08. August 2025 06:00

Krieg und Frieden – Teil 25 99 Luftballons: Hat Frieden eine Chance?

Abschlussbetrachtung

von Stefan Blankertz drucken

Artikelbild
Bildquelle: Renate Erhart / Shutterstock „99 Jahre Krieg: Ließen keinen Platz für Sieger“ (aus „99 Luftballons“ von Nena)

Den Krieg immer, überall und unter jedem erdenklichen Umstand abzulehnen, fällt nicht leicht, solange es keine Antwort auf die Frage gibt, wie anders als durch militärisch organisierte Waffengewalt man unerträgliche Aggressionen gegen Land und Leute abwehren kann. Hitler gewähren lassen? Pol Pot gewähren lassen? Freilich, Stalin hat man gewähren lassen. Mao hat man gewähren lassen.

Die Analyse der (neuzeitlichen) Kriege ergibt allerdings ein eindeutiges Bild: Den moralisch gerechtfertigten und moralisch geführten Krieg hat es nie und nirgendwo gegeben und kann es auch nicht geben. Moralische Rechtfertigungen sind meist eher ein propagandistischer Effekt, nicht der wirkliche Grund für einen Krieg. Aber selbst wenn wirklich ein moralischer Grund gegeben sein sollte, steht in jedem Krieg im Anfang bereits das utilitaristische, nicht-moralische Abwägen, ob er sich denn führen lasse und ob er überhaupt zu gewinnen sei. Bei der Durchführung des Kriegs tendiert die Seite, die ins Hintertreffen zu geraten droht, dazu, die Gewalteskalation bis zum Äußersten zu treiben. Von dieser Tendenz nimmt die ins Hintertreffen geratene Seite nur dann Abstand, wenn sie von den Siegern Gnade und Milde erwarten kann. Das ist selten der Fall. Um zu siegen, braucht man in den modernen, komplexen und hochverschachtelten Strukturen Bündnispartner, die man sich nicht nach moralischen Gesichtspunkten aussuchen kann, sondern nach Maßgabe der strategischen Nützlichkeit aussuchen muss.

Warum überhaupt eine moralische Erwägung? Reicht es nicht zu sagen, meinem Volk, meinem Land wurde Unrecht angetan, wir wollen es abwenden oder kompensieren? Aber natürlich ist die Behauptung, es sei ein Unrecht geschehen, eine moralische Kategorie. In früheren Zeiten genügte es manchmal, dass ein Herrscher nach Eroberungen strebte, ohne dass er dieses Streben rechtfertigen musste. Heute ist diese Situation nicht mehr gegeben. Der Herrscher – sei er ein Diktator, sei er ein demokratisch gewählter Repräsentant – muss sich der Zustimmung derjenigen versichern, deren Körper und deren Güter er in dem Krieg zu verheizen gedenkt. Dies muss er mit Argumenten tun, die sich nicht in seinem Macht- und Landhunger erschöpfen. Selbst ein kollektiver Macht- und Landhunger wie der der Deutschen im Zweiten Weltkrieg kleidet sich heute in die Form, ein Recht zu haben und kriegerisch durchzusetzen, weil es von den anderen nicht zugestanden wird.

So weit zur Begründungsseite des Kriegs. Brauchen wir ein moralisches Kriterium für die Durchführung eines Kriegs? Viele Begründungen des Kriegs lassen sich so weit ausdehnen, dass sie jede Form der Gewalt und Grausamkeit dem bösen Feind gegenüber rechtfertigen. Dennoch findet auch hier stets ein Rückgriff auf die Moral statt: Die Rechtfertigung für die eigene Gewalt und Grausamkeit sind die Gewalt und Grausamkeit des Gegners. Allerdings ist eine solche Rechtfertigung auf Sand gebaut. Wenn es erlaubt ist, zur Durchsetzung des eigenen Rechtsstandpunktes all das an Gewalt und Grausamkeit aufzuwenden, was möglich ist, dann gilt diese Erlaubnis für beide Seiten. Wenn es nicht erlaubt ist, verbietet es sich für jede Seite ungeachtet der Frage, ob die Gegenseite sich auch an die moralische Restriktion hält. Ein wesentlicher Grundsatz des Rechts lautet, dass es keine Gleichheit im Unrecht gebe, will sagen: Die Tatsache, dass jemand anderes ein Unrecht tut, gibt mir nicht die Rechtfertigung, meinerseits ein Unrecht zu tun. Da dieser Rechtsgrundsatz universell gültig ist, muss er auch im Krieg gelten. Die Rede von „Kriegsverbrechen“ zielt genau darauf: Zum einen sei eben nicht alles erlaubt, was zum Sieg führen kann, und zum anderen erteile die Tatsache, dass die Gegenseite Kriegsverbrechen begeht, nicht die Lizenz, nun seinerseits Kriegsverbrechen zu begehen.

