20. Mai 2026 11:00

Deutschland 2026 Ein kulturelles und intellektuelles Entwicklungsland

Die Falschen bekommen zu viel Aufmerksamkeit

von Axel B.C. Krauss drucken

Kultur: Symbolische Darstellung einer Krise
Bildquelle: e-Redaktion Kultur: Symbolische Darstellung einer Krise

Die Falschen bekommen zu viel Aufmerksamkeit

Wo ist der nächste Thomas Mann? Ja, wo bleibt er denn? Wo ist der nächste Max Planck, der nächste Werner Heisenberg, Carl-Friedrich von Weizsäcker oder Albert Einstein? Wieso gibt es keinen deutschen Quentin Tarantino? Oder keinen deutschen Steven Spielberg? Ist ja auch wurscht, suchen Sie sich was aus: Der deutsche Alejandro González Iñárritu, Yorgos Lanthimos oder Darren Arronofsky? Ich hatte diese Frage schon mal gestellt, was die – Verzeihung, wenn ich da erst mal lauthals lachen muss – „alternativen“ Journalisten dieses Landes betrifft: Wieso gibt es denn keinen deutschen James Corbett? Wo ist der deutsche Iain Davis? Wo bleibt die deutsche Whitney Webb?

„Was machen wir als eines der größten Zahlerländer falsch?“, fragt die „Welt“ am 17.5. in einem Artikel über das gewohnt schlechte Abschneiden deutscher Beiträge beim ESC (Eurovision Song Contest). „»Fire« von Sarah Engels war schlichter Tanzpop für die Ibizi-Sommernacht.“

Ganz ehrlich: Wundert euch das wirklich noch?

Deutschland – das ist eine traurige Tatsache – ist in (pop)kultureller und vor allem intellektueller Hinsicht ein Entwicklungsland. Es versinkt zusehends in geistiger Mittelmäßigkeit und Bedeutungslosigkeit. Dieser Fehlentwicklung ist hausgemacht. Für diese Aussage mögen manche mich beschimpfen, beleidigen und vielleicht sogar hassen. Herzlich gerne – damit kann ich wunderbar leben.

In Kurzform: Die Falschen bekommen zu viel Aufmerksamkeit. „Falsch“ heißt konkret und mit Blick auf die zurecht viel beklagte „Bildungsmisere“, auch in Sachen politischer Bildung und „Medienkompetenz“: Die Ungebildeten, Unbelesenen, schlecht Informierten. Die „unbeleckten“ Schwätzer – oder die, um ein weiteres Problem anzusprechen, das schnellstmöglich adressiert werden sollte, gekauften Gatekeeper, die Desinformanten, die das Publikum mit minderwertigen Informationen abfüllen, es manipulieren und in die Irre führen. Es braucht sich niemand mehr zu beschweren, denn das Gejammer bringt nichts, solange man sich nicht um ein höheres Niveau bemüht. Solange nur noch politische Influencer, die vermögende Investoren im Rücken haben, um Portalen mit viel Geld Reichweite einzukaufen und sie künstlich hochzuziehen – siehe „Nius“, siehe „Apollo News“ (beide haben mit „alternativem Journalismus“ nicht das Allergeringste zu tun) –, die größte Aufmerksamkeit auf sich ziehen, während wirklich unabhängige, freie Stimmen untergehen, wird es weiter den Bach runtergehen. Punkt.

Solange die Poschardts, Martensteins und Steinhöfels der Republik allen Ernstes als „kritische“ Kommentatoren oder gar „Intellektuelle“ durchgehen und den „Öffentlichen Diskurs“ durch ihre Reichweite maßgeblich mitbestimmen oder gar dominieren können, wird sich die „Bildungsmisere“ weiter verschlimmern – Ende der Durchsage. Solange ein Richard-David Precht hierzulande als „Philosoph“ durchgeht, ebenso. Wenn mein Philosophieprofessor, bei dem ich die mündliche Abschlussprüfung absolvierte, das noch mitbekommen hätte – was er glücklicherweise nicht mehr erleben musste – hätte er, und das ist keineswegs übertrieben, einen verdammten Brandbrief an alle Zeitungen und Sender des Landes geschickt, um sie zu fragen, ob sie wohl ihren Verstand verloren hätten. Wenn ein Staatstrompeter wie Habermas vom Feuilleton einer nur noch als prekär zu bezeichnenden „Qualitäts“-Presse wie eine Halbgottheit verehrt wird: Und tschüss. So kann das ja nichts werden.

