01. Juli 2026 11:00

Regie Uwe Boll bewirbt kontroversen Rachefilm mit dubiosen Partnern

Unterstützung durch umstrittene Influencer bemängelt

von Axel B.C. Krauss drucken

Film: Provokativer Werbefeldzug im Netz
Bildquelle: e-Redaktion Film: Provokativer Werbefeldzug im Netz

Citizen Utilisable: Wie man sich als Regisseur vor einen gefährlichen Karren spannen lässt …

… sich dabei in trübe Fahrwasser begibt und die eigenen Absichtserklärungen zu unterwandern droht

Ich habe den neuen Film des deutschen Regisseurs Uwe Boll, der derzeit weltweit steil geht oder, wie man heute zu sagen pflegt, „viral“, noch nicht gesehen. Daher kann ich mir über die Qualität des Filmes natürlich noch kein Urteil erlauben. Ich kenne lediglich ein paar Ausschnitte, beispielsweise die bereits vieldiskutierte „Bus-Szene“, in denen US-Schauspieler Armie Hammer in seiner Rolle als „Citizen Vigilante“ einer Gruppe Schwarzfahrer ins Gewissen zu reden versucht.

Die Geschichte ist schnell erzählt und erinnert an zahlreiche andere sogenannte „Revenger“, wie sie in der Filmwelt genannt werden: Beispielsweise an den blutigen Rächerstreifen „Ein Mann sieht Rot“ („Death Wish“) mit Charles Bronson, der in seiner Filmrolle die ausufernde Kriminalität in seiner städtischen Umgebung nicht mehr erträgt und zur Waffe greift, um im Angesicht einer versagenden und untätigen Justiz selber auf Verbrecherjagd zu gehen. In „Citizen Vigilante“ – und das dürfte dem Film solchen Zulauf verschafft haben – geht es um ein sehr aktuelles und zweifellos brennendes Problem: Zügellose Gewalt, Messerattacken, Vergewaltigungen durch Angehörige, sagen wir mal, gewisser Kulturkreise. Der Protagonist des Films, Sanders (Hammer), lässt es dabei aber nicht bewenden, sondern knöpft sich auch das staatlich-institutionelle „Establishment“ vor, das diese Situation seiner Ansicht nach nicht nur mitzuverantworten hat, sondern noch sehenden Auges verschlimmerte.

Auch ohne den Film bislang gesehen zu haben, ist eines völlig klar: Der große Erfolg hat seine Ursache eindeutig auch in dem Druck, der sich bereits seit Jahren anstaut, von einem doppelplusguten politmedialen Betrieb, der sämtliche Begriffe aus dem Neusprechdiktionär für Kopfwäscherei zur Umdeutung gesellschaftlicher Realitäten wie Stalinorgeln auffährt, jedoch im Kessel gehalten werden soll. Das konnte auf Dauer natürlich nicht funktionieren. So weit, so völlig erwartbar. Wer in seiner täglichen Umgebung mit Missständen konfrontiert wird, die auszusprechen stets in kontraproduktiver Weise als „rechtsextrem“ verbal niedergeknüppelt werden sollen, statt sie zu adressieren, wird irgendwann, auf gut Deutsch, die Schnauze einfach voll haben und sich bei einem Film wie „Citizen Vigilante“ natürlich die Lippen lecken: Endlich wehrt sich jemand!

Uwe Boll wird seit Jahren vorgeworfen, der „schlechteste Regisseur der Welt“ zu sein. Jeder kann sich auf den heuer zahlreich vorhandenen Streamingdiensten selber davon überzeugen, dass dieser Vorwurf doch etwas übertrieben ist: Seine Filme „Assault on Wall Street“ oder „Darfur“ beispielsweise gehören wirklich nicht zum Schlechtesten, was man sich antun kann. Die Filmwelt hat schon weitaus üblere Machwerke hervorgebracht. Doch das soll nicht den Schwerpunkt dieses Artikels bilden, denn für mich als leidenschaftlichem Filmfan, der seit seiner frühen Kindheit so gut wie alles verschlang, was das Medium hergibt, ist es selbstverständlich und schlicht trivial, dass es eben eine große qualitative Bandbreite gibt. Das ständige Herumhacken auf Boll ist daher ungerechtfertigt: Schaut euch mal den ganzen Schund an, der Woche für Woche tonnenweise gestreamt wird. Es gibt keinen Grund, alles nur auf seinen Schultern abladen zu wollen.

