26. Mai 2026 11:00

Freiheitsverkostung Genuss oder Suchtgefahr?

Wie umgehen mit dem flüssig Hochgeistigen?

von David Andres drucken

Genuss oder Suchtspirale?
Bildquelle: RohmBernhard / Pixabay Genuss oder Suchtspirale?

Kürzlich forderte der deutsche Ärzteverband, hochprozentige Spirituosen aus Supermärkten und Tankstellen zu verbannen und stattdessen nur noch in speziellen Fachgeschäften zu verkaufen. Unbestreitbar kann sich Alkoholgenuss schnell in Alkoholsucht verwandeln und diese Menschen, Mitmenschen, Familien, Gesundheit und Existenz ruinieren. Und ja, die Zielgruppe für die kleinen Jackett-Taschen-Pullen Wodka Gorbatschow oder Chantre Weinbrand direkt an der Supermarktkasse oder am Zahltresen des Autohofs sind sicherlich eher die Süchtigen als die Genusstrinker.

Doch diese gibt es eben auch. Menschen, für die hochprozentiger Alkohol nicht nur ein Rauschmittel ist, sondern eine Kultur. Wer sich ernsthaft mit Whisky, Rum, Cognac oder Obstbränden beschäftigt, stößt auf eine faszinierende Welt der Nuancen, der Herstellungsweisen und der Lagerung. Nicolas Kröger von Wagemut, der nicht nur herausragende Spirituosen herstellt, sondern neben Horst Lüning auch einer der beliebtesten Verkoster im Netz geworden ist, hat sogar einmal das Set „Fasssprache“ hergestellt, in dem derselbe Rum unter gleichen Bedingungen in Fässern aus fünfzehn verschiedenen Holzsorten reifte. Hier die Unterschiede zu erschmecken, ist ein echtes Erlebnis der feinen Sinne. Wegen dieser Kultur des flüssigen Geistes dreht sich die Freiheitsverkostung dieser Woche um das Hochprozentige.

Grad der staatlichen Einmischung

Bereits heute ist Alkohol ein stark regulierter Bereich. Altersgrenzen, Jugendschutzgesetze, Promillegrenzen im Straßenverkehr, Werbebeschränkungen und Sondersteuern existieren längst. Nun kommt der Wunsch hinzu, Spirituosen räumlich aus dem Alltag zu entfernen und in Spezialgeschäfte zu verbannen. Interessant daran ist weniger die konkrete Maßnahme als die dahinterstehende Denkbewegung – die Versuchung soll gar nicht erst sichtbar werden. Sozusagen ein „Shadowbanning“ der Gefahr in der realen Welt. Dahinter steckt dasselbe Menschenbild, das uns die widerlichen Bilder von Tod und Verderben auf den Zigarettenpackungen beschert hat. Der Bürger als Wesen, dem nicht nur durch die Journaille das Weltgeschehen richtig „eingeordnet“ werden soll, sondern durch Aufkleber oder Verbannung auch die Substanzen, deren Gefahren er offenbar anderweitig zu blöd ist, zu erkennen. Doch gerade Spirituosen besitzen traditionell auch eine kulturelle Dimension. Der gute Whisky, die kleine Dorfbrennerei, der Cognac nach dem Essen oder der Obstbrand aus Familienproduktion sind nicht automatisch Ausdruck von Verwahrlosung. Eine Gesellschaft, die nur noch die Gefahren sieht, verliert auch den Blick für Genussfähigkeit, Maß und Ritual.

Grad der Freiwilligkeit

Formal betrachtet ist der Konsum hochprozentiger Spirituosen freiwillig. Niemand wird gezwungen, Whisky zu trinken oder Rum zu sammeln. Anders als bei digitalen Plattformen oder bürokratischen Zwängen existiert hier keine Verpflichtung zur Teilnahme. Wer nie einen Tropfen Alkohol anrührt, kann problemlos leben. Interessant ist allerdings, wie stark sich die sozialen Erwartungen verändert haben. Über Jahrzehnte hinweg herrschte in Teilen Deutschlands eher ein gewisser Gruppendruck zum Mittrinken. Wer auf Feiern keinen Alkohol wollte, galt schnell als Spaßbremse oder Sonderling. Heute etabliert sich zumindest in der jüngeren Generation und im Milieu der echten oder simulierten Lebensoptimierer das Gegenteil: Der demonstrativ gesunde Lebensstil wird zum neuen moralischen Ideal. Proteinshake statt Rotwein, Schrittzähler statt Stammtisch. Dadurch entsteht eine merkwürdige kulturelle Spannung. Alkohol gilt gleichzeitig als gesellschaftlich normal und als latent verdächtig. Der Sommelier und Sammler erscheint kultiviert, der Dorftrinker mit Kornflasche unerfreulich, der Absturz beim Schützenfest oder Rockfestival wird hingenommen, aber nicht mehr großartig ausgestellt. Entsteht echte Sucht, ist es mit der Freiwilligkeit der Umkehr allerdings vorbei.

