02. September 2026 11:00

Stimmungsanalyse Digitale Beobachtung verändert politische Macht

Präventive Steuerung statt offenem Konflikt

von Axel B.C. Krauss drucken

Die vermessene Unruhe
Bildquelle: Eigenes Bild Die vermessene Unruhe

Die vermessene Unruhe: Gesellschaftliche Krisen und die neuen Instrumente der Macht

Zu behaupten, etwas habe sich in Deutschland „verschoben“ – wie es in der deutschen Presse bereits seit einigen Jahren zu lesen ist – dürfte eine triviale Behauptung sein. Natürlich hat sich etwas verschoben. Wirtschaftsverbände warnen vor einem Verlust an Wettbewerbsfähigkeit, Unternehmer verlangen Reformen, die etablierten politischen Parteien verlieren Vertrauen, während die AfD in Umfragen zu „trenden“ scheint. In einer solchen Umfrage vom 6. August 2026 bewerteten 85 Prozent der Befragten die Arbeit der Bundesregierung sehr kritisch; nur 13 Prozent äußerten sich zufrieden. Gleichzeitig kam die AfD auf 28 Prozent. Auch die Spitzenverbände der deutschen Wirtschaft sprechen inzwischen deutlich von der kritischen Lage des Wirtschaftsstandortes.

Natürlich sind solche Zahlen immer auch Momentaufnahmen. Und selbstverständlich lässt sich politische Unzufriedenheit auch propagandistisch verstärken. Gerade die AfD besitzt eine außerordentlich starke Präsenz in den „sozialen Medien“, sei es auf YouTube, X, Meta oder anderen Portalen; die Bundeszentrale für politische Bildung behauptet, dass ihre Reichweite und Interaktionszahlen auf mehreren Plattformen diejenigen konkurrierender Parteien teilweise deutlich übersteigen. Freilich könnte man das – vorschnell – als reine Abwehr- oder „Panik“-Reaktion der Mainstreampolitik abtun. Aber wer sich von politischer Voreingenommenheit, ideologischem Tunnelblick und dergleichen einschränkenden Phänomenen nicht mehr den Blick verengen lässt, kommt nicht umhin, nüchtern festzustellen, dass tatsächlich kaum eine Woche zu vergehen scheint, ohne dass ein neuer AfD-Werbekanal irgendwo im Internet auftaucht. Man sollte daher zunächst mal zwei Dinge auseinanderhalten: die reale Unzufriedenheit in Teilen der Bevölkerung und ihre mediale Verstärkung. Beides kann gleichzeitig existieren.

Interessanter als die Frage, wie schlecht die Stimmung tatsächlich ist, erscheint deshalb eine andere: Was unterscheidet eine gesellschaftliche Krise des 21. Jahrhunderts eigentlich von den Krisen früherer Zeiten?

Unzufriedene Bevölkerungen sind schließlich nichts Neues. Bauernaufstände, Hungerrevolten, Streiks, Revolutionen und Protestbewegungen durchziehen die gesamte Geschichte. Neu ist jedoch die Fähigkeit politischer und wirtschaftlicher Machtzentren, gesellschaftliche Stimmungen nahezu in Echtzeit wahrzunehmen. Ein Fürst des 17. Jahrhunderts wusste erstaunlich wenig über die Menschen, die er regierte. Informationen erhielt er von Beamten, Geistlichen, Kaufleuten, Spitzeln oder militärischen Befehlshabern. Dass irgendwo Unruhe herrschte, bemerkte die Obrigkeit mitunter erst, wenn Steuern einfach nicht mehr bezahlt wurden oder eine Menschenmenge mit hochroten Köpfen und den sprichwörtlichen Mistgabeln vor dem Rathaus stand.

