Film: The Running Man
Neuinterpretation des Stephen-King-Romans von 1982, besser als erwartet
The Running Man aus dem Jahr 2025 markiert eine der ambitioniertesten Neuadaptionen eines Stephen-King-Werks der letzten Jahrzehnte. Unter der Regie von Edgar Wright, der das Drehbuch gemeinsam mit Michael Bacall verfasste, entstand ein Science-Fiction-Thriller, der nicht als Remake des Arnold-Schwarzenegger-Films von 1987 verstanden werden darf, sondern vor allem als eine bemerkenswert enge Annäherung an den 1982 unter dem Pseudonym Richard Bachman veröffentlichten Roman. Die Handlung spielt – passenderweise – genau im Jahr 2025, in einer dystopischen Version der Vereinigten Staaten, in der ein autoritäres Medienkonglomerat namens The Network die Massen mit brutalen Reality-Shows bei Laune hält. Glen Powell übernimmt die Hauptrolle des Ben Richards, eines einfachen Arbeiters aus den Slums, der sich aus purer Verzweiflung für die tödliche Gameshow meldet. Der Film, der am 14. November 2025 in den US-Kinos startete und später auf Paramount+ streambar wurde, hat nicht nur durch seine visuelle Energie und satirische Schärfe Aufmerksamkeit erregt, sondern vor allem durch die Art und Weise, wie er die Vorlage Kings respektiert und zugleich in die Gegenwart übersetzt. Besonders möchte ich aber hervorheben, dass wir einen pro-anarchistischen Protagonisten sehen. Intelligent, fit und sozial, als das richtige sozial.
Nahe an der Vorlage.
Die Nähe zum Buch ist eines der herausragenden Merkmale dieser Produktion und unterscheidet sie fundamental von der lockereren, actionlastigen Version aus den Achtzigern. Stephen King hatte in seinem Roman eine gnadenlose Satire auf eine Gesellschaft entworfen, in der Armut, Krankheit und Medienmanipulation das Leben bestimmen. Ben Richards ist kein unschuldig verfolgter Held, sondern ein Arbeiter, der nach Gewerkschaftsaktivitäten auf der schwarzen Liste steht und seine todkranke Tochter Cathy nicht mehr versorgen kann. In der Buchvorlage wird er in eine reale Verfolgungsjagd geworfen: keine Arena-Kämpfe wie im alten Film, sondern eine 30-tägige Hetzjagd durch das Land, bei der Profi-Jäger und die eigene Bevölkerung gegen ihn antreten. Edgar Wright hält sich in weiten Teilen erstaunlich eng an diese Struktur. Die Figurenkonstellationen, die Mechanik der Show mit täglichen Videobeweisen der Kandidaten, die Rolle der Öffentlichkeit als Denunzianten und sogar zahlreiche Nebenfiguren wie der rebellische Elton Parrakis oder die Geisel Amelia Williams finden fast eins zu eins Eingang in die Adaption. Wright und Bacall haben den Kern der Bachman-Erzählung – die Kritik an einem System, das Unterhaltung aus Leid und Tod zieht – bewahrt und mit modernen Elementen wie Deepfakes und Livestream-Propaganda aktualisiert. Wo der 1987er-Film die düstere Grundstimmung in quirlige Action ummünzte, bleibt Wrights Version näher am tragischen, fast nihilistischen Ton des Romans, auch wenn er am Ende eigene Wege geht.
Abweichungen
(Spoiler)
Trotz dieser Treue zum Buch gibt es spürbare Unterschiede, die vor allem im Finale deutlich werden und die Adaption zu einer eigenständigen Interpretation machen. Der Roman endet in einer radikal pessimistischen, fast apokalyptischen Note, die Kings Bachman-Ära prägt: ein Akt der Verzweiflung, der keine Erlösung zulässt. Wrights Film hingegen baut eine rebellische Hoffnung auf, die aus dem Überleben Richards und der Aufdeckung von Manipulationen entsteht. Diese Abweichung wurde von manchen Kritikern als Verrat an der Vorlage empfunden, von anderen als notwendige Anpassung an ein Kinopublikum des Jahres 2025 gelobt. Dennoch bleibt die Adaption insgesamt die treueste Umsetzung des Stoffes, die je auf der Leinwand zu sehen war. King selbst hat das Drehbuch gelesen und gelobt, dass die Essenz der Jagd im realen Amerika erhalten blieb – im Gegensatz zur gladiatorenhaften Show des Schwarzenegger-Films. Die dystopische Welt, in der ein Großteil der Bevölkerung in Armut lebt und die Network mit Gewalt und Ablenkung regiert, wirkt erschreckend aktuell und spiegelt Kings Vision einer von 1982 aus projizierten Zukunft wider.
