19. Januar 2024 11:00

Weltliteratur Die große Illusion

80 Jahre nach „The Road to Serfdom“ (Teil 3)

von Carlos A. Gebauer (Pausiert)

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Bildquelle: Denis Cristo / Shutterstock Sozialismus: Der Einzelne ist nur ein Rädchen im Gesamtgetriebe

Lassen die Mitglieder einer Gesellschaft nicht zu, dass Einzelne in ihrer Mitte das tun, was sie persönlich für richtig halten, sondern erteilen sie einander Befehle zur Verhaltensregelung, dann schwindet zwangsläufig die Entscheidungsfreiheit des Individuums. Der einzelne Mensch kann in dieser gesellschaftlichen Organisationsgestalt für sich und mit den Menschen, die ihm lieb und teuer sind, nicht mehr unabhängig und selbstbestimmt handeln. Er ist auf Erlaubnisse und Genehmigungen Fremder, auf Gestattungen und Vorgaben anderer zurückgeworfen.

Will man eine Gesellschaft wie eine ingenieurtechnisch perfekte Maschine gestalten, um zentral vordefinierte Ziele zu erreichen, dann ist es unmöglich, den Teilen dieser Maschine individuelle Selbstverantwortung zu überlassen. Ein Zahnrad in einem großen Getriebe muss dann vielmehr genau die Form erhalten und behalten, die zum Betrieb der einmal konzipierten Gesamtheit erforderlich ist. Jedes einzelne Zahnrad muss sich darüber hinaus aber auch in der für die Gesamtmaschine erforderlichen Weise bewegen. Eine eigene Ausdehnung oder autonome Bewegungsentscheidungen sind für jedes einzelne Zahnrad ausgeschlossen.

Die von Hayek als „große Illusion“ bezeichnete Erwartung, der Kampf gegen das Ancien Régime und für die Freiheit könne in einer sozialistischen Gesellschaftsmaschine zu Entscheidungs- und Handlungsfreiheiten des Individuums führen, muss also zwangsläufig enttäuscht werden. In einem sozialistischen Gesellschaftsgetriebe hat der Einzelne (wieder wie in den alten Zeiten des Adels und der Kirchenmacht) fremdgesteuert zu funktionieren. Verweigert er diesen Gehorsam, hat er Konsequenzen entgegenzusehen. Hayek formuliert: „Heute erinnert man sich nur selten daran, dass der Sozialismus in seinen Anfängen unverhüllt autoritär war. Der erste moderne Planwirtschaftler, [Henry de] Saint-Simon [1760–1825], sagte sogar voraus, dass man diejenigen, die seinen projektierten Planwirtschaftsstellen den Gehorsam verweigerten, ‚wie Vieh behandeln‘ würde.“ In dieser Dimension wird unzweifelhaft deutlich, warum Hayek seinem zweiten Kapitel den Satz Friedrich Hölderlins vom Staat als „Hölle“ voranstellte.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts brach sich bei den Frühsozialisten augenscheinlich die Erkenntnis Bahn, dass es einen argumentativen Widerspruch zwischen gesellschaftlicher Gesamtplanung und individueller Freiheit gibt. Die Revolution des Jahres 1848 entwickelte daher den Gedanken, die Idee des Sozialismus mit einem leicht abweichend definierten Freiheitsbegriff zu verbinden. In diesem Zusammenhang zitiert Hayek Alexis de Tocqueville [1805–1859]: „Die Demokratie dehnt die Sphäre der individuellen Freiheit aus, der Sozialismus dagegen schränkt sie ein. Die Demokratie erkennt jedem Einzelnen seinen Eigenwert zu, der Sozialismus degradiert jeden Einzelnen zu einem Funktionär der Gesellschaft, zu einer bloßen Nummer. Demokratie und Sozialismus haben nur ein einziges Wort gemeinsam: die Gleichheit. Aber man beachte den Unterschied: Während die Demokratie die Gleichheit in der Freiheit sucht, sucht der Sozialismus sie im Zwang und in der Knechtung.“