Viel entscheidender ist, dass Boll immer wieder auch deshalb so hart angegriffen wurde, weil er – an dieser Tatsache kommen selbst die größten seiner „Hater“ und auch die schöngeistigsten Cineasten nicht vorbei – eine Jahrzehnte währende Karriere hingelegt hat, ohne dabei untertänigst vor dem obersten deutschen Filmsowjet zu kuschen. Will sagen: Der Mann, ob man ihn nun liebt oder hasst, finanziert seine Projekte selber. Er liegt damit niemandem auf der Tasche. Er bückt sich nicht vor den neosozialistischen, arroganten, selbstgerechten und, da kann ich ihm nur 100 Prozent zustimmen, weit überwiegend unfähigen DDR 2.0-Hochkommisaren der „Deutschen Filmförderung“, die es seit Jahrzehnten nicht hinbekommt, erinnerungswürdige Filme hervorzubringen, sondern fast nur prätentiösen, verquasten, nicht selten einfach nur pseudo-intellektuellen, oberseminaristisch-zeigefingrigen, volkspädagogisch korrekten, sozialdramatisch verbrämten Kunstschund, den, ganz ohne Verlaub, keine Sau sehen will.

Ein weiterer gewichtiger Aspekt ist natürlich der Zeitpunkt, zu dem Bolls Streifen, dem viele Kritiker bereits bescheinigt haben, eine rohe, ungeschlachte, brutale Energie zu verströmen, in ein filmisches Hollywood-Mainstream-Umfeld haut wie die sprichwörtliche Axt im Wald – ein Mainstream, dem jeder Bezug zum Publikum tatsächlich abhandengekommen zu sein scheint. Anders ausgedrückt: Wie viele hochglanzlackierte und -polierte Superman-„Reboots“ mit quietschbunter Bonbonfarben-Ästhetik braucht eine Welt eigentlich noch, in der die „99 Prozent“ ganz andere Sorgen haben und ihnen andere Themen den Schlaf rauben als nahezu unkaputtbare Überwesen mit wehendem Umhang, die nur mit ihrer Körperkraft ganze Hochhäuser am Umkippen hindern können? Kindischer Quatsch. Vor diesem Hintergrund muss ich leider ganz direkt fragen: Was soll der Scheiß? Fällt den „Kreativen“ in der Schaumfabrik wirklich nicht mehr ein als unendliche Sequels, Prequels, Remakes, Reboots und Relaunches? Erwartet man von einem zunehmend zermürbten Publikum wirklich, ihr Geld für geist- und seelenlose, überblasene CGI-Special-Effects-Schlachtengemälde für Hunderte Millionen Dollar Produktionskosten auszugeben, die sich anfühlen, als solle einem das Hirn durch die Brieftasche rausgelutscht werden?

Da kommt ein Boll des Weges und spricht mit seinem Film ein Thema an, das anzufassen sich Hollywood als auch die deutsche Filmlandschaft nicht traute. Im Gegenteil: Das immer geflissentlich umgangen und, falls es doch mal angesprochen wurde, eher den biodeutschen Nazi als Hauptschuldigen auszumachen halluzinierte, wohingegen noch nicht so lange hier Lebende durchweg traumatisierte Opfer zu sein hatten. Kein Wunder also, dass so ein Film viel Aufmerksamkeit erregt – wie gesagt unabhängig davon, was von ihm qualitativ nun zu halten ist oder nicht.