Schauspiel
Ein zentraler Pfeiler der Qualität der Neuadaption liegt im Schauspiel, das die Figuren mit nuancierter Tiefe füllt und die satirische wie emotionale Bandbreite des Stoffes trägt. Glen Powell als Ben Richards liefert eine der stärksten Leistungen seiner Karriere ab. Er verkörpert den Protagonisten nicht als übermenschlichen Actionhelden, sondern als verzweifelten Familienvater, dessen Charisma und Wut aus echter Not entspringen. Powell bringt eine natürliche Präsenz mit, die den Zuschauer sofort auf die Seite des Antihelden zieht – ein Mix aus Verletzlichkeit, Intelligenz und wachsender Radikalisierung, der dem Buch-Richards nahkommt. Manche Rezensenten kritisierten zwar, dass sein gutes Aussehen und der charmante Unterton die rohe Wut des Romanhelden etwas mildern, doch insgesamt trägt Powell den Film mit einer Mischung aus physischer Präsenz und emotionaler Authentizität. Josh Brolin als der skrupellose Produzent Dan Killian ist ein wahrer Gegenpol: kalt, berechnend und charismatisch-bösartig zugleich. Brolin verleiht der Figur eine bedrohliche Ruhe, die die Korruption des Systems verkörpert und die satirischen Spitzen des Films scharf herausarbeitet. Colman Domingo glänzt als Moderator Bobby Thompson alias Bobby T mit einer Mischung aus schmierigem Charme und unterschwelliger Grausamkeit, die den Zuschauer zugleich fasziniert und abstößt – eine perfekte Verkörperung der medialen Unterhaltungsmaschinerie. Lee Pace als der maskierte Jäger-Chef Evan McCone liefert eine bedrohliche, fast mythische Präsenz ab, die die Jagd zu einem persönlichen Duell macht. Seine Auftritte sind sparsam, doch intensiv und unterstreichen die Bedrohung, die von den Profi-Jägern ausgeht. In den Nebenrollen überzeugen Michael Cera als der rebellische Elton Parrakis mit trockenem Humor, Emilia Jones als die unfreiwillige Geisel Amelia Williams mit nuancierter Entwicklung und Jayme Lawson als Richards’ Frau Sheila, die die emotionale Verankerung der Familie liefert. Das Ensemble spielt harmonisch zusammen und lässt Wrights kinetische Regie – schnelle Schnitte, dynamische Verfolgungsjagden und satirische Einblendungen – erst richtig zur Geltung kommen. Die Darsteller verleihen den Figuren eine Menschlichkeit, die den dystopischen Horror greifbar macht und die Nähe zum Buch verstärkt, indem sie die inneren Konflikte und gesellschaftlichen Zwänge spürbar werden lassen.
Fazit
Der Film war kein Kinoerfolg, und das ist schade. Ich habe sie klagen hören, noch bevor der Film die Kinosäle erreicht hatte: Warum fällt Hollywood nichts Neues mehr ein? Doch dieser Running Man hat mit dem Alten fast nichts zu tun, da der Alte mit dem Buch fast nichts zu tun hatte. Abgesehen vom Namen und der kleinen Hommage, dass Schwarzenegger auf den Geldscheinen abgedruckt ist, finden sich die Parallelen nur in den Namen der Figuren. Ich mag den alten Running Man, und ich mag den neuen Running Man. Letzteren vielleicht sogar etwas mehr. Wenn Sie die Möglichkeit haben, sehen Sie ihn sich an. Ich tat es, und dabei hatte ich größte Zweifel, dass Glen Powell einen Film tragen kann. Ich habe mich geirrt, er kann – und wie.
Anarchie? Wann?
Quellen:
Kommentare
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