Solange eine „Ikkimel“ mit abstoßend vulgären Texten und dümmlichen Softporno-Videos mehr massenmediale Aufmerksamkeit erhält als weitaus begabtere, talentiertere Leute – tja, dann wird Deutschland auch in Zukunft beim ESC die letzten Plätze belegen. Talent allein genügt heute nämlich nicht mehr. Es muss auch aktiv beworben, es muss gefördert werden. Bei dieser Gelegenheit mache ich doch gerne wieder Werbung für herausragende Qualität: Sagt Ihnen der Name „Polyphia“ etwas? Hochbegabte Musiker. Weltklasseniveau. Der Leadgitarrist Tim Henson sorgte in den letzten Jahren international für Furore. Zurecht. Als ich vor ungefähr einem halben Jahr ihren Track „Ego Death“ das erste Mal hörte, war ich sprachlos und hatte fast eine Träne im Auge, weil mir sogleich die Frage in den Sinn kam: „Wieso gibt es so etwas bei UNS nicht? Was ist hier bloß los?“ Ich habe nichts gegen eine Sarah Engels. Aber so etwas ist international eben nicht konkurrenzfähig, so uncharmant das auch klingt.

Man kann auf Hollywood mit all seinen derzeitigen Problemen schimpfen, so viel man will: Vergleichen Sie bitte das Niveau der „Golden Globes“, die über einige Jahre von erstklassigen Komikern wie Ricky Gervais moderiert wurden, von einer Tina Fey oder Amy Poehler, mit dem Provinzmief der deutschen „Bambis“. Vergleichen Sie das mit den Böhmermanns und Kebekussis, den Welkes und Schönebergers. Meine Güte, die reichen einem Gervais ja noch nicht mal bis zum Knöchel.

Solange der oberste deutsche Filmsowjet – die Hochkommissare der neosozialistischen Filmförderung – darüber entscheiden können, welche Filme gemacht werden „dürfen“ und wer keine Fördermittel erhält, wird hier keine vielfältigere, kreativere, lebendigere Filmlandschaft entstehen. Period. Wird nicht passieren. Und solange wird es auch NIE einen „deutschen Tarantino“ geben. Und solange nur solche Autorinnen und Autoren Literaturpreise angetackert bekommen, die den nötigen politischen Stallgeruch, sprich Dorfgestank der Untertänigkeit und zeitgeistigen Korrektheit tragen, wird es auch keinen „nächsten Thomas Mann“ geben. Das Problem ist nicht, dass es solche Köpfe hierzulande nicht gäbe. Es gibt sie gewiss. Das Problem ist, dass sie keinen Erfolg haben können und werden, solange ein „Juste Milieu“ die Entscheidungshoheit darüber behält, wer bekannter wird oder nicht.

Das alles – das ganze Gejammer darüber, was denn in Deutschland „bloß los“ sei – erinnert mich mal wieder an zwei meiner Lieblingsanekdoten, wenn es um dieses Problem geht. Ein sonderlich neues Phänomen ist das nämlich nicht. Als der deutsche Musiker und Komponist Hans Zimmer, der heute weltweit bekannt ist – seine Soundtracks zu „Gladiator“ oder „Inception“ gehören zurecht zu den Meisterwerken der modernen Filmmusik – einmal gefragt wurde, warum er Deutschland verlassen habe, antwortete er: „Wäre ich in Deutschland geblieben, würde mich heute niemand kennen.“ Als einer seiner Kollegen, der Komponist Klaus Badelt, der mit seiner Musik zum ersten Teil der „Fluch der Karibik“-Reihe seinen Durchbruch schaffte und einem weltweiten Publikum bekannt wurde, gefragt wurde, wo er denn in Deutschland die Probleme sähe, antwortete er zweierlei: „Die Deutschen haben Probleme, Qualität zu erkennen.“ So ist es. Nicht nur, dass sie nicht ANerkannt wird – sie wird oft schon gar nicht mehr ERkannt. Zweitens: „Ich habe das Gefühl, in Deutschland wird Mittelmäßigkeit gefördert.“ Leider ist das nicht nur ein Gefühl. Ja, in diesem Land wird Mittelmäßigkeit gefördert, bis es darin restlos versinkt.

