10. Juni 2026 11:00

Technologie KI droht zum Torwächter digitaler Währungen zu werden

Automatisierte Kontrolle über Transaktionen möglich

von Axel B.C. Krauss drucken

Überwachung: Visualisierung digitaler Kontrolle über Geldflüsse
Bildquelle: e-Redaktion Überwachung: Visualisierung digitaler Kontrolle über Geldflüsse

KI: Ein digitaler Ring, sie alle zu finden, ins kognitive Dunkel zu treiben und algorithmisch zu binden? Oder eine der größten Chancen der Menschheit?

Eigentlich lassen sich diese Fragen sehr einfach beantworten. Denn sie sind trivial: So wie bei fast allen neuen Technologien hängt es immer am Einsatz. Es ist die Verwendung, die darüber bestimmt, ob sich eine neue Entwicklung als Fluch oder Segen erweist. Da die „Künstliche Intelligenz“, die unter Wissenschaftlern bis hinauf zu hochdekorierten Nobelpreisträgern wie Roger Penrose seit geraumer Zeit für lebhafte Diskussionen darüber sorgt, ob dabei überhaupt von „Intelligenz“ gesprochen werden kann oder nicht eher einer cleveren Simulation davon, nicht gekommen ist, um gleich wieder zu gehen, sind umso mehr die Anwender gefragt.

Erst recht angesichts der Tatsache, dass den Vorteilen, die es zweifellos gibt, eine stockdunkle Schattenseite gegenübersteht: Die KI kam nicht einfach als höhere Gewalt über die Menschen. Es war keine Entwicklung, die völlig natürlich und logisch aus der Entwicklung der Computertechnologie und ihren Fortschritten gefolgt wäre – sie erhielt nicht umsonst äußerst finanzstarke Geburtshilfe von Technokraten, die schon seit Jahrzehnten in ihren Pamphleten, Essays und Büchern über die Ankunft einer sogenannten „Singularität“ philosophieren: ein „kollektives planetarisches Bewusstsein“, ein elektronisches „Weltgehirn“, die Kulmination der – contradictio in adiecto – „Schwarmintelligenz“.

Wenn ein Peter Thiel, der sich für die Namensgebung seiner Datenkrake „Palantir“, ironisch genug, von Tolkiens „Herr der Ringe“ inspirieren ließ und dessen Firma die Fortsetzung eines aufgrund großer Kritik auch seitens des US-Kongresses eingestellten staatlichen Programms namens „Total Information Awareness“ (TIA) mit privaten Mitteln darstellt (das Programm wurde nie wirklich eingestampft, es wurde lediglich in korporatistischer Manier an den Privatsektor ausgelagert), und obendrein ein gewisser Jeffrey Epstein sich als überaus tatkräftige „Start Up-Investoren“ dieser Technologie betätigen – dann darf man nicht nur, sondern muss nach den eigentlichen Motiven fragen.

Man kann die Atomspaltung nutzen, um Massenvernichtungswaffen zu bauen, oder um Elektrizität für Millionen bereitzustellen. Man kann sein Auto dazu nutzen, die schwangere Ehefrau schnellstmöglich ins nächste Krankenhaus zu wuppen, oder Schaden stiften, indem man es als Waffe verwendet und in eine Menschenmenge düst. Man kann das Internet, das ursprünglich bekanntlich ein Projekt des amerikanischen Militär- und Geheimdienstkomplexes war, dazu hernehmen, sich weiterzubilden, zu informieren und seine Berufsmöglichkeiten zu erweitern, oder man verbringt den ganzen Tag auf Pornhub oder konsumiert Quatsch auf Youtube. Es hängt eben immer am Einsatz.

Entscheidend ist eine vernünftige, ausgewogene und vielseitige Betrachtung: Fanatische Technikfeindschaft, die in jeder neuen Erfindung das Zeichen des Tieres erkennen will, ist ebenso irrational wie blauäugige Technikgläubigkeit, die berechtigte Zweifel und Sorgen mit einem blinden Fortschrittsoptimismus weglacht. In der Presse sowie im Internet ist auf internationaler Ebene beides regelmäßig zu erleben: Entweder KI ist der Satan auf Siliziumbasis, oder sie ist der Algorithmenfleisch gewordene Gott. Beides ist Quatsch.

