Kernkraft: Atomkraft, ja bitte
Der jetzt eingeräumte Fehler – Aber wer bloß hat ihn gemacht? – Der eine Fehler wird zugegeben, mit dem anderen weitergemacht –
von Klaus Peter Krause drucken
Der jetzt eingeräumte Fehler – aber wer bloß hat ihn gemacht? – Der eine Fehler wird zugegeben, mit dem anderen weitergemacht – Merz irrlichtert. Wie lange will er einen auch von ihm erkannten schweren Fehler ständig aufs Neue begehen? – Das Pferd ist tot, Merz bleibt im Sattel – Im Aufwind ist Kernkrafttechnik zur Stromerzeugung überall – Aber eine Lösung für sofort in Deutschland ist sie nicht – Die AfD kämpft gegen den CO2-Wahn und die Energiewendepolitik nicht klar genug
Das ist krass. Raus aus der Kernkraft, rein in die Kernkraft. Erst jahrelang raus, nun plötzlich wieder rein. Unsere politischen Koryphäen machen das unbekümmert ganz locker: Pardon, wir haben uns geirrt. Kommt doch vor so was. Irren ist menschlich. Das kennen Sie doch, liebes Publikum da draußen im Land. Ist doch uralt, dieses Phänomen. Schon die alten Römer kannten es: Errare humanum est. Wir haben doch nur das Beste gewollt, für Sie, für unser Land, für uns alle. Wo ist das Problem? Ach, so – der Ausstieg hat Geld gekostet? Ja, stimmt, viel Geld. Milliarden. Dreistellig. Na, und? Diesen Irrtum wird sich das wohlhabende Deutschland doch wohl noch leisten können. Warum wir ihn erst jetzt erkannt haben? Sorry, dumm gelaufen. Aber spät erkannt ist besser als nie. Klar, auch der Wiedereinstieg kostet viel Geld. Milliarden. Dreistellig. Müssen wir uns aber leisten. Ist doch für die sichere Versorgung mit Energie in der Zukunft.
Kurzum, aus dem einstigen „Atomkraft, nein danke“ soll jetzt ein „Atomkraft, ja bitte“ werden. Zuerst und öffentlich deutlich wahrnehmbar sprach es eine Frau von der Laien-Spielschar in Brüssel aus und als Politikerin deutscher Herkunft: „Ich glaube, dass es für Europa ein strategischer Fehler war, einer zuverlässigen, bezahlbaren Quelle für emissionsarmen Strom den Rücken zu kehren.“ Das war nicht irgendwo und irgendwie nur beiläufig dahingesagt. Das ist auf dem zweiten „Weltgipfel zur Kernenergie“ am 10. März in Paris gewesen. Teilgenommen haben über dreißig Staaten, einige auch mit Staats- und Regierungschefs. Der erste „Gipfel“ war vor zwei Jahren in Brüssel gewesen. Deutschland selbst allerdings hatte sich in Paris rar gemacht und war nur digital hinzugeschaltet mit Diplomaten aus der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) vertreten. Prominenteste Deutsche eben jene werte Dame, die mit nicht so gutem Ruf als eine Präsidentin in Brüssel tätig ist.
Was die Kommissionspräsidentin nicht gesagt hat
Wenn Frau von der Leyen das Wort Europa in den Mund nimmt, meint sie in der Regel nur die Europäische Union – und macht damit die EU größer als sie ist. In ihrem Satz vom strategischen Fehler „für Europa“ wird es nicht anders sein. Aber aus der Kernkraft wirklich ausgestiegen ist nur Deutschland. Die EU-Kommission unter von der Leyen hat dabei mitgeholfen. Dabei ist Schaden besonders für Deutschland entstanden, doch nicht nur für Deutschland allein, sondern auch für die EU und für Europa insgesamt. Nicht gesagt hat die Kommissionspräsidentin „Wir in der EU haben einen strategischen Fehler gemacht“ und schon gar nicht „Ich habe einen Fehler gemacht“. Sondern nur, es sei für Europa ein Fehler gewesen. Wer ihn gemacht hat, blieb so außen vor.
Begangen wurde der Fehler 2002 unter einem Kanzler namens Schröder
An der Spitze der Kernkraftgegner marschierte mit seinen Politikern Deutschland. Beteiligt an der Abkehr vom Strom aus Kernkraft waren hier, so der Eindruck, eigentlich alle Politiker. Denn öffentlich dagegen aufgetreten ist keiner von ihnen, aufgebäumt hat sich erst recht keiner. So jedenfalls hat es sich eingeprägt. Beschlossen worden war der schrittweise Ausstieg schon 2002 von der rot-grünen Bundesregierung unter Gerhard Schröder als Bundeskanzler mit einem Gesetz vom 22. April 2002, das umständlich-sperrig hieß „Gesetz zur geordneten Beendigung der Kernenergienutzung zur gewerblichen Erzeugung von Elektrizität“, kurz Atomausstiegsgesetz. Es legte eine Laufzeitbegrenzung von durchschnittlich 32 Jahren fest, verbot den Neubau von Kernkraftwerken und vereinbarte mit den Betreibern „Reststrommengen“, um ein schrittweises Ende bis etwa 2022 zu ermöglichen.