Gute Arbeit lohnt sich einfach nicht mehr – zumindest nicht auf den angesprochenen Gebieten. Das ist kein Kulturpessimismus, es ist einfach zur Realität in diesem Land geworden. In diesem Zusammenhang daher noch ein Erfahrungsbericht in eigener Sache, um einfach mal klarzumachen, wie es in diesem Land heuer zugeht: Meine wirtschaftliche Existenz als Autor und Publizist ist jetzt vollständig zerstört. Ich habe zehn Bücher auf dem Markt – Verkaufsergebnis gleich Null. Ich dringe in Deutschland nicht mehr durch, ich kann mir hier keinerlei Gehör mehr verschaffen. Fünf Beispiele zur Verdeutlichung.

Mein Buch „Das globale Technat“ – das erste seiner Art im deutschsprachigen Raum und das inhaltlich ergiebigste, es gibt bislang kein vergleichbares zu dieser Thematik – erzielt seit nunmehr fast drei Jahren trotz sehr hoher Bewertung (4 von 5 Sternen) fast gar keine Verkäufe mehr. Wenn ich „fast“ sage, meine ich, dass ich froh sein kann, pro Halbjahr wenigstens ein oder zwei Exemplare davon absetzen zu können. Ich könnte es eigentlich auch gleich vom Markt nehmen und das Manuskript vernichten. Der zweite Band, „Was ist Technokratie?“: Höchstbewertung auf Amazon, alle fünf Sterne. Verkäufe seit ca. anderthalb Jahren: im Prinzip Null. Der dritte und letzte Band, „Der neue Technogott: Herrschaft ohne Gesicht“: Höchstbewertung, alle fünf Sterne. Vergessen Sie das „Verkaufs“-Ergebnis. Viertens: Mein Buch zur „Corona-Pandemie“, der Vorläufer zu „Das globale Technat“: Höchstbewertung, alle fünf Sterne. Verkäufe schon seit Jahren gleich Null. Fünftens und letztens: Mein Buch über die Parallelen zwischen der modernen Quantenphysik und antiken fernöstlichen Philosophien und Kosmologien: Höchstbewertung, alle fünf Sterne. Resultat seit fast zwei Jahren: exakt null. Kein einziges verkauftes Exemplar mehr.

Wären die Bewertungen verheerend ausgefallen, wäre das verständlich. Damit hätte ich kein Problem. Hätten Leser also geschrieben: „Ich habe noch nie in meinem Leben solchen unterirdischen Schund gelesen. Eindeutig das schlechteste Buch des Jahres, ein Riesenhaufen Müll!“ – okay. Es geht auch nicht darum, überhöhte Ansprüche zu haben. Ich erwarte natürlich nicht, dass die Leute mir dafür um den Hals fallen oder mich zum Auflagenmillionär machen. Wenn aber selbst Höchstbewertungen nicht mehr ausreichen, wenn selbst das nicht mehr genügt, um Verkäufe wenigstens ein kleines bisschen anzukurbeln, sodass man pro Monat zum Beispiel auf fünf oder zehn verkaufte Exemplare kommt, sondern vollständig leer ausgeht und sich glücklich schätzen kann, alle sechs Monate mal EIN Exemplar loszuwerden – dann läuft in diesem Land in der Tat etwas gehörig schief. Wenn selbst enormer Arbeitsaufwand und sehr hohe, ja sogar herausragende inhaltliche Qualität sich nicht mehr auszahlen, sondern man als Autor damit vollständig untergeht, wirkt das ganze Geschwätz über Leistung, die sich „wieder lohnen muss“, nicht nur hohl, sondern unerträglich dumpf und wie eine Zumutung.