Der KI-Forscher und Informatiker Stuart Russell z. B. hält künstliche Intelligenz laut einem Artikel der „Welt“ vom 8. Juni 2026 („KI-Forscher warnt – ‚Alle Tests schlagen Alarm, die Sirenen heulen. Und wir ignorieren das einfach‘“) „für eine existenzielle Gefahr für die Menschheit. Er befürchtet, Menschen könnten irgendwann kein ‚Mitspracherecht‘ mehr haben – und wagt einen Vergleich mit der NS-Zeit.“

Die ständigen und nicht selten vorschnell bemühten Nazi-Vergleiche nerven natürlich, aber Russells Besorgnis ist an sich richtig und vor allem faktenbasiert: Ja, die KI soll im Rahmen des seit vielen Jahren entwickelten und nun vor der Betriebsbereitschaft stehenden digitalen Währungssystems mit programmierbarem Geld als „Torwächter“ dienen, der vollautomatisch darüber entscheidet, welche Transaktionen erlaubt sind und welche nicht.

Die Kriterien dafür wurden hauptsächlich in der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) entwickelt, im Zusammenspiel mit anderen Organisationen und Think Tanks, die das Modell zunächst auf „ESG-Compliance“ stützten, also kurz, „Klimagerechtigkeit“; jedoch lassen sich diese Parameter jederzeit und vor allem – da traf Russell ins Schwarze – tatsächlich ohne jedes Mitspracherecht der Bevölkerungen z. B. auch auf sogenannte „Soziale Ziele“ erweitern – womit im Wesentlichen genau die Art von Sozialkreditsystem geschaffen würde, vor dem Kritiker schon seit Jahren warnen. Mit anderen Worten sollen menschliche Entscheider durch die KI-basierte Vollautomatisierung vollständig aus der Gleichung genommen werden – und ein solches System könnte man durchaus als totalitär bezeichnen, auch wenn dieser „Digitale (Finanz)Gulag“ sich gerne – was so gewollt ist – hinter wohlklingenden Begriffen wie Nachhaltigkeit, Soziale Gerechtigkeit, Inklusion, Generationengerechtigkeit und dergleichen mehr versteckt und somit nicht auf Anhieb als Diktatur zu erkennen sein soll.

So warnte auch Mark Keenan, ehemaliger Technologieberater der UN, in seinem Artikel „Das Klimaprojekt war der Pilotversuch – was folgt, ist viel größer“ vom 6. April dazu:

„Was als Reaktion auf ein spezifisches Umweltproblem begann, entwickelt sich zu etwas Umfassenderem – einem Rahmenwerk, das über verschiedene Bereiche, Ziele und Gesellschaften hinweg angewendet werden kann. Das Klima war nicht das Endziel. Es könnte sich herausstellen, dass es nur das Pilotprojekt war.“

Diese Informationen sind allerdings nicht mehr taufrisch: Es könnte sich nicht nur herausstellen, das hat es bereits. Der derzeit beste Blog im Internet zu diesen Themen, ESC, hatte erst kürzlich wieder einen fantastischen Artikel dazu veröffentlicht, in dem nachgewiesen wurde, warum dieses Modell ebenso in den anderen beiden „Weltblöcken“ (EU und BRICS) umgesetzt werden soll, also nicht nur ein Projekt Washingtons ist:

„China nutzt dieselben Rahmenwerke für die Nachhaltigkeitsberichterstattung. Die BRICS-Mitglieder wenden dieselben ESG-Benchmarks an. Russland hat sich voll und ganz den Zielen für nachhaltige Entwicklung verschrieben. Die Projekte der ‚Belt and Road‘-Initiative basieren auf Standards, die auf Foren in Buckinghamshire ausgearbeitet und von westlichen Stiftungen finanziert wurden. Die vermeintliche Alternative zur westlichen Führungsrolle stützt sich auf Standards, die von westlich orientierten Netzwerken entworfen, über die Vereinten Nationen veröffentlicht und so übernommen wurden, als seien sie das Ergebnis offener multilateraler Verhandlungen.“ (ESC, „Illusionen einer multipolaren Welt“, 4. Juni 2026)

Der einzige – allerdings sehr große – Kritikpunkt am Artikel wäre, dass (siehe obiges Zitat) leider der falsche Eindruck erweckt wird, es handele sich ursprünglich um westliche Projekte: Es waren von Anfang an globalistische, also solche, die weltweit eingeführt werden sollen. Allein die Tatsache, dass die wichtigsten Entscheidungen und Grundsteinlegungen dieses Systems in der westlichen Hemisphäre getroffen wurden – in „westlichen“ Institutionen – ändert nichts daran.

