10. November 2023 19:00

Genderkult, Klimasozialismus und Verbotswahn – Teil 4 Wer sind die geistigen Brandstifter?

Die ideologische Dominanz der Linken in Deutschland und ihre neomarxistischen Wurzeln

von Thomas Jahn

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Bildquelle: Marcuse family, represented by Harold Marcuse / Wikimedia Herbert Marcuse (1898–1979): Da er Gewalt als Mittel des Widerstandes legitimierte, wurde er zum Idol der rebellierenden Studenten

4. Teil: Die Kinder der Frankfurter Schule: Klimawahn, Gender-Gaga und Cancel Culture  

Wie konnte die „neue Linke“, 55 Jahre nach ihrem Symboldatum „’68“ zur alles dominierenden politischen Richtung in Kunst, Kultur, Medien und Funktionseliten aufsteigen?

Im ersten Teil haben wir uns mit den Thesen des orthodoxen Marxismus befasst. Im zweiten Teil wurde ein neuer marxistischer Zweig beleuchtet, der nach dem Ersten Weltkrieg als Neo- oder Kulturmarxismus die Weltbühne der Ideengeschichte betrat. Ihr leider wirkmächtigster Arm war die Frankfurter Schule, mit deren Theorien wir uns im dritten Teil der Serie befasst hatten. Im vierten Teil geht es um die Gegenwart und um das „Erbe“ des Neomarxismus: Was blieb von Marx, Marcuse, Meinhof, Mahler und Co?

Das gemeinsame Band zwischen Marxismus und Neomarxismus ist das quasireligiöse Sendungsbewusstsein, mit der das eingangs erwähnte egalitaristische Ziel einer Rückkehr zu einer paradiesischen Urgesellschaft befeuert wird, in der das marxistische Mantra Wirklichkeit wäre: „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!“ Dieser Glaubenseifer macht blind für die Welt-Wirklichkeit, die leider nicht paradiesisch ist, sondern so, wie sie wohl am prägnantesten der Ökonomie-Nobelpreisträger Friedrich-August von Hayek in seinem Zwei-Welten-Theorem beschrieben hat:

Einige 100.000 Jahre lang lebte die Menschheit in kleinen Gruppen von Jägern und Sammlern oder in Stammesgemeinschaften, in denen jeder jeden kannte. Die dort gepflegten Verhaltensmuster (Vertrauen, Fürsorge und Hilfe für den Nächsten oder das Teilen von Besitz) haben sich tief in unsere Instinkte eingeprägt. Der moderne Mensch muss sich aber auch in einer großen, anonymen und arbeitsteiligen Gesellschaft zurechtfinden, in der völlig andere Regeln und Verhaltensweisen als in der kleinen Gruppe gelten und auch notwendig sind. Friedrich-August von Hayek schreibt dazu: „Unsere Schwierigkeit besteht zum Teil darin, dass wir unser Leben, unsere Gedanken und Gefühle unentwegt anpassen müssen, um gleichzeitig in verschiedenen Arten von Ordnungen und nach verschiedenen Regeln leben zu können. Wollten wir die unveränderten, uneingeschränkten Regeln des Mikrokosmos (das heißt die Regeln der kleinen Gruppe oder beispielsweise unserer Familien) auf den Makrokosmos (die Zivilisation im Großen) anwenden, wie unsere Instinkte und Gefühle es uns oft wünschen lassen, so würden wir ihn zerstören. Würden wir aber umgekehrt immer die Regeln der erweiterten Ordnung auf unsere kleineren Gruppierungen anwenden, so würden wir diese zermalmen. Wir müssen also lernen, gleichzeitig in zwei Welten zu leben.“

Spätestens seit 1968 unterscheidet die deutsche Linke typischerweise nicht mehr zwischen diesen zwei Welten, also der Privatsphäre einerseits und der öffentlichen Sphäre des Politischen andererseits. Das Private ist politisch und das Politische privat, frei nach dem Titel der gleichnamigen Autobiographie einer gewissen Claudia Roth.

Dies führt einerseits zu dem missionarischen Eifer, seine Mitmenschen mit als politisch korrekt empfundenen Haltungen oder Lebensstilen (zum Beispiel veganes Essen, feministische Attitüden oder Multikulti-Ideologien) zwangsweise zu beglücken. Und andererseits Erwartungshaltungen aus der Sphäre der überschaubaren Kleingruppe auf die anonyme Massengesellschaft oder auf Kulturen fremder Kontinente zu projizieren. Partnerschaftliche Vertrautheit gegenüber Familienmitgliedern, Freunden oder Nachbarn setzt für die Erwartung ähnlicher Reaktionen des Gegenübers soziale Nähe und oft jahrzehntelange Bindungen voraus, die in menschlichen Zufalls- oder Zwangskollektiven natürlich gerade nicht existieren.              

