23. Januar 2024

Populäre Irrtümer der Linken und Neuen Rechten Nein, Libertarismus dient nicht „vor allem den Interessen der Reichen“

Im Libertarismus „herrschen“ nicht die Großkonzerne – im Gegenteil

von Andreas Tiedtke (Pausiert)

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Bildquelle: Shutterstock Wieso klafft trotz staatlicher Dauerregulierung die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander: Man ersetze „trotz“ durch „wegen“

Nicht nur die Linken, sondern auch die Neuen Rechten unterstellen dem Libertarismus, dass dieser vor allem den Interessen der Reichen diene. Ohne Interventionismus, also dem zwangs- und fallweisen Eingreifen in den Markt, ergäben sich monopolartige Strukturen, so das Argument sinngemäß. Es sei zu befürchten, dass es zu einer Pareto-Verteilung des Vermögens käme, also 20 Prozent besäßen 80 Prozent des Vermögens – oder noch ungünstigere Verteilungen. Deshalb müsse das „Primat der Politik“ gelten, um den Mittelstand zu schützen und Wettbewerb zu sichern.

Wenn dem so wäre, dass der Libertarismus vor allem den Reichen dienen würde, müsste man sich fragen, wieso Big Business nicht den Libertarismus unterstützt, sondern im Gegenteil: Die Logos von Big Business findet man auf den Sponsoren-Aufstellern beim Grünen-Parteitag – ebenso wie bei den anderen „kollektivistischen Varianten“ politischer Angebote, die der argentinische Präsident Javier Milei bei seiner Rede am 17. Januar in Davos benannte, wie etwa den Sozialdemokraten oder den Christdemokraten.

Konzentrierte Strukturen schaffen Wohlstand. Interventionismus schafft Armut

In dieser Rede stellte Milei auch klar, dass steigende Erträge durch Kostenvorteile bei Unternehmenswachstum ursächlich für Wirtschaftswachstum und Wohlstand sind. Das Spiegelbild dieser wohlstandsfördernden Skaleneffekte sind konzentrierte Strukturen in der Wirtschaft. Das Ausnutzen dieser Kostenvorteile schafft Wohlstand, und wenn einer meint, bessere Produkte anbieten zu können oder zu einem günstigeren Preis, bleibt ihm das im Kapitalismus unbenommen.

Aber ohne das Ausnutzen der Kostenvorteile bei Konzentration hätte der Wohlstand, den wir heute haben, nicht geschaffen werden können. Wie kann es sein, so fragte Milei, dass die Skaleneffekte bei Massenproduktion, die der Masse der Menschen Wohlstand brachten, von den Neoklassikern als „Marktversagen“ eingeordnet werden? Vielmehr versagt das neoklassische Modell.

Es gibt beim freiwilligen Austausch kein Marktversagen. Wenn Unternehmen wachsen oder insolvent werden, dann ist das in der unbehinderten Marktwirtschaft die Folge der Entscheidungen der Kunden. Wer bessere Produkte zu günstigeren Preisen anbieten kann, wird belohnt – und umgekehrt. Wenn Neoklassiker „Marktversagen“ beklagen, handelt es sich in Wirklichkeit um Folgen des Interventionismus, also von erzwungenen Eingriffen des Staates in das Marktgeschehen, wie bereits Ludwig von Mises (1881–1973) nachwies, wie etwa Preisdeckel, Mindestpreise, Fiat-Geld-Banksysteme, die Konjunkturzyklen auslösen, und so weiter.

Zudem sind nahezu alle Produkte substituierbar. Wenn Sie nicht die Bahn nehmen wollen, können Sie das Fahrrad, ein Taxi oder das Auto nehmen. Darüber hinaus sprechen die Ökonomen von einem „natürlichen“ Monopol, wenn das Monopol da­durch zustande kommt, dass ein zweiter Anbieter einfach nicht genügend Güter absetzen könnte, um seine Kosten zu decken, wie etwa bei einer Bäckerei in einem kleinen Dorf.

Viele konzentrierte Strukturen oder monopolartige Stellungen sind aber keine Folge der Kundensouveränität bei freiwilligem Austausch, sondern sie beruhen auf staatlichen Interventionen. Und das ist genau der Grund, warum Big Business und viele Superreiche den Staat und seinen Interventionismus so lieben und den Libertarismus verschmähen. Sie erwarten sich vom Gewaltmonopolisten zwangsweise Eingriffe in den Markt, die für sie selbst günstig sind. Regulierungen, die ihnen die Konkurrenz vom Leibe halten, indirekte und direkte Subventionen, Aufträge vom Staat, Privilegien wie „intellektuelle Eigentumsrechte“ oder die Einrichtung eines Fiat-Geld-Banksystems mit Zentralbank zur Kreditausweitung und so weiter. Big Business und Big Government sind die großen Profiteure dessen, was heute euphemistisch „Public Private Partnership“ genannt wird, also die Verbindung von Profitmotiv und Interventionismus zum beiderseitigen Vorteil.

