Ukraine: Kushner und Witkoff verhandeln in Kiew über Friedensordnung
Wiederaufbau, Investoren und Machtfragen
Friedensvermittlung, Investitionsinteressen und die Frage nach technokratischer Kontrolle
Wie “Focusplus” am 6.9. vermeldete, reisten Donald Trumps Schwiegersohn Jared Kushner und Steve Witkoff erstmals nach Kiew. Nach Gesprächen mit Wladimir Putin in Moskau sollen die beiden mit der ukrainischen Führung über ein Ende des Krieges verhandeln. Das ist zumindest der öffentlich erklärte Anlass ihrer Mission. Nach Angaben des Weißen Hauses wurden in Moskau nächste Schritte erörtert; Einzelheiten sollen erst in den kommenden Wochen bekannt werden.
Kushner und Witkoff bringen Erfahrungen mit, die weit über die klassische politische Diplomatie hinausreichen: Immobilienentwicklung, Kapitalvermittlung und den Zugang zu vermögenden Investoren. Im Gazastreifen haben beide bereits vorgeführt, wie eng sich Verhandlungen über eine Nachkriegsordnung mit Entwürfen für deren wirtschaftliche Verwertung verbinden lassen. Wer verstehen will, welche Rolle sie in der Ukraine spielen könnten, sollte deshalb auch danach fragen, welche Vorstellung von Wiederaufbau sie vertreten.
Technokratie-Spezi Patrick Wood beschreibt Kushners Vorgehen in seinem Artikel über den Wirtschaftskorridor Indien–Naher Osten–Europa, kurz IMEC, als eine Politik wirtschaftlicher Verflechtung. Die Abraham-Abkommen erscheinen bei ihm als diplomatische Vorbereitung einer Ordnung, in der Handelswege, Energieversorgung und Dateninfrastruktur zusammengeführt werden. Jared Kushner steht in Woods Deutung der Verhandlungen an der Schnittstelle zwischen politischer Vermittlung und den Kapitalgebern dieser Entwicklung. Seine Investmentgesellschaft “Affinity Partners” erhielt zwei Milliarden Dollar vom saudischen Staatsfonds und später weiteres Kapital aus der Golfregion. Daraus ergibt sich in Woods Betrachtung ein sehr interessantes Spannungsfeld zwischen privaten Geschäftsbeziehungen und politischem Einfluss.
In Gaza wird die gemeinsame Handschrift der beiden Männer besonders greifbar. Über den von Kushner und Witkoff mitentwickelten Entwurf „Project Sunrise“ wurde Ende 2025 berichtet: Mindestens sechs “Smart Cities”, Luxusresorts, moderne Verkehrsverbindungen und KI-gestützte Energiesysteme sollten Teil einer umfassenden Neugestaltung werden, wobei zahlreiche Investoren und mögliche Geberstaaten angesprochen wurden. Entscheidend ist dabei der Status: Es handelte sich um einen veränderbaren Plan, dessen Umsetzung von politischen und sicherheitspolitischen Voraussetzungen abhing. Eine präsentierte Zukunftsvision ist natürlich noch keine errichtete Stadt.
Wood deutet solche Vorhaben in seinem Artikel „Gaza entwickelt sich zum ersten kontrollierten Experiment für Technokratie“ als Übergang von politischer Selbstbestimmung zu einer von außen entworfenen Expertenverwaltung. Sein Einwand betrifft vor allem die Machtverteilung: Wer den Wiederaufbau finanziert, die Infrastruktur gestaltet und die Zugangsbedingungen festlegt, könnte auch den Alltag der Bewohner bestimmen. In Woods Deutung meint Technokratie eine Ordnung, in der zentrale gesellschaftliche Entscheidungen als technische Managementaufgaben behandelt und demokratischer Mitentscheidung entzogen werden. Diese Kritik verdient Beachtung, allerdings dürfen die von ihm beschriebenen Überwachungs- und Finanzierungsmechanismen noch nicht als verwirklicht gelten – es bleibt abzuwarten, ob sich Gaza tatsächlich zum “technokratischen Testfeld” entwickelt.
Der englische Journalist Iain Davis spitzt diese Perspektive im vierten Teil seiner Artikelreihe zur “praxianischen Kill-Chain” (alle vier Artikel sind auf meiner Webseite auf Deutsch verfügbar; aufgrund der extremen Länge der Artikel gibt es auch eine kompakte Zusammenfassung: “Das praxianische Netzwerkimperium: Iain Davis‘ vierteilige Artikelreihe in kompakter Form”). Er ordnet Kushners und Witkoffs Gaza-Pläne einer Entwicklung zu privatwirtschaftlich geprägten Stadt- und Verwaltungsräumen zu. Besonders problematisch erscheint ihm eine Finanzierung, bei der öffentliche Zuschüsse und Garantien Risiken abfedern, während private Investoren von Grundstücken und Infrastruktur profitieren. Seine weitergehende These eines zusammenhängenden Herrschaftsprojekts bleibt vorerst seine persönliche Deutung, die damit aufgeworfene Verteilungsfrage ist jedoch konkret: Wer trägt die Kosten, wer erhält Eigentumsrechte, und wer entscheidet über die Lebensbedingungen der Bevölkerung?
