10. November 2023

Geschichte des Anarchismus – Teil 1 Wie liberal ist der Anarchismus?

Anarchie bedeutet Freiheit, nicht Militanz

von Stefan Blankertz

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Bildquelle: Plashing Vole / Flickr Linksextremistische terroristische Baader-Meinhof-Bande: Wurde fälschlicherweise oft als „anarchistisch“ bezeichnet

Das, was gegenwärtig in unbeholfener Weise als linker Anarchismus bezeichnet wird, ist, so der herrschende Eindruck, eigentumsfeindlich, gewaltbereit, voller Hass auf angebliche Reiche und äußerst intolerant gegen abweichende Meinungen und Lebensformen: ein perfekter Gegner der Freiheit im Interesse der herrschenden Klasse.

In dieser Serie werde ich aufzeigen, dass dies mit dem klassischen Anarchismus der zweiten Hälfte des 19. und ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nichts zu tun hat. Aber zunächst: Wie kam es, dass Leute, die nichts anderes wollen, als Krawall zu schlagen und den Mitmenschen das Leben zu vergällen, unangefochten das A-Zeichen und schwarze Fahnen missbrauchen können?

Der Zweite Weltkrieg ist, wie in vielerlei anderer gesellschaftlicher und politischer Hinsicht, eine Zäsur. Vor dem Zweiten Weltkrieg lagen die großen Niederlagen der anarchistischen Bewegung (auf die ich auch noch eingehen werde). Stalinismus, Faschismus, aber auch die „liberalen“ westlichen Demokratien rotteten mit den Anarchisten auch die Idee aus, dass die Menschen ohne Herrschaft leben könnten. Einzelne Anarchisten hatten überlebt, jedoch waren es zu wenige, um die Bewegung zu erneuern. Nicht nur kam es zu keiner Erneuerung der sozialen Bewegung, auch die Weiterentwicklung der Ideen und deren Anpassung an die neuen wirtschaftlichen, politischen und sozialen Verhältnisse blieben aus. In den Vereinigten Staaten war der Einschnitt nicht so tief, weshhalb es nur konsequent ist, dass die Wiederbelebung des Anarchismus (Libertarismus, Anarchokapitalismus) von dort ausging – darauf werde ich zum Abschluss der Serie zu sprechen kommen.

Nach den 1950er Jahren, die in den Nationen, die der Krieg hauptsächlich betraf und die ihn getragen hatten, von einer wirtschaftlichen Regeneration und zugleich von einer tiefen Sehnsucht der Menschen nach gesellschaftlicher Stabilität gekennzeichnet waren, kam es zu einem Aus- und Aufbruch der jungen, vor allem der akademischen Jugend, zunächst in den sogenannten westlichen Staaten. Sie machte den West-Ost-Konflikt (Kalter Krieg zwischen den demokratischen USA und der marxistisch-kommunistischer UdSSR) für die gesellschaftliche Stagnation haftbar und wandte sich gegen die Ablehnung des Marxismus beziehungsweise Kommunismus. Man übernahm den Marxismus als intellektuelle Waffe gegen den Status quo der westlichen Demokratie. Zugleich wurde schnell deutlich, dass die Forderung nach individueller Freiheit, Nonkonformismus und Selbstbestimmung überhaupt nicht mit der Realität in der UdSSR und ihren Satellitenstaaten („Ostblock“) übereinstimmte. Die Rebellen ergänzten den Marxismus um Psychoanalyse, Zen-Buddhismus – und Anarchismus.

