19. August 2026 11:00

Ideengeschichte Technokratie im digitalen Zeitalter bedroht demokratische Kontrolle

Machtverschiebung durch Daten und Algorithmen

von Axel B.C. Krauss drucken

Die Menschheit am Scheideweg?
Bildquelle: Eigenes Bild Die Menschheit am Scheideweg?

Von Henri de Saint-Simon zur künstlichen Intelligenz

Komprimierter Überblick der Geschichte des technokratischen Denkens: Die Menschheit am Scheideweg des digitalen Zeitalters

Auch wenn schon recht viel dazu publiziert wurde, kann es nicht schaden, die wichtigsten ideengeschichtlichen Säulen des technokratischen Denkens, seine historische Genese und vor allem seine Auswirkungen gerade im „Digitalen Zeitalter“ noch einmal in möglichst konzentrierter Form darzulegen. Die Menschheit steht derzeit tatsächlich an einem zivilisationsgeschichtlichen Scheideweg, auch wenn das für manche vielleicht zu „dramatisch“ klingt. Grund: Im Gegensatz zu herrschenden Eliten früherer Zeiten verfügen die heutigen gerade auf technologischer Ebene über mehr und vor allem präzisere und wirkmächtigere politische, soziale, kulturelle und ökonomische Einfluss- und Gestaltungsmöglichkeiten als jemals zuvor.

Natürlich ist technokratisches Denken älter als der Computer und auch älter als der moderne Staat. Seine Grundidee lässt sich auf eine recht einfache Formel bringen: Gesellschaftliche Probleme sollen nicht primär durch politische Auseinandersetzung, nicht durch Debatten, Interessenvermittlung und die sogenannte „demokratische Willensbildung“ gelöst werden, sondern durch Wissen, Expertise, Planung, Berechnung und technische Organisation. Überall dort, wo Politik als chaotisch, irrational oder konfliktträchtig erscheint, verspricht Technokratie die angeblich weit überlegene, auf jeden Fall vorzuziehende Alternative einer vollständig rationalen Verwaltung der Gesellschaft. Die Lösung vor allem sozialer und wirtschaftlicher Probleme, egal ob auf nationaler oder internationaler Ebene, werden als Fragen des richtigen „Ingenieurswesens“ betrachtet. Kurz: Wirtschaft und Gesellschaft werden im Wesentlichen als große „Maschinen“ angesehen, die man eben auch entsprechend steuern, feinjustieren und mithilfe sorgfältig ausgearbeiteter Pläne „ölen“ könne, um ein gerechteres oder, in heutiger Terminologie, „inklusiveres“ und „nachhaltigeres“ System zu schaffen.

In meiner Trilogie „Das globale Technat“, „Was ist Technokratie?“ sowie „Der neue Technogott: Herrschaft ohne Gesicht“ bin ich den historischen Wurzeln bereits nachgegangen und habe vor allem im zweiten Band die sehr starken und augenfälligen Verbindungen zur französischen Revolutionsära aufgezeigt.

Die geistigen Wurzeln technokratischen Denkens reichen bis in die europäische Aufklärung zurück. Schon Lord Francis Bacon entwarf in seinem „New Atlantis“ (1627) die Vision einer Gesellschaft, in der wissenschaftliche Erkenntnis zur Grundlage gesellschaftlicher Organisation wird. Man darf mit Fug und Recht sagen, dass er in dieser Schrift eine technokratische Mustergesellschaft entwarf. Im 19. Jahrhundert erhielt diese Vorstellung dann eine neue Dynamik: Der französische Philosoph Henri de Saint-Simon, der als einer der wichtigsten Begründer, manchen sogar als „Vater“ der modernen Soziologie gilt, sah Wissenschaftler, Ingenieure und Industrielle als die Kräfte einer kommenden Gesellschaft, in der die Verwaltung der Dinge zunehmend an die Stelle politischer Herrschaft treten sollte. Simons Schüler Auguste Comte entwickelte daraus mit dem Positivismus die Vorstellung, dass Gesellschaft ebenso wissenschaftlich untersucht und rational geordnet werden könne wie die Natur.

