07. April 2026 18:00

Film Bugonia: Wenn ein Verschwörungstheoretiker eine CEO entführt

… aber niemand weiß, wie viel davon stimmt

von Sascha Blöcker drucken

Grok
Bildquelle: Eigenes Bild Grok

Yorgos Lanthimos, der Meister des Absurden und des gesellschaftlichen Unbehagens, hat mit „Bugonia“ (2025) einen seiner zugänglichsten, aber zugleich beißendsten Filme abgeliefert. Das englischsprachige Remake des südkoreanischen Kultfilms Save the Green Planet! (2003) von Jang Joon-hwan vereint Star-Power mit schwarzem Humor, Paranoia und einer schonungslosen Kritik an Verschwörungstheorien und menschlicher Zerstörungswut. Emma Stone und Jesse Plemons (Breaking Bad) liefern brillante Darstellungen, während Lanthimos’ typische Mischung aus Groteske und Präzision den Zuschauer in einen fiebrigen Trip aus Kellerfolter, Alien-Phantasien und Bienensterben entführt.

Handlung – Vorsicht, leichte Spoiler im Überblick

Ein Verschwörungstheoretiker – der paranoide Imker Teddy Gatz (Jesse Plemons) und sein dümmlicher Cousin Don (Aidan Delbis) – entführen die mächtige CEO Michelle Fuller (Emma Stone) eines Pharmakonzerns namens Auxolith. Teddy Gatz ist überzeugt: Michelle ist eine Außerirdische der Andromedaner, die die Erde zerstören will. Ihr Plan? Die Bienen ausrotten, die Menschheit versklaven und am Ende alles vernichten. Teddy, der selbst bei Auxolith als Lagerarbeiter schuftet, macht Michelle für den Zusammenbruch seiner Bienenstöcke verantwortlich – und für das Schicksal seiner Mutter Sandy (Alicia Silverstone), die nach einem missglückten Medikamententest im Koma liegt. Die Entführer sperren ihre Geisel in den Keller, rasieren ihr den Kopf kahl, schmieren sie mit Antihistamin-Creme ein und foltern sie mit Strom, um sie zum Reden zu bringen. Sie fordern ein Treffen mit dem Andromedan-Kaiser – vor der nächsten Mondfinsternis, wenn das Mutterschiff eintrifft. Was folgt, ist ein klaustrophobisches Katz-und-Maus-Spiel voller schwarzem Humor, unerwarteter Wendungen und moralischer Grauzonen. Der Titel „Bugonia“ bezieht sich auf eine antike griechische Vorstellung: Bienen entstehen aus dem Kadaver eines Ochsen – ein Symbol für Leben aus dem Tod, das im Film eine düstere, fast poetische Bedeutung erhält. Besonders gut sind die Gespräche zwischen Entführer und Opfer. Während Emma Stone alles versucht, von Abstreiten bis Gestehen und Kooperieren, um ihren hauptsächlichen Entführer ruhigzustellen, versteht dieser alles, was sie tut, als Bestätigung seiner Theorien. Diese Duelle sind das absolute Highlight des Films.

Besetzung: Star-Duo auf Höchstniveau

Emma Stone als Michelle Fuller: Die Oscar-Preisträgerin spielt eine kühle, berechnende Konzernchefin – und potenziell eine Außerirdische. Mit kahlgeschorenem Kopf und messerscharfem Blick verkörpert sie eine Figur, die zwischen Opfer und Täterin changiert. Kritiker loben ihre nuancierte Performance als einen der Höhepunkte ihrer Karriere. Jesse Plemons als Teddy Gatz: Der vielseitige Schauspieler (bekannt aus The Irishman oder Killers of the Flower Moon) ist als schweißgebadeter, fanatischer Imker und Verschwörungsfanatiker grandios. Sein Teddy ist gleichzeitig abstoßend und tragisch. Es sind aber die Momente, in denen sie beide zusammen spielen, in denen man das Gefühl bekommt, jeder will den anderen übertreffen. Durch die etwas verrückte Annahme, sie sei ein Alien, hat das Ganze eine humoreske Note, aber Teddy Gatz zeigt uns immer wieder, dass es hier um Leben und Tod geht.

