19. Oktober 2023

Vierte Konferenz der Free Cities Foundation in Prag „Liberty in Our Lifetime“

Selbstermächtigung in der Empire Hall

von André F. Lichtschlag

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Bildquelle: Free Cities Foundation In der Empire Hall als der neuen Mayflower: Die Crew der Konferenz „Liberty in Our Lifetime“ 2023

Im Herbst geht es Schlag auf Schlag im libertären Kalender. Eine Woche nach der Tagung des Ludwig von Mises Instituts in München lud die Free Cities Foundation zur zweitägigen Konferenz „Liberty in Our Lifetime“ nach Prag. Rund 300 Libertäre aus aller Welt zog es in die Empire Hall.

Ich war zuletzt vor 22 Jahren in dieser wunderschönen, wenn auch von Touristen übervollen Metropole Mitteleuropas zu Gast. Schon damals war überall in der Stadt der Glanz der alten Donaumonarchie zu spüren – jetzt aber ist fast jedes reich verzierte Haus, eines schöner als das andere, renoviert, frisch gestrichen und oft noch abends prachtvoll angestrahlt. Was für eine Kulisse!

Während es in Deutschland in den letzten zwei Jahrzehnten spürbar, sichtbar und zuletzt immer steiler bergab ging, erwachte hier eine besondere Perle der K.-u.-k.-Monarchie zu neuem Glanz, nicht zuletzt im Wortsinn. Für mich ging es vom Václav-Havel-Flughafen bequem per App und Uber bis zur Unterkunft in der Altstadt. Eine knappe halbe Stunde Fahrt für 20 Euro, Koffer ausladen inklusive. Das in Deutschland immer noch bestehende antiquierte Taxi-Monopol zeigt beispielhaft, dass unser Land verdient, was es täglich erfährt – auch hier wörtlich zu verstehen.

Wie anders der Gang in der goldenen Stadt! Dabei ist die Herkunft im kaiserlichen Österreich-Ungarn, im minimalpolitischen Vielvölkerstaat eine heute leider oft peinlich beschwiegene wesentliche Grundlage sowohl der Herrlichkeit der Hauptstadt Tschechiens als auch der libertären Österreichischen Schule der Nationalökonomie. Die altvorderen libertären Denker, bei Ludwig von Mises höchstselbst angefangen, waren in dieser freiheitlich-toleranten Kultur tief verwurzelt. Wie sagte Kaiser Franz Joseph I. so schön zu Theodore Roosevelt: „Der Sinn meines Amtes ist es, meine Völker vor ihren Politikern zu schützen!“

Die Monarchie ist Geschichte, die Zukunft tagte in der Empire Hall. Nie zuvor habe ich eine libertäre Konferenz besucht, auf der kein Teilnehmer auch nur ein einziges Wort über Politik verlor, nicht mal in der Kaffeepause. Hier trafen sich all jene Freunde der Freiheit, die jeden parteipolitischen Veränderungswillen hinter sich gelassen haben, die vielmehr mit ihrem Geld und mit ihren Füßen abstimmen. Viele von ihnen waren Deutsche, nicht wenige leben aber nicht mehr dort. Die anderen spielen mit dem Gedanken.

Denn hier ging es um gelebte, um echte Alternativen – um „Freiheit innerhalb unserer Lebenszeit“, zum Beispiel um die Etablierung neuer Freier Privatstädte, die Besiedelung der Ozeane außerhalb staatlicher Hoheitsgebiete und um Free State Projekte. Es präsentierten sich beispielsweise die kleine Insel Sark, gelegen zwischen Frankreich und England, vertreten durch den Lehnsherrn der Krone, dem Seigneur der Insel persönlich, verschiedene Zedes (Sonderzonen) in Honduras, das immer erfolgreichere Free State Project in New Hampshire oder die zwischen Kroatien und Serbien gelegene Mikronation Liberland, auch hier sprach der Präsident gleich höchstpersönlich. Er schaltete live per Zoom nach Liberland und brachte einen kühnen futuristischen architektonischen Plan für den zuvor unbeanspruchten Landflecken in einer Donauschleife mit – entworfen vom Londoner Stararchitekten Patrick Schumacher (Zaha Hadid Architects), der selbst auch in Prag mit dabei war. Und ja, auch Chad Elwartowski, der weltbekannte, zeitweise vor der Küste Thailands siedelnde Seasteading-Pionier, sprach mitsamt ikonischer Kopfbedeckung zu den Teilnehmern.

