19. Mai 2026 18:00

Freiheit in der Popkultur Nürnberg - Wie Russell Crowe Göring cool macht

Intime Einblicke in das Böse

von Sascha Blöcker drucken

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„Nürnberg“ – Ein psychologisches Duell mit Geschichte

In der Zeit, in der viele historische Filme vor allem als Vehikel für aktuelle Agenden dienen und die Vergangenheit verbiegen, um die Gegenwart zu belehren, kommt „Nürnberg“ (2025) von James Vanderbilt als erfrischend ernsthaftes und handwerklich solides Werk daher. Der Film basiert auf dem Buch „The Nazi and the Psychiatrist“ von Jack El-Hai und rückt nicht primär die großen Reden des Tribunals in den Vordergrund, sondern das intime, zermürbende Ringen um die Natur des Bösen. Im Zentrum steht der US-Army-Psychiater Douglas Kelley (Rami Malek) im psychologischen Schlagabtausch mit Hermann Göring (Russell Crowe). Der Film behandelt die Vorbereitung und Durchführung der Nürnberger Prozesse, ohne dabei in platte Moralkeule oder übertriebenes Spektakel zu verfallen. Stattdessen zeigt er, wie gewöhnliche Menschen – oder zumindest Menschen mit ganz normalen Ambitionen – in die Abgründe der Macht und Ideologie geraten können. Das ist kein Actionfilm, kein reiner Gerichtsthriller im Stil alter Hollywood-Epen, sondern ein dichtes Kammerspiel über Verantwortung, Selbsttäuschung und die Grenzen der Wissenschaft beim Verstehen des Unerklärlichen. Und genau das macht ihn in der heutigen Kinolandschaft wertvoll.

Handlung

Der Zweite Weltkrieg ist gerade zu Ende. Am 7. Mai 1945 ergibt sich Hermann Göring, Reichsmarschall und einer der mächtigsten Männer des NS-Regimes, den amerikanischen Truppen in Österreich – zusammen mit seiner Familie. Während die Alliierten unter der Führung des energischen Chefanklägers Robert H. Jackson (Michael Shannon) ein internationales Tribunal vorbereiten, um die Nazi-Führung für Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und die beispiellosen Gräuel des Holocaust zur Rechenschaft zu ziehen, wird der US-Army-Psychiater Douglas Kelley nach Nürnberg entsandt. Kelleys Aufgabe klingt zunächst klar und wissenschaftlich: Er soll die geistige Zurechnungsfähigkeit der angeklagten Nazi-Größen prüfen und sicherstellen, dass sie verhandlungsfähig sind. Doch schnell wird daraus mehr. Kelley, ehrgeizig und intellektuell neugierig, sieht in Göring die ultimative Studie – den Schlüssel zum Verständnis, wie „normale“ Menschen zu Komplizen des absoluten Bösen werden konnten. Der Film folgt diesem Katz-und-Maus-Spiel zwischen dem Psychiater und dem charismatischen, manipulativen Ex-Reichsmarschall in den Zellen und Gängen des Nürnberger Justizpalastes. Parallel dazu entfaltet sich die größere Geschichte des Tribunals: Die Debatten über die Präzedenzlosigkeit des Verfahrens, die Spannungen zwischen den Alliierten, die Konfrontation mit den ungeheuerlichen Beweisen aus den Konzentrationslagern und die Frage, ob man die Täter einfach erschießen oder sie vor Gericht stellen soll, um der Welt und der Nachwelt ein Zeichen zu setzen. Jackson verkörpert dabei die idealistische, aber kompromisslose Haltung des Rechtsstaats. Der Film vermeidet es weitgehend, die gesamte Prozesschronologie abzuarbeiten. Stattdessen konzentriert er sich auf die menschlichen Dimensionen: Kelleys wachsende Obsession, die subtilen Machtspiele Görings, der trotz Gefangenschaft und Niederlage noch immer versucht, die Narrative zu kontrollieren, und die emotionalen Belastungen aller Beteiligten. Es gibt Momente stiller Intensität in den Verhören, philosophische Gespräche über Schuld und die Verführbarkeit des Menschen – und immer wieder die bedrückende Erkenntnis, dass das Böse nicht unbedingt in monströsen Psychopathen, sondern in eitlen, karrierebewussten oder ideologisch verblendeten Individuen wurzelt. Der Film endet nicht mit triumphalem Pathos, sondern mit einer nachdenklichen Note über die Grenzen solcher Erkenntnisse.

Darsteller

„Nürnberg“ lebt von seinen Hauptdarstellern. Rami Malek verkörpert Douglas Kelley als ambitionierten, etwas arroganten Intellektuellen, der mit seiner Aufgabe überfordert wird. Malek bringt die innere Zerrissenheit gut rüber – den Wunsch, das Böse wissenschaftlich zu sezieren, gepaart mit der wachsenden Erkenntnis, dass diese Zergliederung ihn selbst verändert. Sein Spiel ist nuanciert und zurückhaltend, manchmal fast zu kühl, was aber zur Figur passt. Michael Shannon als Robert H. Jackson liefert eine der stärksten Leistungen: unerbittlich, prinzipientreu und mit der nötigen gravitätischen Autorität. Er verkörpert den Glauben an das Recht als zivilisatorische Errungenschaft – ein Kontrast zum Chaos der jüngsten Vergangenheit. Die eigentliche Hauptattraktion ist jedoch Russell Crowe als Hermann Göring. Crowe gelingt es meisterhaft, die historische Figur nicht als Karikatur eines sabbernden Nazis darzustellen, sondern als hochintelligenten, manipulativen und vor allem charismatischen Machtmenschen. Göring wirkt in seinen Szenen nie nur gebrochen oder lächerlich, sondern behält eine gefährliche Präsenz. Er debattiert, provoziert, schmeichelt und zeigt immer wieder Momente einer fast entwaffnenden Menschlichkeit – sei es in Erinnerungen an seine Familie oder in selbstironischen Bemerkungen. Genau das macht die Performance so stark und beunruhigend.

