Medienkritik: Plädoyer für gute, „alte“ Bildung statt Kaffeekränzchen auf YouTube
Und andere Sätze mit X
Eigentlich hatte ich nicht vor, mich zur sogenannten „Zensur“ des Podcasts „Ben ungeskriptet“ ausführlicher zu äußern. Erstens, weil dieses X-Filterblasen-Affentheater nicht mehr Aufmerksamkeit bekommen sollte, als es verdient, zweitens, weil die Behauptung, Berndt solle zensiert werden, nicht mal ansatzweise stimmt, und drittens, weil es bessere Wege gibt – weitaus bessere – sich zu informieren, als Podcasts auf YouTube oder irgendeinem anderen sozialen Schwätzwerk zu konsumieren. Mithin halte ich das Wort für euphemistisch: Was heute alles Podcast genannt wird, hieß früher einfach Kaffeekränzchen. Darf ich Ihnen noch eine Tasse einschenken? Nehmen Sie auch gerne von den Keksen.
Um den in jüngerer Zeit häufig genutzten Begriff der „Bildungsmisere“ zu vermeiden: Was wäre denn die Alternative zu Lippengeflatter im Internet? Das erfahrungsgemäß in den allermeisten Fällen ohnehin keine substanziellen oder relevanten Informationen bietet, sondern eben nur virtuellen Kaffee und Kuchen. Als alter Sack, der in einer Zeit aufwuchs, als die Lebenszeitdiebe, aka Aufmerksamkeitsvampire, noch nicht massenhaft ihren digitalen Bildungsgräbern entstiegen, empfehle ich dazu eine heutzutage wahrscheinlich dröge, altbackene, langweilige Idee: Bücher lesen. Zum Beispiel.
Es macht nämlich sehr wohl einen Unterschied, sich auf Sachbücher einzulassen, sich in ein Thema einzulesen und einzuarbeiten, sich gedanklich damit auseinanderzusetzen und dadurch günstigstenfalls etwas dazuzulernen, oder zwei Diskutanten anderthalb, zwei oder gar drei Stunden dabei zu lauschen, wie sie irgendein Thema beackern, oder vielleicht besser: streicheln. Wer schon einmal Precht und Lanz bei der oralen Warmluftabfuhr zuzuhören versuchte, wird den Wert klassischer Bildungsideale umso mehr schätzen lernen. Hoffentlich.
Es gibt keinen Ersatz für die eigene geistige Beschäftigung, egal mit welchem Thema. Es gibt keinen Ersatz dafür, sich, wie bereits erwähnt, selber in eine Materie hineinzuwuseln. Bla auf YouTube erreicht nur in ganz seltenen Einzelfällen den Informationsreichtum eines guten Buches. Darf ich nachschenken? Nehmen Sie doch noch von den Keksen, es sind wirklich genug da.
Aus genannten Gründen lasse ich daher lieber andere Kommentatoren sprechen, wenn es um das Filterblasengekreische selbsternannter „Aufklärer“ geht, die ihrem Anspruch, das Publikum „informieren“ zu wollen, ohnehin kaum gerecht werden. Ich habe keine Lust, mir Formulierungen aus den Hirnwindungen zu ringen für Leute, die keine Gelegenheit verstreichen lassen, sich selbst unverdientermaßen zu „Verfolgten“ oder „Opfern“ zu verklären und sich zu regelrechten „Volkshelden“ aufzublasen, wo es nur um Selbstvermarktung, Wichtigtuerei, Aufmerksamkeitsfang und Reichweitensteigerung geht. Daher seien hier zwei Kommentare eines X-Users zitiert, dessen Ausführungen zu diesem absurd lächerlichen Getue eine höchst erfreuliche, vor allem aber in der Wirklichkeit beheimatete Abwechslung boten. Wunderschön, perfekt, makellos:
„Ben (ungeskriptet) muss jetzt auch wie andere richtig arbeiten und sich nicht nur mit einem Interviewpartner hinsetzen, ein paar naive Fragen stellen, das Ganze mitfilmen, auf YouTube stellen und mit minimalem Aufwand und 0 Verantwortung groß abcashen. Der Arme! Bitte alle: Der Arme!!! Richtig so: Wenn einer eine Waffe hat, muss er richtig damit umgehen. Wenn einer ein Auto fährt, muss er es nach Regeln bewegen. Wenn einer journalistisch arbeitet, muss er auch journalistische Standards erfüllen. Wenn Ben das nicht will, dann soll er sich eine Betätigung suchen, bei der Qualität egal ist. Und vor allem soll er jetzt nicht auf „großer Skandal“ machen und flennen.“
Na also, es geht doch. Es gibt sie noch, die Realisten, die ganz ungefiltert Klartext reden, ohne sich von sozialmedialen Stromschnellen mitreißen zu lassen. Besonders angetan hat es mir die goldrichtig beschriebene Tatsache, dass manche wohl glauben, ihren Mitmenschen vormachen zu können, ein „paar naive Fragen“ zu stellen, das Ganze einfach abzufilmen und „mit minimalem Aufwand und 0 Verantwortung groß abcashen“ zu wollen, sei aus unbekannten Gründen mit „Journalismus“, egal ob alternativ oder nicht, und mit nützlicher, produktiver Arbeit zu verwechseln. Damit wäre der Drops eigentlich auch schon gelutscht, doch es geht noch weiter. Auch der nächste Kommentar desselben Users ist erfrischend klarsichtig:
„Wenn sich Ben aufregt, dass man ihm vorwirft, naiv bis unverantwortlich zu agieren, so wie er z. B. Höcke interviewt, und Ben sagt dann [...] nach massig Überlegungs- und Reflektionszeit undifferenziert, er habe ‚viele positive Rückmeldungen‘, ohne zu sagen, dass sie hauptsächlich aus AfD-Kreisen stammen, und erzählt auch noch treuherzig, er habe nichts kommen sehen, was in der Folge passiert ist, dann beweist er 0 Selbstkritik, 0 Reflektion, 100 Prozent naiv und 100 Prozent unverantwortlich. Hört Euch an, wie er damit umgeht. Unkritischer geht’s nicht. Der beste Beleg, dass die Kritiker zu 100 Prozent recht haben.“
Natürlich haben sie zu 100 Prozent recht. Allerdings darf man dabei nicht vergessen, dass es eben nur um Bla auf YouTube geht, oder X. Das sind keine Elite-Unis, Menschenskinder, es sind keine Orte, an denen man profunde Informationen erhält, sondern überwiegend Geschnatter, Gequake und Gerede, Aufregung, Krawall und Selbstdarstellung im Wissensteilchenbeschleuniger.
Dass die Online-Intelligenzia von heute zu großen Teilen aus massenkultischen Schamanen besteht, ist nun auch keine neue Erkenntnis mehr. Hagelt es Kritik, wird gewohnheitsmäßig Graf Zahl beschworen: Das Video hat aber schon drei Trillionen Abrufe. Einfach nur Bla.
Lesen Sie lieber gute Bücher. Mehr gibt es dazu wirklich nicht zu sagen. Es gibt keinen Ersatz dafür, sich selber schlau zu machen. Was man heute im Internet bekommt, ist oft nur ein Satz mit X.
Bis nächste Woche.
Kommentare
Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv nur registrierten Benutzern zur Verfügung.
Wenn Sie bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, können Sie sich mit dem Registrierungsformular ein kostenloses Konto erstellen.

