Netzwerke: Epstein als Schaltstelle der globalen Elite
Verflechtungen von Banken, Forschung und Technologie
Epstein: Was bleibt vom “Mann im Maschinenraum”?
Geld, Wissenschaft, Bitcoin und die Netzwerke einer technokratischen Elite
Nachdem der Skandal um den Investor, Multimilliardär und “Sex Trafficker” Jeffrey Epstein einige Monate hohe Wellen schlug, wurde es recht schnell wieder still. Erstaunlich still sogar, wenn man bedenkt, welche Funktion Jeffrey Epstein in transnationalen Netzwerken spielte. Inzwischen ist so viel Material dazu veröffentlicht worden, dass der Skandal fast Gefahr läuft, unter seinem eigenen Gewicht begraben zu werden. Millionen E-Mails, Kalender, Bankunterlagen, Fluglisten und andere Akten stehen zur Verfügung. Jeder findet darin irgendwann den Namen, nach dem er ohnehin gesucht hat oder den er zu finden hoffte. Der eine sucht Trump, ein anderer Clinton, der dritte einen Prinzen – und am Ende besitzt jeder seine ganz persönliche Version des Epstein-Skandals.
Dabei könnte ausgerechnet diese Fixierung auf einzelnen Namen den Blick auf das Wesentliche verstellen. Denn die interessantere Frage lautet nicht: Mit wem hatte Epstein Kontakt? Sondern: Welche Funktion erfüllte dieser Mann eigentlich innerhalb eines länderübergreifenden Netzwerks aus Finanzwesen, Wissenschaft, Technologie, Philanthropie und Politik?
Die inzwischen zugänglichen Unterlagen zeigen deutlich, dass Epstein kein großer “Strippenzieher” war, sondern eher als Kontaktvermittler, Finanzier, Informationshändler und “Türöffner” auftrat. Er brachte Menschen zusammen, die über enorme Mengen an Kapital, wissenschaftliches Know-how, politische Kontakte und technologische Möglichkeiten verfügten. Gerade diese Rolle macht ihn für die Geschichte des frühen 21. Jahrhunderts womöglich interessanter als seine ohnehin ausgiebig dokumentierte Prominentenkartei, die meistens in Form seines berüchtigten “Schwarzen Buches” herumgereicht wird. Untersucht man diese Hintergründe genauer, kommt man zum Schluss: Epstein bewegte sich genau an den Schnittstellen, an denen neuartige Formen wirtschaftlicher und technokratischer Macht entstanden.
Dabei ist eine Einschränkung wichtig: Ein Abendessen, eine E-Mail, ein Investment oder eine Bekanntschaft mit Epstein beweisen selbstverständlich keine Beteiligung an seinen Sexualverbrechen. Wer sämtliche Personen in seinem Adressbuch automatisch zu Mitgliedern einer kriminellen Verschwörung erklärt, verwandelt eine außergewöhnliche Dokumentensammlung binnen Minuten in Internetfolklore. Das ist nicht nur verkürzend, sondern überzogen und der Forschung in dieser Hinsicht eher abträglich. Die nachweisbaren geschäftlichen Beziehungen sind schon bemerkenswert genug.
Besonders auffällig ist, dass Epsteins gesellschaftlicher Absturz nach seiner Verurteilung 2008 erstaunlich “sanft” ausfiel: Während “Ottonormalsterbliche” heutzutage bereits Schwierigkeiten bekommen können, wenn sie auf einer Weihnachtsfeier im Alkoholrausch das Kopiergerät besteigen, bewegte sich der registrierte Sexualstraftäter weiterhin mühelos in Kreisen von Milliardären, Spitzenbankern, Wissenschaftlern und Technologie-Unternehmern.
