02. Februar 2024

Falsche Freunde – Teil 5 Was wollen die Arbeiter?

Anarchismus und Syndikalismus

von Stefan Blankertz

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Bildquelle: Collections – GetArchive (PDM 1.0 Deed) „Il Quarto Stato“ von Volpedo (1901): Verdeutlicht die Präsenz und Erstarkung der Arbeiterbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts

Anarchismus ist die Mitte des 19. Jahrhunderts entstandene Idee, dass die menschliche Gesellschaft ohne initiierende Gewalt aufgebaut werden könne, also ohne Staat, an dessen Stelle die freiwillige Interaktion in sozialer wie wirtschaftlicher Hinsicht tritt. Damit ist der Anarchismus das radikalisierte – anders gesagt: die konsequent durchgeführte – Prinzip des Liberalismus minus der Inkonsequenz, dass der Liberalismus für bestimmte soziale Funktionen wie der Aufrechterhaltung der Ordnung die Staatsgewalt beibehalten will, und minus der in den vorangegangenen Folgen dargestellten Verbündung mit falschen Freunden unter den Vertretern der Staatsgewalt. Leider entging auch der Anarchismus nicht der Problematik, die die Logik der politischen Allianzen zur Durchsetzung von Ideen darstellt.

Die dem Anarchismus ideengeschichtlich am Nächsten stehende Idee, der Liberalismus, stand für eine Allianz nicht zur Verfügung: Er hatte sich mit Nationalismus und Zentralismus verbündet. An keinem Datum macht sich das so fest wie an der Debatte um die mittels Kriegs herbeigezwungene italienische Einheit. Der Vater des Anarchismus, Pierre-Joseph Proudhon (1809–1865), kritisierte während der 1860er Jahre bis zum letzten Essay vor seinem Tod die Formierung des Nationalstaats Italien. Er sagte eine Verarmung der breiten Bevölkerung sowie die Unterdrückung von lokaler Selbstverwaltung und von regionalen Besonderheiten voraus. Stattdessen schlug er die Bildung einer freiwilligen Föderation vor. Dies war gewiss alles andere als ein radikaler Vorschlag, kein Vorschlag, der dem Image der Anarchisten entspricht, Recht und Ordnung kurz und klein schlagen zu wollen. Der Vorschlag wäre es wert gewesen, von bedächtigen Liberalen und sogar Konservativen in Erwägung gezogen zu werden. Stattdessen beschuldigten ihn die Liberalen und Republikaner des Paktierens mit Thron und Altar, genau wie die Vertreter des gerade sich formierenden Sozialismus es taten. Aber auch die Vertreter von Thron und Altar waren nicht begeistert: Die Konservativen waren nicht prinzipielle Befürworter des Föderalismus, sondern fühlten sich eher durch die Umstände zu ihm gedrängt. Viel lieber wollten auch sie Zentralstaaten mit ihrer eigenen Herrschaft errichten; letztlich standen dann sowohl der italienische wie der deutsche Nationalstaat unter dem Zeichen von Thron und Altar, nicht unter dem der Republik.

Dagegen fielen Proudhons Ideen in der neu entstehenden Arbeiterbewegung auf fruchtbaren Boden. Die europäische Arbeiterbewegung spaltete sich schnell in zwei unterschiedliche Lager: das reformistische und das revolutionäre. Das reformistische Lager erhielt später in Deutschland den Namen Sozialdemokratie, in den meisten anderen Ländern trug es den Namen Sozialismus, in England zunächst Fabianismus und dann bis heute „Labor“. Die Reformisten strebten einerseits an, mittels gewerkschaftlicher Aktionen (vor allem ökonomischer Streiks) die Lage der organisierten Arbeiter zu verbessern; andererseits verfolgten sie das Ziel, die politische Macht im Staat per Wahlen zu beeinflussen oder ganz zu übernehmen, um mit dem Hebel der Gesetzgebung das zu schaffen, was sie eine gerechte Gesellschaft nannten. In diese Richtung fielen auch fast alle marxistischen Ansätze. Der revolutionäre Marxismus spielte vor 1917 keine Rolle; ihn behandle ich in der nächsten Folge der Serie. Bei aller Unterschiedlichkeit in einigen Details war der reformistische Ansatz der Arbeiterbewegung an starken zentralstaatlichen Strukturen interessiert, die sich durch eine von den Gewerkschaften beherrschte Regierung mittels Gesetze steuern lassen.

Das revolutionäre Lager der Arbeiterbewegung war weit inhomogener als das reformistische Lager. Es konkurrierten eine Reihe vor autoritären Vorstellungen, wie eine Gesellschaft nach einer Revolution zugunsten der arbeitenden Bevölkerung organisiert werden solle. Diese Vorstellungen unterschieden sich kaum von den Vorstellungen der Reformisten. Der Unterschied lag darin, dass die Revolutionäre ihre Ziele nicht mit Wahlen, Reformen und einer Reihe von Etappensiegen bei Streiks zu realisieren trachteten, sondern in einem Akt des Umsturzes. Hiergegen stellte Proudhon seine Vorstellung von regionaler Selbstverwaltung und Autonomie, von freiwilliger Föderation und der Möglichkeit, mit verschiedenen Ideen der sozialen Organisation auf Grundlage der Freiwilligkeit zu experimentieren.