Der entscheidende historische Schritt bestand jedoch darin, dass diese Ideen mit der technischen und industriellen Entwicklung zusammentrafen. Eisenbahnen, Telegraphie, internationale Handelsnetze und Großunternehmen erzeugten erstmals gesellschaftliche Systeme von einer Größenordnung, die nach standardisierten Verfahren, zunehmendem Expertenwissen und überregionaler Koordination verlangte. Der Historiker und Politikwissenschaftler Dr. Jan Eijking hat in seiner 2026 erschienenen Studie „The Technocratic International“ gezeigt, dass bereits im 19. Jahrhundert eine internationale technokratische Sphäre entstand. Ingenieure und technische Experten wirkten an Projekten wie dem Suezkanal und dem globalen Telegraphennetz mit und entwickelten dabei die Vorstellung einer Welt, die durch technische Expertise und internationale Organisation rational verwaltet werden könne. Zugleich war diese Entwicklung sehr eng mit imperialer Expansion und einem missionarischen Denken verbunden, wie man es beispielsweise beim britischen Hardcore-Imperialisten Cecil Rhodes finden kann, der die Ansicht vertrat, die angelsächsische Sphäre sei sozusagen die Krone der Zivilisation und müsse unbedingt den Rest der Welt unter Kontrolle bringen bzw. administrieren.

Damit entwickelte die Technokratie ein „Janusgesicht“: Sie versprach einerseits Rationalität, Effizienz und Fortschritt — ein Versprechen, dass sie teilweise auch einhielt — eröffnete gleichzeitig neue Hochrisiko-Fronten für eine zunehmende Machtkonzentration im globalen Maßstab.

Im frühen 20. Jahrhundert wurde diese Entwicklung durch den amerikanischen Ingenieur und Begründer der „Arbeitswissenschaft“, Frederick Winslow Taylor, in dessen Schrift „Scientific Management“ radikalisiert. Arbeitsprozesse sollten samt und sonders vermessen, standardisiert und optimiert werden. Der amerikanische Ökonom und Soziologe Thorstein Bunde Veblen übertrug ähnliche Überlegungen auf die Wirtschaft insgesamt und stellte die Frage, ob nicht Ingenieure und technische Experten eine rationellere Organisation der Produktion gewährleisten könnten als Unternehmer, die überwiegend von Profitinteressen geleitet würden. In der amerikanischen Technokratiebewegung der 1930er Jahre um Howard Scott entstand schließlich ein umfassender Gesellschaftsentwurf: Wirtschaft und gesellschaftliche Produktion sollten nicht länger primär durch Preise und Märkte, sondern anhand technischer Kennziffern und insbesondere des Energieverbrauchs organisiert werden. Die heutigen „Emissionszertifikate“ und generell die Bemühungen, unter dem Banner des vorgeblichen „Klimaschutzes“ die Wirtschaft umzugestalten, können als „Echo“ dieses Denkens betrachtet werden. Die Bewegung blieb — aufgrund der damals zur Verfügung stehenden technischen Möglichkeiten — politisch erfolglos, zeigte aber, wie stark die Vorstellung einer durch Messung und Berechnung steuerbaren Gesellschaft inzwischen geworden war.

Die Technokratiebewegung („Technocracy, Inc.“) verschwand — die Technokratisierung jedoch nicht. Sie verlagerte sich in staatliche Bürokratien, internationale Organisationen, Wissenschaft, Wirtschaft und Verwaltung. Gerade die Geschichte des 20. Jahrhunderts zeigt ganz klar, dass technokratisches Denken keineswegs an eine bestimmte politische Ideologie gebunden war. Es konnte mit liberalen, sozialistischen, faschistischen, kommunistischen und anderen politischen Vorstellungen verbunden werden.

