Anthropologische Grundlagen der Ökonomie, Teil 6: Der Tausch mit dem Piloten
Die Quelle der Macht
Wie kann man das fast unbegreifliche Ausmaß zerstörerischen oder selbstzerstörerischen Verhaltens (zu) vieler Menschen erklären? Nicht mit individuellen Schwächen oder psychischen Besonderheiten, dafür ist das Phänomen zu groß. Es muss einen Schwachpunkt geben, der potentiell alle betrifft. Kürzlich schlug Gad Saad den Begriff „suizidale Empathie“ vor, um den Wokismus zu erklären. Das Interessante an diesem Begriff ist, dass Saad eine biologisch entstandene, lebenswichtige menschliche Eigenschaft, nämlich Empathie, untersucht und zeigt, wie diese in einem bestimmten kulturellen Umfeld destruktiv wird. In gleicher Weise gibt es, worauf andere Autoren hingewiesen haben, ohne diese Begriffe zu verwenden, auch suizidale Toleranz, suizidales Vertrauen, suizidale Friedfertigkeit, suizidale Demut, ja sogar suizidale Liberalität. Schon Aristoteles wusste, dass Tugenden nicht durch ihre Maximierung gut werden, sondern durch das rechte Maß.
Wäre es so, dass der Mensch von Natur aus zu dumm und/oder zu bösartig wäre, um in einer Großgesellschaft gedeihlich zu leben, könnten wir jeden Versuch einstellen, über seine Natur nachzudenken, denn was immer wir herausfänden, es könnte das Problem nicht lösen. Es gibt aber keinen Grund anzunehmen, der Mensch sei von Natur aus gewalttätig und könne sich nur entscheiden, entweder andere zu beherrschen oder beherrscht zu werden. Obwohl es solche Menschen ohne Zweifel gibt, spricht das Gesamtbild über 300.000 Jahre hinweg dagegen, dass es sich dabei um Natur handelt. Doch jede Überlegung, was kluges politisches Handeln wäre, riskiert ihr Scheitern, solange die Gründe für immer wieder auftretende Destruktivität unberücksichtigt bleiben. Warum also machen gute Menschen böse oder dumme Dinge?
Gut und Böse sind Bewertungen und biologisch irrelevant, denn es geht um Fitness, nicht um Moral. Moral ist aber für die Fitness hochrelevant, wenn es um den Zusammenhalt einer Gruppe von bis zu 150 Personen geht (Dunbar-Zahl), und deshalb sind ihre Grundlagen biologisch verankert. Zwischen paläolithischen Gruppen gelten diese moralischen Regeln jedoch zunächst nicht, wie zahllose tödliche Konflikte auch vor der neolithischen Revolution bezeugen. Wie haben es die Menschen trotzdem geschafft, mit Fremden zu kooperieren und größere politische Einheiten und soziale Institutionen, die diese ermöglichen, zu schaffen? Die Anthropologen Marcel Mauss und Pierre Clastres erkannten, dass die biologisch verankerte Neigung der Menschen zu reziprokem Altruismus (ohne dass sie diesen Begriff verwenden) dazu führt, dass ein scheinbares Geschenk, Mauss nennt es „Gabe“, den moralischen Impuls zu seiner Erwiderung auslöst. Die Menschen beginnen, gruppenübergreifend zu tauschen und so friedliche Beziehungen herzustellen, ohne förmliche Verträge zu schließen. Mit anderen Worten, sie kultivieren einen Aspekt ihrer Biologie, um zum gegenseitigen Nutzen zu kooperieren. Dieses erfolgreiche Konzept nannte Mauss „Tauschregel“: Geben, Annehmen, Erwidern. Es handelt sich nicht um einen „ökonomischen“ Tausch, bei dem es keine zeitlich versetzte Erwiderung gibt, sondern entweder eine sofortige oder eine vertraglich abgesicherte, abgezinste.
Menschen tauschen in dieser Weise nicht nur Dinge, sondern alles, dem sie Wert beimessen: Informationen, Hilfe, Anerkennung, Schutz, Ressourcen, Chancen etc. Das bedeutet, dass sie, um zu tauschen, selber auch etwas von Wert anzubieten haben müssen. Der Soziologe Peter Michael Blau hat in „Exchange and Power in Social Life“ herausgearbeitet, dass die Unterwerfung unter Macht auch ein Tauschmittel ist. Macht entsteht nicht primär durch Gewalt, sondern durch unausgewogene Austauschbeziehungen. Unterwerfung kann als eine Form der „Bezahlung“ verstanden werden. Wenn der Unterlegene die gewünschte Leistung nicht anders erwidern kann, kann er Gehorsam, Loyalität oder Anerkennung der Autorität anbieten. Es ist das verbleibende Tauschmittel für den, der sonst nichts zu tauschen hat. Unterwerfung ist eine rationale Anpassung an eine asymmetrische Austauschbeziehung. Tritt also eine mächtige Person oder Gruppe auf, die mit einer Miliz die Verteidigung eines Territoriums sichern kann, so wird sie eine Gegenleistung in Form von Abgaben gleich welcher Art und Unterwerfung erwarten und auf Akzeptanz treffen. Entscheidend ist die Erkenntnis, dass es nicht des Gewaltpotentials der Miliz bedarf, um die Gegenleistungen zu erzwingen. Dieses wird erst dann nötig, wenn der Tausch als nicht mehr ausgewogen erlebt wird, etwa weil die Abgaben erkennbar nicht nur für Schutz, sondern für Privilegien der Herrschenden verwendet werden.
