Politik: Lauterbach tweetet verächtlich über Auswanderer
Signalwirkung für Fachkräftebindung
„Auf diese Leute können wir verzichten!“
Wie man ein Land auch rhetorisch „entvölkert“
Es gibt Sätze, die fallen aus dem Mund eines Politikers und verschwinden dort, wo gewöhnliche Sätze üblicherweise verschwinden: im allgemeinen Geräuschpegel der politischen Kommunikation. Und dann gibt es Sätze, die zu Boden fallen und dort liegen bleiben wie eine Bananenschale.
Karl Lauterbach hat nun einen solchen Satz gesagt.
Genauer gesagt geschrieben. Auf X, jenem digitalen Plapperportal, auf dem Gedanken oftmals schneller veröffentlicht werden, als sie entstehen. Dort schrieb der ehemalige Bundesgesundheitsminister und heutige Bundestagsabgeordnete über junge Talente, die wegen der hohen Rentenbeiträge angeblich auswanderten:
„Es ist dieses permanente Schlechtreden, was uns am stärksten schadet. Diese ewigen Übertreibungen von jungen Talenten, die mit dem hohen Rentenbeitrag (‚schnief‘) nicht klarkommen und deshalb angeblich auswandern. Auf diese Leute können wir verzichten, falls es sie überhaupt gibt.“
Später erklärte Lauterbach, er sei missverstanden worden: Die üblichen Ausreden also, wenn Politiker bemerken, dass nicht immer nur die Misthaufen anderer, sondern auch die eigenen durchaus in der Nase stechen.
Nun könnte man sagen, ach, das ist doch nur ein Tweet. Allerdings ist es beileibe nicht das erste Mal, dass Karl, der ehemalige Gesundheitskäfer, der zu Coronazeiten viel zu oft gefragt wurde, statt fortgejagt zu werden, mit zuweilen deliriösen Sätzen entweder für Gelächter, Verwunderung oder sogar Wut sorgte. Denn ein politischer Satz ist nicht immer nur ein Satz. Manchmal ist er auch ein Signal – möglicherweise ein fatales.
Stellen wir uns einmal vor, ein junger deutscher Ingenieur sitzt an seinem Schreibtisch. Nach jahrelangem Studium und vielen bestandenen Prüfungen, harter Arbeit, brav gezahlten, wachsenden Abgaben- und Steuerlasten hat er, so schwer diese Vorstellung auch fallen mag, vielleicht trotzdem immer noch geglaubt, dass der Staat, der einen beträchtlichen Teil seines Einkommens „sozial gerecht“ umverteilt, ihn im Gegenzug dafür aber nicht unbedingt mit Champagner empfängt, wenn er auch mal was vom Leviathan will, wenigstens zur Kenntnis nimmt. Dann schaut dieser Mensch nochmal kurz auf seine Gehaltsabrechnung. Und gleich danach auf die politische Debatte. Um von einem sogenannten „Führungspolitiker“ lesen zu dürfen:
„Auf diese Leute können wir verzichten.“
Nun gibt es in Deutschland natürlich ein ganz hervorragendes System, um solche Menschen zu beruhigen: Man wirft eine Münze in die politische Floskel-Jukebox, um die üblichen, bewusstlosen Schwallplatten vollautomatisch ertönen zu lassen: Zunächst erklärt man ihnen, dass ihre Belastung im internationalen Vergleich gar nicht so schlimm sei. Danach sagt man ihnen, dass die Wirtschaft eigentlich sehr leistungsfähig sei. Dann weist man darauf hin, dass Deutschland sehr wohl ein „attraktiver Standort“ sei. Wenn dieses hoffnungslos abgekaute Phrasenstroh sich mit der Realität im Ländle einfach nicht decken will und viele Leistungsträger danach immer noch gehen wollen, erklärt man ihnen, dass man auf sie „verzichten“ könne.
Das ist ungefähr so, als würde das Management eines Restaurants seinem besten, mehrfach ausgezeichneten Koch sagen: „Wenn Ihnen unser Gehalt nicht passt, können Sie gerne gehen. Wir haben schließlich noch eine Mikrowelle.“
Nun lassen sich hochqualifizierte Ingenieure, Ärzte, IT-Spezialisten, Wissenschaftler oder Unternehmer aber eben nicht auf die Schnelle ersetzen. Schon gar nicht durch eine Pressekonferenz oder einen Tweet.
Der „Brain Drain“, den es in Schland tatsächlich gibt, kommt nicht mit einem großen Knall daher, sondern vollzieht sich viel leiser. Denn Menschen, die den Buckel voll haben, gehen oft einfach – sie recherchieren, wo es für sie bessere Bedingungen gibt, schnüren ihr Bündel und verzischen. Mit anderen Worten: Das Problem des „Brain Drain“ besteht gerade darin, dass er nicht wie ein dramatischer Unfall aussieht. Keine Alarmsirene ertönt. Keine rote Warnleuchte im Bundeskanzleramt. Kein Ministerialbeamter springt auf und ruft: „Herr Minister, soeben ist ein Physiker vor unserer sozialen Gerechtigkeit nach Zürich geflohen!“.
