27. Mai 2026 15:00

Konflikt Gaza Neuer Hamas-Chef im Gazastreifen getötet

Verantwortung und moralische Grenzen

von Naomi Braun-Ferenczi drucken

Gaza: Zerstörung nach Luftangriff
Bildquelle: Redaktion Gaza: Zerstörung nach Luftangriff

Israel hat nach eigenen Angaben den neuen Hamas-Führer im Gazastreifen, Mohammed Odeh, bei einem Luftangriff in Gaza-Stadt getötet. Bei dem Angriff kamen laut medizinischen Kreisen mehrere Menschen ums Leben und wurden verletzt. Israel macht Odeh mitverantwortlich für den Überfall vom 7. Oktober 2023; die Hamas äußerte sich zunächst nicht.

Entscheidend ist die Frage der Zuständigkeit. Wer Menschen ermordet, verschleppt und verletzt, begibt sich außerhalb jeder friedlichen Ordnung und setzt sich der gezielten Verfolgung aus. Dafür braucht es keine ideologische Umschreibung, sondern nur die nüchterne Feststellung: Das Leben Unbeteiligter ist kein Verfügungsobjekt politischer Gewalt. Die Hamas hat mit dem Massaker vom 7. Oktober 2023 die Grenze zur offenen Kriminalität überschritten.

Trotzdem bleibt auch der Gegenschlag an der eigentlichen Frage hängen: Wer trägt wofür Verantwortung, und wer trifft welche Entscheidung über wen? Wenn bei einem Luftangriff auf ein Haus in Gaza weitere Menschen getötet werden, dann ist das nicht bloß ein „Erfolg“ gegen einen Anführer, sondern immer auch ein Eingriff in Rechte Dritter. Ohne klare Unterscheidung zwischen Täter, Zielperson und Unbeteiligten wird aus Verfolgung schnell Kollektivbestrafung.

Vertragsfreiheit, Eigentum und Haftung sind in einem Krieg nicht aufgehoben, sie werden nur brutal überdeckt. Gerade deshalb bleibt die moralische und rechtliche Pflicht zur Trennung von Schuld und Unschuld bestehen. Wer entscheidet, wer angegriffen wird, muß die Folgen tragen. Wer militärische Gewalt anordnet, kann sich nicht hinter abstrakten Feindbildern verstecken, wenn Zivilisten getroffen werden.

Die Formel, man werde „alle Beteiligten“ fassen, klingt nach Ordnung, meint aber oft nur die Ausweitung von Gewalt ohne saubere Grenze. Das Problem verschwindet nicht, wenn es stärker gerahmt wird. Es bleibt dieselbe politische Logik: An die Stelle individueller Zuständigkeit tritt ein kollektiver Zugriff auf Menschen, Eigentum und Leben.

Gerade in einem Konflikt, in dem die Waffenruhe nach Angaben beider Seiten ohnehin ständig brüchig ist, zeigt sich der Kern des Problems besonders deutlich. Frieden entsteht nicht durch immer neue Jagd auf Feinde, sondern durch die Anerkennung klarer Grenzen: Wer nicht Täter ist, darf nicht zum Ziel werden. Wer Gewalt ausübt, haftet für ihre Folgen. Wer Unschuldige mit trifft, hat die Grenze legitimer Gewalt bereits überschritten.

Die einfachste Wahrheit bleibt die härteste: Gegen Terror ist gezielte Abwehr gerechtfertigt. Gegen die Auflösung individueller Schuld in militärische Flächenwirkung gibt es keinen sauberen Rechtstitel. Freiheit beginnt dort, wo Gewalt wieder auf tatsächliche Verantwortliche begrenzt wird.


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