Bewegungsfreiheit und Abhängigkeit

Alkohol kann Genussmittel, Kulturtechnik und Ritual sein – aber selbstverständlich auch massive Abhängigkeit erzeugen. Wahrscheinlich besitzt gerade hochprozentiger Alkohol die eigentümliche Fähigkeit, sehr unterschiedliche Welten hervorzubringen: den genussorientierten Sammler und Feinschmecker ebenso wie den zerstörerischen Absturz in Sucht und Selbstverlust. Interessant ist, dass manche Denker diese Frage radikaler betrachten als die moderne Suchtforschung. Der britische Publizist Christopher Hitchens vertrat etwa die provokante These, Alkoholismus werde häufig zu stark als unausweichliche Krankheit beschrieben. Er glaubte, dass selbst schwere Trinker letztlich Handlungsspielräume behalten und dass die Vorstellung völliger Ohnmacht manchmal auch eine Entlastung von Verantwortung sein könne. Er selbst gab zu, täglich eine Flasche Rotwein zu trinken sowie ein wenig Whisky mit Perrier, niemals hingegen Brandy und auf gar keinen Fall Fusel. Ferner solle man nicht trinken, wenn man schlecht drauf ist. Entlang der ehemaligen Hitchens-Provokationslinie verläuft die unsichtbare Grenze moderner Freiheitsdebatten. Eine Gesellschaft, die jede menschliche Schwäche ausschließlich medizinisch erklärt, neigt irgendwann dazu, auch Freiheit selbst nur noch als Risiko zu betrachten.

Reversibilität

Der gelegentliche Genuss hochprozentiger Spirituosen ist zunächst hoch reversibel. Ein Abend mit Freunden, ein Whisky-Tasting oder ein guter Rum im Urlaub hinterlassen normalerweise keine dauerhaften Folgen. Gerade die eigentliche Verkostungskultur arbeitet oft sogar mit kleinen Mengen, Langsamkeit und Konzentration statt mit Exzess. Gleichzeitig existiert natürlich die andere Seite. Langjähriger Alkoholmissbrauch kann Beziehungen zerstören, Körper ruinieren und Biografien irreversibel beschädigen. Kaum ein Genussmittel bewegt sich so stark zwischen kultivierter Beherrschung und völliger Selbstauflösung. Vielleicht erklärt genau das die besondere Nervosität, die Alkohol bis heute auslöst. Er erinnert daran, dass Freiheit niemals vollkommen ungefährlich ist. Und dass wir mit dem kompromisslosen Eigentum an unserem Körper und unserer Seele im Zweifel auch das Recht haben, sie zugrunde zu richten.

Freiheitsgrad: 63 Prozent

Ein vergleichsweise hoher Wert, allerdings kein unbeschwerter. Zu stark sind bereits die staatlichen Eingriffe, zu real die Gefahren von Missbrauch und Abhängigkeit, zu groß die gesellschaftliche Nervosität rund um das Thema Alkohol. Gleichzeitig wäre es aber ebenso falsch, die kulturelle Dimension rund um Spirituosen zu ignorieren. Eine wirklich große Kultur des bewussten Genusses, der Handwerkskunst und der freiwilligen Geselligkeit. Gerade hochprozentiger Alkohol macht wie kaum ein anderes Genussmittel die Doppelgesichtigkeit der Freiheit sichtbar. Dieselbe Substanz kann Ausdruck kultivierter Selbstbestimmung oder völliger Selbstzerstörung sein. Doch eben auch die liegt allein in der Verantwortung des Einzelnen.

Quellen:

Ärzteverband fordert, Schnaps nur noch in Lizenzshops zu verkaufen

Fasssprache Tasting Set

Glosse: Besser trinken mit Hitchens - WELT


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