Mit dem modernen Staat änderte sich das. Volkszählungen, Melderegister, Kataster, Statistiken und später Meinungsumfragen machten die Bevölkerung zunehmend „lesbar“ und „transparenter“ – fast automatisch fällt hier das Stichwort des „gläsernen Bürgers“. Der Politikwissenschaftler James C. Scott hat diesen Vorgang als ein Grundprinzip moderner Staatlichkeit beschrieben: Komplexe Gesellschaften werden in Kategorien, Zahlen und Tabellen übersetzt, damit Verwaltung überhaupt möglich wird. Der bekannte französische Philosoph Michel Foucault wiederum machte darauf aufmerksam, dass moderne Macht immer stärker mit Wissen über „Populationen“ verbunden ist – über Gesundheit, Einkommen, Geburten, Verhalten und soziale Risiken. Information war schon immer wichtig, aber gerade heute ist sie zu einem der wichtigsten Güter geworden.

Im 20. Jahrhundert kamen Meinungsforschung, Rundfunk, Fernsehen und moderne Sozialwissenschaften hinzu. Seit den 1930er-Jahren wurde es möglich, politische Einstellungen mittels repräsentativer Stichproben systematisch zu vermessen. Regierung und Opposition mussten nicht mehr auf den nächsten Aufstand oder die nächste Wahl warten, um zu erfahren, ob die Bevölkerung unzufrieden war. Doch verglichen mit heute waren dies immer noch grobschlächtige Instrumente.

Erst die „Digitale Revolution“ hat aus der gelegentlichen Vermessung eine nahezu kontinuierliche und beinahe lückenlose Beobachtung gemacht.

Jeder Suchbegriff, jedes angeklickte Video, jedes „Gefällt mir“, jedes geteilte Bild und jede Diskussion hinterlässt Spuren. Die moderne Sozialforschung spricht inzwischen tatsächlich von „Computational Social Science“, was sich am besten mit „datengestützter Sozialwissenschaft“ übersetzen lässt: Große Mengen digitaler Daten aus sozialen Netzwerken, Verwaltungsbeständen oder Kommunikationssystemen können ausgewertet werden, um Gruppenbildung, kollektives Verhalten, politische Einstellungen und sogar emotionale Dynamiken in der Bevölkerung zu untersuchen. Die gesammelten Daten werden analysiert, es werden „psychometrische Profile“ erstellt und – siehe den Skandal um die Firma „Cambridge Analytica“ – ganze Wahlkampfprogramme auf Grundlage solcher Auswertungen geschrieben.

Damit veränderte sich etwas Grundsätzliches. Der Bürger äußert seine politische Haltung nicht mehr nur alle vier Jahre in einer Wahlkabine oder gelegentlich gegenüber einem Meinungsforschungsinstitut. Er produziert fortlaufend Signale. Das bedeutet allerdings nicht, dass irgendwo ein allwissendes Kontrollzentrum existiert. „Die Machteliten“ gibt es nicht dergestalt, dass sie einen homogenen Block bilden würden. Regierungen, Sicherheitsbehörden, Parteien, Medienunternehmen, Werbewirtschaft, Banken und digitale Plattformkonzerne werden von zuweilen stark unterschiedlichen Interessen geleitet und verfügen über unterschiedliche Datenbestände. Gerade Unternehmen wie große Suchmaschinen- und Plattformbetreiber verfügen teilweise über Informationsmengen, von denen klassische Staaten nur träumen konnten. Und es kommt noch etwas anderes hinzu: Daten werden nicht mehr nur gesammelt, um vergangenes Verhalten zu erklären, sondern zunehmend auch dazu verwendet, zukünftiges Verhalten vorherzusagen und zu beeinflussen.

Hier liegt vielleicht der entscheidende Unterschied zu früheren Epochen: Moderne Macht muss nicht immer verbieten. Sie kann beobachten, berechnen, empfehlen, sortieren und lenken: „Framing“ und „Nudging“ sind zu wichtigen Bestandteilen der modernen „Meinungsmache“ geworden.