JPMorgan ist hierfür ein besonders aufschlussreiches Beispiel: Die Bank unterhielt Epstein jahrelang als Kunden. Im Jahr 2023 zahlte das Finanzinstitut 290 Millionen Dollar zur Beilegung einer Sammelklage von Epstein-Opfern, ohne damit ein Fehlverhalten einzugestehen. Die Kläger hatten der Bank vorgeworfen, trotz zahlreicher Warnsignale an der Geschäftsbeziehung festgehalten zu haben.
Noch interessanter als die Konten sind allerdings die Projekte, über die Epstein mit JPMorgan sprach. 2011 arbeitete die Bank an einem gigantischen Modell für einen von Spendern gespeisten Fonds, der intern „Project Molecule“ genannt wurde. Später bekannt gewordenen Unterlagen zufolge sollte unter anderem Geld aus dem Umfeld der “Bill & Melinda Gates Foundation” und von JPMorgan-Kunden gebündelt werden. Epstein beteiligte sich intensiv an den vorbereitenden Gesprächen und hoffte offenbar selbst auf eine Vergütung, falls daraus ein großes Finanzierungsvehikel entstehen würde. Das ambitionierte Modell kam letztlich aber nicht zustande.
Entscheidend ist weniger, ob Epstein dieses oder jenes Finanzinstrument „erfand“, sondern dass ein bereits verurteilter Sexualstraftäter von Führungskräften einer globalen Großbank weiterhin als jemand behandelt wurde, mit dem man über milliardenschwere Modelle, Philanthropie und globale Finanzierung von Gesundheitssystemen diskutierte. Wiederum etwas später stellte sich dann heraus, dass Epstein u. a. mit Gates darüber sprach, wie man eine Pandemie als Geschäftsmodell nutzen könnte.
Auch seine Verbindungen zum Silicon Valley und den “Tech Bros” sind eine tiefere Untersuchung wert, beispielsweise zu Peter Thiel. Thiel ist eine besonders interessante Figur, weil er wie kaum ein anderer die Verbindung von libertärer Rhetorik, Risikokapital, Überwachungstechnologie und staatlicher Macht verkörpert. PayPal sollte den Zahlungsverkehr revolutionieren; Palantir entwickelte sich später zu einem bedeutenden Anbieter von Datenanalyse-Tools für Geheimdienste, Militär, Polizei und Regierungen.
Die Epstein-Unterlagen zeigen keineswegs nur eine beiläufige finanzielle Verbindung. Eine E-Mail vom November 2014 dokumentiert, wie Thiel Epstein ausdrücklich vorschlug, 10 bis 20 Millionen Dollar in eine Firma namens “Valar Ventures” zu investieren. Spätere Unterlagen weisen auf insgesamt rund 40 Millionen Dollar hin, die Epstein 2015 und 2016 in von Valar verwaltete Fonds investierte. Auch hier gilt: Epstein kontrollierte weder Thiel noch Palantir. Der interessante Aspekt ist die vorgeblich “rebellische” Tech-Welt, die Zentralbanken, Bürokratie und traditionelle Institutionen überwinden wollte, aber keineswegs hermetisch vom existierenden Finanzestablishment getrennt war. Im Gegenteil: Kapital, Netzwerke und persönliche Vermittler verbanden beide Milieus. Der „Aufstand gegen das System“ ähnelte bisweilen, ironisch genug, einem exklusiven Club, dessen Mitglieder sich darüber beklagten, wie unerträglich exklusiv Clubs geworden seien.
Noch klarer treten Epsteins Verbindungen zur Tech-Welt in seiner Wissenschaftsförderung hervor. Bereits im April 2002 unterstützte er auf den Virgin Islands das “St. Thomas Common Sense Symposium”, bei dem führende KI-Forscher – darunter Marvin Minsky – über Architekturen für menschenähnliche künstliche Intelligenz diskutierten. Das Treffen ist hieb- und stichfest dokumentiert; zeitgenössische und spätere Berichte bestätigen Epsteins finanzielle Unterstützung. Epstein interessierte sich also schon zu einer Zeit intensiv für künstliche Intelligenz, als „Jetzt mit KI!“ noch nicht auf jedem Toaster klebte.