Der Politikwissenschaftler Jens Steffek bezeichnet diese Tradition als „technokratischen Internationalismus“. Seit dem späten 19. Jahrhundert entwickelte sich die Vorstellung, internationale Politik könne durch Experten, Bürokraten und Juristen rationalisiert werden. Der Völkerbund, Teile des späteren UN-Systems und auch die europäische Integration wurden von dieser Idee beeinflusst. Ihr Versprechen bestand darin, die Unberechenbarkeit und Konflikthaftigkeit der Politik durch sachkundige internationale Verwaltung zu ersetzen. Steffek betont allerdings zugleich die Ambivalenz dieses Projekts: Technokratische Rationalität ist Bestandteil der modernen Rationalisierung, gerät aber zwangsläufig in Konflikt mit demokratischer Selbstbestimmung. Obendrein steht die Frage im Raum — die bereits seit vielen Jahren diskutiert wird — ob so manche angeblich durch Irrationalität und „Unberechenbarkeit“ entstandene Krise nicht sogar künstlich erzeugt oder zumindest zugelassen wurde, um dann technokratische Lösungen der breiten Bevölkerung besser vermitteln zu können.

Weitere wichtige Denkanstöße liefert die Analyse des amerikanischen Soziologen C. Wright Mills. In seinem Buch „The Power Elite“ (1956) untersuchte Mills die Vereinigten Staaten der Nachkriegszeit und beschrieb die zunehmende Verflechtung der politischen, wirtschaftlichen und militärischen Führungsschichten. Seine Machtelite war keine geheime Verschwörung, sondern ein strukturelles Netzwerk von Personen und Institutionen, die über außergewöhnliche Ressourcen — natürlich vor allem finanzieller, die zum Aufbau solcher institutionellen Strukturen unabdingbar sind — und Entscheidungsmöglichkeiten verfügten.

Für unsere heutige Zeit ist Mills vor allem deshalb interessant, weil seine Analyse einen historischen Vergleich ermöglicht. Die Machteliten seiner Zeit verfügten über gewaltige politische, wirtschaftliche und militärische Ressourcen — aber ihre Fähigkeit, die Gesellschaft zu beobachten und zu beeinflussen, war technisch noch sehr begrenzt. Ein Staat des 19. Jahrhunderts konnte seine Bevölkerung zählen, Steuern erheben, Pässe kontrollieren, Zeitungen überwachen und Polizeiberichte anfertigen. Er wusste jedoch nicht, was seine Bürger zu einem bestimmten Zeitpunkt dachten, mit wem sie kommunizierten, welche Orte sie aufsuchten, welche Produkte sie kauften oder welche politischen Inhalte sie unmittelbar zuvor konsumiert hatten. Selbst die mächtigsten Regierungen waren in dieser Hinsicht fast „blind“.

An diesem Punkt setzt die bemerkenswerte Analyse des amerikanischen Anthropologen James C. Scott an. In „Seeing like a State“ (1998) beschreibt er, wie moderne Staaten ihre Gesellschaften zunächst „lesbar“ machen mussten: durch standardisierte Namen, Kataster, Volkszählungen, einheitliche Maße, Register und andere Klassifikationssysteme. Ein Staat konnte eine komplexe Gesellschaft nur dann effektiv verwalten, wenn er sie in vereinfachte und standardisierte Kategorien übersetzte. Scott zeigt zugleich die Gefahr dieses Verfahrens: Was nicht in die administrativen Kategorien passt, verschwindet aus der Perspektive der zentralen Verwaltung. Hier werden natürlich Assoziationen an Michel Foucaults „Panoptische Gesellschaft“ wach. Die historische Bedeutung dieser Entwicklung kann kaum überschätzt werden. Der moderne Staat gewann Macht, indem er die Gesellschaft sichtbar („gläsern“) und berechenbar machte.

Die digitale Revolution hat dieses Prinzip in qualitativer Hinsicht ganz wesentlich verändert. Heute wird nicht mehr nur registriert, was ein Mensch besitzt oder wo er wohnt. Smartphones, Suchmaschinen, soziale Netzwerke, Überwachungskameras, elektronische Zahlungssysteme, Kundenkarten, biometrische Identifikation und digitale Kommunikationsplattformen erzeugen permanent neue Daten. Algorithmen können diese Informationen miteinander verknüpfen, Muster erkennen und Wahrscheinlichkeiten berechnen. Künstliche Intelligenz erweitert diese Fähigkeit noch einmal ganz erheblich. Damit entsteht eine Form von „Lesbarkeit“, von der frühere Staaten und Machteliten, egal ob staatlich oder privat, nur träumen konnten. Der digitale Bürger kann nicht nur statistisch erfasst, sondern in immer mehr Dimensionen seines Verhaltens regelrecht modelliert, genudged und manipuliert werden.