Doch nun zur Überschrift und einer leider dringend nötigen Schelte: Wenn ein Regisseur gerade angesichts eines Films, der dieses Thema anspricht, beteuert, mit extremistischen Schmuddelecken absolut nichts zu tun haben zu wollen, sollte er sich auch daran halten. Das Problem ist nämlich, dass Boll diesbezüglich kritische Distanz vermissen ließ und wirklich jede verfügbare Plattform im Internet für die Promotion von „Citizen Vigilante“ nutzte – auch dann, wenn es sich um solche handelte, die eindeutig eben jenen Schmuddelecken zuzurechnen sind, soll heißen: die nachweislich ständig Öl aufs Feuer zu gießen versuchen, mit üblen Desinformationen um sich werfen, nur um zur Dauerhatz auf Migranten blasen zu können und denen es, nimmt man ihre Tweets und Meta-Posts näher unter die Lupe, mit dem Bürgerkrieg zwischen länger und noch nicht so lange hier Lebenden offenbar gar nicht schnell genug gehen kann.

In diesem Sinne ist es auch einigermaßen kontraproduktiv, wenn er dabei obendrein, um nur ein besonders abstoßendes Beispiel zu geben, auf die filmische „Expertise“ eines hyperaggressiven, psychotischen Sektenführers wie Andrew Tate zurückgreift, dem man getrost bescheinigen darf, eine psychiatrische Evaluierung bitter nötig zu haben. Dass für Filme Werbung gemacht werden muss und soll – geschenkt. Greift man dabei aber ausgerechnet auf einige der größten Spinner, Irren und Psychotiker zurück, die das Internet derzeit zu bieten hat, zudem auf ein gekauftes Krawallmacherkartell, das nicht gerade zur Steigerung des Niveaus beiträgt, schießt man sich selbst ins Bein. So macht man es seinen Gegnern besonders leicht. Da hilft es auch nicht – überhaupt nicht – dass manche bereits vermuten, vielleicht bestünde Bolls Absicht darin, diese Pappnasen nur für Werbezwecke zu nutzen: Es würde die Sache sogar noch schlimmer machen, weil er dadurch nicht die besseren, sondern übleren Elemente des Internets auch noch fördern würde.

Ein User schrieb auf X über ein mögliches Interview Bolls mit dem geskripteten Ben: „Der schlechteste Regisseur aller Zeiten. Der schlechteste Podcaster aller Zeiten. Promotet von einem rechtsradikalen Influencer. Drei Karrieren, ein Qualitätsversprechen.“

Lass mal die Kirche im Dorf: Wie bereits erwähnt, gibt es noch viel schlechtere Regisseure. Was den Rest betrifft: Mach die Augen auf und erkenne bitte klar und deutlich, in welcher Zeit du lebst. Nämlich in einer Zeit rapide fortschreitender Verblödung und einer so dramatischen Absenkung des Niveaupegels, dass man schon für die nahe Zukunft eine schwere Dürrezeit des Denkens befürchten muss. Gerade in einer Idiocracy ist doch vollkommen klar, dass solche Leute Oberwasser haben. Sie sind die „Big Macs“ des Internets, sozusagen, das Junk Food der Online-Ära: Schmeckt scheinbar toll und saftig, aber egal, wie viele dieser Burger man in sich hineinstopft, bleibt ein starkes Hungergefühl zurück – in diesem Fall ein Hunger nach echten geistigen Nährwerten. Also hör mit dem Gejammer auf. Natürlich ist Ben Berndt die schlechtere Kopie eines ohnehin schon schlechten Joe Rogan, aber vorerst wirst du dich damit konfrontieren müssen, dass die „Joeroganisierung“ des Internets sich weiter fortsetzen wird. Solltest du es wirklich nicht mehr aushalten, wirst du wohl ins innere Exil gehen müssen.

Doch ich schweife ab. Sobald ich dazu komme, werde ich mir „Citizen Vigilante“ mal anschauen. Die krasse politische Verzweckung als „Citizen Utilisable“ im Internet hake ich als obligatorisches Symptom eines „Mediums“ ab, das man nur noch als durchgeknallten Durchlauferhitzer bezeichnen kann.

Bis nächste Woche.


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