Auch seine Beziehung zum MIT, dem “Massachusetts Institute of Technology”, war von großer Bedeutung. Eine vom Institut selbst beauftragte Untersuchung stellte fest, dass Epstein zwischen 2002 und 2017 insgesamt 850.000 Dollar spendete. Davon gingen etwas über 500.000 Dollar an das sogenannte “Media Lab” und weitere Gelder unter anderem an Marvin Minsky und Seth Lloyd. Besonders brisant: Neun der zehn Spenden erfolgten nach Epsteins Verurteilung von 2008. Diese Beträge wirken neben den Milliardenvermögen der Beteiligten fast bescheiden. Ihr strategischer Wert lag jedoch möglicherweise weniger in ihrer Höhe als darin, wo das Geld landete. Und damit sind wir bei Bitcoin.
Der Gründungsmythos von Bitcoin gehört zu den wirkungsvollsten Erzählungen unserer Zeit: eine dezentrale Währung ohne Zentralbank, ohne Staat und ohne vertrauenswürdige Vermittler-Instanz. Digitales Geld als Rebellion gegen Wall Street und Federal Reserve. Im Jahre 2015 geriet jedoch die “Bitcoin Foundation”, die mehrere zentrale Bitcoin-Core-Entwickler finanzierte, in Schwierigkeiten: Das MIT Media Lab sprang ein und gründete seine “Digital Currency Initiative” (DCI). Das MIT erklärt selbst, dass die DCI 2015 geschaffen wurde, um eine stabile Finanzierung für Bitcoin-Core-Entwickler bereitzustellen.
Am 25. April 2015 schrieb Media-Lab-Direktor Joi Ito an Jeffrey Epstein über genau diese Initiative. Die mittlerweile veröffentlichte E-Mail ist eindeutig: Ito erklärte, man habe „Gift Funds“ eingesetzt, wodurch das MIT schnell handeln und die Entwickler Gavin Andresen, Wladimir van der Laan und Cory Fields an das Media Lab holen konnte. Er bedankte sich bei Epstein. Epstein antwortete knapp: „Gavin ist clever“. Daraus sollte man nun allerdings nicht die sensationslüsterne Behauptung machen, Epstein habe Bitcoin quasi “gekauft” oder gar erfunden. Bitcoin ist ein dezentrales System mit Entwicklern, Minern, Nodes und Nutzern weltweit. Wohl aber lässt sich festhalten: Epstein-nahe Spendengelder gehörten zum Finanzierungsumfeld des MIT Media Lab genau in dem Augenblick, in dem das Institut zur wichtigen institutionellen Heimat mehrerer zentraler Bitcoin-Core-Entwickler wurde.
Dies zeigt, dass die Grenze zwischen „Establishment“ und „Anti-Establishment“ in der realen Welt keinesfalls immer scharf verläuft. Selbst eine Technologie, die mit dem Versprechen antrat, Institutionen überflüssig zu machen, benötigte irgendwann eine Institution. Die Geschichte erhält einige Jahre später eine weitere ironische Wendung: Die Digital Currency Initiative des MIT beschränkte sich keineswegs dauerhaft auf dezentrale Kryptowährungen. Sie begann auch zentralisierte digitale Geldsysteme und Central Bank Digital Currencies (CBDCs) zu erforschen. Ab 2020 arbeitete die DCI gemeinsam mit der Federal Reserve Bank of Boston am “Project Hamilton”, einem Forschungsprojekt zur technischen Machbarkeit einer hypothetischen amerikanischen Zentralbank-Digitalwährung. Dabei wurden unter anderem Skalierbarkeit, Sicherheit, Auditierbarkeit, Datenschutz und Programmierbarkeit des Geldes untersucht. Bei diesem Projekt handelte es sich um Grundlagenforschung – es ging dabei noch nicht um die konkrete Einführung eines digitalen Dollar.