Geschätzt mehr als die Hälfte von diesen arbeiten auf der Welt heute gerade dort, wo es ihnen gefällt. Sie ziehen mit ihrem Laptop irgendwann weiter, spätestens dann, wenn der gerade beheimatende Staat droht, von ihnen Einkommensteuer zu erheben. Denn auch davon wollen sie sich ja schließlich befreien – und sie alle praktizieren das mit großem Erfolg. Ein Redner aus den USA präzisierte, dass er es für zutiefst unmoralisch hält, Steuern zu zahlen, wenn man sie auch vermeiden kann. Denn mit Steuern werden Kriege und andere schlimme Dinge finanziert. Steuerzahler, schämt euch!

Sie nennen sich Perpetual Traveller oder digitale Nomaden. Auf dem Rückflug habe ich mal nachgeschaut, wie viele Menschen das inzwischen wohl weltweit praktizieren. Vor ein paar Jahren, so fand ich heraus, kursierte die Schätzung von 35 Millionen. Wenn ich die in Prag gemachten Angaben hochrechne, nach denen bei den verschiedensten Projekten stets zehn Prozent oder mehr der Teilnehmer aus Deutschland kommen, dann dürften allein vier Millionen Deutsche auf diese Art und Weise längst ihr Glück jenseits des allzu impertinenten Staatszugriffs auf ihr Leben gefunden haben. Und es werden immer mehr, frei von jeder Einkommensteuer.

Da haben wir ihn also, den rosa Elefanten im Raum, wenn wir vom Fachkräftemangel sprechen. Oder wenn im Mai 2023 die „Bild“-Zeitung titelte: „Das große Job-Rätsel: 600.000 junge Leute einfach verschwunden!“ Das sind offenbar nur jene, die sich nicht mal die Mühe machten, sich abzumelden.

Hier waren sie alle in der Empire Hall, oder besser: einige von ihnen. Ihre Ansichten sind bunt und divers, wie es unter Freiheitsfreunden üblich ist. Von konservativen Homeschool-Familien bis hin zu offensiven Transhumanisten war hier alles vertreten. Vor allem sind sie allesamt „krypto-affin“. Oder besser gesagt: Sie sind fast alle enthusiastische Bitcoiner – orange pilled. Hier trifft man dann zuweilen sogar auf Mathematiker und Zahlenfreaks, die kaum verholen ein erotisches Verhältnis zur Blockchain-Technologie pflegen.

Die vierte Konferenz der Free Cities Foundation in Prag könnte, so resümiert immerhin auch die altehrwürdige Londoner „Times“, ein Meilenstein gewesen sein. In deren Worten: „Im Jahr 1620 bestiegen lediglich 102 Passagiere die Mayflower und errichteten eine neue Welt. Vielleicht sind die wenigen Hundert, die sich in Prag versammelt haben, das heutige Äquivalent.“

Das Treffen war eng getaktet, die Vorträge kurz. Projekte, Grundlagen, Zukunftsperspektiven. Historische Beispiele für innovative Formen des sozialen Zusammenlebens wurden auch genannt: Piraten und Zigeuner!

Ein älterer Hongkong-Chinese berichtete davon, dass seine Eltern einst ihr Leben riskierten, um von Rotchina schwimmend nach Hongkong zu gelangen – jetzt flüchten die freiheitsliebenden Hongkonger erneut: in alle Welt. Ihr Vaterland, so der sichtlich bewegte Vortragende, sei die Freiheit. Tatsächlich war dies ein emotionaler Höhepunkt des Tages, als er schließlich mit Tränen in den Augen John Lennon einspielen ließ: „Imagine there’s no countries / It isn’t hard to do / Nothing to kill or die for / And no religion too / Imagine all the people / Livin’ life in peace.“

Klassische Linke werden ob einer solchen Konferenz des frei heraus praktizierten Ultrakapitalismus Herzklabaster bekommen. Und wenn hier jemand aus dem Lager der Neuen Rechten mitliest, wird auch er sich nun mehrfach an den Kopf gefasst haben: Ja, es gibt sie wirklich, die „Anywheres“, sein so lang schon gehegtes Feindbild, jene, die einfach selbst oder samt Familie fortgehen und nicht reden, sondern machen, die Ohne-michs, die ihr Leben leben wollen. Die ihr eigener Kaiser sind, die sich selbst sehr erfolgreich vor den Politikern schützen. Wie herrlich und befreiend ist eine solche Umgebung!

Free Cities Foundation

Liberty in Our Lifetime


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