Diese anarchistische Vorstellung übte auf die Arbeiterbewegung eine starke Anziehungskraft aus. Weil Proudhon letztlich dem Marxismus unterlag, wird sein Einfluss bis heute vernachlässigt. Doch niemand Geringeres als Marx selbst schätzte die Lage 1870 so ein, dass sein Einfluss de facto auf Deutschland begrenzt war, während besonders in Frankreich der Proudhonismus dominierte. Nach Proudhons Tod übernahm Michael Bakunin die Führung der Anarchisten und war noch erfolgreicher als Proudhon selber.

Viele Strömungen des revolutionären Lagers der Arbeiterbewegung flossen im Syndikalismus zusammen. Anders als die reformistischen wollten die syndikalistischen Gewerkschaften die Verhältnisse revolutionär umgestalten. Dafür propagierten sie alternativ zum ökonomischen Streik, der die Arbeitgeber zu Konzessionen hinsichtlich Lohns, Arbeitszeit und Arbeitsbedingungen zwingen sollte, den politischen Streik, der zum Umsturz führen sollte; der Schlachtruf hieß: Generalstreik!

In manchen Darstellungen klingt es so, als ginge der Syndikalismus direkt auf Proudhon zurück, was ich für unzutreffend halte. Proudhons Insistieren auf Klassenfrieden, auf umsichtige und friedliche Veränderungen, auf weitgehende Beibehaltung der Eigentumsverhältnisse und auf Berücksichtigung lokaler Umstände sprechen hiergegen. Darüber hinaus ließ der Syndikalismus stets offen, ob die Gewerkschaften den Staat übernehmen beziehungsweise als Zwangskörperschaften beerben oder ob sie den Arbeitern vor Ort tatsächlich völlige Freiheit der Selbstorganisation gewähren würden. Der Vordenker des Syndikalismus war Georges Sorel (1847–1922), dessen Gewaltverherrlichung Proudhon diametral entgegenstand, obwohl sich Sorel dabei auf das Buch Proudhons über den Krieg bezog, das er freilich nicht verstanden hatte.

Sorels Gewaltverherrlichung und die Vorstellung, dass der Staat sich aus Zwangskörperschaften aufbauen solle, die die verschiedenen Berufe und Sparten der Gesellschaft repräsentieren, führten dazu, dass der Syndikalismus für den italienischen Faschismus (siehe Folge 4 letzte Woche) anschlussfähig wurde. Legte man den Syndikalismus jedoch so aus, dass die Arbeiter vor Ort ihre Angelegenheiten in Autonomie und Selbstverwaltung ohne zentralstaatliche Einmischung regeln, war dies ein Anknüpfungspunkt für die Anarchisten. Damit kam es zur Konstituierung des Anarcho-Syndikalismus. (Diese Begriffsbildung zeigt meines Erachtens, dass der Syndikalismus nicht ursprungsidentisch mit dem Anarchismus war; sonst würde der Begriff Anarcho-Syndikalismus eine Tautologie beinhalten.)

Die anarchosyndikalistischen Gewerkschaften entwickelten vor allem in den romanischen Ländern eine große Wirkung; in Spanien gab es in dem Versuch, den faschistischen Putsch 1936 zurückzuschlagen, eine reale Chance, dass sich der Anarchismus in einem Land hätte etablieren können (im letzten Jahr habe ich das in der Serie zur Geschichte des Anarchismus, Teil 7, dargestellt).

Allerdings war klar, dass der Anarcho-Syndikalismus jede Möglichkeit eines Zusammenschlusses mit liberalen Kräften unmöglich gemacht hat. Eine romantische Vorstellung von Klassenkampf prägt heute das, was inzwischen unbeholfen als „linker“ Anarchismus bezeichnet wird (so, als gäbe es die sinnvolle Begriffsbildung eines „rechten“ Anarchismus). „Eat the Rich“- oder „No war but the class war“-Parolen sind lästig und locken niemand hinter dem Ofen hervor außer ein paar durchgeknallten Steinewerfern. Dies hat weder mit klassischem Anarchismus noch mit ernsthaftem Syndikalismus etwas zu tun. Vor allem ist es hoffnungslos antiquiert. Jeder weiß, dass die alte marxistische Klassenanalyse versagt hat, nämlich dass die Arbeiterschaft heute nicht die tragende gesellschaftliche Schicht, sondern eine marginalisierte Gruppe darstellt. Schon Proudhon hat das alles besser analysiert und vorhergesehen.

Falsche Freund helfen nicht. Aber es kommt noch schlimmer, wie wir nächste Woche sehen werden.


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