Im Prozess der Zivilisation werden diese Tauschbeziehungen immer komplexer und damit unpersönlich. Das ist ein Widerspruch zur Tauschregel, die eine Interaktion zwischen Individuen beschreibt. Die Menschen reagieren darauf, indem sie einen Tauschpartner projizieren. Sie unterwerfen sich in ihrer Vorstellung dem Bischof oder einem Adeligen und geben ihm den Zehnt, obwohl Steuereintreiber ins Dorf kamen. Die moderne Variante dieser Projektion nennen wir „Staat“. „Staat“ ist ein Anthropomorphismus, wie auch „Gott“, mit dem man ebenfalls Tauschbeziehungen unterhält. Ein derartiges, auf einem Anthropomorphismus basierendes, soziales Gebilde braucht ebenfalls solange keine Gewalt gegen die eigenen Leute einzusetzen, wie diese den Tausch für ausgewogen erachten.
Objektiv kann aber ein solches Gebilde keine ausgeglichenen Austauschbeziehungen herstellen, weil es unendlich viele Möglichkeiten für Trittbrettfahrer, also Individuen, die mehr herausnehmen als sie hineintun, gibt. Die Korruption ist so alt wie die Zivilisation. Um sie zu verschleiern, entstand die Propaganda, die deshalb ebenfalls so alt ist wie die Zivilisation. Zur Zeit der mesopotamischen Tempelwirtschaft weist sich der jeweilige örtliche Herrscher mit Inschriften als Erbauer des Tempels aus und preist sich dafür, Wohlstand gebracht zu haben. Frühe Propagandalügen: den Wohlstand erbrachten die Bauern, die ihre Erzeugnisse zum Tempel brachten und diesen vermutlich auch gebaut haben. Aber wir sehen keine Gewalt, sondern Propaganda. Gewalt ist nur die Fallbacklösung, wenn die Propaganda versagt.
Nicht erst im Zuge der Aufklärung wurde Gott als eine Projektion erkannt. Feuerbach sah Gott als entäußertes, objektiviertes Wesen des Menschen, doch schon Xenophanes (ca. 570–475 v. Chr.) bemerkte, dass die Menschen ihre Gottesbilder nach ihrem eigenen Bild erschaffen. Unerkannt blieb jedoch weitestgehend, dass Gleiches für den Staat gilt. Um ein Bild zu verwenden: Die Menschen betrachten sich als in einem Flugzeug sitzend, das von einem kompetenten Piloten gesteuert wird. Sie sind bereit, den Piloten für seinen Service zu bezahlen. Sie tauschen also mit dem Piloten, den es gar nicht gibt – nicht geben kann, weil nirgendwo alle Fäden zusammenlaufen. Der Schrecken, den diese Erkenntnis auslösen würde, ist der Grund, warum sie gemieden wird.
Die Komplexität der modernen Zivilisation ist potentiell eine Quelle der Angst, weil das Individuum die Zusammenhänge nicht mehr überblickt. Unverständnis einer Situation bedeutet Kontrollverlust, bedeutet Angst. Also wird eine Macht projiziert, die über diese fehlende Kontrolle verfügt. Für die Ausübung dieser angstreduzierenden Kontrolle ist das Individuum bereit, den Preis zu zahlen: Steuern und Unterordnung. Worunter genau man sich unterzuordnen hat, legt die Propaganda fest. Wie schon immer, sagt uns die Propaganda, dass wir unsere eigenen Interessen für den kollektiven Erfolg zurückstellen müssen. Allerdings ist die Propaganda heute globalisiert, so dass wir unsere Interessen nicht nur untereinander und gegenüber unserem Herrscher zurückstellen sollen, sondern gegenüber jedem auf diesem Planeten. Suizidale Empathie ist das Grüßen des verallgemeinerten, abstrakt gewordenen Gesslerhuts.
Aber es gibt keinen Piloten.
Quellen:
Exchange and Power in Social Life
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