Bei Witkoff kommt eine besondere Verbindung hinzu: Er gehörte zu den Gründern des Kryptounternehmens “World Liberty Financial”, das den Dollar-Stablecoin USD1 anbietet. Zugleich sitzen Witkoff und Kushner in Führungsgremien des “Board of Peace” für Gaza. Als Überlegungen zu einer Digitalwährung für den Gazastreifen bekannt wurden, verlangten die US-Senatoren Merkley, Warren, Van Hollen und Sanders am 16. April 2026 von Außenminister Marco Rubio Auskunft über mögliche Interessenkonflikte, die Beteiligung beider Männer und über die Risiken eines in Gaza möglicherweise geplanten finanziellen Überwachungssystems.
Auch beim Iran erkennt Wood ein vergleichbares Muster. In seinem Artikel „Iran: Das Ziel war stets die Wiedereingliederung, nicht die Eindämmung“ stellt er Kushner und Witkoff als Vermittler einer wirtschaftlichen Öffnung dar: Militärischem Druck folgten Investitionsangebote, die das Land in internationale Kapital- und Infrastrukturnetze einbinden sollen. Tatsächlich wurde im Juni über ein Rahmenpapier mit einem vorgesehenen Wiederaufbauvolumen von mindestens 300 Milliarden Dollar berichtet. Welche Investoren verbindlich zahlen würden, war dabei öffentlich nicht einsehbar. Woods Schlussfolgerung, die wirtschaftliche Eingliederung sei von Anfang an das eigentliche Ziel gewesen, lässt sich aus einer solchen Finanzierungsabsicht allein nicht beweisen. Sie zeigt aber, warum die Auswahl zweier Immobilienunternehmer als Unterhändler in politischer Hinsicht politisch aufschlussreich ist.
Die Journalistin Stavroula Pabst lieferte in diesem Kontext bereits vor einigen Jahren den unmittelbaren Ukraine-Bezug: In ihrem bereits im Mai 2023 veröffentlichten Artikel „Die Zukunft der Ukraine liegt im Großen Reset“ untersucht sie die Verwaltungsapp Diia, damalige Pläne für eine digitale Zentralbankwährung sowie Kooperationen mit BlackRock, Microsoft und anderen Konzernen. Sie sieht darin eine Verschiebung staatlicher Aufgaben und gesellschaftlicher Gestaltungsmacht zu öffentlich-privaten Strukturen – denjenigen “Global Public-Private Partnerships” (G3P oder auch GPPP), die zum festen Programm der “Großen Transformation” gehören, von der das Weltwirtschaftsforum seit Längerem spricht. Ihre Warnung: Kriegsbedingte Abhängigkeit könne die Durchsetzung solcher Veränderungen beschleunigen. Für die heutige Entwicklung bedeutet das als Schlussfolgerung: Kushner und Witkoff träfen auf ein Land, dessen digitale und wirtschaftliche Neuordnung schon lange diskutiert wird. Sie müssten eine entsprechende Entwicklung also nicht erst erfinden, sondern könnten an bestehende Strukturen anknüpfen.
Für die Ukraine existiert also bereits ein institutioneller Anknüpfungspunkt. Die amerikanische Entwicklungsfinanzierungsinstitution DFC beschreibt den gemeinsamen Wiederaufbaufonds ausdrücklich als Verbindung von Wiederaufbau, Investitionen und geopolitischen Interessen. Im Mittelpunkt stehen Energie, kritische Rohstoffe und Infrastruktur. Amerikanische Unternehmen sollen Zugang zu Investitions- und Abnahmemöglichkeiten erhalten. Das ist eine offiziell erklärte wirtschaftsstrategische Zielsetzung. Daraus ergibt sich jedoch weder eine persönliche Verfügungsmacht Kushners oder Witkoffs über den Fonds noch der Nachweis, dass ihre Kiew-Reise einer einfachen Übertragung des Gaza-Modells dient.
Eine genauere Hypothese müsste deshalb lauten: Kushner und Witkoff könnten bei einer Friedensregelung als Vermittler eines Gesamtpakets auftreten, das Sicherheitszusagen, wirtschaftliche Öffnung und Investitionsbedingungen miteinander verbindet. Ihre bisherigen Tätigkeiten machen diese Möglichkeit plausibel. Ob daraus technokratische Fremdbestimmung entsteht, entscheidet sich an konkreten Regeln: an parlamentarischer Kontrolle, Eigentumsverhältnissen, der Beteiligung ukrainischer Gemeinden und der Frage, wer über Daten und lebenswichtige Infrastruktur verfügt.
Die Ukraine besitzt eigene staatliche Institutionen und eine andere politische Ausgangslage als Gaza. Eine pauschale Gleichsetzung würde diese Unterschiede verwischen. Gerade deshalb sollte die Aufmerksamkeit jetzt den Vertragsbedingungen gelten. Ein Frieden muss Menschen ermöglichen, ihre Zukunft wieder selbst zu gestalten. Bei Kushners und Witkoffs Mission ist neben dem Ende der Kampfhandlungen zu prüfen, welche wirtschaftliche und politische Ordnung sie mitverhandeln – und welchen Einfluss die Menschen erhalten, die anschließend darin leben sollen.
Bis nächste Woche.
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