Die amerikanische Wirtschaftswissenschaftlerin Shoshana Zuboff brachte diesbezüglich den Begriff des „Überwachungskapitalismus“ ins Spiel. Sie beschreibt ein ökonomisches System, in dem menschliches Verhalten in großem Maßstab als Datenquelle behandelt wird. Die daraus gewonnenen Informationen dienen nicht nur der Beschreibung der Vergangenheit, sondern zunehmend der Vorhersage und Beeinflussung zukünftigen Verhaltens. Zuboff sieht darin eine neue politische Ökonomie der Information, in der große Technologieunternehmen über enorme Macht über digitale Kommunikations- und Informationsräume verfügen. Überwachungskapitalismus und Technokratie sind deshalb nicht identisch. Das eine bezeichnet primär eine Form wirtschaftlicher Macht, das andere eine Vorstellung von Regierung und gesellschaftlicher Organisation. Beide können sich jedoch miteinander verbinden: Wenn private Unternehmen riesige Mengen gesellschaftlicher Daten kontrollieren und staatliche Institutionen zugleich auf diese Daten und Technologien zurückgreifen können, entsteht eine Machtkonstellation, die historisch neuartig ist: Ein korpokratisch-korporatistischer Riesenkraken, oder mit anderen Worten: Eine Plutokratie, die über eine historisch neuartige Dimension an Möglichkeiten des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Ingenieurswesens verfügt.

Besonders deutlich zeigt sich dies beim Geld. Frühere Herrscher konnten Münzen prägen, Steuern erheben und Banktransaktionen überwachen. Doch eine vollständige, nahezu in Echtzeit verfügbare Übersicht über die finanziellen Aktivitäten einer Gesellschaft war technisch unmöglich. Digitale Zahlungssysteme verändern diese Situation natürlich grundlegend: Elektronische Transaktionen hinterlassen immer und unvermeidbar Datenspuren, die automatisiert verarbeitet werden können.

Das bedeutet nicht, dass digitale Zentralbankwährungen zwangsläufig Überwachungsinstrumente sein müssen. Ihre konkrete Architektur ist eine politische Entscheidung. Datenschutzfreundliche Systeme sind technisch möglich; ebenso sind allerdings Systeme denkbar, die eine weitreichende Nachverfolgbarkeit oder sogar bestimmte Formen programmierbarer Zahlungen ermöglichen. Gerade deshalb ist die Frage nach der institutionellen Kontrolle solcher Systeme von so großer Bedeutung.

Damit schließt sich ein historischer Kreis. Die Technokraten des frühen 20. Jahrhunderts träumten davon, die Gesellschaft anhand objektiver Größen wie Produktion, Energieverbrauch und statistischer Kennziffern rational zu steuern. Was damals an den begrenzten Möglichkeiten der Datenerfassung und Datenverarbeitung scheiterte, ist heute technisch in wesentlich größerem Umfang möglich. Der Unterschied lässt sich am Beispiel des chilenischen „Cybersyn“-Projekts besonders anschaulich erkennen. Anfang der 1970er Jahre versuchte der Kybernetiker Stafford Beer, mithilfe eines Computernetzwerks wirtschaftliche Prozesse in Chile nahezu in Echtzeit zu überwachen und zu koordinieren. Für seine Zeit war dies technologisch außerordentlich ambitioniert. Doch die Datenmengen, Übertragungswege und Rechenkapazitäten waren begrenzt. Heute sind solche Beschränkungen schon fast vollständig verschwunden.

Die eigentliche historische Zäsur liegt deshalb nicht darin, dass moderne Regierungen oder Unternehmen plötzlich technokratisch „denken“. Technokratisches Denken existiert seit Jahrhunderten. Neu ist vielmehr die technische Infrastruktur, die ihm zur Verfügung steht. Noch nie konnten Machtzentren menschliches Verhalten in einer solchen Dichte erfassen, Informationen aus so unterschiedlichen Lebensbereichen miteinander verbinden und daraus automatisiert Handlungsempfehlungen ableiten. Noch nie konnten Kommunikation und Meinungsbildung in globalem Maßstab durch digitale Plattformen beeinflusst werden. Und noch nie war es technisch denkbar, große Teile der wirtschaftlichen Transaktionen einer Gesellschaft über digitale Systeme nahezu vollständig nachvollziehbar zu machen.