Schlimmer jedoch als die selektive Ausblendung der Natur des Menschen ist die Gefahr der wohlkalkulierten Fruchtbarmachung linker Ideen aus machiavellistischer Überzeugung heraus. Dazu gehört nicht nur die künstliche Aufspaltung der Gesellschaft und das Schüren von Konflikten nach dem uralten Teile-und-herrsche-Prinzip, sondern auch die akribische Suche nach immer neuen, vermeintlich ausgebeuteten oder diskriminierten Gruppen, nachdem sich die Protegierten von einst, wie „die“ Arbeiter oder „die“ Frauen als undankbar erwiesen haben, weil sie die Parteien ihrer Fürsprecher nicht mehr wählten. Die linke Umweltbewegung hat bei dieser Suche den Menschen schon längst hinter sich gelassen und sich der „unterdrückten“ Natur, also der Tier- und Pflanzenwelt angenommen.

Der schon erwähnte Spiritus rector der „68er“-Bewegung, Herbert Marcuse, bestätigt diese Suche nach vermeintlich unterdrückten Minderheiten und seine Gewaltakzeptanz in seinem 1965 erschienen Essay „Repressive Toleranz“: „Die Toleranz, die Reichweite und Inhalt der Freiheit erweiterte, war stets parteilich intolerant gegenüber den Wortführern des unterdrückenden Status quo. Ich glaube, dass es für unterdrückte und überwältigte Minderheiten ein ‚Naturrecht‘ auf Widerstand gibt, außergesetzliche Mittel anzuwenden, sobald die gesetzlichen sich als unzulänglich herausgestellt haben. Gesetz und Ordnung sind überall und immer Gesetz und Ordnung derjenigen, welche die etablierte Hierarchie schützen.“

Marcuse inspirierte nicht nur die späteren Gewalttäter Baader, Meinhof, Mahler und andere „RAF-Genossen“. Seine als Gesellschaftskritik getarnte zerstörerische Ideologie ist dekonstruktivistisch. Sie duldet keinen Widerspruch und führte auch, weil sie sich quasi selbstverliebt als „gerechte Sache“ betrachtete, zu dem seit den Achtzigerjahren bekannten Phänomen der sogenannten „Political Correctness“, dem Vorgänger der „Cancel Culture“. Wer demnach eine ausgeprägte Meinung dazu hat, wer oder was politisch korrekt ist, hat das Recht, politisch inkorrekte Meinungen aus einer Debatte auszuschließen, also intolerant gegenüber Andersdenkenden zu sein. Ein totalitäres Rezept, um Andersdenkenden das Recht auf die freie Meinungsäußerung abzusprechen, wie wir es heute nahezu täglich bei politischen Debatte in Deutschland erleben müssen.

Gleichzeitig geht auch der linke Fahndungseifer nach hoffentlich immer neuen, angeblich diskriminierten Minderheiten weiter und hat bereits zu einer mannigfaltigen Spaltung und Politisierung der Gesellschaft geführt.

Die immensen Gefahren, die von diesem politischen Eifer ausgehen, wurden früh von dem berühmten russischen Literaten Fjodor Dostojewski fast schon hellseherisch erahnt, wie ein Zitat aus seinem 1873 veröffentlichten Roman „Die Dämonen“ beweist. Dostojewski lässt den sozialistischen Eiferer Schigalew ein politisches Programm verkünden, von dem Dostojewski sicher selbst nie geahnt hätte, mit welch planmäßiger Gnadenlosigkeit Schigalews reale Genossen später in Russland und anderswo ans Werk gehen würden: „Kaum sind Familie oder Liebe da, so regt sich auch das Verlangen nach Eigentum. Wir werden dieses Verlangen ertöten. Wir werden die Trunksucht, die Klatscherei, das Denunziantentum befördern und wir werden unerhörte Unzucht gestatten. Wir werden jedes Genie im Säuglingsalter ersticken. Alles wird unter einen Nenner gebracht, vollständige Gleichheit geschaffen werden.“

Klimadebatte, Genderkult, die Migrationskrise und „Corona“ zeigen, wie beängstigend eng Deutschland, die meisten europäischen Länder und die USA in den Würgegriff der neomarxistischen Ideologie geraten sind. Ein Ausweg kann erfolgreich nur dann gefunden und beschritten werden, wenn man dem Ursprung der Denkweise dieser freiheitsfeindlichen Ideologie auf den Grund geht. Leider muss man sich dabei auch bewusst werden, dass man es mit einer sehr machthungrigen und gewaltaffinen Ideologie zu tun hat, deren intellektuelle und politische Vertreter keinesfalls bereit sind, mit Andersdenkenden in einen fairen, offenen Diskurs, auf Basis von Fakten und des friedlichen Austausches von Argumenten, zu treten.       


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