Ein völliges Absehen von moralischen Fragestellungen scheint mir in Gegenwart und Zukunft unmöglich zu sein. Allerdings: Wer tatsächlich meint, ohne moralische Begründung in den Krieg ziehen zu können, der hat auch keinerlei moralische Handhabe, irgendwelche Kriegsverbrechen oder Völkerrechtsverletzungen der Gegenseite anzuprangern. Wenn er bei einer Niederlage, die er hoffentlich bald erleidet, anfängt zu jammern, ist er eine jämmerliche Gestalt. Die Geschichte hat solche Gestalten hervorgebracht, wir sollten sie verachten und nicht bewundern.

Die Analyse der (neuzeitlichen) Kriege förderte ebenfalls zutage, dass eine Einstellung dergestalt, Kriege seien meistens, aber nicht in jedem Fall abzulehnen, unmöglich ist. Wer offenlässt, in dem einen oder anderen Fall wäre es angebracht, sich mit Krieg gegen zugefügtes Unrecht zu wehren, oder man solle diejenigen mit kriegerischen Mitteln unterstützen, die sich gegen zugefügtes Unrecht wehren, muss sich in die Lage versetzen, ununterbrochen wehrfähig zu sein. Selbst wenn ein solcher moralisch begründeter gerechter Krieg sehr selten vorkommt, kann man ihn nur führen, wenn man dazu hinreichend gerüstet ist. Diese Rüstung muss in Friedenszeiten vorgenommen werden, sie ist langfristig anzulegen. Kurzfristig kann sie niemals gelingen: Rüstungsgüter zu entwickeln und aufzuhäufen, erfordert ebenso viel Zeit wie die Ausbildung einer Armee.

Wer zugesteht, dass es Fälle geben mag, in denen militärischer Widerstand notwendig sei, der muss logisch zwingend die Existenz und Dominanz der Rüstungsindustrie bejahen sowie den Drill einer hinreichend großen und gut ausgestatteten Zahl an Soldaten. Denn wenn dieser Fall eintritt, und trete er noch so selten ein, muss die Wehrfähigkeit gegeben sein, oder alles Barmen, man selber sei im moralischen Recht, wird nichts nützen und man muss sich dem Bösen unterwerfen. Diejenigen, die jahrzehntelang in Deutschland den Kriegsdienst verweigerten, gegen Rüstungsindustrie und Mitgliedschaft in der Nato demonstrierten, nach dem Überfall des russischen Staats auf die Ukraine aber zu deren Unterstützung aufriefen, stehen als die Deppen der Nation da.

Zu einem kämpferischen Pazifismus gibt es meiner Übersicht nach keine Alternative, wenn es um die Sicherung eines zukünftigen besseren Lebens geht. Dabei sei das Adjektiv „kämpferisch“ betont. Im äußersten Notfall muss der Pazifist bereit sein, sein Leben zu geben, genau wie der Soldat es tut. Unterwerfung ist Feigheit. So hat denn Ernst Jünger, den ich letzte Woche vorstellte, in seinem vielleicht problematischsten Essay, „Der Kampf als inneres Erlebnis“ von 1922, überraschend statuiert, den mutigen Pazifisten aus kämpferischem Idealismus müsse man achten. Auch er führt einen Kampf, wenngleich mit anderen Mitteln, mit solchen, die gar nicht erst in die Problematik führen, ob sie moralisch gerechtfertigt seien: Solange sie nicht selber Zwang ausüben, genügen sie jederzeit der Moral.

Wie die militärische Wehrbereitschaft bedürfte der kämpferische Pazifismus einer Vorbereitung durch Ausbildung und durch Entwicklung von Strategie und Taktik. Pazifismus darf sich nicht darin erschöpfen, gegen Rüstung, Armee und Krieg zu protestieren und ansonsten die Hände in den Schoß zu legen und abzuwarten, bis der Ernstfall eintritt. Wenn dieser eintritt, lässt sich ein pazifistischer gewaltloser Widerstand nicht auf die Schnelle aus dem Boden stampfen, dazu fehlen dann die ausgebildeten kampfbereiten Pazifisten ebenso, wie sie auch über keine Strategie und Taktik verfügen, um dem Angreifer mannhaft entgegenzutreten.


Sie schätzen diesen Artikel? Die Freiheitsfunken sollen auch in Zukunft frei zugänglich erscheinen und immer heller und breiter sprühen. Die Sichtbarkeit ohne Bezahlschranken ist uns wichtig. Deshalb sind wir auf Ihre Hilfe angewiesen. Freiheit gibt es nicht geschenkt. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit.

PayPal Überweisung Bitcoin und Monero


Kennen Sie schon unseren Newsletter? Hier geht es zur Anmeldung.

Artikel bewerten

Artikel teilen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv nur registrierten Benutzern zur Verfügung.

Wenn Sie bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, können Sie sich mit dem Registrierungsformular ein kostenloses Konto erstellen.