03. September 2023

Freiheitsespresso – im Café Hazlitt III Freiheitsfeinde: das Böse und die Dummen

Über die enorme Wichtigkeit, im richtigen Moment Nein zu sagen

von Michael von Prollius

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Bildquelle: photoschmidt / Shutterstock Dummheit: Laut Bonhoeffer der gefährlichere Feind des Guten

Am 1. September vor 84 Jahren begann mit dem von Adolf Hitler befohlenen Überfall auf Polen der Zweite Weltkrieg in Europa. Themen- und Zeitwechsel: Österreich will 2023 den Mietpreisdeckel einführen. Deutschland ist längst weiter.

Freiheitsfeinde gibt es jede Menge. Die besonders gefährlichen lassen sich zwei Kategorien zuordnen, den Bösen und den Dummen. Beide verbindet eine Gemeinsamkeit. Außerdem helfen die Stärken des Liberalismus nicht. Die Anarchisten sind ebenfalls chancenlos. Der Liberalismus setzt auf Vernunft, kaum auf Emotionen, auf Einsicht, nicht auf Macht.

Das Böse ist rücksichtslos. Die Folgen für seine Opfer spielen keine Rolle. Dabei ist das Böse vielfach Mittel zum Zweck, der die Mittel heiligen soll. Das hat systematisch der amerikanische Sozialpsychologe Roy F. Baumeister in „Vom Bösen. Warum es menschliche Grausamkeit gibt“ (2013) aufgezeigt. Ob Habgier, Wollust oder Ehrgeiz, ob Egoismus und Fanatismus: Allein die eigenen Interessen zählen. Es ist die von Hannah Arendt als „Banalität des Bösen“ bezeichnete pragmatische, effiziente Interessenverfolgung, die zielgerichtet anderen Menschen Schaden zufügt und keinen sozialen Bezug, kein Mitgefühl mit anderen Menschen zulässt, während die Bösen gleichzeitig gut über sich denken.

„Menschen können immer töten, wenn sie wissen, dass straflos bleibt, was sie tun, und sobald das Töten zum Gebot wird, braucht niemand mehr eine Lizenz oder eine Legitimation“, konstatierte Jörg Baberowski in „Räume der Gewalt“ (2015). Der Staatsgewalt kommt beim Bösen im großen Ausmaß die Schlüsselrolle zu.

Es existiert jedoch eine noch größere Gefahr für die Freiheit. Das gilt zumindest, wenn man Dietrich Bonhoeffer folgt. Der tiefschürfende Theologe schrieb vor 80 Jahren, abgedruckt in „Widerstand und Ergebung“: „Dummheit ist ein gefährlicherer Feind des Guten als Bosheit. Gegen das Böse lässt sich protestieren, es lässt sich bloßstellen, es lässt sich notfalls mit Gewalt verhindern, das Böse trägt immer den Keim der Selbstzersetzung in sich, indem es mindestens ein Unbehagen im Menschen zurücklässt.“ Und er fährt fort: „Gegen die Dummheit sind wir wehrlos. Weder mit Protesten noch mit Gewalt lässt sich hier etwas ausrichten; Gründe verfangen nicht; Tatsachen, die dem eigenen Vorurteil widersprechen, brauchen einfach nicht geglaubt zu werden – in solchen Fällen wird der Dumme sogar kritisch, und wenn sie unausweichlich sind, können sie einfach als nichtssagende Einzelfälle beiseitegeschoben werden. Dabei ist der Dumme im Unterschied zum Bösen restlos mit sich selbst zufrieden, ja, er wird sogar gefährlich, indem er leicht gereizt zum Angriff übergeht. Daher ist dem Dummen gegenüber mehr Vorsicht geboten als gegenüber dem Bösen.“

Liberale kritisieren Dummheit vielfach und mit enormer Substanz, sei es die „Anmaßung von Wissen“, die Friedrich August von Hayek in seiner Nobelpreisrede als Warnung aussprach und die er durch seine bedeutenden Arbeiten zur Entstehung von Wissen fundiert hatte. Sei es die ökonomische Theorie des „Expert Failure“ (2018) von Roger Koppl, der die verheerenden Auswirkungen, die Experten für das Leben normaler Menschen gehabt haben, zum Anlass für seine umfangreiche Untersuchung genommen hat. Vernunft bleibt indes bei Dummheit wirkungslos.

Eine besondere Form begegnet uns als höhere Dummheit. Sobald Entscheidungsträger in Hierarchien hofiert werden, ihr Hofstaat sie schlecht berät und auf die eigene Agenda fixiert ist, werden gleichermaßen überhebliche wie unwissende Entscheidungen wahrscheinlicher. Zusammenhänge und Konsequenzen werden nicht begriffen. Nicht zum Weltbild Passendes wird ignoriert, das Gute gecancelt. Der Feind des Schlechteren ist das Gute.

Als Mischung von Dummheit und Bosheit lässt sich „Spießerideologie“ (1964) von Hermann Glaser verstehen. Ein ganz besonderes Buch. Spießerideologie ist mangelnder Geschmack, eine undifferenzierte, simple Weltsicht verbunden mit Selbstüberschätzung und einem vermeintlich fachkundigen Dozieren über angelernte, aber selten tief verstandene Sachverhalte.

Was tun? Bonhoeffer sah in der inneren Befreiung des Menschen zum verantwortlichen Leben die einzige Überwindung der Dummheit. Der Libertäre Wilhelm von Humboldt lässt grüßen. Das Wachsen mit den Anforderungen einer anspruchsvollen Umgebung ist indes nicht jedermanns Sache, auch in Führungspositionen nicht. Das setzt Selbstkritik und Sensibilität voraus. Ökonomen würden auf Anreizsysteme setzen, die Feedbacks geben, die Handeln und Haften miteinander verknüpfen.

Mit Dummen und mit Bösen lässt sich indes nicht vernünftig argumentieren. Grenzen setzen, Gegenmacht aufbauen, selbst nicht überheblich werden, das Kluge und Gute erschaffen – all das braucht es. Vielleicht gilt einfach die Erkenntnis von Robert Nef, nach der Freiheit ganz wesentlich darauf beruht, im richtigen Moment Nein sagen zu können.


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