Genau das ist es, was den gegenwärtigen Moment zu einem möglichen historischen Scheideweg macht.

Dabei wäre es falsch, daraus die Existenz einer einheitlichen „globalen Technokratenelite“ mit einem geheimen Gesamtplan abzuleiten. Die empirische Forschung gibt eine solche pauschale Schlussfolgerung nicht her. Eijkings historische Untersuchung zeigt vielmehr unterschiedliche Expertennetzwerke und institutionelle Interessen; Steffek beschreibt Technokratie ausdrücklich als eine lose, über unterschiedliche politische Systeme hinweg bestehende Tradition. Die wesentlich interessantere Frage lautet daher: Was geschieht mit einer demokratischen Gesellschaft, wenn immer größere Teile ihrer Wirklichkeit technisch messbar, digital speicherbar und algorithmisch auswertbar werden? Denn Macht verändert sich, wenn Wissen sich verändert. Die Machteliten, die Mills in den 1950er Jahren untersucht hatte, verfügten über sehr große Ressourcen, hatten aber nur begrenztes Wissen über die Gesellschaft. Die Machtzentren des digitalen Zeitalters können dagegen auf Daten zugreifen, die Verhalten nicht nur nachträglich dokumentieren, sondern zunehmend vorhersagbar machen.

Damit verschiebt sich das Verhältnis von Herrschaft und Wissen. Der klassische Staat musste seine Bürger beobachten, um sie zu verwalten. Der digitale Staat kann potenziell Systeme errichten, in denen Beobachtung, Klassifikation, Prognose und Intervention zu einem kontinuierlichen Prozess verschmelzen. Anders ausgedrückt: Die „Asymmetrische Informationsverteilung“ zwischen Herrschern und Beherrschten, zwischen Regierung und regiertem Volk, die es schon immer gab, droht sich in der „Digitalen Ära“ zugunsten herrschender Eliten zu verschieben — und zwar stark.

Die entscheidende Frage des 21. Jahrhunderts lautet deshalb nicht, ob Technologie „gut“ oder „böse“ ist. Sie lautet: Wer die technische Infrastruktur kontrolliert, wer über ihre Regeln entscheidet und welche Bereiche menschlicher Freiheit prinzipiell außerhalb ihrer Reichweite bleiben sollten. Die Geschichte des technokratischen Denkens demonstriert, dass der Traum von der rationalen, wissenschaftlich gesteuerten Gesellschaft keineswegs neu ist. Neu ist seine technische Reichweite. Saint-Simon besaß keine Computer, Veblen kein Internet, Howard Scott keine künstliche Intelligenz und die Machtelite von Mills keine Möglichkeit, das Verhalten von Millionen Menschen in Echtzeit algorithmisch zu analysieren.

In unserer Gegenwart ist all dies möglich.

Ob daraus eine effizientere und sachkundigere Demokratie oder eine neue Form technokratischer Herrschaft entsteht, eine Art technisch hochgerüsteter, plutokratischer „Neofeudalismus“, ist deshalb keineswegs technisch vorentschieden. Es ist eine Frage politischer Institutionen, rechtlicher Grenzen und letztlich der demokratischen Kontrolle über die Technologien selbst. Gerade darin liegt die historische Bedeutung des gegenwärtigen Umbruchs: Zum ersten Mal in der Geschichte besitzt die Menschheit technische Mittel, mit denen der alte technokratische Traum einer weitgehend berechenbaren Gesellschaft nicht mehr nur als Utopie erscheinen muss. Die entscheidende Frage ist nun, ob diese Fähigkeit zur Berechnung dem Menschen dienen wird — oder ob der Mensch selbst zum berechenbaren Objekt eines Systems wird, das in ihm nur kalkulierbare „Faktoren“ in einer großen Maschine sieht.

Bis nächste Woche.


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