Trotzdem macht diese institutionelle Entwicklung Epsteins frühere Korrespondenz über digitale Währungen interessant. Die veröffentlichten Dokumente zeigen, dass er digitale Währungen nicht ausschließlich als libertäres Instrument zur Flucht vor dem Staat betrachtete, im Gegenteil: Epstein diskutierte Modelle staatlich gestützter digitaler Währungen und beschäftigte sich mit deren möglicher Einführung in verschiedenen Staaten. 2017 erklärte er in einer E-Mail über Bitcoin ausdrücklich, ohne staatliche Garantie könne dieser seiner Ansicht nach keine wirkliche „Währung“ sein, und dachte stattdessen über staatliche Blockchain-Währungen nach. Damit erscheint die Entwicklung von Bitcoin hin zur CBDC-Forschung in einem anderen Licht – nicht als Beweis eines geheimen Masterplans, sondern als Beispiel dafür, dass dieselben technologischen Bausteine völlig unterschiedlichen politischen Zwecken dienen können.
Jeffrey Epstein war also kein allmächtiger Architekt einer geheimen Weltordnung – deshalb ist die Rede vom “System Epstein”, wie sie schon oft zu hören war, irreführend. Er war ein Symptom. Wer ihn zum zentralen Entscheider und Lenker erklärt, zum “Kingpin” der internationalen Finanzwelt oder dergleichen, würde die eigentliche Struktur sogar unterschätzen. Weitaus interessanter ist das Bild eines privaten “Clearinghouse”: eines Mannes, der Kapital, Informationen, Menschen und Ideen zwischen unterschiedlichen Machtzentren weiterleitete.
Eine Bank wie JPMorgan steht dabei für die traditionelle Hochfinanz. Gates und die großen philanthropischen Netzwerke stehen für die Verbindung privaten Vermögens mit globaler Gesundheits- und Entwicklungspolitik. Thiel und das Silicon Valley repräsentieren jene technologische Elite, die behauptet, gegen den Staat zu rebellieren, gleichzeitig aber milliardenschwere Geschäfte vor allem im Geheimdienst- und militärischen Bereich mit ihm macht. Das MIT und andere Universitäten liefern Forschung, wissenschaftliche Reputation und die technische Infrastruktur für die nächste Generation von KI-, Daten- und Geldsystemen. Und Epstein bewegte sich zwischen diesen Welten.
Das vielleicht Verstörendste daran ist deshalb nicht, dass irgendwo eine Handvoll außergewöhnlich finsterer Menschen in einem Raum saßen und einen geheimen Plan ausheckten. Solche Bilder sind in vielen Alternativmedien zwar beliebt, gehen an der Realität aber vorbei. Moderne Macht funktioniert viel “pragmatischer”: durch Netzwerke, Stiftungen, Banken, Universitäten, Investitionen, Beratungsverträge, private Abendessen und persönliche Empfehlungen. Kein dunkler Tempel, in dem Satan gefrönt wird, sondern eher Outlook-Kalender und Excel-Tabellen.
Gerade darin liegt die Aktualität des Epstein-Falles: Seine Sexualverbrechen dürfen niemals zur Nebensache erklärt werden, doch wer ausschließlich auf die Insel (“Epstein’s Island”), den Privatjet (“Lolita Express”) und die prominenten Namen blickt, sieht möglicherweise nur die spektakulärste Etage eines wesentlich größeren Gebäudes.
Statt fortwährend zu fragen “Wer besuchte Jeffrey Epstein?”, sollte die Frage daher eher lauten: Warum war er für so viele einflussreiche Menschen, Banken, Wissenschaftler und Technologie-Unternehmer überhaupt nützlich – und welche Systeme funktionieren heute weiter, obwohl der Mann, der einst zwischen ihnen vermittelte und sie kräftig kofinanzierte, längst verschwunden ist?
Bis nächste Woche.
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