Produktion: Vom koreanischen Kultfilm zum Hollywood-Streifen

Bugonia entstand als Co-Produktion von Großbritannien, Irland, Südkorea und den USA (Element Pictures, Square Peg, CJ ENM u. a.). Ari Aster (Midsommar) war als Produzent beteiligt. Das Budget von 45–55 Millionen Dollar macht den Film zum bislang teuersten von Lanthimos – und man sieht es: Die aufwendigen Sets (ein realer Keller in England), die spektakuläre VistaVision-Kameraarbeit von Robbie Ryan und der Score von Jerskin Fendrix (der schon bei Poor Things mitwirkte) erzeugen eine visuelle und akustische Dichte, die den Zuschauer gefangen hält. Dreharbeiten begannen im Juli 2024 in England (Oxshott, High Wycombe), zogen nach Atlanta und endeten im Mai 2025 auf Milos in Griechenland. Lanthimos und Drehbuchautor Will Tracy hielten sich bewusst nicht sklavisch an das Original, sondern aktualisierten es für die Social-Media-Ära: Verschwörungspodcasts, Online-„Research“ und Big-Pharma-Skepsis spiegeln die Gegenwart wider.

Rezeption: Ein Hit bei Kritik und Publikum

Bugonia feierte Weltpremiere im Wettbewerb der Filmfestspiele Venedig (August 2025) und kam am 24. Oktober 2025 (limited) beziehungsweise 31. Oktober (wide) in die US-Kinos. Bei Rotten Tomatoes steht ein solider 87-Prozent-Tomatometer (bei über 333 Kritiken) und 84-Prozent-Publikumszustimmung. Metacritic vergibt 72/100. Die Kritiker loben vor allem die Darsteller und Lanthimos’ „whip-smart method“ im Umgang mit gesellschaftlichem Wahnsinn. Der Film spielte weltweit rund 43,5 Millionen Dollar ein – respektabel, aber kein Megahit. Dennoch erhielt er vier Oscar-Nominierungen bei der 98. Verleihung 2026 (unter anderem Bester Film, Beste Hauptdarstellerin für Stone). Weitere Nominierungen bei Golden Globes, BAFTA und Co. unterstreichen die Anerkennung.

Fazit: Ein Film, der unter die Haut geht

Ich bin wahrlich kein Yorgos Lanthimos-Fan. Das bitte nicht falsch verstehen, ich finde ihn schon gut, aber er ist nicht in meiner Top-20-Regisseure. Wer also wie ich Yorgos Lanthimos nicht vergöttert und deshalb mit einem guten Pfund Skepsis an den Film herantritt, den kann ich beruhigen. Er ist auch für Normalsterbliche gut anzusehen. Jeder wird so seinen Spaß damit haben. Entweder holt dich das Schauspiel ab oder der Humor kriegt dich, auch kann die Story einen gut catchen. Ich zum Beispiel war gespannt, wie weit man bereit ist, Verschwörungstheorien aus der realen Welt einfließen zu lassen, besonders mit Blick auf die Pharmaindustrie. Auch spannend finde ich immer den Umgang mit den Theorien, denn besonders in den USA gibt es viele Verschwörungstheoretiker, und deshalb tut Hollywood diese für gewöhnlich nicht mehr als ganz verrückt ab. Ich selber betrachte Verschwörungstheorien als Entertainment, und ich liebe sie, wenn es eine hohle Erde, Echsenmenschen oder Aliens in ihnen gibt. Tatsächlich habe ich mich schon häufiger gefragt, warum Hollywood so wenig mit dem Stoff Verschwörungstheorie arbeitet, und freue mich dementsprechend immer, wenn da mal was Neues erscheint. Bugonia ist da was Neues, und es freut mich, dass er kein leichter Unterhaltungsfilm ist. Er ist provokant, unangenehm und brillant – genau das, was Lanthimos-Fans erwartet haben und was mich positiv überraschte. Wer Bienen mag, Verschwörungstheorien hasst oder einfach nur sehen will, wie Emma Stone mit kahlgeschorenem Kopf aussieht und spielt: Dieser Film ist für euch gemacht. Bugonia beweist, dass Lanthimos ein scharfsinniger Beobachter unserer Gegenwart ist. Und allein der Plot-Twist macht ihn sehenswert. Ich empfehle ihn für einen ruhigen Abend.

Quellen:

Rotten Tomatoes: Movies - TV Shows | Movie Trailers | Reviews

https://www.metacritic.com


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