Verstärkt wurde der Fehler unter einer Kanzlerin namens Merkel
Dann kam neun Jahre später (am 11. März 2011) jenes Seebeben, das mit seiner Monsterwelle (Tsunami) das Kernkraftwerk an der Küste von Fukushima zum Kollaps brachte. Radioaktivität war ausgetreten, gegeben, aber nur deswegen, weil der Tsunami das Bauwerk zerstört hatte, kein Fehlvorgang im Kraftwerk selbst. Gleichwohl, fanatische Atomgegner, sekundiert von vielen Medien und Grünen-Politikern, wussten die Katastrophe zu nutzen. Sie hatten schon die Jahre vorher zu viele Deutsche mit Angst vor radioaktiver Verstrahlung durchseucht. Und auch Kanzlerin Merkel nutzte sie. Nur drei Tage später, am 14. März, entschied sie, den Ausstieg zu beschleunigen. Sie und ihre Mitspieler beriefen sich auf Paragraf 19 Absatz 3 des „Atomausstiegsgesetzes“.
Kritik von Verfassungsjuristen
Zur Gefahrenabwehr erlaubt er der Atomaufsicht, Kernkraftwerke einstweilig oder endgültig abzuschalten. Innerhalb von sechs Monaten wurden acht Reaktoren stillgelegt; die restlichen schrittweise abgeschaltet, die letzten drei im April 2023, von dreien die Kühltürme gesprengt. Viele Verfassungsjuristen hielten es rechtlich nicht für stichhaltig, sich auf diesen Paragrafen zu stützen, darunter Hans-Jürgen Papier, der ehemalige Präsident des Bundesverfassungsgerichts, der das Stilllegen älterer Kraftwerke illegal nannte. Am 15. April 2023 war der Kernkraftausstieg in Deutschland vollzogen.
Merz irrlichtert
Gleich nach von der Leyen bekannte auch Friedrich Merz, ebenfalls in Paris und nach einem Treffen mit dem tschechischen Ministerpräsidenten Andrej Babis: Ja, der Ausstieg sei ein Fehler gewesen, der aber sei jetzt rechtlich und physisch irreversibel, also unumkehrbar. Kritisiert als „schwarzen Tag“ für Deutschland hatte er ihn übrigens schon 2023 in der Opposition. Und am 14. Januar im laufenden Jahr 2026 hatte er öffentlich bekundet: „Der Kernkraft-Ausstieg war ein schwerer Fehler. Das müssen wir jetzt korrigieren.“ Der Unterschied zu seiner CDU-Parteikollegin von der Leyen nun: Sie will den Fehler korrigieren, er ihn zementieren. Sie argumentiert nun – endlich tatsachengetreu – anders als Wind und Sonne könne die Kernenergie Strom zuverlässig das ganze Jahr über rund um die Uhr liefern und sei grundlastfähig. Aber Merz, anders als noch im Januar, irrlichtert. Er weigert sich, zur Kernkraftnutzung zurückzukehren und die abgeschalteten Kernkraftwerke, so noch vorhanden und wiederbelebbar, zu reaktivieren.
Wie lange will Merz einen auch von ihm erkannten schweren Fehler ständig aufs Neue begehen?
Es ist bizarr. Merz könnte, aber er will nicht. Als Kanzler hat er die Richtlinienkompetenz. Aber sie ausüben will er hier nicht. Er verhält sich so, als seien Entscheidungen früherer Regierungen, Politiker und Parlamente sakrosankt. Wie lange glaubt er, es durchhalten zu können, einen auch von ihm erkannten „schweren“ Fehler ständig aufs Neue zu begehen? Die volkswirtschaftlichen Schäden seiner Sturheit sind gewaltig. Es gibt kein Produkt, keine Dienstleistung, in der in Form von Kosten keine Energie drinsteckt. Noch mehr energieintensive Unternehmen wandern ab, noch mehr zigtausende Arbeitsplätze gehen verloren, die Belastungen von Branchen, Unternehmen, Bürgern nehmen weiterhin zu, der Wohlstand schwindet. Energiewendepolitik ist Wirtschaftssabotage. Mit Merz treibt die deutsche Wirtschaft auf ihren Ruin zu. Zur Umkehr und Wiedereinführung der Stromerzeugung aus Kernkraft werden er und die CDU wenigstens von der CSU gedrängt.