Der deutsche Publizist Alexander Benesch veröffentlicht schon seit geraumer Zeit fast nur noch auf Englisch. Kein Wunder. Weil er verstanden hat, und zwar sehr genau, dass hierzulande auch mit der härtesten Arbeit und qualitativ hochwertigen Inhalten nichts mehr zu holen ist. Das ist eine lächerliche Illusion. Dazu ist die „alternative“ Landschaft, die auch er beackert, bereits zu manipuliert, zu gekauft, zu kontrolliert. Wer nicht über die nötigen finanziellen Ressourcen verfügt, wer keine Sponsoren beziehungsweise Investoren hinter sich weiß, bleibt stumm. In einem englischsprachigen Tweet vom 16.5. beschrieb er die Situation perfekt, und seinen Worten ist nichts hinzuzufügen. Sie decken sich nicht nur hundert Prozent mit meinen eigenen Erfahrungen, sondern auch mit denen anderer echter alternativer, wirklich unabhängiger Journalisten und Publizisten. Ich habe mir erlaubt, besonders relevante Äußerungen in Großschrift hervorzuheben:

„Die wichtigsten Inhaltskategorien, die hohe Zugriffszahlen erzielen, sind Unterhaltungsinhalte, die deine kostbare Zeit verschwenden, Mainstream-Politik, die nichts anderes ist als versteckte Werbung für die beiden großen Parteien [Benesch meint damit die ‚Dems‘ und ‚Reps‘ in den USA], die sich nie ändern, und dann gibt es noch kopierten extremistischen Müll. Hättest du einen automatischen Filter, der das aussortiert, wären deine Bildschirme ziemlich leer. Man hat zwar die Freiheit, andere Inhalte zu erstellen, aber das zahlt sich nicht aus.

Das ist eine raffinierte Methode, die Meinungs- und Pressefreiheit zu untergraben. Wenn man sich an die Hauptkategorien hält, braucht man immer noch Geldgeber aus einer mächtigen Mafia und wird wie in der Musikindustrie ausgewählt.

Dieses Gefängnis funktioniert nicht nur von oben, sondern auch von unten, da das Publikum nach den drei Hauptkategorien lechzt. Wer braucht schon einen weiteren Kanal, der kaputte Autos repariert? Wer braucht noch einen Video-Essay über einen Hollywood-Film von vor 30 Jahren, den wir alle schon gesehen haben? Wer braucht noch einen Podcast mit prominenten Gästen, die ihre alten Geschichten erzählen? Vor über 20 Jahren konnte das Web noch so tun, als sei es ein bisschen geheimnisvoll, mit Raum, Dinge zu entdecken. Es gab nie wirklich etwas zu entdecken. Die Rechenzentren waren damals vollgestopft mit dem Müll, der schon vor dem Web existierte. Zumindest nutzten wir in den Anfangstagen Peer-to-Peer-Filesharing oder einfache Download-Server. Keine Social-Media-Giganten mit Algorithmen, Werbepartnern und Großinvestoren.“

Deutschland sollte sich schnellstens aufraffen. Wie gesagt: Kulturell und intellektuell ist es bereits weit abgehängt, und was seine „alternative“ Medienlandschaft betrifft: Zu 99 Prozent unter „Dach und Fach“. Egal, wo man hinsieht: So gut wie gar keine Figuren mehr von internationaler Strahlkraft, von denen das Ausland zum Beispiel sagen würde: „Das ist ein deutscher Philosoph? Wow. Respekt“, „Alle Achtung, Popmusik aus Deutschland ist ja richtig innovativ und originell, die gewinnen einen Wettbewerb nach dem anderen!“, „Wer hätte das gedacht? Es gibt jetzt einen deutschen Bernardo Bertolucci!“ oder „Der deutsche Physiker Max Mustermann hat, wie einst ein Werner Heisenberg, das Wissen der Menschheit maßgeblich bereichert und erweitert! Chapeau!“.

Bis nächste Woche.

Quellen:

WELT – Aktuelle Nachrichten, News, Hintergründe & Videos


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