KI wird nur dann eine „existenzielle Bedrohung“ für die Menschheit darstellen, wenn sie es zulässt. Es gibt hier keine Schicksalhaftigkeit, nichts, von dem man einfach überrollt würde. Wichtig ist ein bewusster, informierter, verantwortungsvoller Umgang. Keenan schrieb einige Zeit vor oben zitiertem Artikel einen anderen mit einem nicht weniger bezeichnenden Titel „Die Matrix spricht mit der Matrix: Wie KI das menschliche Denken ersetzt“. Darin heißt es:

„Uns wurde Verbindung versprochen. Was wir bekamen, war Imitation – eine riesige Rückkopplungsschleife künstlichen Verstehens. Jeder Tastenanschlag füttert den Geist im Netzwerk. Und im Gegenzug gibt uns der Geist unsere Worte zurück: poliert, vereinfacht, seltsam hohl. Die Menschen konsultieren jetzt Maschinen, um ihre Argumente zu formulieren, ihre Emotionen auszudrücken, sogar um zu beten. Wir werden zu Erzählern unseres eigenen Verschwindens.“

Auch das ist etwas zu dramatisch, denn wie gesagt: Es hängt vom Umgang der Menschen mit dieser noch recht jungen Technologie ab. Das menschliche Denken, seine kognitiven Fähigkeiten, bedürfen des regelmäßigen Trainings. Die biologisch zwar nicht korrekte, aber trotzdem sinnige Rede vom „Hirnmuskel“ hat ihre Berechtigung: Wer seine „Neuroplastizität“ und kognitiven Fähigkeiten erhalten und fördern will, muss diesen „Muskel“ eben trainieren. Er muss mit Informationen, Wissen, Bildung genährt und kultiviert werden. Wird dieses unerlässliche „Trainingsprogramm“ einfach vollständig Maschinen überlassen bzw. an diese „outgesourct“, wird das „Denken“ der KI überlassen, braucht man kein Orakel, um in naher Zukunft vermehrte Klagen über weiter schwindende natürliche Intelligenz voraussagen zu können.

Doch es bilden sich eh schon Widerstände. Menschen nutzen bereits ihr Mitsprache- und Widerspruchsrecht. Doch dazu müssen Sie eben die nötigen Informationen haben, weshalb es wichtig ist, Geheimniskrämerei und Absprachen hinter verschlossenen Türen aufzudecken, wie der Ökonom Jeffrey Wernick am 3. Juni in seinem Artikel „Das KI-Kartell: Wie Washington einen Überwachungsstaat aufbaut, ohne ihn als solchen zu bezeichnen“ schrieb:

„In Anlehnung an Dwight Eisenhowers berühmte Warnung vor dem militärisch-industriellen Komplex – und unter Bezugnahme auf Edward Snowdens Enthüllungen über die moderne Überwachung – argumentiert Wernick, dass in Amerika derzeit Beziehungen institutionalisiert werden, die früher weitgehend im Verborgenen abliefen. Die Frage ist nicht mehr, ob Regierung und Big Tech zusammenarbeiten werden, sondern inwieweit die Zukunft hinter verschlossenen Türen gestaltet wird, bevor die Öffentlichkeit überhaupt die Möglichkeit hat, Einwände zu erheben.

Da künstliche Intelligenz zunehmend zur Infrastruktur wird, über die Menschen kommunizieren, arbeiten, lernen und regieren, stellt Wernick eine einfache, aber beunruhigende Frage: Wenn die Regeln geheim sind, die Entscheidungsträger nicht gewählt werden und die Teilnahme technisch gesehen freiwillig ist – wie viel Freiheit bleibt dann noch, wenn schon die Weigerung selbst einen Preis hat?“

Bis nächste Woche.


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