Im Aufwind ist Kernkrafttechnik zur Stromerzeugung überall
Investiert in die Kernkrafttechnik zur Stromerzeugung wird überall auf der Welt. China hat 58 Reaktoren und 56 weitere im Bau. Indien baut sechs und hat zehn in der Planung. In Frankreich sind 57 Reaktoren am Netz. Rund 40 Prozent seines Primärenergieverbrauchs kommen aus der Kernenergie. Kaum woanders ist der Anteil so hoch wie hier. Frankreich plant mindestens sechs weitere Reaktoren, daneben auch Kleinreaktoren (Small Modular Reactors, SMR). Finanzierung und Wirtschaftlichkeit sind noch ungeklärt. Neue Reaktoren und der mit ihnen erzeugte Strom sind zunächst mit Abschreibungen belastet. Die Investitionen in die Altreaktoren dagegen sind abgeschrieben, ihr Strom ist daher preisgünstig.
Der eine Fehler wird zugegeben, mit dem anderen weitergemacht
So war es vor dem Ausstieg auch in Deutschland. Aber bescheuerte Politik hat diesen kosten- und daher preisgünstigen Strom aus dem Netz getrieben. In der EU insgesamt ist der Kernkraftanteil bisher noch rückläufig gewesen, von einem Drittel des Stromverbrauchs 1990 auf nur noch knapp 15 Prozent heute. Mit SMR-Kleinreaktoren will die EU-Kommission das ändern – natürlich mit Subventionen, finanziert aus den Einnahmen mit dem CO2-Emissionshandel. Das bedeutet zugleich: Mit dem Fehler Kernkraftausstieg wird aufgeräumt, mit dem Fehler Klimaschutzpolitik, CO2-Wahn, Strom aus Windkraft und Sonnenschein munter weitergemacht.
Das Pferd ist tot, Merz bleibt im Sattel
Merz sollte sich, falls er sie noch nicht kennt, mit den Lebensweisheiten von Indianern vertraut machen. Eine von ihnen, den Dakotas zugeschrieben, lautet bekanntlich: „Wenn Du merkst, dass Du ein totes Pferd reitest, steig ab.“ Das Pferd namens „Atomausstieg“ ist mausetot. Merz bleibt noch immer im Sattel. Das gilt ebenso für das andere tote Pferd CO2-Wahn. Wenn Deutschland und die EU von ihm nicht absteigen, können Wirtschaft und Bürger erträgliche Strompreise vergessen.
Kernkraft ja, aber eine Lösung für sofort ist sie nicht
Aber die nun propagierte Rückkehr zu Kernkraftwerken dauert zu lange, ist kurzfristig also keine Lösung. Ohnehin sind die Baukosten massiv gestiegen. Der Grund dafür sind vor allem die Bauauflagen. Die deutschen IAEA-Mitglieder hatten sie von 1990 bis 2003 in die global geltenden Vorschriften für den Kernkraftwerkbau eingebracht. Aber für die SMR-Kleinreaktoren unter 300 MW gelten sie nicht. Teuer sind auch sie, doch weniger teuer. Vor allem deshalb werden jetzt sie ins Blickfeld gerückt. Für sofort und zur Überbrückung sollten daher ständig wieder Kohlekraftwerke den nötigen Strom erzeugen. Das hieße Abkehr vom CO2-Wahn, Abkehr von der deutschen „Energiewende“. Nur so lässt sich der Ruin der deutschen Wirtschaft und Deutschlands insgesamt aufhalten und umkehren.
Die AfD kämpft gegen den CO2-Wahn und die Energiewendepolitik nicht klar genug
Das muss auch die AfD erkennen. Leider macht sie sich dafür nicht stark und äußert sich dazu nicht klar genug. Sie kämpft verbal zwar gegen Windkraft- und Fotovoltaikanlagen, aber nicht gegen den CO2-Wahn und die Energiewendepolitik an sich und deren Folgen für die Menschen. So verkämpft sie sich. Daher hat sie bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg nur 18,8 Prozent der Stimmen bekommen statt weit mehr, als nötig gewesen wäre und vielleicht möglich. Also ein Wahlkampffehler.
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) Gesprengt wurden 2020 die Kühltürme des KKW Philippsburg, das schon 2011 vom Netz genommen wurde, im August 2024 die beiden Kühltürme des KKW Grafenrheinfeld in Bayern und am 25. Oktober 2025 die beiden Kühltürme der Blöcke B und C des KKW Gundremmingen in Bayern.
) „CSU beharrt auf Nutzung der Atomkraft“ („FAZ“ vom 14. März 2026, Seite 1).
Quellen:*
Aktuelle Nachrichten online - FAZ.NET
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