Reiche leben in der Marktwirtschaft nicht auf Kosten der Armen – im Gegenteil

Darüber hinaus ergibt sich eine Pareto-20-80-Verteilung oftmals ganz natürlich, also natürlich in dem Sinne, dass kein Zwang eingesetzt wurde. Sieht man die Pareto-Verteilung als Sinnbild, dass es nun einmal erfahrungs- und definitionsgemäß eine relativ breite Mittelmäßigkeit gibt und an den Rändern „High Performer“ und „Low Performer“, dann ist das schlicht eine Art und Weise, ein gesellschaftliches Phänomen zu betrachten. Wurde kein Zwang eingesetzt, dann haben die 20 Prozent Wohlhabenderen ihr Vermögen auch nicht auf Kosten und zu Lasten der anderen erworben, sondern im Gegenteil: Sie haben die 80 Prozent aus deren subjektiver Sicht mehr bereichert als sich selbst, denn freiwilliger Austausch findet nur statt, wenn man dasjenige, was man erhält, höher bewertet als dasjenige, was man dafür aufgibt. Dieser Profit der Konsumenten verteilt sich eben nur auf mehr Köpfe.

Zudem machen Luxusgüter den geringsten Anteil am Vermögen der Reichen aus – Neider könnten also beruhigt sein. Das meiste ist Betriebsvermögen oder es sind beispielsweise bei Immobilienunternehmen die Wohnungen, die sie vermieten, und nicht die, in denen die Unternehmer selbst wohnen. Im Hinblick auf diese Produktionsmittel oder langlebigen Konsumgüter sind die Unternehmer im ökonomischen Sinne nur mittelbare Besitzer, denn sie müssen stets nach den Wünschen der Kunden produzieren, die die Güter und Dienste konsumieren. Decken die Preise, die die Kunden zahlen, die Aufwendungen des Unternehmers nicht, dann erleidet er Verluste und bei dauerhaften Verlusten wird er insolvent und das Kapital kommt aus Sicht der Kunden in bessere Hände. Viele Unternehmen, die heute betreffend ihre Marktkapitalisierung auf Top-Plätzen rangieren, gab es vor 50 Jahren noch nicht, viele andere sind verschwunden.

In Wirklichkeit bereichern die Unternehmer in der unbehinderten Marktwirtschaft ihre Mitmenschen. Milei sagte, sie seien die wahren Helden der Gesellschaft, die Wohlstand für die Masse der Menschen bringen. Ohne Unternehmerfreiheit gibt es keine Konsumentenfreiheit. Der Kapitalismus, die freiwillige, kapitalbasierte, arbeitsteilige Produktion und der freiwillige Austausch am Markt, dieser Kapitalismus war es, der den Wohlstand der Masse der Menschen in den letzten rund zwei Jahrhunderten unvergleichlich angehoben hat.

Schlussbetrachtung und Ausblick

Javier Milei hat es den vermeintlichen „Eliten“ am 17. Januar 2024 in Davos ins Gesicht gesagt: Ihr irrt euch! Eure Theorien sind falsch! Teils aus Unwissenheit, teils aus Opportunismus und Machtstreben setzt ihr unmoralische Mittel ein, weil ihr die Leute zwingt, euer Leben und eure armutsfördernden Politiken zu finanzieren. Und es droht, dass ihr die Masse der Menschen in den wirtschaftlichen und kulturellen Niedergang, in eine neue, weitere Spielart des Sozialismus zwingt.

Es zeugt von Unwissenheit, Achtlosigkeit oder Arroganz, wenn die Linken und die Neuen Rechten dem Libertarismus beziehungsweise dem Kapitalismus vorwerfen, ungerecht zu sein. Ludwig von Mises erkannte, dass Marktwirtschaft die einzige Form ist, zivilisiert – also aufgrund freiwilliger Kooperation und nicht aufgrund erzwungener – zusammenzuleben und dass nur der Kapitalismus Wohlstand für die Masse der Menschen schaffen kann. Aber viele Superreiche und politische Akteure fürchten ihn, weil es im Kapitalismus keinen festen Platz in einer dünnen Oberschicht gibt, sondern jemand nur erfolgreich bleibt, wenn er den Menschen zu dienen versteht, anstatt sie herumzukommandieren.

In meiner nächsten Kolumne werde ich einen weiteren populären Irrtum der Linken und Neuen Rechten aufklären, nämlich dass im Libertarismus die Großkonzerne „herrschen“ würden. Denn genau das Gegenteil wäre der Fall.

Quellen:

Rede Javier Mileis in Davos am 17.01.2024 (Deutsches Trankript, eigentümlich frei)

Rede Javier Mileis in Davos am 17.01.2024 (Englisches Transkript, misesde.org)

Der Kompass zum lebendigen Leben (Andreas Tiedtke, Seite 136 fortfolgende)


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