Irgendwann stellt man fest, dass nicht nur Menschen gegangen sind, sondern auch ihre Produktivität, ihre Steuern, ihre Unternehmen, ihre Patente, ihre Kinder und möglicherweise auch ihre Bereitschaft, vielleicht doch zurückzukommen.
Der Internationale Währungsfonds warnte bereits 2016 in einer Untersuchung zur Auswanderung aus Osteuropa, dass 25 Jahre Emigration den Mangel an hochqualifizierten Arbeitskräften verschärft hätten. Der Abfluss qualifizierter Arbeitskräfte könne die Produktivität beeinträchtigen. Das ist, ökonomisch betrachtet, die höfliche Formulierung für: Wenn gut ausgebildete, qualifizierte, produktive Leute gehen, bleibt derjenige zurück, der die PowerPoint-Präsentation darüber macht.
Die Forschung zur Migration deutscher Staatsbürger kommt zu einem differenzierten Ergebnis. Die Wissenschaftler Andreas Ette und Nils Witte betonten, dass internationale Emigration aus hochentwickelten Wohlfahrtsstaaten nicht einfach als ökonomischer Verlust betrachtet werden könne. Es gebe auch Rückkehr, internationale Netzwerke und individuelle Gewinne. Nicht jeder, der Deutschland verlässt, ist für immer verloren. Manche kommen zurück. Manche investieren später. Manche gründen im Ausland ein Unternehmen und beschäftigen Deutsche.
Aber ein Land sollte sich nicht darauf verlassen, dass seine besten Köpfe nach einem mehrjährigen Aufenthalt im Ausland plötzlich aus Heimweh wiederkommen, um die Rentenkasse zu retten. Mit Blick auf die Lasten, die Leistungsträger hierzulande zu tragen haben, könnte man auch einen Eimer mit einem Loch im Boden aufstellen und sagen: „Kein Problem. Vielleicht regnet es ja mal wieder.“
In Kurzform lautet die ökonomische Pointe: Deutschland braucht Top-Leute, beleidigt sie aber. Das Land steht vor einer besonders unangenehmen Kombination: einer alternden Gesellschaft, hohen Sozialabgaben, einer schwächelnden Wirtschaft und einem zunehmenden Bedarf an qualifizierten Arbeitskräften. Das Land braucht also Menschen, die arbeiten, forschen, Unternehmen gründen, Innovationen hervorbringen. Die schnell wachsenden Armeen an Dummschwätzern auf Youtube oder X allein, die diese längst bekannten Tatsachen immer nur wiederkäuen und allwöchentlich den Untergang besingen, werden das Land nicht retten.
Nun ist es durchaus möglich, dass junge Menschen die „Gesamtrechnung“ einmal genauer anschauen und fragen: „Was bekomme ich eigentlich für meine Leistungen?“. Eine Antwort darauf lautet offenbar: „Auf dich können wir verzichten.“
Kommunikationsstrategisch ist das so brillant wie ein Hotelier, der beim Check-out zum Gast sagt: „Wenn es Ihnen hier nicht gefallen hat: Verpiss Dich und komm’ nie wieder!“
Man könnte einwenden, Lauterbach habe doch nur diejenigen gemeint, die wegen des Rentenbeitrags auswanderten. Aber auch das macht die Sache nicht gerade besser. Denn erstens lässt sich die Entscheidung, auszuwandern, nur selten auf einen einzigen Grund zurückführen. Menschen gehen nicht nur wegen „ein paar“ Euro mehr oder weniger. Sie gehen wegen der Summe vieler Faktoren: Einkommen, Steuern, Wohnkosten, berufliche Chancen, Bürokratie, gesellschaftliches Klima, politische Stabilität und der Aussicht, dass sich die Lage in den kommenden Jahren verbessert.
Zweitens: Wenn ein hochqualifizierter Mensch das Land verlässt, weil er die Kombination aus Belastungen und Perspektiven nicht mehr attraktiv findet, dann ist es volkswirtschaftlich ziemlich egal, ob sein letzter Tropfen der Rentenbeitrag, die Wohnungssuche oder ein Tweet war.
Die Frage ist, wie man in Berlin darauf reagieren wird. Es steht zu befürchten, dass man im Regierungsviertel – statt über sinnvolle, praktikable Maßnahmen nachzudenken, wie gute Leute im Land zu halten wären – wahrscheinlich erstmal eine Untersuchungskommission einsetzen wird. Um noch einmal Klabauterbach zu zitieren: „Diese ewigen Übertreibungen von jungen Talenten, die angeblich auswandern. Auf diese Leute können wir verzichten, falls es sie überhaupt gibt.“
Irgendwo im Ausland wird ein deutscher Ingenieur das lesen. Er wird kurz überlegen, vielleicht mit dem Mundwinkel zucken, vielleicht ungläubig den Kopf schütteln oder einfach lachen. Um dann weiterzuarbeiten. Für ein anderes Land.
Was kann man aus solchem Gezwitscher in sozialen Schwätzwerken lernen? Politische (Fehl)Kommunikation kann bestehende Unzufriedenheit verstärken – und in einem bereits angespannten wirtschaftlichen und demografischen Umfeld dadurch Benzin aufs Feuer gießen. Man könnte auch sagen: Mit Herablassung und Verachtung seitens politischer Leistungswegträger lassen sich Eliten nicht im Land halten.
Bis nächste Woche.
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