Die begriffliche Umdeutung geschah dadurch, dass das ursprüngliche Versprechen der Freiheit von Despoten nun zur Verheißung einer Befreiung aus dem „Reich der Notwendigkeit“ werden sollte. In heutiger Diktion sagt man wohl: Liberalismus liefere nur negative Freiheit, Sozialismus hingegen schaffe die nötigen materiellen Grundlagen für positive Freiheit. Dass diese materiellen Grundlagen aber erst von irgendjemanden geschaffen werden müssen, um dann umverteilt werden zu können, wird in dieser Weltsicht seit bald 200 Jahren vergessen. Hayek formuliert: „Wenn man also die neue Freiheit forderte, so meinte man damit nichts anderes als den alten Anspruch auf gleichmäßige Besitzverteilung. Es unterliegt keinem Zweifel, dass das Versprechen einer größeren Freiheit eine der wirksamsten Waffen der sozialistischen Propaganda geworden ist.“

Zum weiteren empirischen Nachweis seiner argumentativen Überlegungen zitiert Hayek den langjährigen amerikanischen Korrespondenten William H. Chamberlin [1897–1969], der im Jahre 1937 auf zwölf Jahre eigener Arbeit in Russland zurückblickend notierte: „Es ist sicher, dass der Sozialismus sich wenigstens im Anfang als ein Weg erweist, der nicht zur Freiheit, sondern zur Diktatur und Gegendiktatur und zum erbarmungslosen Bürgerkrieg führt. Ein Sozialismus, der mit demokratischen Mitteln erkämpft und erhalten wird, scheint endgültig zu den utopischen Dingen zu gehören.“ Und der legendäre amerikanische Publizist Walter Lippmann [1889–1974] wird von Hayek mit der Erkenntnis zitiert: „In dem Maße, wie [kollektiv] organisierte Lenkung zunimmt, muss die Vielfalt der [individuellen] Ziele der Gleichförmigkeit weichen. Das ist die Nemesis der Planwirtschaft.“

Wie sehr sich die autoritären Systeme des Kommunismus, des nationalen Sozialismus und des Faschismus im stets systematisch freiheitszerstörenden Fremdbestimmungsreflex auch weltanschaulich gleichen, macht ein weiterer Blick auf die Propagandaaktivitäten der entsprechenden Parteigänger klar: „Es war in Deutschland allgemein bekannt, dass ein junger Kommunist verhältnismäßig leicht zum Nationalsozialisten bekehrt werden konnte und umgekehrt; am besten wussten dies die Propagandaleiter der beiden Parteien. Während für die Nationalsozialisten der Kommunist, für die Kommunisten der Nationalsozialist und für beide der Sozialist als Rekrut infrage kam als ein Mann, der aus dem rechten Holz geschnitzt war, wenn er auch auf falsche Propheten gehört hatte, so wussten sie doch beide, dass es zwischen ihnen und denen, welchen es mit dem Glauben an die Freiheit wirklich ernst war, keinen Kompromiss geben konnte.“

Das planwirtschaftliche Mantra des deutschen Nationalsozialismus wurde von dem Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler Eduard Heimann (1889–1967), der sich die Suche nach einem „dritten Weg“ zwischen Kommunismus und Kapitalismus zu seiner Lebensaufgabe gemacht hatte, in die von Hayek zitierten Worte gefasst. „Das Hitlersystem geht sogar so weit, sich zum Beschützer des Christentums aufzuwerfen, und das Grauenvolle ist, das selbst diese grobe Verdrehung geeignet ist, einen gewissen Eindruck zu machen. Aber eines ist in all diesem Meer des Irrtums sonnenklar: Hitler hat nie den Anspruch erhoben, den echten Liberalismus zu vertreten. So genießt der Liberalismus die Auszeichnung, die von Hitler bestgehasste Lehre zu sein.“

In seiner Analyse schließt Hayek das zweite Kapitel seiner Ausarbeitung folgerichtig mit der Erkenntnis: „Während vielen, die die Entwicklung vom Sozialismus zum Faschismus aus nächster Nähe beobachtet haben, der Zusammenhang zwischen beiden Systemen immer klarer geworden ist, sind in England heute noch die meisten Leute der Meinung, dass Sozialismus und Liberalismus miteinander vereinbar seien. Ohne Zweifel glaubt die Mehrzahl der Sozialisten bei uns noch immer fest an das liberale Freiheitsideal und würde entsetzt sein, wenn sie zu der Überzeugung käme, dass die Verwirklichung ihres Programms die Vernichtung dieser Freiheit bedeuten würde.“

Nach dieser Problemausbreitung folgt nun – im dritten Kapitel – die Betrachtung des unvermeidlichen Widerstreits zwischen einerseits individueller Freiheit und andererseits kollektiver Organisation.

(wird fortgesetzt)


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