Russell Crowe macht Göring charismatisch – und das ist gut so

Viele Zuschauer und Kritiker loben Crowes Darstellung zu Recht als „chilling“ und „magnetisch“. Er macht Göring nicht sympathisch im moralischen Sinne – das wäre auch unmöglich und falsch –, aber er zeigt, warum dieser Mann so gefährlich und erfolgreich sein konnte. Der echte Göring war kein dummes Monster, sondern ein eitler, kunstsinniger, rhetorisch versierter Opportunist, der Hitler lange Zeit loyal diente und das Regime mitorganisierte. Crowe fängt diese Ambivalenz ein: die körperliche Präsenz, die arrogante Haltung, das charmante Lächeln, das plötzlich in kalte Berechnung umschlagen kann. Positiv zu bewerten ist, dass der Film hier nicht der modernen Tendenz verfällt, historische Schurken zu entmenschlichen oder sie nur als wandelnde Warnungen darzustellen. Indem Crowe Göring charismatisch und intellektuell ebenbürtig macht, zwingt er den Zuschauer, sich der unangenehmen Wahrheit zu stellen: Das Böse kann charmant sein, gebildet, witzig und überzeugend. Das ist keine Verharmlosung, sondern eine echte Auseinandersetzung mit der Verführungskraft totalitärer Ideologien. In Zeiten, in denen Populisten von links wie rechts mit ähnlichen rhetorischen Tricks arbeiten, ist diese Darstellung hochaktuell und mutig. Crowe zeigt uns nicht den „lustigen Dicken“, sondern einen Mann, der Nationen in den Abgrund führen half – und dabei noch immer glaubt, er sei der Klügste im Raum. Das ist Schauspielkunst auf höchstem Niveau.

Kleine Abweichungen von der Realität

Wie bei jedem Spielfilm gibt es dramaturgische Freiheiten. Die Beziehung zwischen Kelley und Göring wird zugespitzt und verdichtet, um das psychologische Duell intensiver wirken zu lassen. Manche zeitlichen Abläufe sind komprimiert, und bestimmte Nebenfiguren oder Dialoge sind für die narrative Klarheit angepasst. Der Fokus liegt stärker auf Kelley als in manchen historischen Darstellungen, wo Gustave Gilbert eine prominentere Rolle spielte. Auch einzelne Szenen im Gerichtssaal oder in den Zellen dienen mehr der emotionalen Verdichtung als einer minutiösen Rekonstruktion jedes Prozesstages. Solche Abweichungen sind jedoch klein und dienen der erzählerischen Kraft. Der Film erfindet keine absurden Verschwörungen oder verdreht die Kernfakten des Tribunals. Er bleibt der historischen Wahrheit treu genug, um als ernstzunehmendes Werk durchzugehen, und nutzt die Freiheit des Kinos, um die inneren Konflikte spürbar zu machen. Das ist legitim und im Vergleich zu manchen aktuellen „historischen“ Produktionen, die Fakten nach Belieben umdeuten, geradezu vorbildlich.

Positives Fazit

„Nürnberg“ ist ein starker historischer Drama-Film, der beweist, dass das Genre noch nicht tot ist. Er verzichtet auf überbordende CGI, billige Moralpredigten und aktuelle Projektionen zugunsten von solidem Handwerk, starken Darstellern und einer Geschichte, die zum Nachdenken anregt. Russell Crowes Göring ist dabei das Highlight – eine Darstellung, die zeigt, wie bedrohlich Charisma in den falschen Händen sein kann. Der Film erinnert uns daran, dass Gerechtigkeit harte Arbeit ist, dass das Verstehen des Bösen Grenzen hat und dass Rechtsstaatlichkeit ein zerbrechliches Gut darstellt, das verteidigt werden muss. In einer Ära, in der viele Filme die Vergangenheit nur nutzen, um die eigene moralische Überlegenheit zu zelebrieren, wagt „Nürnberg“ es, nuanciert zu sein. Er behandelt den Zuschauer als Erwachsenen, der selbst Schlüsse ziehen kann. Das ist selten geworden – und genau deshalb sehenswert. Wer gute Schauspielleistungen, dichte Dialoge und eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Geschichte schätzt, findet hier einen der besseren Filme der letzten Jahre. „Nürnberg“ mahnt nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern durch die Kraft der Darstellung. Und das ist die beste Art von Popkultur: unterhaltend, anspruchsvoll und frei von Zwang. Besser als vieles, was Hollywood sonst so produziert. Schaut ihn euch an – und diskutiert danach. Das ist Freiheit der Popkultur.


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