Natürlich bleibt die klassische Form staatlicher Kontrolle bestehen: Polizei, Nachrichten- und Geheimdienste, Kameras, Datenbanken und gegebenenfalls die Überwachung gefährlicher Personen oder Gruppen. Hinzu kommen biometrische Verfahren und seit jüngerer Zeit natürlich künstliche Intelligenz.

Die interessanteren Formen gesellschaftlicher Stabilisierung sind ohnehin häufig weniger spektakulär. Ein funktionierender Sozialstaat kann Unzufriedenheit dämpfen – zumindest, solange das Geld reicht. Politische Beteiligung kann Konflikte integrieren. Reformen können tatsächliche Missstände beseitigen. Kommunikation kann Vertrauen schaffen. Parteien können Themen aufgreifen, bevor Protestbewegungen sie monopolisieren. All das gehört ebenfalls zum Instrumentarium moderner Herrschaft. Nicht zuletzt gehört das allseits bekannte „Totdebattieren“ zu den beliebtesten Methoden, wenn es darum geht, dem Protest ein Ventil zu geben: Man redet zwar „endlos“ darüber, aber es ändert sich nicht wirklich etwas. Dem Bürger soll dadurch das Gefühl gegeben werden, es „bewege“ sich etwas. Man platziert „Quotenrebellen“ und „Alibi-Abweichler“ prominent durch die Massenmedien, die als eine Art „Blitzableiter“ fungieren und Hoffnung auf baldige Veränderung machen sollen – es gibt eine Vielzahl an Methoden, Unmut zu kanalisieren, zu dämpfen und in „sichere Häfen“ umzuleiten.

Daneben existieren noch subtilere Mechanismen. Die moderne Mediengesellschaft konkurriert permanent um Aufmerksamkeit. Streamingdienste, Computerspiele, Sport, soziale Netzwerke, Kurzvideos, Influencer und eine permanent neue „Inhalte“ produzierende Unterhaltungsindustrie erzeugen einen Strom ständig neuer Reize.

Obendrein kann Unterhaltung politische Nebenwirkungen haben: Es ist seit Langem bekannt, dass z. B. Hollywood nicht nur die größte Film-, sondern auch die größte Propagandaindustrie der Welt ist, in der auch die Geheimdienste und sogar das Militär die Finger im Spiel haben. Das gilt freilich nicht nur für die USA. Eine großangelegte Studie über die Ausbreitung des italienischen Privatfernsehens fand langfristige Veränderungen politischer Einstellungen bei Bevölkerungsgruppen, die der Unterhaltung besonders intensiv ausgesetzt waren. Andere Untersuchungen zeigen einen Ablenkungseffekt sozialer Medien: Ein hoher Konsum unterhaltungsorientierter Inhalte kann mit geringerer politischer Beteiligung einhergehen.

Mit anderen Worten: Man braucht keinen geheimen Plan. Ein System kann stabilisierende Wirkungen hervorbringen, ohne dass jemand diese Wirkungen zentral geplant hat. Gleichzeitig ist die heutige Gesellschaft – paradoxerweise – schwerer zu beherrschen als frühere.

Deutschland ist Teil eines sehr eng miteinander vernetzten globalen Systems aus Lieferketten, Finanzmärkten, Energieversorgung, EU-Recht, Handelsbeziehungen und geopolitischen Abhängigkeiten. Ein Konflikt am Roten Meer, eine Entscheidung in Washington, eine Produktionsstörung in Asien oder eine Energiekrise kann innerhalb kurzer Zeit Preise, Unternehmen und politische Stimmungen in Europa beeinflussen.