Stellvertretend verweise ich auf Daniel Cohn-Bendit, den heute als grüner Exzess-Etatist bekannte Politiker. 1968 führte er die Studenten in Paris an, die, nach einer Solidarisierung durch einen Teil der Arbeiterschaft, den französischen Staat für einen Augenblick tatsächlich an den Rand des Zusammenbruchs brachten. (Letztendlich war das System aber doch stabiler als gedacht.) Zusammen mit seinem Bruder Gabriel schrieb Daniel Cohn-Bendit das international einflussreiche Buch „Linksradikalismus: Gewaltkur gegen die Alterskrankheit des Kommunismus“. In diesem Buch legten die Brüder den Marxismus als ökonomische Theorie zugrunde und nutzten den Rückgriff auf anarchistische Traditionen nur, um eine schnellere und konsequentere Durchsetzung des Kommunismus (unter Überspringung der sogenannten sozialistischen Übergangsphase) anzumahnen und ein militantes Vorgehen der Protestbewegung zu rechtfertigen. In den folgenden Wochen werde ich im Einzelnen beweisen, dass das Bild, dass die Brüder vom (klassischen) Anarchismus zeichneten, Punkt für Punkt falsch war: Der Anarchismus hatte eine andere ökonomische Theorie als den Marxismus zur Grundlage, es ging ihm nie um die Durchsetzung des Kommunismus (höchstens um die Akzeptanz freiwilliger kommunistischer Gemeinschaften), und bis auf eine kurze Phase lehnten Anarchisten den Einsatz von Terror ab.

In den 1970er Jahren schlugen Teile der Protestbewegung in Terror um. In der Dritten Welt hatten sich paradoxerweise Bewegungen der nationalen Befreiung von Kolonialismus und Imperialismus mit dem internationalistischen Marxismus bewaffnet, ebenso in Europa die Bewegungen für regionale Autonomie. Die westlichen Demokratien erlebten eine Welle von Gewalt, die entweder von diesen Organisationen in die Zentren des Imperialismus getragen wurden oder die deren westliche Unterstützer ausführten. In West-Deutschland ist diese Entwicklung besonders mit dem Namen „Rote Armee Fraktion“ (RAF) verbunden, lange Zeit pejorativ auch nach den Anführern Andreas Baader und Ulrike Meinhof „Baader-Meinhof-Bande“ genannt. Die RAF und entsprechende Organisationen in anderen Ländern wurden durch die staatstragenden Medien als „anarchistisch“ apostrophiert. Sie distanzierten sich zwar vom Anarchismus, weil sie beanspruchten, echte Marxisten-Leninisten zu sein, aber dennoch setzte sich die Zuschreibung, Anarchisten zu sein, in der Öffentlichkeit durch. Schließlich griffen die Sympathisanten-Szenen den Begriff auf und nutzten ihn nun positiv, allerdings ohne jede Bezugnahme auf den klassischen Anarchismus. Anders als die Cohn-Bendit-Brüder hatten diese Sympathisanten keinerlei Kenntnisse des klassischen Anarchismus mehr. Für sie bedeutete Anarchismus ausschließlich die Bereitschaft zu Militanz.

Neben der Hinwendung eines Teils der Protestbewegung zum Terror fand auch diejenige zu hierarchischen Parteien stalinistischen Typs statt, die ideologisch entweder an der UdSSR oder an der Volksrepublik China orientiert waren. Ein anderer Teil verweigerte sich dieser Entwicklung und hielt an den Idealen der Spontaneität und der Gruppen-Autonomie fest. Zusammen mit Teilen der Sympathisanten von Terror-Organisationen entstanden die Autonomie- und Sponti-Bewegungen, aus denen wiederum der heutige Schwarze Block bei Demonstrationen und die Antifa (Anti-Faschismus-Gruppen) hervorgingen. Sie nutzen zwar das A-Zeichen und tragen schwarze (oder schwarz-rote) Fahnen, aber ihnen fehlt jede Anbindung an die Ursprünge des Anarchismus.

Dies ist der geschichtliche Hintergrund, gegen den ich den Anarchismus in einigen seiner herausragenden Vertreter und Bewegungen darstelle. Der Anarchismus hat mehr mit dem klassischen Liberalismus und dem heutigen Libertarismus gemein als mit den Tax- oder gar Eat-the-Rich-Leuten auf der Straße und in der höchsten Politik. Es geht mir um die Wiederaneignung einer Tradition, die im herrschenden Wahnsinn von staatlichen Kriegen, staatlicher Deindustrialisierung und staatlicher Bevormundung aktuell ist wie nie zuvor.


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