jeder, den der Staat mit dem Tod oder auch nur mit der Inhaftierung drohe, sofort in den Naturzustand zurückfalle – denn töten oder anderswie drangsalieren lassen kann er sich auch ohne Staat, dazu braucht er diesen nicht. Da der Staat nun jeden, der sich nicht an seine Regeln hält, mit Tod oder zumindest Drangsalierung droht, findet sich bei Hobbes, genau gelesen, gar keine rationale Begründung für den Staat.

Nicht besser ergeht es dem Staatstheoretiker, auf den man sich heute viel lieber als auf Hobbes bezieht, nämlich Rousseau. Auch er kennzeichnet in seiner Schrift vom Gesellschaftsvertrag den Naturzustand als rechtlose Situation, in der Leben, Eigentum und Freiheit eines jeden durch jeden anderen bedroht sei. Wie bei Hobbes schließen die Menschen einen Vertrag über die gegenseitige Zusicherung von Leben, Eigentum und Freiheit. Doch realisierte Rousseau, dass nur derjenige einem Vertrag unterworfen sei, der diesem selber ausdrücklich zustimme: Damit ist sein Gesellschaftsvertrag ungeeignet, irgendeine Staatsgewalt zu legitimieren. Und natürlich: Rousseaus Gesellschaftsvertrag ist genauso ohne historische Fundierung wie die Konstruktion von Hobbes’ Leviathan.

Als letzte Gruppe von Theorien, die meiner Staatsentstehungstheorie zuwiderlaufen, nenne ich diejenigen, die Herrschaft als funktional notwendig für die Wirtschaft bezeichnen. Zu dieser Gruppe von Theorien gehören bemerkenswerterweise auch solche, die in anderer Hinsicht Todfeinde sind, nämlich Ordoliberale und (viele) Marxisten. Ordoliberale glauben, dass Märkte, Verträge und ganz allgemein friedliche Kooperation nur unter dem Dach eines starken, Ordnung schaffenden Staats möglich sei; andernfalls versinke die Gesellschaft und insbesondere die Wirtschaft im Chaos. Für (viele) Marxisten besteht die Notwendigkeit eines Ordnung stiftenden Staats nur vorübergehend bis zur Etablierung des ersehnten Kommunismus, aber bis dahin sei der Staat notwendig, um die Akkumulation des Kapitals zu ermöglichen, die zwar auf Raub basiere, aber zur Entfaltung der Produktivkräfte führe; nur der Wohlstand, der durch diese Entfaltung der Produktivkräfte entstehe, ermögliche den Kommunismus (laut der marxistischen Theorie in der leninistischen Variante).

Obwohl Ordoliberale und (diese) Marxisten in der Hinsicht des Endziels gegensätzlicher Auffassung sind, stimmen sie in der Einschätzung der vorstaatlichen Gesellschaft überein: Sie sei eine Art Ur-Kommunismus gewesen, wo alles allen gehörte und die Gesellschaft eine absolute Herrschaft über das Individuum ausübte. Ist es nötig (oder eine rein akademische Frage ohne praktische Relevanz), dieser Darstellung der vorstaatlichen Gesellschaft empirisch entgegenzutreten? Ja. Die Ur-Anarchie etablierte die Prinzipien des verwandtschaftlichen Beistands, der freiwilligen Kooperation, der Konfliktschlichtung durch Wiedergutmachung und Einigung, sie war eigentumsbasiert und individualistisch: Alle diese Prinzipien sind, anders als (viele) Marxisten behaupten, nicht üble Ausgeburten des bürgerlichen Denkens – und sie sind, anders als die Ordoliberalen behaupten, nicht angewiesen auf einen per (Staats-) Gewalt gesetzten Rahmen.


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