Das erzeugt ein merkwürdiges Verhältnis: Noch nie wussten politische Systeme so viel über ihre Gesellschaften – und zugleich hatten sie noch nie so viele Variablen zu berücksichtigen, die sie selbst kaum kontrollieren können. Man könnte von einem gesellschaftlichen Messproblem sprechen: Je genauer das System seine Bürger beobachtet, desto deutlicher erkennt es auch die ungeheure Komplexität des Ganzen. Millionen Menschen reagieren gleichzeitig auf Preise, Nachrichten, Kriege, soziale Erfahrungen, Videos, Gerüchte, Ängste, Hoffnungen und Erwartungen. Die Gesellschaft wird transparenter – aber nicht unbedingt berechenbarer.

Für die nahe Zukunft dürfte deshalb weniger eine Rückkehr zur klassischen autoritären Kontrolle zu erwarten sein als vielmehr die Entwicklung einer präventiven, datengetriebenen Politik. Künstliche Intelligenz wird immer besser darin werden, große Mengen öffentlicher Kommunikation auszuwerten, Stimmungsumschwünge zu erkennen und gesellschaftliche Konfliktfelder frühzeitig sichtbar zu machen. Gleichzeitig wachsen die Versuche, die Plattformen selbst stärker zu regulieren. Der europäische „Digital Services Act“ eröffnet Forschern inzwischen sogar Zugang zu bestimmten Daten sehr großer Plattformen, um systembezogene Risiken für öffentliche Debatten und demokratische Prozesse untersuchen zu können.

Das eigentliche Machtinstrument der Zukunft könnte daher weniger der Schlagstock als das Frühwarnsystem sein: Eine Regierung, ein Unternehmen oder eine politische Organisation muss eine Revolte nicht erst niederschlagen, wenn sie ihre Entstehungsbedingungen Wochen oder Monate vorher erkennt. Sie kann reagieren: durch Reformen oder Sozialleistungen, durch Kommunikation und politische Zugeständnisse, durch Themenwechsel und Kampagnen – im äußersten Fall auch durch stärkere Überwachung und sicherheitspolitische Maßnahmen.

Darin liegt die eigentliche historische Zäsur unserer Zeit: Die Herrschenden früherer Jahrhunderte fürchteten den Augenblick, in dem die Menge plötzlich vor ihren Palästen erschien. Die Machtzentren des 21. Jahrhunderts versuchen zunehmend, den Zustand der Menge zu kennen, bevor diese selber überhaupt weiß, dass sie eine Menge ist.

Und vielleicht ist gerade dies das große politische Paradox der digitalen Gesellschaft: Der einzelne Mensch war niemals freier darin, seine Meinung öffentlich kundzutun – und niemals zuvor waren so viele technische Möglichkeiten vorhanden, all diese Äußerungen zu sammeln, miteinander zu verknüpfen und daraus ein Bild dessen zu errechnen, was eine Gesellschaft denkt, fühlt und möglicherweise als Nächstes tun wird. Die modernen elektronischen Massenkommunikationsmittel, wie Zbigniew Brzezinski einmal ganz richtig erkannte (in seinem Buch „Zwischen zwei Zeitaltern: Amerika in der technetronischen Ära“), haben auch eine „Massenhirnwäsche“ im Sinne emotionaler Manipulation und „Verstandeskontrolle“ ermöglicht, die nicht mehr nur national beschränkt ist, sondern durch das Internet quasi in Nullzeit prinzipiell den ganzen Planeten „nudgen“ kann.

Gerade deshalb ist ein schärferes Bewusstsein für die Manipulationsmethoden moderner, technologiegetriebener Propaganda so wichtig – und in diesem Bereich bestehen leider nach wie vor große Lücken. Die oft kolportierte Behauptung, die vorgeblich gänzlich „freien“ und „unabhängigen“ Medien im Internet stünden als Kämpfer für „Wahrheit“ und „freie Meinungsäußerung“ der etablierten „Mainstreampresse“ gegenüber, wurde jedenfalls schon widerlegt: Gerade dort gibt es heute Einflussnahme, „Meinungskauf“ und auch Desinformation in einem Ausmaß, dass man sich vor vorschneller Parteinahme hüten sollte.

Bis nächste Woche.


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