03. Dezember 2023 07:00

Freiheitsespresso XVI Wohlstand für die Menschen

Transformationslehre der Wirtschaftsgeschichte: dezentral statt zentral, staatlich minimal

von Michael von Prollius (Beendet)

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Bildquelle: Morphart Creation / Shutterstock Bauernbefreiung in Preußen 1807: Die Ablösung von den Grund- und Leibherren brachte den Bauern Entscheidungsfreiheit

Transformation, ein wieder in Mode gekommener Begriff, ist omnipräsent. Ein grundlegender Wandel ist seit einigen Jahren spürbar: gesellschaftlich, politisch, ökonomisch, ökologisch. Manche sprechen von einer „Zangengeburt eines neuen Zeitalters“ (Dieter Scheidig). Transformation kann auch bedeuten, sich neu zu erfinden. Das wäre wünschenswert, wird zuweilen beschworen, erscheint dringend geboten und in Deutschland nicht in Reichweite – oder sehen Sie Anzeichen für eine erfolgreiche Bewältigung zentraler Herausforderungen?

Ein Blick in die Wirtschaftsgeschichte gibt Anhaltspunkte, wie Transformation zustande kommt und tatsächlich umwälzend wirkt. In der Transformationsgeschichte werden unter Transformation „komplexe Veränderungsprozesse und die Wirkung eruptiver Brüche und Krisen“ verstanden, die sich seit dem Übergang zur industriellen Moderne in wirtschaftlicher und darüber hinaus in sozialer und kultureller Hinsicht ereignen. Zumindest gilt das in dem Band „Transformative Moderne: Struktur, Prozess und Handeln in der Wirtschaft. Festschrift für Dieter Ziegler zum 65. Geburtstag“ (2021). 

Wie lässt sich die kapitalistische Transformation beschreiben und erklären?

In Großbritannien hat bereits in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts eine allmähliche Beschleunigung des Wirtschaftswachstums eingesetzt. Als Ursachen gelten, in Verbindung miteinander, eine spezifische Faktorausstattung, agrartechnischer Fortschritt, institutioneller Wandel und außenwirtschaftliche Öffnung.

In Deutschland hat es einen vergleichbaren Prozess gegeben, der diskontinuierlich erfolgte und durch exogene politisch-institutionelle Schocks gekennzeichnet war: beschleunigte Staatsbildung nach dem Dreißigjährigen Krieg, Transformation des deutschen Staatensystems nach den Napoleonischen Kriegen (1792–1815) und Nationalstaatsgründung (1871). Zudem wandelte sich der Staat von einem Domänen- zu einem Steuerstaat. Die Kosten des Wirtschaftens sanken, neue Handlungsspielräume entstanden. Dazu zählen Agrarreformen, die Aufhebung der Zunftverfassung und die Bildung eines einheitlichen Wirtschaftsraums. Heute würde man das wohl echte Deregulierung nennen. Für persönliche Freizügigkeit, Mobilität und berufliche Flexibilität sorgte die Bauernbefreiung in Preußen 1807. Die nächste Wachstumsphase wurde von der Schwerindustrialisierung mit der Eisenbahn als Leitsektor geführt. Die Gründung des Deutschen Reichs 1871 hatte für die wirtschaftliche Entwicklung eine eher nachrangige Bedeutung – die machtpolitisch bedingte Sozialstaatsbildung ausgenommen. Internationale Integration, industrielle Entwicklung und institutionelle Modernisierung zugunsten von Marktwirtschaft und Freihandel kann hingegen wirtschaftsgeschichtlich eine entscheidende Bedeutung zugemessen werden.

Zum Wohlstand für die Menschen: Eine langfristige Betrachtung der Reallohnentwicklung zeigt im Hinblick auf die Bevölkerungsentwicklung folgendes Muster: bis 1800 negativer Zusammenhang, das heißt, die Bevölkerung wächst – der Reallohn sinkt und vice versa (Malthusianische Wirtschaft).

Die deutsche Bevölkerung war indes bereits um das Jahr 1800 bei gleichem Reallohnniveau deutlich größer als 200 Jahre zuvor. Im frühen 19. Jahrhundert erfolgte ein Strukturbruch – die negative Beziehung zwischen materieller Wohlfahrt und Bevölkerung verschwand vollkommen. Die anschließende Verdopplung der Bevölkerung führte nicht zu einem Verfall des Reallohns, wofür technischer Fortschritt eine Ursache war. Versorgungskrisen beeinträchtigten die Bevölkerungszahl seitdem nicht mehr (Postmalthusianische Wirtschaft).

Weitere Beobachtungen: Der Außenhandel wuchs stärker als die Bevölkerung, bedingt durch regionale Exportgewerbe und Protoindustrien mit entsprechender Arbeitskräftenachfrage. Veränderte Handelstechniken und Unternehmensorganisation (entstehende Geschäftskorrespondenz und bargeldloser Zahlungsverkehr) flankierten das bei verbesserter Kommunikations- und Infrastruktur (zweite Kommerzielle Revolution nach der ersten im Hochmittelalter). Außerdem kam es zu einer Integration von Märkten für nicht-landwirtschaftliche Produkte und vertiefte interregionale Arbeitsteilung, angetrieben durch städtisches Wachstum sowie steigende Nachfrage nach Grundnahrungsmitteln und handelstechnische Innovationen (Adam-Smith-Wachstum).

Die Leichtindustrialisierung spielte wie die damit verbundene regionale Transformation, die insbesondere vom Textilsektor getragen wurde, eine bedeutende Rolle. Chemnitz bildete in Sachsen als Industriestadt ein Powerhouse mit dem Beinamen „Manchester Deutschlands“. Die sächsische Baumwollindustrie wirkte als Motor der regionalen Transformation. Rübenzuckerhersteller erfuhren während der Kontinentalsperre einen ersten Aufschwung. Sie waren überdies die Pioniere des Aktienwesens bereits um 1800. Die Magdeburger Börde konnte ihre Führungsposition in der Zuckerherstellung bis 1860 noch ausbauen. Das zog wiederum den Maschinenbau nach sich. Halle war eine von vielen Industriedistrikten, in denen sich Know-how und Do-how verdichteten.

Die Zunahme der Bevölkerung hatte eine doppelt positive Wirkung: Ausweitung des Arbeitsangebots und kürzere Wege zwischen den Siedlungen mit besserer Diffusion von Innovationen (Boserupsches Wachstum).

Wir können an dieser Stelle die spontane, ungeplante Entwicklung der Transformation der Wirtschaft hervorheben. Die unsichtbare Hand konnte, von ihren feudalistischen Fesseln befreit, die Entstehung des Massenwohlstands dirigieren. Eine aktuell anmutende Lehre. Mit Ludwig von Mises: „Es war die Massenproduktion für die Bedürfnisse der Massen. Und das ist das Grundprinzip des Kapitalismus …“.


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